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Unternehmensnachfolge und Restart-up: Herausforderung Generationswechsel
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2019-09-27 2019-09-27 27 September 2019 - Rosalba Cataneo
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Die Forschungsergebnisse von Alfredo De Massis, Professor für Entrepreneurship & Family Business von unibz, zeigen die Schwierigkeiten bei der Unternehmensnachfolge in den Südtiroler Handwerksbetrieben auf.

Heutzutage wird viel über Start-ups gesprochen und gerne in solche investiert. Wer gegen den Strom schwimmen will, kann sein Geld aber auch ins „Restart-up“ eines bereits bestehenden Unternehmens stecken. Was kann man sich darunter vorstellen? Betriebe, vielfach solche, die vor einer Übergabe an die nächste Generation stehen, bieten Investoren die Chance, sich an deren Neustart oder an einer Neuausrichtung zu beteiligen. Die Unternehmensnachfolge ist ein ebenso aktuelles wie delikates Thema, das die Beteiligten nicht nur vor unternehmerische Herausforderungen stellt, sondern gleichermaßen emotional belastet. Die Gründergeneration hat nach wie vor Schwierigkeiten damit, das Geschäft anderen zu überlassen – selbst dann, wenn die Übergabe innerhalb der Familie stattfinden soll.

Über Betriebsnachfolge wurde dementsprechend in den vergangenen Jahren viel geschrieben und diskutiert. Auch an der Freien Universität Bozen wird dazu geforscht. Alfredo De Massis ist Professor für Entrepreneurship & Family Business sowie Leiter des Zentrums für Family Business Management der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, das im NOI Techpark angesiedelt ist. Gemeinsam mit seinem Forschungsteam und in Zusammenarbeit mit  der Südtiroler Vereinigung der Handwerker und Kleinunternehmer (CNA/SHV) und SHV Rentner hat De Massis das Projekt PASSA (Pensionati attivi e strumenti di successione delle imprese artigiane, zu Deutsch: Aktive Rentner und Möglichkeiten der Betriebsnachfolge im Handwerk) ins Leben gerufen. Erste Ergebnisse wurden kürzlich im Rahmen des Kongresses zum Thema „Die Betriebsnachfolge in handwerklichen Familienbetrieben zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ präsentiert. Bei PASSA handelt es sich um die italienweit erste Studie dieser Art, die den Generationswechsel an der Spitze von Handwerksbetrieben und die Rolle noch aktiver Rentner innerhalb der Unternehmen analysiert. „NOI Techpark bot den idealen Rahmen für unsere Forschungstätigkeit“, so De Massis. „Bei der Erhebung der Daten ist es immer wieder zu interessanten Gesprächen mit den Unternehmern gekommen. Dabei war es förderlich, dass diese Treffen in einem so innovationsfreudigen Umfeld stattgefunden haben. Und mehr noch, in einem Umfeld, in dem es einfach war, mit den Unternehmern in Kontakt zu treten, da hier eine offene Grundhaltung und der Wunsch zum Austausch gefördert werden.“

Das Projekt startete 2018 mit der Zusendung von 1250 Fragebögen an ebenso viele Handwerker oder Inhaber von Kleinst- und Kleinunternehmen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren und an deren potenzielle Nachfolger. Die ausgewählten Unternehmen (96 Prozent davon sind Familienbetriebe) haben ihren Sitz in Bozen, Meran, Leifers, im Burggrafenamt, Überetsch und Unterland, wo bisher die meisten Schwierigkeiten bei der Betriebsnachfolge festgestellt wurden. Europaweit überleben nur 12 Prozent aller Handwerksbetriebe die zweite, vier Prozent die dritte Generation. In vielen Fällen wird die Nachfolge überhaupt nicht thematisiert. 

In Südtirol werden 80 Prozent der Unternehmen von ihren Gründern geführt. In 14,3 Prozent der Betriebe steht die zweite, in 4,8 Prozent die dritte Generation an der Spitze. Im Schnitt bestehen die heimischen Handwerksunternehmen seit 32 Jahren. Die Studie liefert aber auch noch andere Zahlen. So wissen wir heute, dass 15 Prozent der befragten Handwerker auch nach dem Erreichen des Pensionsalters weiterarbeiten. Das Durchschnittsalter der Betriebsinhaber liegt demnach bei 59,5 Jahren, wobei nur 40 Prozent davon ausgehen, dass es in den nächsten zehn Jahren zu einer Nachfolge kommen wird. Dass Senioren nicht nur lange aktiv bleiben, sondern auch die Betriebsführung nur ungern abgeben, hat verschiedene Gründe. Die Befragten sprechen von der starken Bindung an das Unternehmen, von den Schwierigkeiten, sich ein Leben ohne Arbeit vorzustellen, aber auch von der Notwendigkeit weiterzuarbeiten, um den eigenen Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Ihnen stehen Nachfolger gegenüber, die durchaus bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und innovative Ideen einzubringen. Viele von ihnen haben auch große Erfahrung, weil sie schon früh in den Betrieb eingebunden wurden. „Die Betriebsnachfolge ist ein Thema, über das nur ungern gesprochen wird“, weiß De Massis. „Wir haben zudem festgestellt, dass dieser Akt oft nur formal stattfindet, die Gründergeneration aber weiterhin im Betrieb bleibt, während ihre Nachfolger, die als kompetent gelten, die Führung nie gänzlich übernehmen können.“

Nun hat das Forschungsteam gemeinsam mit der CNA/SHV erste Lösungsvorschläge ausgearbeitet. So etwa die Einladung an Verwalter und Institutionen im Land, aber auch außerhalb der Landesgrenzen, nicht nur auf Start-ups, sondern auch auf die Neugründung oder Neuorientierung bestehender Betriebe zu setzen, etwa durch die Einrichtung eines Portals für „auslaufende“ Unternehmen. „Es gibt viele junge Menschen, die ein Start-up gründen, dieses jedoch bald wieder schließen müssen. Und es gibt bereits etablierte Unternehmen, die genau diese Leute brauchen, um Innovation voranzutreiben“, sagt CNA/SHV-Präsident Claudio Corrarati. „Es ist richtig, neue Unternehmen aufmerksam zu verfolgen, jedoch ohne die bestehenden zu vernachlässigen. Wir brauchen Unterstützung und Garantien.“ Als weitere, wichtige Initiative  nannte Corrarati Coaching- und Mentoring-Maßnahmen für Führungskräfte ab 55 Jahren. Großes Lob für die Studie des Zentrums für Family Business Management kam auch von CNA-Generalsekretär Sergio Silvestrini. Er gab sich zuversichtlich, dass auf dieses erste nationale Projekt zum Thema Unternehmensnachfolge noch weitere folgen werden: „Die Südtiroler Zahlen stimmen mit jenen aus dem restlichen Italien überein. Es gibt bereits interessante Ideen für weitere Forschungsprojekte.“ 
 

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