6 min read
Wachs aus Abfallstoffen von Äpfeln und andere Geschichten der Bioökonomie
Teilen
WhatsappWhatsapp
2019-07-15 2019-07-15 15 Juli 2019 - Chiara Currò Dossi
6 min read
Bild

Ein Kreislauf, bei dem „Abfälle“ wiederverwertet werden und den Grundstoff für Neues bilden. Das „Nachhaltigkeits-Business“ ist in Italien ein 328 Milliarden Euro Markt. NOI Techpark mischt als Projekt-Partner mit

Aus ökologischer Nachhaltigkeit ein „Business“ machen. Genau das scheint der Schlüssel, um in den nächsten Jahrzehnten die Wirtschaft voranzutreiben. Tatsächlich hat dieses Business sogar schon einen Namen: Bioökonomie. Dabei handelt es sich um eine Kreislaufwirtschaft, in der einige Industriezweige aus den Produktionsabfällen anderer neue Produkte erzeugen. Nehmen wir als Beispiel Wachs, das aus Abfallprodukten von Äpfeln hergestellt wird; gleichzeitig wird das Fruchtfleisch des Apfels genutzt, um die Fermentation von Joghurt oder anderen Milchprodukten anzutreiben. Das Ziel ist es, weniger von natürlichen Ressourcen abzuhängen, eine nachhaltige, jedoch wettbewerbsfähige Produktion voranzutreiben und gleichzeitig neue Arbeitsplätze zu schaffen – ehrgeizig, aber machbar. Gleich zwei dieser Fliegen mit einer Klatsche zu schlagen stellt auch für Südtiroler Unternehmen ein immer attraktiver werdendes Szenario dar. Aber um einen sicheren Übergang zu einer effizienten Bioökonomie zu gewährleisten, bedarf es einer ganzheitlichen Herangehensweise. Ein Bericht zur Bioökonomie in Italien (Rapporto sulla bioeconomia in Italia – (BIT)) liefert den Beweis schwarz auf weiß: Technisches Knowhow allein reicht nicht. Es müssen Synergien zwischen den verschiedenen Wirtschaftszweigen und öffentlichen sowie privaten Stakeholdern geschaffen werden; und auch der Konsument muss sensibilisiert werden, denn er nimmt bezüglich Markttendenzen eine gewichtige Rolle ein: Im Spiel der Nachhaltigkeit gibt er die Regeln vor. Und die Unternehmen versuchen danach zu spielen.

Bioökonomie mit Äpfeln, Nussfrüchten und Kräutern

Auch in der italienischen und internationalen Politik schlägt man diese Richtung ein. Das EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 zum Beispiel setzt sich explizit mit Bioökonomie auseinander und stellt dafür Gelder zur Verfügung – neben jenen, die für die spezifischen Strategien der einzelnen Mitgliedstaaten ausbezahlt werden. Auch NOI Techpark stellt sich der Herausforderung der Bioökonomie: Als Projektpartner nimmt der Technologiepark am Projekt Interreg AlpBioEco teil. AlpBioEco, dessen Startschuss schon im April 2018 gefallen ist und welches noch bis 2021 andauert, profitiert von den 1,8 Millionen Euro an EU-Geldern, die im Rahmen des Alpenraumprogramms 2014-2020 ausbezahlt wurden – bei Gesamtkosten von 2,1 Millionen Euro. Alexandra Windegger aus der Food-Abteilung im NOI Techpark erklärt, was dahintersteckt: „Unser Ziel ist es, Businessmodelle für die Wertschöpfungskette von Äpfeln, Nussfrüchten und Kräutern zu entwickeln. Diese sollen innovative Ansätze für die entsprechenden Zielmärkte hervorbringen.“ In der Praxis bedeutet das, dass Markt- und Laboranalysen zur ganzen Produktionskette – also von der am Baum wachsenden Frucht bis zum Endprodukt – durchgeführt werden, um deren „bioökonomisches Potential“ zu erörtern.

NOI Techpark fällt dabei die Aufgabe zu, die Marktanalysen, die, so Windegger, Eurac Research und einem externen Experten anvertraut wurden, zu koordinieren. Außerdem wurden zwei Workshops mit den 13 Partnerunternehmen und einigen anderen an der Entwicklung interessierten Firmen organisiert. Dabei handelt es sich ausschließlich um Firmen aus der Lebensmittelindustrie, die in fünf verschiedenen Alpenregionen ansässig sind. Windegger denkt derweil einen Schritt weiter: „Der nächste Schritt werden Pilotstudien sein, um herauszufinden, ob die erstellten Modelle funktionieren und wie sie weiterentwickelt werden können.“ Interessante Daten gehen aus den Analysen der Produktionsketten des Apfelmarkts hervor: Die Sekundärrohstoffe werden zu Grundrohstoffen für die Herstellung von Wachsen verarbeitet, die in Zukunft Plastik und Bienenwachs als Material für Lebensmittelverpackungen ersetzen könnten. Vom Fruchtfleisch hingegen lassen sich Polyphenole extrahieren, die den Fermentationsprozess einiger Lebensmittel – besonders Joghurt und anderer Milchprodukte – fördern.  Außerdem können aus den sogenannten Abfällen wiederum verzehrbare Produkte hergestellt werden, wie zum Beispiel Shakes oder Snacks aus dem 3D-Drucker

