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„Whatever it takes: Investieren wir in die Schule, wir stehen vor einer Jahrhundertchance“
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2020-07-28 2020-07-28 28 Juli 2020 - Erica Ferro
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Interview mit dem Pädagogen Luciano Mazzetti. „Fernunterricht ist nicht die Zukunft, soziale und menschliche Aspekte sind weiterhin wesentlich. Doch verteufeln wir die Technologie nicht, im Gegenteil.“

„Whatever it takes”: Mit diesen drei englischen Worten rettete Mario Draghi am 26. Juli 2012 in London den Euro im wohl dramatischsten Moment der Staatsschulden-Krise. Ein solches „Koste es, was es wolle“ wünscht sich Luciano Mazzetti auch für Italiens Schulen, die infolge von Covid-19 in einer nicht mehr enden wollenden Lähmung feststecken. „Mit solch einer Haltung würde man wirklich auf die Schule setzen“, unterstreicht der Pädagoge von internationalem Rang, fast fünf Jahrzehnte lang Universitätsprofessor für Psychologie und Pädagogik, zuerst an der „La Sapienza“, dann an „Roma Tre“, Präsident der Vereinigung Opera nazionale Montessori und des Internationalen Montessori-Zentrums von Perugia. „Eine kompromisslose Investition in Bildung ist der einzig gangbare Weg für dieses Land.“  Wichtig ist laut Mazzetti die Einsicht, dass der Trümmerhaufen, den das Coronavirus verursacht hat, Ausgangspunkt für die Chance sein kann, „einen Sprung in eine völlig andere Art des Unterrichts zu wagen“. Eine kulturelle Revolution, die bei Kindern ansetzt. Unter Berufung auf Maria Montessoris „Das Kind ist der Vater des Menschen“. Und genau auf ihre Pädagogik, die Bildung auf revolutionäre Art verändert hat, stützt sich der Betriebskindergarten des NOI Techpark, zu dessen Eröffnung im vergangenen Januar Mazzetti beigetragen hat.

Herr Professor, wie war es um den Gesundheitszustand der Pädagogik bestellt, bevor die Pandemie Italien einen beispiellosen und beunruhigenden Lockdown beschert hat, der unser Alltagsleben auf den Kopf stellte und auch viele pädagogische Fragen mit sich brachte?

"Ich würde gerne mit dem Titel eines Buchs antworten, das vor 20 Jahren veröffentlicht wurde: „La scuola alla deriva“ – die Schule schafft sich ab.  Bereits damals vertraten einige Autoren die Ansicht, dass die Schule ziemlich den Kräften von Winden und Strömungen fernab der europäischen Kultur ausgesetzt sei und drohe, in einer Subkultur zu versinken. Der Zustand an den Schulen war schlimm: inhaltlich und wissenschaftlich rückständig, methodisch veraltet und vor allem erdrückt vom Gewicht des Enzyklopädismus."

Was genau meinen Sie mit diesem Ausdruck?  

"Ich beziehe mich damit auf diesen Ansatz “von unseren Ursprüngen bis heute“, der von den Zeiten meines Großvaters bis hin zu jener meiner Tochter den Unterricht geprägt hat. Eine Herangehensweise, die sogar der erste Präsident der Republik Luigi Einaudi in einem Artikel kritisiert hat, in dem er forderte, dass die Schule sich dafür entscheiden solle, weniger und das dafür besser zu machen. Also das zu vertiefen, was sie in der Breite verlieren solle, wobei er sich vor allem mehr Pflege der Sprache und des Sprechens wünschte. Vor diesem Hintergrund suchen Menschen innerhalb des Schulsystems bis heute nach Lösungen: ob Steiner, ob Montessori, ob alternative Akteure, Ideen und Methoden, die auf irgendeine Weise dem Gewicht der Fächer und der Unmenge an Begriffen entgegengestellt werden."

Doch dann kam das Coronavirus. Schulen aller Stufen und Couleur mussten schließen, Schülerinnern und Schüler, Lehrpersonen und Eltern waren mit Home Schooling konfrontiert. Ist es Ihrer Meinung nach legitim zu glauben, dass sich diese neue Lehrmethode letztendlich durchsetzen wird?

"Ich denke, dass der Fernunterricht eine Nische besetzen kann, aber ich weigere mich, mir vorzustellen, dass er den ganzen Raum einnehmen könnte. Auch weil damit ganz wichtige Bestandteile des Schulalltags verloren gehen würden: der Tritt des Schulkollegen unter der Bank, ein ermutigendes über den Kopf Streichen eines Erwachsenen, der Schulterschlag, den der Ältere dem Jüngeren verpasst. Wir brauchen solche Berührungen, Blicke und Begegnungen mit anderen. Deshalb denke ich, dass ein Stark einbeziehender Fernunterricht in bestimmten Situationen funktionieren kann, doch er sollte wirklich nicht zur Zukunft der italienischen Schule hochstilisiert werden."

