7 min read
Smart City: Wie intelligent ist Bozen?
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-02-21 2020-02-21 21 Februar 2020 - Gabriele Crepaz
7 min read
Bild

Im Juni 2020 endet das Forschungsprojekt SINFONIA, das die zwei Pilotstädte Bozen und Innsbruck in energieeffiziente und intelligente Lebensräume verwandeln soll. Fünf europäische Städte wollen aus den Erkenntnissen und Erfahrungen lernen. Warum SINFONIAs Erfolg erst der Anfang ist auf dem Weg zur Smart City. Und was Bozen braucht, um wirklich klimaneutral zu werden. Eine kritische Synopsis. 

Bozen zählt in Zukunft. Weil es jetzt schon die Nase vorn hat. „Wir sind im Netzwerk!“, sagt Daniele Vettorato. Gemeinsam mit Innsbruck gehört Bozen dem Netzwerk jener europäischen Städte an, die als Smart City die urbane Zukunft einläuten wollen. Da passt es ganz gut, dass der Forscher von Eurac Research und ich unser Gespräch im Bozner NOI Techpark draußen auf der Grünfläche führen. Es ist Ende Januar, die Sonne wärmt verhalten, die Luft lockt mit Frühling. Vertrauen in den Wandel, der unaufhaltsam und noch voll mit Lücken ist, denke ich, ist vielleicht das wichtigste Ergebnis aus dem Forschungsprojekt SINFONIA. Das Projekt endet im Juni 2020 und markiert den Beginn eines neuen Paradigmas für das Leben in einer mittelgroßen Stadt. 

Die weiten Kreise des Projekts SINFONIA: Neues Wissen über innovative Prozesse? 

Wir müssen uns sputen. „Wir sind zu langsam. So schaffen wir es nicht, Bozen bis 2050 klimaneutral zu machen“, warnt Daniele Vettorato, der für Bozen das Projekt SINFONIA koordinierte. Wie dann?

Mehr. Schneller. Gezielter. Erprobter. Abgestimmter. Dafür hat das Projekt SINFONIA nun Erfahrung gesammelt. Es ist 2014 gestartet, mit 23 Partnern aus acht Ländern und mit einem klaren Auftrag: Energie in der Stadt effizient und intelligent zu nutzen. Nach sechs Jahren zeigt sich, dass das Projekt tatsächlich viel weitere Kreise gezogen hat. „In der Stadt, also bei Planern, Handwerkern, Verwaltungsstrukturen, gibt es nun ein neues Wissen über innovative Prozesse“, präzisiert Vettorato, „Wir hoffen, dass diese Kultur sich als Standard durchsetzt.“ 

Messbar sind drei Ziele: Gebäudesanierung, das Energienetz der Stadt, Smart Points.

Drei konkrete Ziele hat SINFONIA in Bozen angepeilt und erreicht. Messbar. 

Der größte Brocken: die energetische Sanierung von neun Gebäuden des sozialen Wohnbaus in den Bozner Stadtvierteln Don Bosco und Haslach. In Zahlen sind das satte 30.000 Quadratmeter oder 345 Wohnungen. Circa tausend Menschen waren im wahrsten Sinn des Wortes betroffen, sie lebten während der gesamten Bauzeit in ihren Wohnungen. „Zum ersten Mal haben wir hier getestet, wie eine ‚schnelle‘ Baustelle organisiert werden muss, und es hat funktioniert“, sagt Daniele Vettorato. Die geplanten Energieeinsparungen von 50 Prozent in den sanierten Gebäuden wurden übertroffen, berichtet er stolz: „Im Augenblick messen wir Einsparungen der Primärenergie von 80 Prozent.“ 20 Prozent der Energie werden nun über erneuerbare Energiequellen wie Fotovoltaik, Solarthermie und Erdwärme gewonnen. Vettorato gibt zu, „das war kein besonders ehrgeiziges Ziel“. 

