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Verzotto – Kopfsprung in die Zukunft: „Wir Start-upper sind agil und flexibel, für uns ist es einfacher, auf die Krise zu reagieren“
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2020-11-19 2020-05-22 22 Mai 2020 - Elmar Burchia
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Der Südtiroler Spitzensportler erfindet sich neu und startet mit einem neuen Geschäftszweig durch. Er will eine Million Mundschutzmasken pro Woche produzieren.

Wasserspringen macht allem Anschein nach erfinderisch. Der Athlet Maicol Verzotto aus Brixen gründete vor einigen Jahren zusammen mit seinem Freund, dem Pharmazeuten Nazareno Mario Ciccarello, das Unternehmen „Functional Gums“, das im NOI Techpark inkubiert ist. Ihre Produkte waren von Anfang an ein großen Erfolg. Verzotto (WM-Bronze im gemischten Synchronspringen mit Tania Cagnotto 2015 in Kasan und EM-Gold mit Elena Bertocchi 2017 in Kiev) machte 2012 seinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und Betriebsführung an der Freien Universität Bozen und brachte nur ein Jahr später den „Drive Gum“ auf den Markt: ein koffeinhaltiger Kaugummi, der Fahrer auf langen Strecken wachhalten soll. Die Idee dazu kam ihm auf einer Reise durch China. Jeder Kaugummi entspricht einer halben Tasse Kaffee. Ein weiteres innovatives Produkt seines Start-ups ist der „Nature Gum“, ein Kaugummi, der ausschließlich natürliche Zutaten enthält, biologisch abbaubar ist und in Südtirol produziert wird. Wir haben uns mit dem 31-jährigen Athleten und Unternehmer über seine vorübergehende Auszeit vom Wasser, über den Neuanfang und über die Gesundheitskrise unterhalten, die sein Start-up hart getroffen hat. Und ihn gefragt, wie er sein Unternehmen wieder auf Kurs gebracht hat

Maicol, wie lange warst du jetzt nicht mehr im Wasser? 

„Ich war genau vor einem Monat zum letzten Mal im Becken. Für meine Kollegen und mich war diese Zeit nicht immer einfach, das Wasser ist unser Leben.“

War die Ausgangssperre für dich als Sportler besonders hart? 

„Das kann man wohl sagen. Es ist in der Vergangenheit auch schon vorgekommen, dass ich mir aufgrund einer Verletzung eine Auszeit nehmen musste. Aber das, was wir in den letzten Wochen erlebt haben, ist etwas vollkommen anderes: Man ist gesund, darf aber nicht trainieren. Dabei kann eine längere Auszeit gerade in meinem Alter den Unterschied machen.“

Wie hast du dich in dieser Zeit fit gehalten?

„Wir haben gleich am Tag nach der Schließung des Hallenbads ‚Karl Dibiasi‘, in dem ich normalerweise trainiere, mit dem Training mit dem Nationalteam begonnen. Wir waren eine Gruppe von zehn Leuten, die sich von Montag bis Samstag jeden Nachmittag auf Zoom getroffen hat, um gemeinsam mit unserem Trainer zwei Stunden lang intensiv von zu Hause aus zu trainieren. Nun dürfen wir unser Training dank der Bemühungen der Provinz und der Gemeinde Bozen zum Glück wieder ins Hallenbad verlegen. Das hat uns angesichts des FINA Weltcups nächstes Frühjahr sehr gefreut, gilt dieser doch als Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokyo.“

Sprechen wir über dein Start-up „Functional Gums“. Wie laufen die Geschäfte?

„Vor Ausbruch der Krise lief es großartig, danach erlebten wir aber einen starken Einbruch, vor allem auf dem italienischen Markt. Im Ausland waren die Auswirkungen der Krise auf unser Produkt etwas weniger spürbar. Außerdem hatten wir geplant, einen neuen Kaugummi herauszubringen. Dieses Projekt mussten wir aber leider vorerst auf Eis legen.“

Das war für euer Start-up sicherlich ein schwerer Schlag.

„Diese Entscheidung fiel uns wirklich nicht einfach. Ein Start-up wie unseres braucht nämlich laufend neue Kunden, davon hängt ein Großteil unseres Umsatzes ab. Ich bin davon überzeugt, dass alle Unternehmen, die ein innovatives Produkt anbieten und sich in der Gründungs- und Entwicklungsphase und nicht in der Konsolidierungsphase befinden, die Auswirkungen dieser Krise hart zu spüren bekommen haben. Glücklicherweise haben wir in den vergangenen Jahren ausreichend Rücklagen geschaffen, um diese schwierige Zeit zu überstehen.“

Wie bist du an diese Herausforderung herangegangen?

„Als ersichtlich wurde, dass unsere Verkaufszahlen nachließen, haben wir uns sofort zusammengesetzt, um eine Strategie zu entwickeln. Wir hatten zwei Möglichkeiten: entweder abwarten, bis die Krise vorüber ist, oder einen neuen Weg einschlagen.“ 

Also habt ihr nicht lange gezögert? 

