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Schutzmasken, desinfizierende Schneekanonen oder eine “Fever Control App”: Wie sich Südtirol neu erfindet und auf die Krise reagiert
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2020-04-30 2020-04-30 30 April 2020 - Elmar Burchia
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Ob Salewa, wo die Produktion in Rekordtempo umgestellt wurde, oder die Brennerei Roner, die nun statt Grappa Desinfektionsmittel herstellt: Südtirol beweist mit viel Solidarität und dem flexiblen Aufgreifen neuer Marktchancen einmal mehr seine Rolle als Vorreiterregion.

Südtirol reagiert. Immer mehr Unternehmen erfinden sich in diesen schwierigen Zeiten neu und bieten Lösungen für den Kampf gegen Covid-19 an. Statt Anlagen und Produktionslinien angesichts des Shutdowns auf unbestimmte Zeit ganz oder teilweise herunterzufahren, werden sie umgestellt. Da wird von Markenbekleidung auf Masken umgesattelt, von Schnaps auf Desinfektionsmittel für Hände oder von Kunstschnee auf Straßendesinfektion. Wir haben einige der interessantesten Geschichten gesammelt, die zeigen, wie Südtiroler Unternehmen in diesen Wochen eine neue “Mission” finden, statt stehenzubleiben – und sich solidarisch zeigen sowie neue Geschäftsfelder eröffnen.

Beginnen wir bei den Masken, dem Symbol dieser Pandemie, die mittlerweile fixer Bestandteil unseres Alltags geworden sind. Wir werden lernen müssen, damit zu leben, zumindest bis ein Impfstoff gefunden ist. Allein Italien hat einen Bedarf von 90 Millionen Masken – und zwar monatlich! Und so wird die Liste von Unternehmen, die ihre Produktion an diese riesige Nachfrage anpassen, täglich länger. Mit dabei ist die Bozner Salewa, Teil einer Unternehmensgruppe im Outdoor-Segment. Auch sie hat beschlossen, ihre Produktion nicht stillzulegen, sondern in ihrer Niederlassung in Montebelluna (Treviso) eine neue Fertigungslinie mit Schutzmasken und -mänteln für medizinisches Personal anlaufen zu lassen.  „Um in möglichst kurzer Zeit auf den Bedarf des Südtiroler Sanitätsbetriebs zu reagieren, haben wir begonnen, Masken und wasserabweisende Schutzmäntel aus Restmaterialien unserer Produktion zu fertigen”, sagt Präsident Heiner Oberrauch. Konkret werden wöchentlich rund 50.000 Schutzmasken aus einer Baumwoll-Polyester-Mischung sowie 800 Schutzmäntel aus den Materialien Gore-Tex und PowerTex hergestellt.

Camici protettivi - Schutzanzüge | © Oberalp AG
Mascherine - Schutzmasken | © Oberalp AG

Ein weiteres großes Unternehmen aus Südtirol, das in dieser schwierigen Zeit einen Beitrag leisten will, ist der Beschneiungsspezialist Demaclenko, der zur Leitner-Gruppe gehört. Wie das? Am Unternehmenssitz in Sterzing wurde ein neues mobiles Desinfizierungssystem entwickelt, das wie eine Schneekanone funktioniert. Das heißt, eine Technologie, die sonst für perfekte Skipisten sorgt, wurde so umfunktioniert, dass sie die ersten Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen sicherer machen kann. Nach einer Reihe von positiven Tests in der Sterzinger Zentrale, bei denen auch die Feuerwehr mithalf, präsentierte Demaclenko das Projekt der Agentur für Bevölkerungsschutz und erhielt dafür grünes Licht. Mittlerweile ist die Desinfektion per Schneekanone schon in zahlreichen Gemeinden im Einsatz, von Wolkenstein und St. Christina in Gröden bis nach Brixen. Die Vorrichtung wird auf einen Lieferwagen montiert und besteht aus einer Schneekanone, die mit einer Pumpe sowie einem Wassertank verbunden ist. So kann mit optimalem Druck ein zu 100 Prozent biologisch abbaubares Desinfektionsmittel, in diesem Fall in Wasser gelöstes Wasserstoffperoxid, versprüht werden.

Doch auch ein Unternehmen aus dem Spirituosensektor bringt sich mit seinem Know-how und seinen Rohstoffen ein. Seit Anfang April werden in der Brennerei Roner in Tramin Handdesinfektionsmittel produziert, die dringend in Krankenhäusern, Gesundheitseinrichtungen, Altersheimen oder Arztpraxen benötigt werden. Empfänger und Auftraggeber dieses neuen Roner-Produkts ist der Südtiroler Sanitätsbetrieb. Den Impuls für die Zusammenarbeit gab das Versuchszentrum Laimburg, das die Produktion auch auf wissenschaftlich-technischer Ebene begleitet. Wo normalerweise Destillate und Grappas höchster Qualität produziert werden, werden also seit einigen Wochen Handdesinfektionsmittel abgefüllt. Die Rezeptur und der Herstellungsprozess folgen den Richtlinien der WHO. Das Produkt besteht zu 80% aus Ethylalkohol sowie einigen Zusatzstoffen; der gesamte Produktionsprozess dauert rund drei Tage. Zusätzlich bietet Roner in seinem Online-Shop auch hochprozentigen Alkohol mit 86 bzw. 96 Vol.-% an, der zur Reinigung sowie ebenfalls zur Desinfektion von Händen und Oberflächen eingesetzt werden kann.

