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"Quantencomputer, 5G, Robotik: Die Zukunft ist ein zögerliches Universum"
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2019-12-09 2019-12-06 6 Dezember 2019 - Domenico Nunziata
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Alberto Mattiello, vom Future Thinking in Miami zum NOI Techpark: "Start-ups und große Unternehmen brauchen Orte wie diesen – ein Ort, an dem verschiedene Sichtweisen sich vermischen und so Neues entsteht."

Innovation, Technologie, Kreativität, Unternehmen und Start-ups: All diese Elemente müssen berücksichtigt werden, wenn man eine kulturelle Prognose in Bezug auf digitale und kognitive Technologien für die kommenden Jahre erstellen möchte. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Auswahl an Bereichen, die im NOI Techpark erforscht werden, sondern auch um zentrale Themen, mit denen sich zahlreiche moderne Vordenker befassen. Zu diesen Vordenkern gehört auch der Business- und Technologie-Experte Alberto Mattiello, der erst kürzlich am Innovation Breakfast in der Messe Bozen teilnahm und anschließend auch dem Südtiroler Innovationsviertel einen Besuch abstattete.     

Mattiello ist ein „Future Thinker“. Er unterrichtet Digital Innovation an der Universität Bocconi in Mailand und lebt in Miami, Florida, wo er das Projekt Future Thinking, einen internationalen Innovationsbeschleuniger, leitet. Seit Kurzem ist Mattiello außerdem als Herausgeber der Buchreihe „The Future of Management“ für das Verlagshaus Guerini Next tätig. In dieser Buchreihe werden einige der brisantesten Visionen der Zeitschrift des renommierten Massachusetts Institute of Technology in Boston (USA) MIT Sloan Management Review zusammengefasst. Das erste Buch der Reihe „Cromosoma Innovazione“ enthält unter anderem Beiträge der CEO von IBM, Ginni Rometty, und des Verantwortlichen für künstliche Intelligenz bei Google, Andrew W. Moore, und beschäftigt sich in erster Linie mit der Zukunft der Technologiebranche.

In einer kurzen Online-Biografie werden Sie unter anderem als „Futurologe“ bezeichnet. Sehen Sie sich selbst in dieser Rolle?

"Ein Futurologe ist meiner Meinung nach eine Person, die versucht, die Zukunft zu prognostizieren. Die großen Futurologen wie Alvin Toffler oder Jeremy Rifkin waren in der Lage, 30 bis 40 Jahre in die Zukunft zu blicken. Heute gibt es wohl kaum jemanden mehr, der so langfristige Visionen hat. Meine Visionen beziehen sich höchstens auf die nächsten 3 bis 7 Jahre, also auf einen Zeitraum, den ein Unternehmen normalerweise benötigt, um sich auf eine neue Herausforderung vorzubereiten. Ich konzentriere mich vorrangig auf die unmittelbare Zukunft."

Eine alte Weisheit besagt: Wenn man merkt, dass etwas vor sich geht, ist es meistens schon zu spät. Sind potenzielle Trends Ihrer Meinung nach vorhersehbar? Welcher Gedankengang steckt hinter der Prognostizierung von Trends?

"Ich gehe prinzipiell davon aus, dass es keine Überraschungen gibt, was die Prognostizierung zukünftiger Trends erleichtert. Ich glaube, dass es für jede Entwicklung und jeden Trend Anzeichen gibt, sowohl in Bezug auf „große Visionen“ als auch auf einzelne Geschäftsbereiche. Bislang fehlt uns jedoch der technologische Kontext zu einigen Innovationen, die uns bereits bekannt sind. Autos können beispielsweise schon autonom fahren – zwar nicht in der Stadt, aber auf der Autobahn ist dies bereits möglich. Bislang fehlt uns jedoch der entsprechende Kontext, damit 1 Million Autos alle auf der gleichen Strecke fahren können."

Welche großen Innovationen sollten wir also in den nächsten Jahren vorantreiben?

"Die wichtigsten Bereiche, auf die wir uns in den nächsten fünf Jahren konzentrieren sollten, sind: die 5G-Datenübertragung (für eine extrem schnelle Übertragung von Daten), das Quantencomputing (zur Verarbeitung jeglicher Art von Daten in einer Cloud), die künstliche Intelligenz und die Robotik. Diese Innovationen existieren bereits, sie haben sich bisher aber noch nicht ganz durchgesetzt. Sie wurden schon zwischen 2014 und 2016 entwickelt, als zahlreiche Start-ups finanziert wurden. Heute verzeichnen vor allem Blockchain-Start-ups ein großes Wachstum. Gegenwärtig erhalten sehr viel weniger Start-ups Finanzierungen, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass das Finanzierungskapital eigentlich gestiegen ist. Wie das möglich ist? Ganz einfach: Die Finanzierungen gehen vor allem an jene Start-ups, die über die Jahre überlebt haben und sich jetzt in der nächsten Phase befinden. Also an Start-ups, die die Visionen bereits umsetzen."

