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Von Taipeh bis Krakau, aber mit dem Herzen in Südtirol: Dieses Projekt macht Städte rund um den Globus grüner
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2019-09-20 2019-09-20 20 September 2019 - Chiara Currò Dossi
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Unsere Städte müssen grüner werden, um Umweltverschmutzung und Hitze wirksam zu bekämpfen. Mit positiven Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen und, noch dazu, mit einem ökonomischen Nebeneffekt: Für jeden Euro, der in Parkanlagen und Bäume investiert wird, können sieben Euro im Gesundheitswesen eingespart werden.

Genau geplante, geschützte und gut verwaltete öffentliche Grünanlagen sind die einzige Chance, um Städte für den Klimawandel zu wappnen und die Gesundheit der Stadtbewohner langfristig positiv zu beeinflussen. Dafür muss das urbane Grün jedoch, wie jede andere Infrastruktur auch, gepflegt und intelligent verwaltet werden. Nicht zuletzt, um langfristig Kosten zu sparen. Und genau hier setzt Life Urbangreen an, ein Projekt, das vom Meraner Unternehmen R3 GIS koordiniert wird. Letzteres ist seit Februar dieses Jahres im NOI Techpark angesiedelt. „Einer der großen Vorteile dieser Struktur sind die vielen Vernetzungsmöglichkeiten“, sagt Paolo Viskanic, Projektleiter und CEO von R3 GIS. „Für jedes Anliegen, jede Frage lässt sich hier jemand finden, der bereit ist, darüber zu diskutieren und das Problem gemeinsam anzugehen.“

Seit Langem schon arbeiten R3 GIS und NOI Techpark zusammen. „R3 GIS ist ein gutes Beispiel dafür, wie Unternehmen sich der Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen öffnen können“, schwärmt Patrick Ohnewein, Experte für Digital Technologies im NOI Techpark. „Wir wollen, dass die Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, nach und nach zu direkten Partnern werden. Bei uns sollen sie die Möglichkeit haben, eigenständig Forschung und Entwicklung zu betreiben.“ Im aufstrebenden Innovationsviertel NOI Techpark können die lokalen Unternehmen zielgerichtete Dienstleistungen in Anspruch nehmen: insbesondere den Transfer von Know-how, den Zugriff auf ein umfangreiches Netzwerk von potenziellen Partnern sowie die Unterstützung bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten und der Suche nach finanziellen Mitteln. Ohnewein führt weiter aus: „Wir möchten dazu beitragen, dass Südtirol sein Ziel erreicht, die Investitionen in Forschung und Entwicklung auf 3% des BIPs zu steigern. Unter anderem zu diesem Zweck wurde NOI Techpark ins Leben gerufen.“ 

Ausgangspunkt für Life Urbangreen war das EU-Förderprogramm LIFE, welches das Umweltprojekt mit 1,3 Millionen Euro bezuschusst hat. Neben R3 GIS sind außerdem die Universität Mailand, das polnische Unternehmen ProGea4D sowie die Stadtverwaltungen von Rimini und Krakau (hier finden die Messungen statt) an Life Urbangreen beteiligt. Aber immer der Reihe nach: Initiiert wurde das Projekt von dem Südtiroler Unternehmen R3 GIS. „Seit 16 Jahren entwickeln wir benutzerfreundliche Web-Lösungen zur Verwaltung raumbezogener Daten“, so Paolo Viskanic. „Eines unserer Steckenpferde ist dabei die Verwaltung öffentlicher Grünflächen. In diesem Bereich arbeiten wir bereits mit 200 öffentlichen Verwaltungen im In- und Ausland zusammen.“ Viskanic ist Agronom und auf tropische und subtropische Landwirtschaft spezialisiert. „Die ersten ,Gis’-Tools, die geografische und georeferenzierte Daten verwenden, sind bereits während meiner Studienzeit in Florenz auf den Markt gekommen.“ Im Laufe der Jahre habe er dann die Idee entwickelt, neue Datentypen in die Software zu integrieren, um so eine innovative Lösung zu schaffen, mit der die Verwaltung von Grünflächen optimiert werden kann. Er sei seiner Zeit gewissermaßen ein Stück voraus gewesen, ergänzt Viskanic. Denn er habe bei der Entwicklung dieses Tools vor allem an den anstehenden Klimawandel und die damit verbundenen Herausforderungen gedacht. Steigende Temperaturen und Veränderungen bei den Niederschlägen, Umweltverschmutzung, gefährliche Regenstürme und Windböen: Gerade urbane Gebiete würden immer stärker unter den Folgen des Klimawandels leiden. Auch und vor allem, weil der Bevölkerungsanteil, der in Städten lebt, wächst (54 Prozent weltweit, 70 Prozent auf europäischer Ebene).