Was könnte den Wirbelsturm stoppen, der beim Schulstart im September loszubrechen droht?

"Mario Draghis „Whatever it takes” ernst zu nehmen. Das System Schule sollte diese Gelegenheit nutzen und sie als Chance leben, längst verrostete Bestandteile über Bord zu werfen. Sei es nur, um die verlorene Zeit unserer Kinder aufzuholen, die nach sechs Monaten wieder in die Klassenzimmer zurückkehren. Das schaffen wir nicht mit einigen Mehrstunden oder mit Samstagsschule, hier braucht es wirklich den Sprung in eine gänzlich neue Art des Unterrichts."

Wie?

"Indem man zwei Leitlinien befolgt, die ich als grundlegend erachte: einerseits eine größere Menschlichkeit, also das Verständnis, dass man mit Menschen arbeitet, die zart und zerbrechlich sind, und nicht mit irgendeiner Ware, einem Tauschgegenstand oder Roboter. Andererseits geht es darum, die Inhalte zu überarbeiten, und auszuwählen, was heute noch legitim und wichtig ist. In anderen Worten: zu entscheiden, was zu streichen ist."

Wie also soll die Schule der Zukunft in Ihren Augen aussehen?

"Wenn wir es schaffen, die große Chance zu nutzen, die uns das Virus auf dramatische Weise eröffnet, können die Karten wirklich neu gemischt werden. Doch wenn nicht einmal solch ein Virus, wenn nicht einmal die Furcht vor einer Wirtschaftskrise, die Italien einen Todesstoß versetzen könnte, zu einem Umdenken in Sachen Schule führen, verpassen wir eine historische Chance. Draghis Losung zu übernehmen, würde dagegen bedeuten, in die Schule zu investieren, koste es, was es wolle. Auf Bildung zu setzen, ist der einzig gangbare Weg für dieses Land."

Immer wieder hört man, dass Kinder und Jugendliche während und nach dem Lockdown vergessen wurden. Sehen Sie das auch so, dass junge Menschen in gewisser Weise der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen wurden?

"Absolut, vor allem die Unter-Sechs-Jährigen. Ich bin der Meinung, dass dieser Prozess jedoch schon seit einer geraumen Zeit in Gang ist, und dass es Zeit wäre, Kinder endlich wieder in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft zu rücken. Es gibt unzählige Organisationen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, von der Unicef bis zu telefonischen Beratungsstellen wie „Telefono azzuro“, doch ich glaube, dass Kinder noch nie so wenig berücksichtigt wurden wie heute."

Familie und Schule, zwei der wichtigsten Säulen der Erziehung, werden ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht?

"So ist es. Ich würde sagen, die erste hat noch schneller abgedankt als die zweite. Doch auch die folgte schließlich, nachdem sie die doppelte Last der Erziehung und der Bildung zu tragen hatte. Früher unterschieden sich diese Aufgaben paradoxerweise und ergänzten sich, weil einer erzog, indem er unterrichtete, und der andere unterrichtete, indem er erzog, was die Dialektik zwischen beiden Tätigkeiten wiederherstellte. Heute ist all das zerstört und die beiden Institutionen haben an Einfluss verloren."

Wie kann er wiedergewonnen werden?

"Man ging immer davon aus, dass alles von der Universität ausgehen muss. Doch diese Perspektive sollte völlig umgekehrt werden. Ins Zentrum aller Überlegungen, nicht nur zu Schule und Erziehung, muss das Kind gestellt werden. Und damit eine Schule, die sich an zwei Achsen orientiert: der Erziehung zum Menschen, also das Vermitteln von Autonomie, Mut, Unabhängigkeit, Respekt auf der einen Seite und die Entstaubung bestimmter Inhalte auf der anderen. Wir brauchen eine Kultur, die vom Kind ausgeht, ganz im Sinn von Maria Montessori und ihrem „Das Kind ist der Vater des Menschen.” Wenn wir nur ein Kind vor uns sehen, beschränken wir uns auf eine engstirnige und beschränkte Pädagogik. Wenn wir im Kind den Menschen von morgen sehen, und daran denken, seinem künftigen Leben, und damit auch dem Land und der Idee eines Staates zu dienen, dann erkennt man den konkreten Wert von Erziehung."

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