Welche potenziellen Entwicklungen prognostizieren Sie für die kommenden Jahre, die das Leben der Bürger direkt beeinflussen könnten?

"Der Beitrag „Was können wir von der künstlichen Intelligenz erwarten?“ im Buch „Cromosoma Innovazione“ spricht eine interessante Thematik an. Es heißt, dass durch die Einführung der ersten Computer in der dritten industriellen Revolution (in den 60er-Jahren) die Kosten der Arithmetik gesenkt werden konnten. Wenn man also versteht, auf welche Art und Weise eine Innovation Kosten senken kann, findet man auch heraus, in welchen Szenarien sie eingesetzt werden kann. Diese Revolution wird die Kosten für Vorhersagen senken. Wir werden in der Lage sein, riesige Datenmengen zu verarbeiten und zu berechnen, um Informationen zu erhalten, die so nicht existieren – wir werden imstande sein, Vorhersagen zu machen. Die angesprochene interessante Thematik beschäftigt sich damit, wie sich der Geschäftsbereich der Vorhersagen entwickeln wird, und betrifft jede Sparte. Amazon testet gegenwärtig zum Beispiel ein auf Vorhersagen beruhendes Programm: Nach der Registrierung erhält der Kunde automatisch Produkte, die er nicht aktiv bestellt hat. Amazon übernimmt dafür das volle Risiko."

Könnte man durch Vorhersagen den natürlichen Verlauf von Innovationen verändern oder ist trotzdem ein Motivator erforderlich, um einen Stillstand zu vermeiden?

"Darauf habe ich keine konkrete Antwort. Natürlich treiben die großen Technologieunternehmen die Innovation voran, aber normalerweise teilen sie ihre Erkenntnisse nicht. Hinsichtlich Inspiration nehmen jene Unternehmen die Rolle des Motivators ein, die uns einen kleinen Blick auf die nahe Zukunft gewähren. Ich bin aber der Meinung, dass sich jedes Unternehmen, egal ob groß oder klein, darauf einstellen muss, dass die gegenwärtig digitalen Technologien in der Zukunft den kognitiven weichen müssen. Innovation wird uns alle betreffen."

Inwiefern werden kognitiv?

"Kognitiv bedeutet, dass Daten in einem „kognitiven Kontext“ verarbeitet werden. Wir werden mit Softwares arbeiten, die Daten nicht nur lesen, sondern auch aus ihnen lernen können. Alle Technologien, die heute digital sind, werden in der Zukunft durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Nehmen wir Videokameras als Beispiel: Zuerst wurden Videos auf Band aufgenommen, dann wurden die Aufnahmen zugänglicher gemacht (indem sie digitalisiert wurden) und der nächste Schritt wäre, dass Videokameras ganz von alleine erkennen, was während der Aufnahme geschieht und wie sie reagieren müssen."

Sie haben gesagt, dass Schulen es verpassen, den Schülern den „Wert der Ungewissheit“ zu vermitteln. Was meinten Sie damit?

"Es ging um Folgendes: Die Vorstellung der Zukunft ist ein kreativer und kein analytischer Prozess. In den Schulen wird stets über die Vergangenheit gesprochen, was auch sehr wichtig ist, damit wir uns unserer Identität bewusst sind – und manchmal vergessen wir diese auch wieder. Wir verpassen es jedoch, über die Zukunft zu sprechen, was Vorstellungskraft und Kreativität erfordert. Wir leben in einem ungewissen System. Im militärischen Kontext gibt es ein Akronym, das die Welt, in der wir leben, sehr gut beschreibt: VUCA (volatility, uncertainty, complexity and ambiguity)."

Können Sie das genauer ausführen?

"Die Welt verändert sich sehr schnell und es gibt nicht genügend Daten, um die Zukunft vorauszusagen. Zudem sind die Herausforderungen sehr komplex, sodass wir sie nicht anhand eines einzigen Kontextes lösen können. Wenn dann etwas geschieht, weiß man zunächst nicht, ob diese Entwicklung positiv oder negativ ist. In einem Umfeld dieser Art hilft uns der analytische Ansatz nicht weiter. Ich glaube nicht an eine Zukunft, sondern an viele verschiedene Zukunftsszenarien. Ich stelle mir vor, wie man Technologien auf das Äußerste entwickeln und einsetzen kann und versuche, daraus verschiedene mögliche Szenarien abzuleiten."

