5 min read
REWARDHeat: Innovationsschub im Fernwärmenetz
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-03-04 2020-02-25 25 Februar 2020 - Maria Cristina De Paoli
5 min read
Bild

Südtirols Vorreiterrolle im Bereich Fernwärme wird vom NOI Techpark aus weiter ausgebaut: Denn dort koordiniert eine Forschungsgruppe von Eurac Research ein europaweites Projekt, das die umweltfreundliche Technologie auf die nächste Entwicklungsstufe bringen soll. 

Was haben Data Centers, riesige Kühlfächer in Supermärkten oder große klimatisierte Bürogebäude gemeinsam? Sie alle produzieren in kleinerem oder größerem Ausmaß Wärme. Konkreter ausgedrückt: Abwärme. Also jene Wärme, die als ungewolltes Nebenprodukt bei verschiedensten Prozessen anfällt und meist ungenutzt in die Umwelt entweicht oder – weil sie dort zu viel Schaden anrichten würde – wieder abgekühlt werden muss. Eine offensichtliche Verschwendung und zusätzliche Belastung unseres ohnehin überhitzen Globus. Roberto Fedrizzi gehört zu jener kleinen Gruppe von Menschen, die daran etwas ändern können. Seit mehr als zehn Jahren leitet der studierte Werkstofftechniker die heute 16-köpfige Forschungsgruppe für nachhaltige Heiz- und Kühlsysteme bei Eurac Research. Sie hat sich seit 2014 als einer der Pioniere in Europa einem Forschungsfeld verschrieben, von dem ein Qualitätssprung in der nachhaltigen Versorgung von Städten und Dörfern mit Warmwasser und Heizwärme erwartet wird: der Fernwärme bei Niedertemperatur

Widersprüchlich? Ja. Unmöglich? Keineswegs.

Eine Innovation, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag. Immerhin funktioniert das herkömmliche Fernwärmenetz nach einem allgemein verständlichen Prinzip: Ein zentrales Heizwerk erwärmt Wasser auf Temperaturen zwischen 80 und 90 Grad, das dann über ein Rohrleitungssystem zu den Abnehmern gelangt. Dort sorgt es über Heizkörper oder Wärmeaustauscher für behagliche Temperaturen in Wohnungen und Büros oder für heiße Badewannen. Wird das heiße Wasser auch noch aus der Abwärme einer Müllverbrennungsanlage gewonnen wie in Bozen oder aus einer der Dutzenden Biomasseanlagen, die Südtirol seine Vorreiterrolle bei Fernheizwerken bescheren, scheinen die Hausaufgaben in Sachen Nachhaltigkeit gemacht

Warum also plötzlich lauwarmes Wasser mit einer Temperatur von 15 bis 30 Grad durch die Leitungen schicken, wie die neue Technologie propagiert? „Weil die bisherige Fernwärme-Technologie auch Nachteile hat“, erläutert der Leiter der Forschungsgruppe für nachhaltige Heiz- und Kühlsysteme in seinem Büro im NOI Techpark. „Einerseits gehen beim Transport des Heißwassers rund 10 bis 20 Prozent der Wärme verloren, was sie insbesondere bei weiten Transportstrecken in ländlichen Gebieten wenig attraktiv macht.“ Diese Verluste könnten mit Fernwärme bei Niedertemperatur drastisch reduziert werden. Anderseits eröffne die neue Technologie aber auch die Möglichkeit, verschiedenste kleinere und größere Abwärmequellen einer Stadt wie Klimaanlagen als neue Energielieferanten zu nutzen, um das Wasser im Fernwärmenetz auf einer stabilen Temperatur zu halten. Richtig aufgeheizt wird es dann aber erst am Bestimmungsort – von dezentralen Wärmepumpen in den Häusern der Abnehmer, die statt Wärmeaustauschern installiert werden müssen. „Auf diese Weise können die Co2-Emissionen um bis zu 80 Prozent reduziert werden“, sagt der Forscher. „Denn es entsteht ein Kreislauf, in dem Kunden dem Netz nicht nur Wärme entnehmen, sondern auch Abwärme einspeisen können und das Fernwärmenetz auch für Kühlprozesse genutzt werden kann.“