„Wir haben uns dazu entschieden, sofort zu handeln. Es ist nämlich so, dass wir mit unseren Produkten schon seit einigen Jahren in der Pharmabranche vertreten sind und den Markt daher gut kennen. Darüber hinaus kommen zwei meiner Geschäftspartner genau aus diesem Bereich: Unser derzeitiger Geschäftsführer Nazareno Mario Ciccarello verfügt über jahrelange Erfahrung in der Pharma- und Medizinproduktebranche. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, nicht untätig zu sein, sondern eine große Investition zu tätigen.“ 

In was habt ihr investiert?

„Wir haben eine Maschine zur Herstellung von Mundschutzmarken gekauft.“ 

Also seid ihr eine neue Herausforderung angegangen?

„Genau, und dadurch haben wir einen neuen Geschäftszweig für uns entdeckt. Unser neuer Geschäftsbereich, den wir dank der Unterstützung des NOI Techpark einrichten konnten, trägt den Namen „Functional Gums Medical Division“.

Wann werdet ihr eure neue Tätigkeit aufnehmen?

„Die Produktion wird im Juni anlaufen. Mit dieser Maschine sind wir in der Lage, mehr als eine Million chirurgische Masken pro Woche zu produzieren. Unser Angebot ist vorwiegend an B2B-Kunden wie die Autonome Provinz Bozen gerichtet, um deren Bedarf an Mundschutzmasken zu decken. Darüber hinaus planen wir, zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzustellen.“

Also hat sich durch die Krise für euch eine neue Chance aufgetan?

„Wir haben erkannt, dass wir handeln, die Zeit nutzen und investieren müssen. Das heißt, wir haben auch festgestellt, dass wir unser Geschäftsmodell überdenken müssen. Glücklicherweise sind Start-ups bekanntlich flexibel, können sich schnell an neue Situationen anpassen und schöpfen ihre Kompetenzen voll aus. Das war in dieser Situation von großem Vorteil.“ 

Bist du durch das Homeoffice nun auch über Nacht auf die digitale Unternehmensführung umgestiegen?

„Für mich war das Homeoffice keine große Umstellung. (Lacht) Da ich Wasserspringer bin, habe ich mein Start-up von Beginn an ‚aus der Ferne‘ geführt. Egal wo ich mich aufgrund von Wettkämpfen gerade aufhalte, ich habe immer mein Smartphone und meinen Laptop dabei, um in meiner freien Zeit zu arbeiten.“

Welche praktischen Tipps kannst du Geschäftsführern von Start-ups geben, die aufgrund der Krise in dieselben Schwierigkeiten geraten sind wie ihr?

„Wie ich bereits erwähnt habe, ist es in erster Linie wichtig, flexibel zu sein. Meiner Meinung nach werden in einer Krise wie dieser die Karten neu gemischt und nur widerstandsfähige Unternehmen, die sich neu erfinden und anpassen können, werden sie schadlos überstehen. In dieser Hinsicht haben Start-ups den großen Unternehmen gegenüber sicherlich einen Vorteil.“

 

In vielen Ländern Europas (Frankreich, Großbritannien, Deutschland) werden spezielle Maßnahmen gesetzt, um Innovationssysteme und Start-ups zu unterstützen. Auf Change.org wurde eine Petition für ein Hilfspaket für Start-ups (Startup Emergency Act) gestartet. Konkret geht es um Steuergutschriften zur Deckung der Fixkosten, Mehrwertsteuererstattungen, Vertragsverlängerungen und die Stundung von Krediten. Wirst du diese Petition unterzeichnen?

„Ich werde diese Initiative auf jeden Fall unterstützen.“

Wasserspringer bei Tag, Unternehmer bei Nacht. Bist du ein bisschen wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde?

(Lacht). „Meine Tage sind ziemlich stressig. Ich trainiere jeden Tag sechs Stunden und in den Pausen kümmere ich mich um mein Start-up. Glücklicherweise kann ich mich auf ein zuverlässiges und kompetentes Team verlassen, das unser Unternehmen am Laufen hält, auch wenn ich nicht immer da bin. Im Moment haben für mich nämlich die Olympischen Spiele oberste Priorität. Es wäre großartig, wenn ich ein zweites Mal daran teilnehmen und meine Karriere mit einem Höhepunkt beenden könnte.“ 

Es wird sich vieles verändern – manches zum Besseren und manches zum Schlechteren. Blickst du zuversichtlich in die Zukunft?

„Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß nicht, was auf uns zukommt. Ich befürchte leider, dass es mittelfristig einen Rückgang an Sozialhilfen und begrenztere Ressourcen geben wird; nicht nur für KMU, sondern auch für internationale Großkonzerne, in denen Themen wie Nachhaltigkeit und  Umweltschutz vorerst ins zweite Glied rücken werden.“

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