Disingettante per mani - Handdesinfektionsmittel | © Roner AG

An vorderster Covid-19-Front findet sich auch der Familienbetrieb Niederstätter mit Sitz in Bozen und mehreren Niederlassungen in Norditalien. Dort reagiert man auf den akut steigenden Platzbedarf infolge der Pandemie, der auch die Nachfrage nach Containern in die Höhe schießen ließ. Niederstätter lieferte sie den Krankenhäusern in Bruneck, Innichen und Sterzing. Wofür? Um außerhalb der Krankenhäuser Triage-Bereiche einzurichten. Mittlerweile sind auch von anderen Krankenhäusern Anfragen gekommen. Denn in diese modularen Strukturen, die kompakt, preiswert, leicht und schnell aufzubauen sind, sind auch technische Geräte und Maschinen bei garantierter Wärme- und Schalldämmung sicher. „Wir handeln und denken vorausschauend und investieren immer in die neuesten Technologien”, sagt Manuel Niederstätter und unterstreicht: „Wir wollten ein modulares Produkt zur Verfügung stellen, das allen Beteiligten Hygiene und Komfort bietet.”

Container | © Niederstätter AG

Vorübergehend von Messen und Veranstaltungen verabschieden musste sich Mauro Faggionato vom Bozner Unternehmen Visualis, das sich auf Eventausstattung wie Pavillons, Zelte und Messestände spezialisiert hat. Dennoch macht der Unternehmer weiter. Allerdings hat er seine Fertigung angepasst und erweitert. Nun stellt er Einwegmasken und Produkte her, die bei der Eindämmung des Virus unterstützen. Zum Beispiel aufblasbare Zelte für die Triage, hochwertige Zelte für Notfälle und transparente Plexiglasabsperrungen für den Handel, Büros oder Banken. Derzeit tüftelt man in seinem Unternehmen außerdem an einem Prototyp für Sicherheitsabschirmungen in Bussen und Taxis.

Nicht fehlen dürfen auch die Genossenschaften. Seit das Restaurant Novum (60 Plätze) in der Bozner Schlachthofstraße seine Tore wegen Covid-19 schließen musste, haben seine Genossenschafter beschlossen, den Restaurantbetrieb umzustellen und die Bestellungen auf innovative Art aufzunehmen. Wie? Mittels Auslieferung. Über ein eigens dafür eingerichtetes Internetportal versorgen sie die Mann- und Frauschaft der nahe gelegenen Südtiroler Volksbank mit Mahlzeiten. „Unsere Speisekarte wird täglich auf der Webseite veröffentlicht, über die unsere Gäste dann auch direkt bestellen und mit Essengutscheinen bezahlen können”, erklärt der Leiter der Sozialgenossenschaft Tiziano Mazzurana. „Wir hoffen, dass wir viele Bestellungen erhalten werden, damit wir niemanden in Lohnausgleichskasse schicken müssen und es schaffen, alle Arbeitsplätze zu erhalten.” Die Genossenschaft hat 85 Mitarbeiter, viele davon sind junge Menschen mit persönlichen, sozialen und familiären Problemen. Auch der Tischlereibereich der Genossenschaft wurde umgestellt: Die Arbeiterinnen und Arbeiter entwickeln nun Holzträger für Paneele und Plexiglastrennwände. Ebenfalls in Bozen hat der Genossenschaftsverband Coopbund aus eigener Initiative ein Angebot namens #smartCoop ins Leben gerufen – mit Webinaren und vertiefenden Analysen zu aktuellen Themen sowie einer Webseite mit Informationen zu neuesten Technologien, die genossenschaftliche Unternehmen weiterbringen können.

Kreativ und schnell war man bei RR Solutions: Das Bozner Tech-Unternehmen steht hinter der Entwicklung einer App, mit der Fieber gemessen werden kann. Damit werden die Nutzer dafür sensibilisiert, auf Symptome von Atemwegserkrankungen zu achten und ihre Körpertemperatur regelmäßig zu überprüfen. Sobald eine Temperatur von 37,5 Grad oder mehr eingetragen wird, wird der User gewarnt. Nachdem auch Datum und Uhrzeit registriert werden, kann die “Fever Control App” wie eine Art Tagebuch genutzt werden, das die Kontrolle und Messungen bezeugt. Die App kann gratis heruntergeladen werden und speichert die Daten nur lokal auf dem eigenen Smartphone.
Technologisch unterwegs ist selbst der Concept Store Im Kult in Marling. Er bietet von Montag bis Freitag zwischen 10 und 12 Uhr Shopping über Videoanrufe (WhatsApp oder FaceTime) an und beliefert ganz Südtirol. 

Auf den Punkt gebracht: Viele Initiativen, tolle Technologien und Produkte – die wir angesichts des unbekannten weiteren Verlaufs der Pandemie wohl noch länger brauchen werden als nur im aktuellen Ausnahmezustand.

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