Ein europäisches Projekt unter Südtiroler Führung

Eine Zukunftstechnologie, die heute mit einigen wenigen Netzen in ganz Europa noch in den Kinderschuhen steckt, wie auch Roberto Fedrizzi einräumt. Doch sie ist gerade dabei, daraus zu entwachsen. Ein wichtiger Schub in diese Richtung kommt von REWARDHeat, dem größten internationalen Forschungsprojekt, das je von Eurac Research geleitet wurde. 28 Partner in ganz Europa, ein Budget von 15 Millionen Euro, das aus dem EU-Förderprogramm Horizon 2020 mitfinanziert wird, und ein klar definiertes Ziel: innerhalb 2023 acht innovative Fernwärmenetze in acht europäischen Städten zu konzipieren und umzusetzen. „Mit diesem Projekt bringen wir diese neue Technologie aus unseren Laboren direkt in Europas Städte“, sagt Roberto Fedrizzi. Unter seiner Koordination arbeiten Forschungseinrichtungen, Technologiehersteller und Energieversorger in Europa eng zusammen. In jedem der Projekte werden dabei andere Umsetzungsmöglichkeiten für Niedertemperaturnetze getestet. In Kopenhagen wird beispielsweise in einem Wohnviertel ein Teil des bestehenden Fernwärmenetzes in ein Niedertemperaturnetz verwandelt. Darin wird unter anderem die Abwärme der Kühlanlagen von zwei Supermärkten eingespeist. Auch der italienische Versorger A2A ist Partner des Projekts. Er will über sein Tochterunternehmen A2A Calore e Servizi - mit über 30.000 Kunden laut eigenen Angaben führend im Bereich Fernwärme und Fernkühlung - in Mailand ein neues Netz bauen, das mit Mehrfamilienhäusern, einer Bibliothek und einer Schule verbunden ist und sich nicht zuletzt aus der Abwärme von Umspannwerken speist. „Das Projekt REWARDheat ist für uns eines mehrerer innovativer Experimente, mit denen wir uns der Herausforderung Klimawandel stellen“, sagt Luca Rigoni, Verantwortlicher für den Bereich Fernwärme bei A2A Calore e Servizi. „Mit solchen Projekten versuchen wir, bereits bestehende Abwärmequellen in unserem Einzugsgebiet zu nutzen, um Wärme oder Kälte zu produzieren ohne weitere Treibhausemissionen zu verursachen.“ REWARDheat ist damit laut Rigoni ein wichtiger Baustein bei der Entwicklung eines neuen nachhaltigen Geschäftsmodells, das die Vorgabe des Green Deals der Europäischen Union respektiert. 

Dass REWARDHeat vom Bozner NOI Techpark aus koordiniert wird, hat mit der Vorreiterrolle zu tun, die Fedrizzis Team bereits seit 2014 im Bereich der Fernwärme bei Niedertemperatur einnimmt. „Gestartet sind wir mit unserem Prüfstand im NOI Techpark, der vom Land finanziert wurde. Nachdem wir in verschiedenen Projekten in ganz Europa untersucht haben, wie die Grundlagen dieser innovativen Technologie funktionieren und in unseren Laboren getestet haben, wie die Anlagen bestmöglich bedient werden, setzen wir die Ergebnisse unserer Arbeit nun in die Praxis um“, sagt Fedrizzi. 

FACT SHEET

Eurac Research ist Südtirols größtes Institut für angewandte Forschung mit Außenstelle im NOI Techpark, in der rund 100 Forscher und 13 Labore untergebracht sind. Im NOI forscht Eurac Research an erneuerbaren Energien, Technologien zur Umweltüberwachung, klimatischen Simulationen, Mumienforschung und Alpiner Notfallmedizin.

Im Rahmen von REWARDHeat werden 28 von Eurac Research koordinierte Partner in den nächsten vier Jahren an der Installation von acht verschiedenen innovativen Fernwärmenetzen in acht europäischen Städten arbeiten​. Diese neuen Fernwärmesysteme sind eine kosteneffektive Möglichkeit, um CO2-Emissionen deutlich zu reduzieren. 

Teilen
WhatsappWhatsapp