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No Country for Young Companies
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2019-12-16 2019-12-13 13 Dezember 2019 - Domenico Nunziata
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Italien und die „Start-up-Flucht“: Francesco Inguscio, Gründer von Nuvolab, skizziert ein Land, das sein Potential nicht auszuschöpfen weiß. „Nur Mailand kann sich in Italien ein wahres Ökosystem nennen.“ Und zum NOI Techpark: „Ihr seid dreisprachig. Gibt es bessere Voraussetzungen, Netzwerke aufzubauen?

Der Start-up Incubator https://noi.bz.it/en/services/start-incubator des NOI Techpark hilft Unternehmen, zu wachsen, sich in ein anregendes Ökosystem zu integrieren und gibt ihnen die nötige Entwicklungshilfe. Grundlage für Start-upper ist sicherlich ein gutes Händchen beim Aufbau des eigenen Netzwerks. Zu diesem Zweck gibt es Veranstaltungen wie den Start-up Club. Hier können Unternehmer andere Unternehmer kennenlernen und den Talks verschiedener Player im Bereich technologischer Innovation lauschen. Einer dieser Redner ist Francesco Inguscio https://nuvolab.com/francesco-inguscio/, Gründer von Nuvolab https://nuvolab.com/, mit Abschluss in Finance an der Universität Padova und Master in Innovation Management an der Scuola Superiore Sant'Anna in Pisa. Sein Thema? Disruptive Technologien und die exponentielle Entwicklung der Innovation. Er spricht über 5G, Künstliche Intelligenz, Clouds, ausgefeilte Cybersecurity-Strukturen, Big Data – unterm Strich über Technologien, die die Gesellschaft und unser Zusammenleben in Zukunft maßgeblich verändern werden. Aber welche Rollen spielen dabei die Start-ups? Zu welchen Problemen werden sie Lösungen finden müssen? Und welchen Herausforderungen werden sie sich stellen müssen, um in diesem Game of Thrones der Innovation ein Wörtchen mitzureden?  

Francesco Inguscio, Gründer und CEO von Nuvolab, einem Venture Accelerator für Start-ups. Erklären Sie uns bitte, was das genau ist.

„Wir haben Nuvolab 2011 gegründet. Ein Venture Accelerator hilft innovativen Unternehmen, sich zu etablieren. Das heißt, wir beschleunigen die Entwicklung eines Start-ups und machen daraus innerhalb kürzester Zeit ein vollwertiges Unternehmen. Um das zu erreichen, suchen wir die passenden Investoren und Kunden. Bisher haben wir fast 400 Start-ups unterstützt. Außerdem haben wir bei 14 Unternehmen verschiedenster Bereiche – von Lebensmittel bis Digital – entweder bei der Gründung mitgemischt oder in sie investiert. Das letzte im Bunde ist COP („Chi Odia Paga“), das in der Legal-Tech-Branche angesiedelt ist. Daneben gibt es unseren Innovation Advisor: Damit helfen wir großen Unternehmen in Sachen Innovation auf die Sprünge. Wir arbeiten sowohl mit Corporates als auch mit Körperschaften auf institutioneller Ebene, auch Universitäten und viele andere fallen in dieses Spektrum. Bis ich 2021 40 Kerzen anzünden werde, will ich bei 40 Start-ups sein; aktuell sind es 14, wir reden also von einer exponentiellen Entwicklung.“

Start-ups sind Unternehmen auf der Suche nach einem wiederholbaren und skalierbaren Businessmodell. Wie hilft man ihnen, sich am Markt zu orientieren? Wo beginnt das alles?

„Ein Start-up durchläuft vier Phasen: Discovery, Validation, Efficiency und Scale. Zunächst musst du Probleme finden, die es zu lösen gilt; daraufhin entwickelst du ein Produkt oder einen Service und versuchst herauszufinden, ob es dafür Abnehmer gibt. Ist jemand bereit, für das Produkt oder die Dienstleistung zu bezahlen, befindest du dich in der Validation-Phase. Da aber der Prototyp wahrscheinlich wenig ausgefeilt ist und dein Businessmodell auch nicht auf sicheren Füßen steht, muss die nächste Phase eingeleitet werden: Efficiency. Du musst das Produkt bzw. den Service verbessern, die Art und Weise, Einnahmen zu generieren, optimieren und das Ganze skalierbar machen. Hat das Start-up einmal all diese Phasen durchlaufen, gilt es zu wachsen, also die Scale-Phase einzuläuten".

Ein Start-up muss sich also mit der Welt da draußen, der Realität auseinandersetzen und sich von der Theorie lösen, richtig?