Aber welche Vorteile haben öffentliche Grünflächen im urbanen Kontext? „Damit lassen sich zum einen die Temperaturen senken“, antwortet Paolo Viskanic. „Vor allem dort, wo große Betonflächen tagsüber viel Wärme speichern und diese nachts wieder abgeben.“ Darüber hinaus seien Grünflächen wertvolle Verbündete im Kampf gegen Feinstaub und bei der Wasserregulierung.“ Letzterer Aspekt sei eng mit dem Phänomen des Wolkenbruchs verbunden. Dem aber nicht genug. In diesem Zusammenhang müssen auch die Auswirkungen auf die Gesundheit der Stadtbewohner genannt werden. „Grünflächen tragen zur Vorbeugung jener Krankheiten bei, die in direktem Zusammenhang mit der Luftverschmutzung stehen“, so der Experte. „Ähnliches gilt auch für Depressionen. Wussten Sie, dass in Asien gerade bei chronischen und psychischen Erkrankungen gerne therapeutische Waldaufenthalte verordnet werden?“

Doch wenn es um das Thema Gesundheit geht, so spricht man fast immer auch über die exorbitanten Kosten, die in diesem Bereich anfallen. Auch hier ist die Bilanz öffentlicher Grünflächen überaus positiv. Laut einer US-Studie werden für jeden Euro, der in öffentliches Grün investiert wird, sieben Euro im Gesundheitswesen gespart.

Um diese ökosystemischen Effekte optimal nutzen zu können, müssen öffentliche Grünflächen geschützt und gepflegt werden. Was wiederum mit hohen Kosten verbunden ist. Genau deshalb wurde im vergangenen Jahr Life Urbangreen aus der Taufe gehoben. „Wir wollen öffentlichen Verwaltungen ein nützliches Instrument für das Management von urbanen Grünflächen bieten.“ Das Projekt, das auf drei Jahre angelegt ist, wurde in zwei Phasen unterteilt: „Die erste bestand darin, in den Pilotstädten Ökosystemleistungen zu messen und die Funktionen der Software zu entwickeln, um diese Leistungen darzustellen“, erklärt Viskanic weiter. „Wir haben uns für Krakau in Polen und Rimini in Norditalien entschieden, da diese Städte sehr unterschiedliche klimatische Bedingungen aufweisen und die dort gesammelten Daten aus diesem Grund sehr vielseitig genutzt werden können. Schlussendlich wurde aber auch die Stadt Taipeh in Taiwan ins Projekt einbezogen.“ Die Zusammenarbeit sei zufällig im Rahmen einer internationalen Konferenz zustande gekommen. „Die zweite Phase baut hingegen auf den gesammelten Daten auf und sieht den Test der neuen Tools in verschiedenen Pilotgebieten vor“, so Paolo Viskanic.