Apropos Ambiguität: Im Vorwort des Buches der Reihe, für die Sie als Herausgeber tätig sind, greifen Sie den Begriff „zögerndes Universum“ („universo esitante“) auf. Ungewissheit und Ambiguität. Was verstehen Sie unter dem Begriff „zögerndes Universum“?

"Der belgische Jesuit und Physiker Georges Lemaître ist der Vater der Urknalltheorie (abwertende Bezeichnung seiner Theorie, die zunächst nicht anerkannt wurde). Vor Lemaître glaubte man, dass das Universum statisch sei und sich nicht verändern würde. Lemaître verstand jedoch als erster, dass das Universum kontinuierlich expandiert. Er fand auch heraus, dass das nicht von Anfang an der Fall war: Es gab nämlich einen Moment der Ruhe, in dem das Universum sozusagen „zögerte“. In dieser Zeit der Verlangsamung gewann das Universum an Masse und expandierte anschließend erneut. Das ist in meinen Augen eine schöne Metapher für die Innovation: Wenn ein neues Start-up gegründet wird, wächst es kurzzeitig extrem schnell. Erfolg haben aber jene Start-ups, die sich etwas zurückhalten und nicht zu viel preisgeben. Das technologische Szenario, das ich zuvor beschrieben habe (die fünf wichtigsten Bereiche für die nahe Zukunft), schafft die Voraussetzungen für den Ausbau und die anschließende Weiterentwicklung von Innovationen. Lemaître würde in diesem Zusammenhang also von einer „zögernden Innovation“ sprechen."

Welche Fähigkeiten müssen die Manager von morgen also mitbringen?

"In der Zukunft werden Menschen Algorithmen steuern, die wiederum Menschen und Maschinen steuern. Das ist die große Veränderung, auf die wir uns einstellen müssen. In „Cromosoma Innovazione“ wird die Zukunft des Managements so beschrieben, dass Manager für die Verwaltung von Bots verantwortlich sein werden, die das Unternehmen steuern. Das bedeutet auch, dass die Manager sich mit komplett anderen Thematiken auseinandersetzen müssen. Aus kultureller Sicht kommt diese Veränderung einer Transformation gleich. Ich weiß nicht, inwiefern sich das Konzept des Managements selbst in den nächsten fünf Jahren verändern wird. Aber wir sollten uns ohnehin eher die Frage stellen, welche Vision wir für diese Veränderung haben."

Welche Rolle spielen Institutionen wie der NOI Techpark, die Innovationen verknüpfen und vorantreiben? Was halten Sie von Institutionen dieser Art und welches Potenzial bieten sie Ihrer Meinung nach für die Zukunft?

"Bei dieser Frage möchte ich wieder auf das VUCA-Konzept verweisen. Flüchtigkeit und Ungewissheit sind Eigenschaften des Umfelds, in dem sich Start-ups bewegen. Für mich sind Start-ups Unternehmen ohne Geschäftsmodell (sobald sie ein Geschäftsmodell haben, gelten sie nicht mehr als Start-up). Start-ups agieren in einem „flüchtigen“ Umfeld, d. h. in einem Umfeld, in dem sich alles sehr schnell und kontinuierlich verändert. Aus diesem Grund birgt dieses Umfeld auch eine gewisse Ungewissheit. Große Unternehmen sind hingegen gewohnt, in einer komplexen und vielseitigen Geschäftswelt zu agieren, und können komplexe Sachverhalte daher leichter handhaben. Institutionen wie der NOI Techpark dienen als Schnittstelle. Sowohl Start-ups als auch große Unternehmen sind auf Institutionen dieser Art angewiesen, um in einem VUCA-System überleben zu können. In einem solchen Kontext kann erst durch die Vermischung der Kulturen ein Mehrwert geschaffen werden. Wir sprechen hier von einem kulturellen Konzept."

Was wird die größte technologische Herausforderung der nächsten Jahre sein, die die Bürger mit großen ethischen und sozialen Dilemmas konfrontieren wird? Welche Rolle werden die Manager dabei spielen?

"Meiner Meinung nach leben wir in einem System, das in Bezug auf die persönlichen Daten absolut unausgereift ist. Wir beginnen erst langsam zu begreifen, dass unsere Daten wertvoll sind und dass es kein System gibt, das diesen Daten einen gewissen Wert beimisst. Ich glaube, dass wir in den nächsten (5 bis 10) Jahren sozusagen selbst zu Chief Technology Officers werden und imstande sein werden, unsere Daten zunehmend besser zu verwalten. Ich stelle mir die Daten in der Zukunft wie eine Währung vor: Man könnte Daten verkaufen, investieren oder beispielsweise zu Forschungszwecken spenden. Dazu müsste man einen Ausgleich zwischen dem Inhaber und dem Verwalter der Daten finden. Hier geht es um eine ethnische und Gewissensfrage."

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