„‘Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen‘, wie man wohl bei X-Factor sagen würde. Man muss verstehen, dass der beste Investor der Markt selbst ist. Immer spricht man von Fundraising, doch eigentlich geht es um ‚making money‘. Solange du Geld nur durch Finanzierungen anhäufst anstatt es am Markt zu verdienen, baust du nur Erwartungen auf. Aber letztendlich muss Umsatz her. Wenn man sich mit selbst verdientem Geld über Wasser hält, entwickelt man eine gewisse Sensibilität für die Bedürfnisse der Kunden. Man dürstet direkt danach, sie zu entdecken. Geld muss mit einem gewissen Verantwortungsbewusstsein gesucht werden, ansonsten handelt es sich nicht mehr um ‚business planning‘, sondern um ‚business guessing‘. Die Hälfte unserer Unternehmen hat sich ohne Fremdkapital entwickelt und beschäftigt mittlerweile 200 Mitarbeiter. Das heißt nicht, dass Fundraising etwas Schlechtes ist. Aber in meinen Augen sind die guten Unternehmen jene, die es schaffen, so lange wie möglich ohne fremde Mittel in ihrem Wachstum voranzukommen.“

Rein vom Grundsatz her entspricht das dem klassischen ‚American Way‘.

„Genau. Halten wir fest, dass in den USA rund 10% der Unternehmen von Investoren finanziert werden. Der Rest schafft es mit Eigenkapital, Banken, Subventionen und Geldern aus ihrem direkten Umfeld. In einem Land wie Italien, wo weniger Geld im Umlauf ist, muss man gut mit – mit Verlaub – unorthodoxen Strategien umgehen können. Andererseits bin ich ein Fan von Corporate Venture Capital, zumal es immer besser ist, wenn ein erfahrener Unternehmer einen Jungunternehmer finanziert. Italien folgt gerade dem Prinzip ‚start-up in Italy, scale-up abroad‘ – also das Ausland anvisieren, wo der Mark größer ist und es besseres Kapital sowie bessere Gesetzeslagen gibt. Und da liegt das Problem: Zur Talentflucht gesellt sich nun eine Start-up-Flucht. Wachsende Start-ups zieht es ins Ausland, wo sie ein ertragreiches Ökosystem vorfinden. Italien ist ein Start-up-, aber kein Scale-up-Land. Du kannst hier gründen, die ersten Schritte tätigen; willst du aber groß werden, musst du weg. Das nötige Umfeld ist in Italien nämlich gerade erst am Entstehen.“

Welche Rolle spielen der Austausch von Know-how und Networking im Ökosystem? Müssen sich die Start-ups untereinander kennen, um wettbewerbsfähiger zu bleiben?

„Sicher. Zunächst muss gesagt werden, dass ein Ökosystem aus ‚Leadern‘ und ‚Feedern‘ besteht. Die Leader sind die Unternehmer, die Feeder sind jene, die die Leader ‚füttern‘, die ihnen Möglichkeiten auftun. Davon gibt es mindestens vier Typen: jene, die dich als Person wachsen lassen; jene, die dir finanziell unter die Arme greifen; jene, die dir unternehmerisch helfen und jene, die dich beim Aufbau des richtigen Umfelds unterstützen, also eine Struktur geben, sei es bezüglich der Infrastruktur oder kulturell, damit man sich in einem zweckerfüllenden Ambiente wiederfindet und wächst. Italien hinkt dem Ganzen ein bisschen hinterher. In diesem Fall ist der Begriff ‚kritische Masse‘ sehr wichtig. Die einzige Stadt, in der momentan genügend ‚kritische Masse‘ vorhanden ist, um als Ökosystem zu gelten, ist Mailand. Nur dort findet man Player ordentlicher Qualität (und das sage ich als Nicht-Mailänder). Die italienische Hauptstadt der Start-ups ist Mailand.“

 

Wie steht es mit Orten wie NOI Techpark? Sind sie für die Schaffung eines Ökosystems förderlich?

„Ich finde es interessant, dass Orte wie dieser sich vertikalisieren, da hier wichtige Komponenten aufeinandertreffen, die miteinander verwoben werden müssen. Außerdem seid ihr dreisprachig – gibt es bessere Voraussetzungen, Netzwerke aufzubauen? Das Potential ist enorm; es müssen Unternehmen von überall hierhergebracht werden, nicht nur die aus der Region.“

In Ihrem Talk im Start-up Incubator haben sie über die exponentielle Entwicklung von Innovation gesprochen. Erläutern Sie das bitte genauer.