Für die Erhebung der Daten werden sowohl gepflasterte Flächen mit Begrünung (beispielsweise Bäume am Straßenrand) als auch nicht versiegelte Flächen (zum Beispiel Parkanlagen) berücksichtigt. Anschließend werden für jeden überwachten Bereich die 10 häufigsten Baumarten identifiziert, um deren Beitrag zur Verbesserung des Stadtklimas zu ermitteln. Mit der LIDAR-Technik (LIDAR steht für Laser Imaging Detection and Ranging) wird daraufhin eine 3D-Darstellung der Baummasse außerhalb des Erdbereichs erstellt. „Dafür kommen neben Bodenstationen auch Drohnen und Flugzeuge zum Einsatz, die Millionen von Punkten erfassen“, weiß Viskanic. „Diese Technik wird bereits von Restauratoren angewendet. Mit ihrem Einsatz im Bereich der Grünflächen betreten wir allerdings Neuland.“ Bei den Messungen in Rimini ist dafür die Cartorender GmbH zuständig. Anschließend werden die Wetterdaten integriert, um den Wasserbedarf der verschiedenen Pflanzenarten festzuhalten (und vorauszuplanen). In diesem Bereich wird mit dem Unternehmen Cisma zusammengearbeitet. Beide Unternehmen haben ihren Sitz – ebenso wie R3 GIS – im NOI Techpark in Bozen. Anhand der gesammelten meteorologischen Daten, der LIDAR-Aufnahmen und der Messungen der Universität Mailand kann so der Umfang der Ökosystemleistungen jeder einzelnen Pflanze bestimmt werden. Die analysierten Parameter beziehen sich auf die Speicherung und die Assimilation von Kohlenstoff (ein Index dafür, wie viel Kohlendioxid aus der Luft absorbiert wird), auf die Fähigkeit der Blätter, Feinstaub einzusaugen, und auf die Wärmeregulierung.

Doch was konkret bietet das Projekt den öffentlichen Verwaltungen? „Eine Plattform, die wissenschaftliche Daten sofort zugänglich macht und alle Informationen enthält, die für die Verwaltung von Grünflächen und deren Planung erforderlich sind“, antwortet Paolo Viskanic. „Außerdem kann das zuständige Personal die diversen Maßnahmen und Eingriffe direkt auf der Plattform registrieren. Kurz gesagt: Unser Projekt bietet die Möglichkeit, alles bei der Hand zu haben, die Wartungsdaten über Jahre hinweg zu vergleichen und die Entwicklung des Wetter-Kosten-Verhältnisses zu analysieren.“ Viskanic verrät zudem, dass auch die Stadtbevölkerung durch ein eigenes Portal miteinbezogen werden soll. „In Echtzeit werden die Menschen Informationen über die Grünflächen sowie über die geleisteten Ökosystemdienste erhalten. Das soll unter anderem auch zu einem respektvolleren Umgang mit öffentlichen und privaten Parkanlagen führen. Der Begriff ‚Smart City‘ ist mittlerweile in aller Munde, aber die wenigsten wissen, was genau sich dahinter verbirgt.“

Ein erster Einblick in das Projekt Life Urbangreen wird zurzeit am NOI Techpark geboten: An der großen Platane, die beim Betreten des Areals zu sehen ist, wurde ein „Tree Talker“-Sensor installiert. Eine Erfindung von Professor Riccardo Valentini des Europa-Mittelmeer-Zentrums für Klimawandel (Centro Euro-Mediterraneo sui Cambiamenti Climatici CMCC). Der Tree Talker misst den Saftfluss in der Pflanze und viele weitere Parameter. „Wir gehen davon aus, dass es mit Hilfe dieser Information möglich sein wird, den Transpirationsgrad der Blätter festzustellen, von dem die Kühlung der Luft und die Kohlenstoffbindung abhängen“, sagt Paolo Viskanic. „Wir arbeiten mit Valentini zusammen, um diese Theorie zu bestätigen. Auch deshalb haben wir im Rahmen von Life Urbangreen bereits zwei Dutzend solcher Sensoren installiert.“ Noch eine Information am Rande: Riccardo Valentini hat 2007 den Friedensnobelpreis für seine Forschung zum Thema Klimawandel erhalten.

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