Ziel zwei. Der Südtiroler Energiedienstleister Alperia hat das Fernwärmenetz der Stadt erweitert und optimiert; zum Beispiel wird der Motor eines Heizkessels künftig mit einem Mix aus Methangas und lokal produziertem Hybrid-Wasserstoff betrieben, die Emission von Stickoxiden sinkt dadurch um 40 Prozent. 

Ziel drei. In der Stadt selbst wurden 150 Sensoren, so genannte Smart Points, installiert. Diese Sensoren sammeln Daten über Luftqualität, Verkehr und Temperatur und helfen Gemeindeverwaltung und Polizei, Entscheidungen zu treffen, die Bozens Mobilität flüssig machen und die Lebensqualität der Stadt verbessern. Drei Totems, also interaktive Servicesäulen, fehlen noch. Sie sollen im Mai eingerichtet werden und versorgen dann an strategischen Punkten, auf einem Platz, in einer Parkgarage, an einem Radweg, Menschen mit Informationen und Services wie WiFi-Zugang oder E-Ladestationen für Fahrräder und Autos.

Big Data in Bozen: Sensoren sind wie Finger, mit denen man die Stadt besser spürt.  

Die sichtbaren Zeichen von SINFONIA verbergen, was das wahre Kapital des Projektes für Bozen auf dem Weg zur Smart City ausmacht: das Monitoring der Leistungen und die damit verfügbaren Daten. „Daten versorgen uns mit Wissen, und dieses Wissen brauchen wir mehr denn je, um erfolgreich und umweltfreundlich zu handeln“, erklärt Daniele Vettorato. Die Sensoren, mit denen einige der sanierten Wohnungen und 150 Orte der Stadt ausgestattet wurden, bezeichnet er deshalb als Finger, mit denen die Stadt sensibler wird: „Wir fühlen die Stadt stärker.“ 

In den neun mit Klimahaus-Zertifikat A bewerteten Gebäuden wird derzeit das Wohngefühl der Bewohner getestet. Hundert Wohnungen wurden dafür mit Sensoren ausgestattet. Was macht das mit Menschen, wenn sie kein Fenster mehr öffnen dürfen, die Temperatur sich von alleine regelt, der Luftaustausch automatisch erfolgt? „Über die Sensoren sehen wir in Echtzeit, wie sich die Menschen verhalten, und das ist ein Indiz dafür, wie wohl die Menschen sich in ihren Wohnungen fühlen“, sagt Forscher Vettorato. 

Daten helfen also auf der einen Seite, die Stromrechnung klein zu halten. Auf der anderen Seite werden die Daten anonymisiert ausgewertet, um in der Forschung weiterzukommen. 
„Wir lernen gerade, welche Vorgaben wir künftig bei der Sanierung von großen Wohnkomplexen machen können“, sagt etwa die Architektin Ilaria M. Brauer von der Klimahaus Agentur in Bozen. „Wir sind dabei zu verstehen, wie man maximal Energie einsparen kann, obwohl Menschen in einem Haus unterschiedliche Bedürfnisse und finanzielle Möglichkeiten haben.“ Die Agentur hat im Projekt SINFONIA die Qualität der Sanierungsarbeiten überwacht und schließlich die erneuerten Gebäude mit dem Siegel Klimahaus A versehen. 

Klimaneutral? Wir müssen zulegen und vier mehrstöckige Wohnanlagen von 100 sanieren, jedes Jahr. 

Was einfach klingt, ist ein Meilenstein. Skeptisch beäugt, aber dringend notwendig. 80 Prozent der Menschen leben heute in Städten, die energetische Sanierung von großen Wohngebäuden bei minimaler Belastung der Bewohner ist ein Muss im Rennen um die Klimaneutralität. „Sonst werden wir das Ziel bis 2050 nicht erreichen“, warnt SINFONIA-Projektleiter Daniele Vettorato.

