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“Offen, intelligent, vernetzt: die Zukunft von Freier Software"
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2020-12-02 2020-12-02 2 Dezember 2020 - Alessandro Di Stefano
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Im Rahmen der SFScon 2020 präsentierte Davide Ricci, Direktor des Open Source Technology Center von Huawei, das neue Open-Source-Betriebssystem des chinesischen Tech-Giganten. Eine Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit NOI Techpark zu erneuern, dem „Aggregator von Erfahrungen, Talenten und Know-how“.

Eine Revolution steht vor der Tür. Ihr Name? „Open Harmony”, eine Entwicklung des chinesischen Giganten Huawei, bei dem man Südtirol und den NOI Techpark trotz der geographischen Entfernung gut kennt. Und so stellte der Direktor des Open Source Technology Center von Huawei Davide Ricci das neue Betriebssystem persönlich auf der SFScon 2020 vor, der internationalen Konferenz für Free Software am 13. und 14. November. „Harmony“, – erklärte er – „ist der Name des Projekts für ein Betriebssystem, an dem Huawei bereits seit 2012 arbeitet. In den vergangenen Jahren haben uns die Umstände gezwungen, seine Entwicklung noch einmal zu beschleunigen, um so bald wie möglich ein Ökosystem bieten zu können, dessen Codes allen offenstehen, und das zusätzliche Leistungen ermöglicht. Der Open-Source-Gedanke war Ausgangspunkt des Projekts und hat uns schließlich zu Open Harmony gebracht, einem Betriebssystem, das nicht nur die verschiedensten Huawei-Produkte zum Laufen bringen wird.“   

Open Source und geistiges Eigentum

Der Weltkonzern, der wie einige andere asiatische Unternehmen ins Zentrum des geopolitischen Konflikts zwischen Washington und Peking geraten ist, kündigte im September die bevorstehende Einführung von Hongmeng OS an, der chinesische Name für das Betriebssystem, das ab dem kommenden Jahr auf unzähligen Huawei-Smartphones installiert werden soll. Im folgenden Interview spricht Davide Ricci als einer der wichtigsten europäischen Beobachter über Technologien, die Zukunft und Marktentwicklungen und erklärt, welche Bedeutung Open Source hat und warum Huawei beschlossen hat, darauf zu setzen.  

„Ich arbeite nun seit 15 Jahren in dieser Branche”, erzählt uns Ricci, „meine ersten Sporen habe ich mir im Open Source Technology Center von Intel in den Vereinigten Staaten verdient. Eine Sache, die man schnell lernt, wenn man mit offenen Quellcodes für das Aufsetzen einer Software oder eines Software-basierten Gerätes arbeitet? Es ist extrem wichtig, einen Überblick über die Lizenzen jedes einzelnen Autors und Entwicklers zu haben, die zur Entstehung der Software beitragen haben.“  Die Thematik des geistigen Eigentums ist entscheidend für ein Unternehmen. Ein Beispiel? „Wenn ich mit einer Software auf den Markt gehe, deren Quellcode zu 5% unbekannt ist oder von dem ich nicht weiß, von wem er stammt, gehe ich ein Risiko ein. Open Source bedeutet nicht nur die eigene Marke, sondern auch das geistige Eigentum aller zu verteidigen. Denn der Markt verzeiht hier keine Ausreißer.”  

Revolution für Elektrogeräte

Open Harmony entstand nicht als Reaktion auf Trumps Huawei-Bann, doch es wurde zum Instrument, das der Konzern der Entscheidung des Weißen Hauses entgegensetzte, China nicht nur in Sachen Transparenz den Krieg zu erklären. „Mit diesem Betriebssystem setzten wir nicht nur auf den Smartphone-Markt”, erklärte Ricci, „dieses neue Ökosystem wird auch für andere Elektrogeräte verwendet werden. Ein Unternehmen, das verschiedenste Produkte, wie beispielsweise auch Haushaltsgeräte produziert, kann Open Harmony genauso dafür verwenden. Heute gibt es auf dem Smartphone-Markt nur zwei Player: iOS und Android. Für alle anderen Geräte ist der Markt sehr fragmentiert. Auch darauf zielt Huawei: Es geht um nichts Geringeres, als die Welt aller Elektrogeräte zu revolutionieren.“  