„Die exponentiellen technologischen Innovationen sind heutzutage die wichtigsten. Verglichen mit dem, was sie bieten, sinken ihre Kosten beträchtlich. Das eröffnet Szenarien und Anwendungsbereiche, die früher nicht denkbar waren – zumal auch der durchdringende Charakter der Technologie nicht außer Acht gelassen werden darf. Es wird interessant sein, zu beobachten, wer die Potenziale erkennt und sie in einem Businessmodell umsetzen kann. Das kann nämlich nicht jeder: Technisches und wirtschaftliches Talent müssen an einem Punkt zusammenkommen. Teamgeist, die Symbiose komplementärer Fähigkeiten und verschiedener Wissenschaften: Das sind die Herausforderungen. Mich interessieren, welch komplexe Verstrickungen dabei entstehen, die Einfluss auf unzählige Menschen haben werden.“

Sind wir bereit für das Danach der Innovation?

„In Italien zumindest meiner Meinung nach nicht – vor allem aus einem politischen und kulturellen Blickwinkel betrachtet. Man kann Innovation nicht aus dem Weg gehen. Man kann nur entscheiden, ob man sie mitprägt oder über sich ergehen lässt. Wenn man sie nicht mitgestaltet, wird sie dir von jemand anderem aufgezwungen. Der Punkt ist, dass keine Wahl zu treffen, auch eine Wahl ist.“

Wird unsere Zukunft mit 5G, AI, IoT von den Menschen mehr Flexibilität und Ehrgeiz abverlangen?

„Sie wird mehr Neugierde abverlangen. Meiner Meinung nach sollte man nie selbstzufrieden sein, nie aufhören zu lernen. Man muss sich mit Experten vernetzen und wenn man schon kein Know-how hat, dann sollte man sich zumindest Know-who aneignen, also sich mit anderen Menschen vernetzen. Das ist die Stärke des Webs.“

Was kann das Bildungssystem beitragen, um ein wie von Ihnen zuvor erwähntes Ökosystem mitaufzubauen?

„Es muss die richtige Attitüde vermitteln. Es muss auf emotionale, politische und zwischenmenschliche Fähigkeiten gesetzt werden; Durchhaltevermögen, Belastbarkeit, der Wille, über den Tellerrand hinauszusehen und noch vieles mehr müssen gefördert werden. Gute Soft-Skills sind fundamental. Man lernt das notwendigerweise dann, wenn man richtig loslegt. Der Schlüssel sind diese drei Begriffe: Wissen, Können und Sein. Bildungseinrichtungen vermitteln das Wissen; Können erkennt man beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Für das Sein haben wir zum Beispiel an der Bicocca-Universität das Projekt ibicocca.it ins Leben gerufen. Es soll den Teilnehmern beibringen, wie Unternehmer zu denken. Wichtig dabei ist nicht das Unternehmertum, sondern das Unternehmerische, das richtige Mind-Set, das Feuer in den Augen.“

Was wird unsere Gesellschaft aufgrund disruptiver Technologien wohl am meisten durchrütteln?

„Die ‚Jobless Society‘. Wir haben das Lernen verlernt. Um mithalten zu können, benötigen wir Know-how und Know-who. Man muss immer auf dem neusten Stand der Dinge sein. Aber viele Menschen bleiben auf unbrauchbaren Fähigkeiten und altem Wissen sitzen. Wir werden uns eine enorme Wohlfahrts-Kultur aneignen, also genügend Rücklagen für soziale Zwecke haben müssen. Ein sozialer Schlag ins Gesicht, den es zu managen gilt. Was ich damit sagen will: Wir müssen uns voneinander abheben.“

FACT SHEET

Der Start-up Incubator des NOI Techpark gibt innovativen Start-ups Start- und Konsolidierungshilfe. Räumlichkeiten, Services und Networking – alles, was angehende Unternehmen brauchen, finden sie hier. Die Start-ups haben die Möglichkeit, von Anfang an richtig zu starten und in einem Ökosystem mit Gleichgesinnten zu wachsen.

Francesco Inguscio ist der Gründer und CEO von Nuvolab, Venture Accelerator innovativer Unternehmen. Stand heute hat er bei der Entwicklung von 14 Start-ups aktiv mitgewirkt und will bis 2021 diese Zahl auf 40 erhöhen. Nachdem er als Direktor für Business Development in der amerikanischen Filiale von M31 im Silicon Valley tätig war, hilft er heute Start-ups, wiederholbare und skalierbare Businessmodelle zu finden, und führt Unternehmen in die Welt der Innovation ein.

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