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Re-Globalisierung und Beteiligungsethik: Die Herausforderungen unserer (nahen) Zukunft
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2020-11-19 2020-02-12 12 Februar 2020 - Domenico Nunziata
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Forscher von Eurac Research und Vertreter der UNESCO und der OECD haben im NOI Techpark den bevorstehenden Wandel in der Arbeitswelt und unserer Gesellschaft diskutiert. Südtirol wurde dabei als Versuchslabor identifiziert – wollen wir lokal oder global sein?

"Mögest du in interessanten Zeiten leben" ist einer der ältesten Flüche in China. Dieser Satz ist ein Anathema, kein Wunsch: Mit "interessant" sind Zeiten gemeint, die besonders schwer zu überwinden sind, voller Komplexitäten, die sich aneinanderreihen. Mit "Wir leben in interessanten Zeiten" eröffnete Roland Psenner, Präsident von Eurac Research, die Konferenz "Wer erklärt uns heute die Welt? Zur Tagung sind dazu Vertreter von zwei der wichtigsten Organisation auf globaler Ebene eingeladen worden: der UNESCO - Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur - und der OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Delegierten sollten dabei über die Zukunft sprechen, welche Herausforderungen den Organisationen bevorstehen, welche Herausforderungen sich den jungen Generationen stellen, welche Rolle China weltpolitisch spielen wird und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um den Schaden, den der Klimawandel verursacht, einzudämmen.  

Das Dilemma lautet: global oder lokal?

Schlüsselthemen für Roland Benedikter, Vize-Direktor des Center for Advanced Studies von Eurac Research. „Veränderungen können mitunter Angst machen, viele fordern eine Reduzierung der Komplexität. Daher wollen wir nicht die Zukunft vorwegnehmen, sondern die Gegenwart verändern. Wir brauchen eine Beteiligungsethik, zumal sich viele Menschen von demokratischen Prozessen ausgeschlossen fühlen.“ Und hier sprechen wir nicht von einer rein globalen Angelegenheit, jede Region muss sich individuell diesen neuen Herausforderungen stellen. Gerade bei Themen wie Over-Tourism, Globalisierung und disruptiven Technologien ist Südtirol stark gefordert. „Unsere Provinz ist ein kleines Versuchslabor für zukünftige Entwicklungen. Die Frage ist: Wollen wir eine lokale oder eine globale Gesellschaft sein? An der Beantwortung arbeiten wir zusammen mit Institutionen wie NOI Techpark, auch um eine Vorbildrolle einzunehmen”, zeigt sich Benedikter zuversichtlich. 

Geht es nach UNESCO, ist der einzig richtige Schlüssel dazu, die jungen Generationen nicht unvorbereitet in eine ungewisse Zukunft zu schicken, Bildung. Riel Miller, Leiter des Projekts Futures Literacy, ist überzeugt, dass man die Gegenwart nur dann verändern kann, wenn „man sich vorstellen kann, wie das Morgen aussieht“. Unter Futures Literacy (Zukunftsbildung) versteht sich die Fähigkeit des selbstständigen Vorwegnehmens und Verstehens von Zukunft. „Wir müssen Kreativität greifbar machen; die Fähigkeit, uns etwas vorzustellen, gibt uns die Richtung vor“, unterstreicht Miller. Bei Futures Literacy handelt es sich also um eine transversale Wissenschaft, die jenseits der gemeinen Disziplinen anzusiedeln ist und die Obsoleszenz verschiedener Wissens- und Lernkonzepte umzuleiten versucht: Zunächst gibt es das Konzept des Life-Long Learning, das schon in den 60er-Jahren vom OECD eingeführt wurde. Dem schließt sich nun das Erlernen der “Fähigkeit, die Zukunft anzuwenden“ an.

Doch das ist noch nicht alles. Denn ein Prozess, dem die Welt in Zukunft ausgeliefert sein wird, ist die “Re-Globalisierung” – ein Begriff, den Edgar Göll vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung geprägt hat. Wie werden die nächsten 30 Jahre aussehen? Einige Trends sind jetzt schon auszumachen. Wir werden in einer Welt mit verschiedenen nationalen Internetsystemen leben; so wie man es heute schon in Russland beobachten kann. Russland verwendet ein anderes Modell als das europäische, nämlich eine autonome, staatliche Infrastruktur, für den Fall, dass das Land vom globalen Netzwerk ausgeschlossen werden sollte. Außerdem werden wir verschiedene Auffassungen von der sogenannten Moderne haben, stellen sich Chinesen eine moderne Welt doch anders vor als die westliche Welt. 

Eine neue Arbeitswelt

In dieses Szenario reihen sich auch die neuen Technologien ein, mit denen neuen Arbeitsplätze und -typen geschaffen werden. Erst kürzlich hat das World Economic Forum die gefragtesten Bereiche ab 2020 herausgefiltert, unter denen sich wenig überraschend der Bereich Digital, aber auch Green Economy und zwischenmenschliche Beziehungen finden. Content-Produktion, Marketing, künstliche Intelligenz und Cloud-Computing Systeme – die Wirtschaft von morgen benötigt Fachpersonal mit einem breiten Wissensspektrum. So sieht es auch Sergio Arzeni, Präsident von INSME – Internationales Netzwerk von KMU. Arzeni identifiziert im Digitalbereich und der Ökologie Trends, die den ökonomisch-sozialen Übergang am kräftigsten vorantreiben. Gleichzeitig merkt er an, dass „man den sozialen Einfluss dieses Übergangs eindämmen sollte.“ Um das zu gewährleisten, müssen die Institutionen Klein- und mittelständische Betriebe unterstützen, da diese das Grundgerüst der Wirtschaft bilden. Sie sollen möglichst wenig Schaden während dieses Übergangs nehmen. Universitäten werden international wieder in den Fokus rücken, Themen wie Gendergap und erwerbslose Arbeit können nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden. Laut Statistiken der OECD investiert eine Frau bis zu fünf Stunden am Tag in Heim und Familie, während es bei Männern nur zwei sind. „Das muss sich ändern. Es geht hier nicht nur um Gleichberechtigung. So etwas bremst das gesellschaftliche Wachstum ein”, moniert Nicola Brandt, Leiterin des OECD Centers in Berlin. Ohne die Gehaltsschere zwischen Männer und Frauen würde die internationale Wirtschaft laut Internationalem Währungsfond und Havard Business Review um 35% wachsen. Nun denn: Wir leben wahrlich in sehr interessanten Zeiten.

FACT SHEET

Eurac Research ist Südtirols größtes Institut für angewandte Forschung und mit Außenstelle im NOI Techpark, in der rund 100 Forscher und 13 Labore untergebracht sind. Im NOI forscht Eurac Research an erneuerbaren Energien, Technologien zur Umweltüberwachung, klimatischen Simulationen, Mumienforschung und Alpiner Notfallmedizin.

UNESCO ist die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Seit 2012 befasst man sich auch mit Futures Literacy und „Disziplinen der Vorwegnahme”, in dessen Rahmen international immer wieder Arbeitsgruppen gebildet werden.
 
OECD ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit 36 Mitgliedsstaaten, deren ökonomisches Modell auf Marktwirtschaft basiert. 

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