Wir hinken ohnedies hinterher. In Bozen, aber auch anderswo. Vier von hundert vielstöckigen Gebäuden in Bozen müssten wir im Jahr sanieren, rechnet mir Vettorato vor: „Derzeit liegen wir bei 1,5 Häusern.“ Bedenkt man, dass die Temperatur der Erde inzwischen weiter ansteigt und die Deadline näher rückt, heißt das, wie Vettorato zuspitzt: „Es müssten ab nun jedes Jahr sogar mehr als vier Großbauten sein.“ Und das allein in Bozen. 

Neue Kultur der Innovation: Wissensaustausch, Daten-Sharing und skalierbare Lösungen.

Tatsächlich bringt SINFONIA Politiker, Verwalter, Planer und Forscher in Zugzwang. Über die Energieziele hinaus hat das Projekt gezeigt, wie Abstimmungsprozesse und Wissensaustausch zwischen vielen Akteuren beschleunigt werden können, welchen Wert Datensharing hat, wie Unternehmen profitieren, die ad hoc innovative Lösungen auf den Markt bringen. All das führt Daniele Vettorato ins Feld, wenn er SINFONIA einen Erfolg nennt: „Eine unglaubliche Anstrengung, aber ein Erfolg, der Bozen im europäischen Netzwerk der Smart Cities viel Beachtung und Respekt einbringt.“
 
Fünf Städte in Europa warten hart auf die Ergebnisse aus Bozen und Innsbruck. Sie sind als so genannte Early-Adopter Teil des Projekts SINFONIA und werden jetzt aus den Erfahrungen und Erkenntnissen der zwei Pilotstädte lernen. „Rosenheim in Bayern werden wir bei der Erstellung einer Energie-Roadmap unterstützen. Borås in Schweden interessiert sich für die von uns entwickelte Sanierungstechnik mit vorgefertigten Fassadenbauteilen. Und im zyprischen Pafos will man unsere Erkenntnisse des Wärmeschutzes auf Kühlungssysteme im Sommer anpassen“, erzählt Vettorato.

Wichtig ist, jetzt in Schwung zu bleiben. Vettorato hilft nach: „Sanierung lohnt sich. Das müssen wir den Menschen klarmachen.“ Bis Juni 2020 gilt in Südtirol der Kubatur-Bonus. Wer saniert, darf einen Stock auf das bestehende Gebäude aufsetzen. „Bei den Immobilienpreisen in Bozen bezahlt man mit dem Verkauf die gesamte Sanierung“, lockt Vettorato.

Wenn wir dafür mit besserem Gewissen in die Zukunft schauen dürfen? Fangen Sie bitte zu rechnen an.

FACT SHEET

Das Forschungsprojekt SINFONIA lief 2014 an und wird im Juni 2020 erfolgreich abgeschlossen werden. Das Projekt mit 23 Partnern aus acht Ländern setzte sich zum Ziel, ausgewählte Stadtviertel der Pilotstädte Bozen und Innsbruck energieeffizienter und lebenswerter zu machen. In Bozen wurden dafür große Gebäudekomplexe mit 345 Wohnungen energetisch saniert und architektonisch aufgewertet. Das Fernwärmenetz wurde erweitert und optimiert. 150 in der Stadt verteilte Smart Points liefern regelmäßig Daten über Wetter, Luftqualität und Verkehrsflüsse. Fünf Early-Adopter-Städte, La Rochelle (Frankreich), Rosenheim (Deutschland), Paphos (Zypern), Sevilla (Spanien) und Borås (Schweden), werden die neuen Erkenntnisse und Lösungen nun übernehmen und an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen.   
Für das gesamte Projekt ist ein Budget von 70 Millionen Euro vorgesehen. 27 Millionen Euro werden von der EU co-finanziert. Eurac Research, genauer das Institut für Erneuerbare Energie, koordiniert das Projekt für die Stadt Bozen. Weitere Partner in Südtirol sind die Gemeinde Bozen, das Institut für den sozialen Wohnbau WOBI, die Klimahaus-Agentur und der Energieversorger Alperia. 

Teilen
WhatsappWhatsapp