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Packaging: Wer in Schutzhüllen mehr sieht als Müll, kann einpacken
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27 August 2019 -
Gabriele Crepaz
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Macht das Plastikverbot der EU Sie ratlos? Warum? Endlich kann Verpackung wieder kaufentscheidend werden. Wenn man es richtig angeht. Im NOI Techpark werden im November zwei Studien zu innovativer Speck- und Käseverpackung vorgestellt. Food >> Packaging heißt die Veranstaltung, die das Wissen von Lebensmittelindustrie, Forschern und Verpackungsdesignern ins Rollen bringt. 

Mit den Strohhalmen klappt es schon ganz gut. Es gibt sie jetzt aus Bambus, Stärke, glutenfreien Nudeln oder eben aus Stroh. Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Beim Aperitif achte ich neuerdings weniger auf den Cocktail als darauf, welche Art von Trinkhalm im Spritz oder Hugo steckt. 2021 ist in der EU mit Einwegplastik Schluss, Lebensmittelverpackungen müssen in den kommenden zehn Jahren ökologisch verträglich, recyclebar oder wiederverwendbar werden.

Bei manchen Produkten ist das kein Thema: Den Strohhalm werden wir hinkriegen, die Wattestäbchen weglassen, Saft nur noch aus Glas trinken. Aber was machen wir mit Fleisch, Käse und Tiefkühlprodukten? So klar das Ziel ist, so groß ist für Lebensmittelproduzenten die Sorge: Wie verpacke ich meine Lebensmittel künftig ökologisch sauber und garantiere zudem, dass die Produkte haltbar sind? Wenn Ihnen diese zwei Forderungen so unvereinbar erscheinen wie die Fußspitzen einer Balletttänzerin beim Spagat, sollten Sie weiterlesen.

Food >> Packaging: Aus Wissen entstehen Kontakte für gemeinsame Projekte

Im NOI Techpark ist man Lösungen auf der Spur. Bei Food >> Packaging wird im November gezeigt, an welchem Punkt Wissenschaft und Verpackungsdesign in der Entwicklung und in der Gestaltung plastikfreier Materialien stehen. Höhepunkt des Events wird die Vorstellung von zwei Studien sein. Das Institut C.E. Schweig, ein Büro für Verpackungsberatung in Schleswig-Holstein, hat für den Südtiroler Sennereiverband getestet, welche Verpackungsmaterialien verhindern, dass sich Fremdschimmel auf Rotschimmelkäse bildet. Für die Südtiroler Speckproduzenten hat das österreichische Prüf- und Forschungsinstitut OFI eine Auswahl geeigneter Materialien zur Verpackung von Fleisch und Speck ausgeforscht.

Beide Studien entstanden im Rahmen eines von IDM Südtirol geleiteten EFRE-Projekts, an dem auch NOI Techpark beteiligt ist: FH_TechNet vermittelt hochtechnologisches Wissen an Unternehmen der Branchen Food & Health.

Im Food-Bereich spannt NOI Techpark die Fäden zwischen Unternehmen und Forschern. „Wir wollen zeigen, wie Forschung funktioniert“, sagt Ben Schneider, Experte der Food Technologies. Nicht immer geht es linear zu, Rückschläge, Neuformulierungen von Aufgaben und Kompromisse sind normal. Der Knowhow-Transfer gelingt, wenn Unternehmen Zugang zu Trends und globalen Entwicklungen erhalten, die Erkenntnisse von Wissenschaftlern mit den Bedürfnissen von Unternehmen zusammengeführt werden und aus dem gemeinsamen Interesse neue Projekte entstehen.  

Die oben genannten Studien begannen beide mit einem Workshop im NOI Techpark. Gemeinsam mit den Unternehmern wurde jeweils erkundet, welche Forschungsfrage am dringendsten ist. In beiden Treffen stand das Thema Packaging auf der Agenda ganz oben.  

Verpackungen sind kleine Litfaßsäulen: Wer hat das Buch von Helene Karmasin gelesen?

Die Unternehmen stehen unter Zugzwang. Plastik ist sowas von out. Schon jetzt. In einigen Filialen der Supermarktkette Edeka bringen Kunden bereits ihre eigene Box an die Wursttheke mit. Hierzulande bietet der Supermarkt Novo in Bozen seine Waren lose nach einem strikten Zero-Waste-Konzept an. Und Brixen will die erste plastikfreie Gemeinde werden. Selbst Plastiksünder wie McDonalds und Starbucks denken über Alternativen zu Plastik-to-go nach.   

Es kommt jetzt darauf an, schnell und mutig zu sein. Schneller als die Konkurrenten und mutiger, als die Konsumenten es Unternehmen bisher zutrauten. Ben Schneider meint, wer in der Lebensmittelindustrie arbeitet, sollte den inneren Schalter umlegen: „Vom Druck, neue Verpackungslösungen suchen zu müssen, hin zur Überzeugung, mit individuellen Produkthüllen begeistern zu wollen.“

Das Plastikverbot ist demnach eine Chance, die Rolle von Verpackung neu zu denken, als Zusammenspiel von Material, Funktion und Botschaft. In diese Kerbe schlug kürzlich auch die österreichische Motivforscherin Helene Karmasin, als sie in einem Interview über ihr Buch „Verpackung ist Verführung“ im Lead Innovation Blog sagte: „Verpackungen sind kleine Litfaßsäulen, die zu einem neuen Kauf anregen können.“ 

Emma Sicher lässt Bakterien auf Gemüseschalen los: Essen wir bald aus mikrobieller Cellulose?

Umpacken beginnt im Kopf oder mit dem Satz: Verpackung ist mehr als Müll. Der Satz könnte von Emma Sicher stammen. Die Designerin hat in ihrer Abschlussarbeit an der Freien Universität Bozen 2016 bis 2017 kompostierbare Verpackung von Lebensmitteln zum Thema gemacht. Sicher experimentierte erfolgreich mit mikrobieller Cellulose, also Cellulose, die mit Hilfe von Bakterien und Hefe aus der Fermentation von Obst- und Gemüseschalen entsteht. Die Arbeit wurde mit einem Forschungsprojekt belohnt, InnoCell, das bis 2020 an der Fakultät für Design in Bozen läuft und die wissenschaftlichen Erkenntnisse für trockene Lebensmittel industrietauglich machen will.

Das ist ja schon im kommenden Jahr.

FACT SHEET

Food >> Packaging ist eine ganztägige Veranstaltung zum Thema Verpackung in der Lebensmittelbranche. Experten u.a. des Politecnico Mailand stellen Erkenntnisse zum innovativen Packaging vor. Im Anschluss werden zwei Studien präsentiert, mit Ergebnissen zu aussichtsreichen Verpackungsmöglichkeiten für Südtiroler Speck und Käse. Am Nachmittag wird es ein Treffen für Qualitätsmanager geben. Das Event findet am 20. November im NOI Techpark statt und wird von den dort tätigen Experten für Food Technologies organisiert.

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