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NOI Techpark: Der Nabel der freien Software-Welt
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2019-11-25 2019-11-25 25 November 2019 - Domenico Nunziata
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Mit über 1000 Teilnehmern aus ganz Europa fand in Bozen die SFScon statt. Zwei Tage im Zeichen der Open Software und des NOI Hackathon SFScon Edition, beide unter dem Motto: „Freiheit“ – zu lernen, sich auszutauschen und Neues zu erschaffen.  

Ausführen, untersuchen, verbreiten, verbessern: Das sind die vier Stichworte, die freier Software anhaften. Software, die in so viele Hände wie nur möglich gelangen soll, um von Usern und Entwicklern Schritt für Schritt optimiert zu werden. Das Konzept wurde erstmals Anfang der 80er Jahre an mehreren Universitäten entwickelt und hat über die Jahrzehnte seine Wege in die ganze Welt gefunden.

Daher überrascht es nicht sonderlich, dass die von NOI Techpark und Een - Enterprise Europe Network organisierte SFScon – oder South Tyrol Free Software Conference – nun schon zum 19. Mal stattfand und wieder als voller Erfolg verzeichnet werden kann. Über 1000 Teilnehmer aus der ganzen Welt fanden sich am 15. und 16. November im Südtiroler Innovationsviertel ein, darunter Entwickler, Designer, Programmierer, IT-Experten, Unternehmen, Studierende und öffentliche Decision-Takers, um sich über die Zukunft freier Software auszutauschen und ihr Potenzial, Innovation zu schaffen und diese zu verbreiten, zu erörtern. 
In diesen zwei Tagen war NOI Techpark Austragungsort eines kulturellen Diskurses über die zahlreichen digitalen Technologien, die unsere Welt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prägen werden. Es wurde aber nicht nur diskutiert, es wurde auch aktiv gehandelt. Gleichzeitig zur Konferenz fand der NOI Hackathon SFScon Edition statt: ein digitaler Marathon, bei dem die Teilnehmer in 24 Stunden auf Open-Source-Syntax basierende Prototypen entwickeln sollten. Die Grundkonzepte und Projektbeschreibungen dieser Herausforderungen lieferten die Sponsoren selbst.

    Patrick Ohnewein, Experte für Digital von NOI Techpark und der Organisator beider Events ist begeistert: „NOI Techpark ist ein Hotspot für Unternehmer, Entwickler und Forscher. Das Ziel hier ist, Tech-Transfer, Wissensaustausch und interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern – und die SFScon vereint genau diese drei Tätigkeiten. Beim B2B Matchmaking Event und dem Job Speed Dating wurde Networking auf Hochtouren betrieben, Unternehmer konnten Partner für neue Projekte finden oder eben bei Speed-Vorstellungsgesprächen einen ersten Eindruck von potenziellen Mitarbeitern erhalten. Eine Reihe hochinteressanter Events fand an diesen Tagen statt – unter anderem unser NOI Hackathon, den wir gemeinsam mit der Stiftung Südtiroler Sparkasse organisiert haben. Das Feedback war entsprechend sehr positiv. Nicht umsonst wird die SFScon in der Szene jedes Jahr im Kalender rot eingekreist. Es werden neue Ideen entwickelt und man kann sich ein Bild davon machen, wie sich die Branche gerade entwickelt. Deshalb war das heute bei der Verabschiedung auch kein ‚Lebt wohl‘, sondern ein klares ‚Auf Wiedersehen im nächsten Jahr‘. Wir sind jetzt schon neugierig, von neuen Forschungs- und Entwicklungsprojekten zu hören und neue Wege der Free Software für die Zukunft zu erörtern.“ 

Reden im Zeichen der Privatsphäre

Die Reden der SFScon spiegelten die Worte von Ohnewein wider, waren sie doch in der Tat sehr vielfältig. Es ging um Ausbildung, Unternehmen und Industrie 4.0, Start-ups, Tourismus und Wirtschaft, Systeme und Modelle für Sozialkompetenz, aber auch kulturelle Veränderung, Ethik und Entwicklung. „Dieses Event ist einzigartig. Man lernt sich untereinander kennen, arbeitet zusammen und baut sich sein Netzwerk auf. Und ermöglichen tut das alles dieses eine Thema: freie Software“, schwärmt auch Matthias Kirschner, Präsident der FSFE, der Free Software Foundation Europe, der höchstpersönlich NOI Techpark als den idealen Austragungsort ausgemacht hat. 

Aber gehen wir ein wenig mehr ins Detail; was genau hat sich in diesen Tagen konkret abgespielt? Unisono erklärten die Speaker zwischen den Zeilen, wie wichtig es sei, ein Netzwerk aus Plattformen zu bilden, die zu hundert Prozent von freier Software unterstützt werden; nicht zuletzt deswegen, um die Privatsphäre der User zu schützen. Daher rückten besonders Online-Dienste in den Fokus, die Daten sammeln und analysieren, aber nicht gerade durch ihre Transparenz glänzen, aber heutzutage den Gros im Web ausmachen.