Im Laufe des Interviews zeichnet der Direktor des Open Source Technology Center das Bild einer Zukunft, in der jeder Mensch mindestens zehn Geräte haben wird. „Die Vision ist, dass alle eine ähnliche Oberfläche und ein gemeinsames Betriebssystem haben, um eine höhere Benutzerfreundlichkeit zu erreichen. Und zwar ohne Zugriff auf eine externe Cloud. Wenn ich in einem Videochat mit einem Familienmitglied bin und mein Smartphone erkennt, dass im Wohnzimmer ein 4K-Fernseher und ein damit verbundenes hochwertiges Soundsystem verfügbar sind, kann ich alle diese Geräte nutzen, auch wenn sie von unterschiedlichen Marken sind.“

In einem aktuellen Interview mit dem Youtuber Marques Brownlee sprach der CEO von Facebook Mark Zuckerberg über Technologien der Zukunft und darüber, wie Augmented Reality den Elektroniksektor revolutionieren kann. Unsere Frage an Ricci: Werden Smartphones, die bislang das Kerngeschäft von Huawei stellen, früher oder später von etwas anderem abgelöst werden? „Mittlerweile ist das Smartphone für uns alle ein zentraler Bestandteil unseres Lebens. Es ist schwer vorstellbar, dass ein vergleichbarer Aggregator verschwinden könnte. Ich denke vielmehr, dass das Smartphone künftig noch wesentlich intelligenter mit anderen Geräten zusammenarbeiten wird und so zu einer Art Terminal werden wird. Es geht also um einen Schub in Richtung Internet of Things. “Das effizienteste Design”, sagt er, „besteht darin, eine Kommunikation elektronischer Geräte untereinander zu ermöglichen, ohne auf eine externe Cloud zurückgreifen zu müssen. Der Fokus von Huawei liegt auf solch vernetzten Geräten: Open Harmony kann auch für Waschmaschinen, Thermostate oder intelligente Beleuchtung eingesetzt werden.“ Dahin geht der Trend, unser Alltag wird immer stärker von Technologie bestimmt werden.

NOI Techpark, ein Botschafter der Innovation

In Italien hat Huawei mit dem NOI Techpark einen starken Partner. „Ich sehe den NOI Techpark als Pool vieler unterschiedlicher Erfahrungen, die an Unternehmen mit ähnlichen Herausforderungen, Talenten und spezifischem Know-how weitergegeben werden.“ Die Teilnahme von Huawei an der SFScon ist auch der Zusammenarbeit mit dem Free Software Lab zu verdanken. In dem experimentellen Labor können Software-Prototypen entwickelt und digitale F&E-Projekte auf den Weg gebracht werden, mit besonderem Fokus auf offene Technologien (Open Standard, Open Data und Free Open Source Software). „NOI ist ein Botschafter: Wie die Vereinten Nationen bringt er Gemeinschaften zusammen, die sonst unter sich blieben – in diesem Fall Unternehmen, Start-ups, Universitäten und Forschungszentren.“

Ein Beruf mit Zukunft

Ein interessantes Thema, über das wir mit Davide Ricci ebenfalls sprachen: den Beruf des Entwicklers, den Hal Varian, Chief Economist von Google, einst in der New York Times als „den sexiesten Beruf des 21. Jahrhunderts” bezeichnete. „Auch hier sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Heute laufen 8 von 10 Geräten mit Open Source Software. Die Arbeit eines Entwicklers besteht immer mehr aus Integration. Er ist ein Experte, der anderen zuarbeitet. Denn heute fügt ein Entwickler einem weit größeren Projekt elegante Code-Zeilen hinzu“, so Ricci.  

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