Unternehmen haben klare Vorstellungen

Auch in Südtirol widmet man sich dem Thema Bioökonomie und erste konkrete Ansätze sind bereits zu erkennen. „Nachhaltigkeit ist nicht nur bezüglich der Umwelt, sondern auch auf sozialer Ebene ein Schlüsselelement“, erklärt Simon Jaist von der Firma Fructus. „Wir glauben, dass wir unseren Mitarbeitern und Zulieferern gewisse Standards garantieren müssen.“ Auch der Anspruch auf Nachhaltigkeit wird laut Jaist größer: „Der Konsument verlangt immer mehr Transparenz und Nachhaltigkeit. Und diese beiden Charakteristiken bringen für unsere Produkte einen Mehrwert.“ 

Unter den externen Partnern, die an den Workshops als Beobachter teilnehmen, findet sich Mirnagreen, ein 2015 als Start-up der Mach-Stiftung gegründetes Unternehmen, das sich Bioökonomie ganz groß auf die Fahne geschrieben hat. Schon seit den Anfängen ist das Unternehmen im NOI Techpark ansässig, um die eigene „Prä-Pilotanalage“ zu bauen. „Schon bald wird es sich um eine Pilotanlage handeln“, verspricht Roberto Viola, Gründer der Firma. „Angefangen hat alles mit der Beobachtung der Bioaktivität der Moleküle von microRNA. Der nächste Schritt war ein Extraktions- und Purifikationsprozess. Nun wollen wir die Produktion weiter voranbringen, was uns mit einer richtigen Industrieanlage möglich wird. Der Scale-Up-Prozess ist ein wesentlicher Schritt, um ein Produkt im Vergleich zum Angebot auf dem Markt wettbewerbsfähig zu machen.“ Im Fall von Mirnagreen handelt es sich dabei um den Bereich Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel. Dass das Unternehmen gerade Südtirol als Firmensitz gewählt hat, hat einen wohlüberlegten Grund: „Sobald unsere Anlage erst einmal fertiggestellt ist, werden wir einige Dutzend Tonnen an pflanzlicher Biomasse benötigen. Unsere Produkte werden aus der Verwertung von Sekundärrohstoffen der Lebensmittelindustrie hergestellt, insbesondere aus der Wein-, Spirituosen-, Bier- und Fruchtsaftproduktion. Und daran fehlt es hier absolut nicht. Somit vermeiden wir gleich zwei Problematiken: Unsere Grundstoffe sind nicht nur saisonal zu erhalten und wir umgehen mit der physischen Nähe die Tatsache, dass sie leicht verderblich sind.“

FACT SHEET

Ein stark wachsender Markt

Aber kommen wir zu den Hard-Facts. Nach dem fünften Bericht „La bioeconomia in Europa“ der Studien- und Forschungsabteilung der Intesa San Paolo waren im Jahr 2017 bis zu 328 Milliarden Euro in Italien in diesem Bereich im Umlauf. Das entspricht 10,1% der Gesamtproduktion; 7,7% der Arbeitnehmer, also über 2 Millionen Personen, sind in diesem Sektor tätig. Es ist ein wachsender Markt (+1,9% gegenüber 2016) – laut den Forschern auch dank „des positiven Beitrags der berücksichtigten Bereiche, insbesondere jene der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie.“ Jedoch geht dieses Wachstum nicht mit jener des Arbeitsmarkts einher (+0,2%), „bedingt durch die negativen Dynamiken, die besonders in der Landwirtschaft vorherrschen.“

Auf Platz 3 in Europa

Im Vergleich zu anderen Ländern der EU (gemessen an absoluten Zahlen, basierend auf dem Produktionswert in der Bioökonomie) reiht sich Italien auf dem dritten Platz ein; gleich davor Frankreich (357,7 Milliarden Euro) und Deutschland (402,8 Milliarden Euro). Knapp am Treppchen vorbei sind Spanien (2220,6 Milliarden Euro) und das Vereinigte Königreich (189,8 Milliarden Euro). Was die absoluten Zahlen bezüglich der Arbeitsplätze betrifft, reicht es mit 2 Millionen besetzten Arbeitsplätzen sogar für den zweiten Platz, noch vor Frankreich mit 1,7 und knapp hinter Deutschland mit 2,1. Interessant wird es, wenn man die relativen Zahlen betrachtet: Am meisten Gewicht hat die Bioökonomie in Spanien und Italien. Gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung der beiden Länder lässt sich Folgendes ableiten: 10,3% beziehungsweise 10,1% in Sachen Produktion fallen auf den Bereich, zudem stellt er 7,7% und 8% der Arbeitsplätze in den beiden Ländern.

Teilen
WhatsappWhatsapp