Free Software könnte daher eine Alternative zum aktuellen Modus Operandi darstellen. Zu erwähnen wären in diesem Sinne der Browser Tor, das soziale Netzwerk Mastodon, die Instant-Message-Plattform Signal oder der Password-Manager Bitwarden. Diese Meinung vertritt besonders Luigi Gubello, alias Evariste Galois, ein sogenannter weißer Hacker – also einer von den Guten – der 2017 im Online-Wahlsystem Rousseau einige Sicherheitslücken aufgedeckt und öffentlich gemacht hat: „Open-Source-Software kann Teil einer ganzheitlichen Lösung für die Vulnerability des Webs und dem Schutz der eigenen Privatsphäre sein. Sie ist transparent, daher hat der User die Möglichkeit, einzusehen, wie mit seinen Daten umgegangen wird.“ Besonderes Gewicht legt Gubello dabei auf die Ausweitung der Community, die nicht nur User und Grüppchen von Cybernauts umfassen, sondern auch Unternehmen einbeziehen soll. 
Viele Talks waren daher zwei Säulen der Südtiroler Wirtschaft gewidmet: dem Tourismus und der Industrie. Hier sollen Verbindungen mit Open Software geschaffen werden.

Alexios Zavras, Senior Open Source Compliance Engineer von Intel und einer der „Headliner“ der SFScon gehört zu den hartnäckigsten Verfechtern von freier Software. In seinem Talk hob er die Unverzichtbarkeit von Open Source hervor: „Die Vorteile von Free Software stehen außer Frage; alle großen Unternehmen verwenden sie und sollen sie verwenden.“ 

Südtirols Unternehmen setzen auf Open Source

Das Fundament dafür steht zumindest in Südtirol schon: 65% der Unternehmen verwenden intern Open Source zur Verwaltung ihrer Datenbanken. Auch im Bereich Internet of Things tut sich Einiges. Ein Best-Practice-Beispiel dafür lässt sich beim Tourismus ausmachen: Da setzt man seit geraumer Zeit auf Beacons, Bluetooth-Sensoren, die Usern Daten zusenden, um sie über ihren Aufenthaltsort zu informieren. 

„Wie wir schon während der SFScon erwähnt haben, haben wir in Zusammenarbeit mit diversen Forschungseinrichtungen ein digitales Konstrukt entworfen, um F&E-Projekte in Unternehmen zu entwickeln. Dabei haben sich uns vier wesentliche Punkte aufgetan, die befolgt werden sollten: Es braucht eine gemeinsame Vision; es müssen die Anforderungen des Marktes – in unserem Fall des Tourismus – verstanden werden; es müssen auch untereinander konkurrierende Unternehmen an einen Tisch gebracht werden, um den gegenseitigen Austausch von Daten über Open Standards zu optimieren; und es muss ein Kooperations-Prozess über digitale Infrastrukturen in Gang gebracht werden, wie es bei unserem Open Data Hub der Fall ist“, erklärt Patrick Ohnewein und führt weiter aus: „Um diese Zusammenarbeit voranzutreiben, haben wir klare Interaktions-Prozesse definiert, Operatives soweit es geht automatisiert und klare Regeln bezüglich der Zuordnung geistigen Eigentums bei den Standards, Inhalten und der Software festgelegt. Es ist alles offen: Open Standards, Open Content und Free Software. Dank dieser Vorgangsweise und Strategie konnte der Open Data Hub entstehen.“

Dozent und Schüler gewinnen SFS Award

Doch freie Software bedeutet mehr. Es bedeutet Freiheit im Austausch von Information und Wissen, ergo Bildung. Genau deshalb hat die Linux User Group aus Bozen den SFS Award zwei Personen überreicht, die sich besonders für die Verbreitung von Open Source im Bildungssystem eingesetzt haben: dem Dozenten Piergiorgio Cemin und dem Schüler Massimo Marinello. Beide erhielten den Preis vor allem wegen ihres Beitrags beim FUSS-Projekt (Free Upgrade in South Tyrol’s Schools, ein freies Betriebssystem, das in Südtirols Schulen implementiert wurde. 

