5 min read
Neue Einblicke in die menschliche DNA dank einer 400 Jahre alten Gämse
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-09-09 2020-09-09 9 September 2020 - Alexander Ginestous
5 min read
Bild

Ein unter Gletschereis begrabener Tierfund im Ahrntal birgt wertvolle Informationen für die Mumienforschung und revolutioniert die wissenschaftliche Konservierungsforschung

Stellen wir uns eine wunderbare sommerliche Tour in den Bergen vor: die atemberaubende Aussicht auf Südtirols Bergketten, unter den Schuhen knirschen kleine Schottersteine, die Luft ist, fern der bewohnten Zentren, klar und sauber. An all das dürfte der Ahrntaler Bergsteiger Hermann Oberlechner gedacht haben, als er sich die Schuhe schnürte, um eine Bergtour auf 3200 Höhenmeter zu starten. Nicht ahnen konnte er allerdings, dass seine Tour bald für Schlagzeilen sorgen würde – dank seines Fundes einer mumifizierten Gämse, die rund 400 Jahre im ewigen Eis Winterschlaf hielt, bevor sie der schwindende Gletscher freigab.

Eine Entdeckung, die sofort eine Bergungsmaschinerie in Gang setzte, da Oberlechner schnell erkannte, dass es sich um ein besonderes Fundstück handelte: „Das halbe Tier schaute aus dem Schnee heraus. Die Haut war überall wie Leder, ohne Haare. Ich habe sofort ein Foto gemacht und es dem zuständigen Jagdaufseher geschickt. Wir haben dann die Abteilung für Denkmalpflege informiert“, erzählt der Bergsteiger, „dass das Tier aber schon so lange tot ist, hätte ich mir nie vorgestellt.“ Die Landesabteilung entschied dann, die Mumie nach ihrer Bergung mit der wertvollen Hilfe von Alpini-Truppen Eurac Research zu übergeben, wo im Labor für Mumienanalyse im NOI Techpark die entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen vorgenommen werden können.  

Eine revolutionäre Entdeckung

Die Entdeckung dieser natürlichen Mumie bietet die Chance, die Forschung zu solchen “Zeitreisenden” zu revolutionieren. Denn das Alter und der gute Erhaltungszustand des Fundes machen ihn zu einem perfekten Pendant einer menschlichen Mumie und ermöglichen so, neue Erkenntnisse zur Erforschung der DNA zu gewinnen und einen wichtigen Beitrag zur Erarbeitung eines Konservierungsprotokolls für Gletschermumien auf der ganzen Welt zu leisten. „Es ist das erste Mal, dass eine Tiermumie für solche Studien verwendet wird“, unterstreicht Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung von Eurac Research. Die Mumie wird in einer Tiefkühlzelle mit einer Temperatur von -5 C° im Labor aufbewahrt und wird dazu verwendet werden, die Parameter zur Konservierung derartiger Fundstücke weiterzuentwickeln. „In Kürze werden wir eine Arbeitsgruppe gründen, in der Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam festlegen, wie dieses Forschungsprojekt bestmöglich zu den Zielen unseres Institutes beitragen kann. Durch unsere bisherige Forschung kennen wir aus mikrobiologischer Sicht die optimalen physischen und chemischen Bedingungen, um solche Funde zu konservieren. Diese stellen wir im Labor nun auch für die Gämse her, um uns dann auf ihre DNA zu konzentrieren. Konkreter werden wir mit wiederholten und vertiefenden Analysen untersuchen, wie sich unterschiedliche Konservierungsbedingungen auf die DNA auswirken“, erklärt Marco Samadelli, Konservierungsexperte von Eurac Research. 

In Mumienproben ist die DNA oft beschädigt und nur in sehr kleinen Mengen vorhanden. Bei einem neuen Fund wie nun der mumifizierten Gämse stehen Experten vor der Herausforderung, wie man die Mumie am besten untersuchen und konservieren kann, ohne die antike DNA zu zerstören. Da jeder Eingriff unumkehrbare Auswirkungen auf die DNA hat, vermeidet man es, an menschlichen Mumien mit neuen Techniken zu experimentieren.  Eine intakte Tiermumie eignet sich hingegen sehr gut dafür – noch dazu, wenn sie nahezu gleichen Bedingungen ausgesetzt war wie menschliche Gletschermumien, zum Beispiel Ötzi oder das Inkamädchen Juanita. Der zunehmende Gletscherschwund bringt übrigens einen massiven Anstieg solcher Funde von - vielfach natürlichen - Mumien mit sich. Im konkreten Fall war die Gämsen-Mumie von Neuschnee und einer dicken Eisschicht bedeckt, aus der sie mit archäologischen Ausgrabungsinstrumenten befreit wurde. Eine solch chirurgische Präzisionsarbeit verhindert eine Verunreinigung des Fundes und erhält ihre Konservierung. 

Vier Labors mit einem ganzheitlichen Ansatz   

Die Labore zur Mumienforschung wurden vor einem Jahr im NOI Techpark eröffnet und zeichnen sich durch ihre Multidisziplinariät aus: vier Labore, die eng miteinander kooperieren und gemeinsam in einem ganzheitlichen Ansatz an einen Fund herangehen. Im Labor für biologische Anthropologie wird die Vollständigkeit der Knochen und der Erhaltungszustand der Mumien erfasst und Alter, Geschlecht oder Todesursache bestimmt, die essentiell für die darauffolgenden Schritte sind. Im Labor für antike DNA können auf Basis von molekularen Analysen weitere wertvolle Informationen wie die genetische Herkunft oder verwandtschaftliche Beziehungen mit anderen Fundstücken derselben Fundstätte gewonnen werden. Im Labor für moderne DNA werden die Analysemethode noch einmal verfeinert, um noch mehr über die Mumienproben zu erfahren – auch jene von externen Aufraggebern oder Forschungspartnern, die das Institut unter anderem in Sachen spezieller Konservierungstechniken berät. Dieser Disziplin ist schließlich das vierte Labor gewidmet, das mit Museen auf der ganzen Welt zusammenarbeitet.

Teilen
WhatsappWhatsapp