Die Linux User Group begründete ihre Entscheidung so: „Beide haben sich für eine nachhaltige Digitalisierung der Schulen eingesetzt. Außerdem stehen sie für zwei Aspekte, die von fundamentaler Wichtigkeit für öffentliche Verwaltungen sind, die mit den Daten der Bürger arbeiten: digitale Souveränität und digitale Autonomie. Sie haben dafür gesorgt, dass diese Rechte in den Schulen garantiert werden und dass die von ihnen teilweise unentgeltlich geschriebene Software jedem zur Verfügung steht.“ 

Greenify gewinnt NOI Hackathon

Aber das waren nicht alle Preise, die an dem Wochenende überreicht wurden. Im Zuge des NOI Hackathon SFScon Edition konnte sich das Team Greenify gegen seine Konkurrenten durchsetzen und einen Preis der besonderen Art entgegennehmen. Die Truppe mit Timothy Sessa, Deborah Psenner, Citlalli Ayala und Marian Cioanca Radu kann sich damit einen Traum erfüllen: Das Quartett reist nach San Francisco, der Heimat des Silicon Valley, zur Verfügung gestellt von NOI Techpark, Open Data Hub und Stiftung Südtiroler Sparkasse.

Eine Expertenjury beriet sich über die Projekte der 18 Teilnehmer, die letztendlich aus Herausforderungen hervorgegangen sind, die die Firmen der Jurymitglieder den Teilnehmern gestellt hatten. Überzeugt hat Greenifiy diese Jury mit einer App, die nachhaltigen Tourismus vorantreiben soll und dabei eine Win-Win Situation für Hoteliers und Touristen geschaffen hat. Die Gastbetriebe können über einem Plug-in, das auf ihrer Webseite installiert ist, aufzeigen, welche nachhaltigen Dienstleistungen im Haus angeboten werden, wie z.B. Bike Sharing oder auch nur die Nähe zum nächsten Zugbahnhof. Touristen können so ihren Urlaub über die App nach Wunsch nachhaltig gestalten und im Gegenzug Gutscheine und Sonderangebote erhalten. 

Für eine grünere Zukunft

Überhaupt prägte das Thema Nachhaltigkeit diese Ausgabe des Hackathons: Team Alex – das sich den Preis zur Teilnahme bei der DEV-Konferenz von DAHO.AM eingesteckt hat – hat sich Augmented Reality und Gamification zunutze gemacht, um die Bürger zur Pflege ihrer Umgebung anzuregen; GreenSpeed hat mehrere Datenquellen „angezapft“ (API OpenSASA, API Opendatahub, API Open Street Maps) und eine App entwickelt, die Reisenden helfen soll, die nachhaltigste Transportmöglichkeit in ihrer Nähe zu finden; GreenGiuide hingegen hat einen Algorithmus geschrieben, der je nach Filtereinstellungen dem Touristen Routen vorgibt, um das Reiseziel geschichtlich oder kulturell bestens zu erkunden, wobei auch hier auf Green Mobility gesetzt wurde. 

Green ist nämlich auch einer der fünf Technologiefelder von NOI Techpark. Dort wird Forschung und Entwicklung zu den Themen erneuerbare Energien, Energieeffizienz und eben Nachhaltigkeit betrieben. Somit waren die SFScon und der NOI Hackathon nicht nur ein Aufruf an alle Talente, ihr Können unter Beweis zu stellen und ihr Interesse für freie Software zu stillen; die Veranstaltungen fungierten als Sprachrohr für unsere Umwelt, um die Welt für innovative und nachhaltige Technologien zu sensibilisieren. 

FACT SHEET

SFScon: Das erste Mal wurde die Konferenz 2001 von der Linux User Group Bozen organisiert. Ab 2005 hat der TIS Innovation Park die Veranstaltung übernommen und anschließend NOI Techpark. Dieses Jahr wurde das Event in Zusammenarbeit mit EEN-Enterprise Europe Network, dem europäischen Netzwerk zu Unterstützung von Unternehmen, abgehalten. Die Sponsoren waren: Red Hat, Gruppo FOS, Made in Cima, Top Control, Würth Phoenix, 1006.org, Davide Montesin Innovative Software, Endian, Orma Solutions, Peer, QBUS, R3GIS, SiMedia, Telmekom und Xpeppers (Claranet Group company). Mehr Infos auf https://www.sfscon.it

NOI Hackathon SFScon Edition ist ein 24-stündiger Digital-Marathon, bei dem die Teilnehmer in Teams aus Entwicklern, Designern, Datenexperten, Unternehmern und Tech-Fans neue Open Data- und Open Source-Projekte entwickeln. Damit soll die Innovationskultur im Zeichen von Open Data und Open Source gepflegt und vorangetrieben werden.  Der Code der Projekte wird nämlich veröffentlicht und der Allgemeinheit online zugänglich gemacht. Die Sponsoren des NOI Hackathon SFScon Edition dieses Jahr waren: ACS Data Systems, EcoSteer, Infominds, lvh.apa, Marketing factory, OberAlp, ONTOPIC, Open Data Hub Südtirol-Alto Adige, Systems und SiMedia. Der erste Preis – eine Reise nach San Francisco, der Heimat des Silicon Valley – würde zur Verfügung gestellt von NOI Techpark https://noi.bz.it/de, Open Data Hub Südtirol-Alto Adige und Stiftung Südtiroler Sparkasse.

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