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Nachhaltig und innovativ: Die sanfte Wende in der Bauindustrie
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2020-02-06 2020-02-05 5 Februar 2020 - Domenico Nunziata
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Die Messe Klimahouse 2020 stellt durch Disruptive Technology und die Anwendung innovativer Modelle aus dem klassischen Bauwesen und der Biologie neue Szenarien für die Gesellschaft der Zukunft auf. Auch Start-ups werden nicht außen vorgelassen: Beim Wettbewerb um den Future Hub Award gewann FBP mit einem Luftqualitätssensor für Schulen.

Insektenflügel als Inspiration für Wohnungen; Gebäude, die gänzlich mit einem 3D-Drucker entworfen und gebaut werden; zukunftsorientierte Konstruktionen, die auf ein Material mit großer Vergangenheit setzen: Holz. Das ist nur ein Bruchteil an neuen Technologien, die bei Klimahouse 2020, der internationalen Messe für Energieeffizienz und Gebäudesanierung, präsentiert wurden. Nahezu 36.000 Menschen sind dafür nach Bozen gepilgert, darunter auch Studenten, Forscher und Innovatoren, die sich den Herausforderungen des Bauwesens der Zukunft stellen wollen.

Denn in dieser Ära des globalen Wandels muss auch der traditionsreichste – und materialistischste – Bereich wie das Bauwesen mitziehen. Entschlossen soll dieser Wandel angegangen werden, wenn auch „sanft“ verlaufen. Erstes Ziel: weniger Emissionen. Laut dem Bericht der global Alliance for Buildings and Construction, der auf der COP25 in Madrid vorgestellt wurde, ist der Bausektor allein für 39% der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Außerdem entfallen darauf 36% des weltweiten Energieverbrauchs, 50% des Rohstoffabbaus und ein Drittel des Trinkwasserverbrauchs. Diese Zahlen könnten in den nächsten Jahren drastisch ansteigen, eingedenk des stetig wachsenden Gebäudebestandes, der sich bis 2060 verdoppeln soll. Was muss also passieren?    

Im Zeichen Einsteins

NOI Techpark, Partner von Klimahouse, hat die Herausforderung angenommen und arbeitet in Zusammenarbeit mit Experten von Eurac Research, CasaClima und seiner Community an Innovatoren daran, effizientere und natürliche Bau- und Wohnlösungen zu entwickeln. Nicht umsonst sagte Einstein: „Blicken Sie tief in die Natur und Sie werden alles besser verstehen“ – nach diesem Prinzip funktioniert nämlich das Green Building. Man muss nur an die Arbeit von Achim Menges denken, Gründer und Direktor des Instituts für Computerbasiertes Entwerfen und Baufertigung der Universität Stuttgart, der seine von den Gesetzen der Biomimetik inspirierten Holzpavillons zur Klimahouse 2020 brachte. So wie Leonardo Da Vinci vor 500 Jahren die Anatomie der Vögel erforschte, um seine Flugmaschine zu entwerfen, untersucht Menges heute Insektenflügel, um stabile und effiziente Gebäude zu bauen. Denn Innovation bedeutet auch Vereinfachung. 

Und was könnte einfacher, aber effektiver sein als Holz? Ein Material mit einer großen Vergangenheit, das jetzt wieder in den Fokus rückt. Mit seinen wärmeisolierenden Eigenschaften kann Holz so eingesetzt werden, dass der Energieverbrauch eines Gebäudes beträchtlich reduziert wird und die Wohnqualität steigt. Es ist kein Zufall, dass den Klimahouse Trend 2020 Award mit LenECO ein Unternehmen gewonnen hat, das ein Modul aus unbehandeltem Massivholz entworfen hat, womit zusätzliche Isolierungen und Verkleidungen beim Bau eines Gebäudes obsolet werden.  Dank spezieller Luftkammern, die im Holz integriert sind, lösen sich Kräfte und Spannungen im Inneren der Struktur auf, wodurch die Wärmedämmeigenschaften optimiert und der Einsatz von fossilen Brennstoffen vermieden wird. Auf dem Podium für die Entwicklung und Vermarktung innovativer Produkte im Bereich des nachhaltigen und energieeffizienten Bauens steht auch GKN Sinter Metal. Das Unternehmen hat ein Speichersystem entwickelt, das aus erneuerbaren Quellen gewonnene Energie in Form von Wasserstoff speichert und in Strom und/oder Wärme umwandelt. In diesen Zusammenhang darf Fröling mit seinem Pellet-Brennwertkessel nicht unerwähnt bleiben, der die Produktion von Feinstaub reduziert.

Die Ära Digital

Es ist jedoch ein anderer Trend, der sich im Laufe der Tage als tonangebend herausgestellt hat und die Zukunft wohl am meisten prägen wird: die Digitalisierung. Erst kürzlich haben wir erörtert, wie sich Menschen und Maschinen in die Society 5.0 einfügen werden, einer Gesellschaft, die von Technologie, aber auch einer neuen Form von Humanismus gekennzeichnet sein wird.
Anlässlich der Baumesse kam der Direktor von Fraunhofer Italia, Dominik Matt, auf dieses Konzept zurück und erinnerte daran, dass auch auf einer digitalen Baustelle das Wohlergehen des Menschen im Mittelpunkt stehen muss. Das sind die neuen Fronten des Bauens und Wohnens, wie Benjamin Dillenburger, Professor an der ETH Zürich, mit seinem DFAB-Projekt zeigt: das erste Haus der Welt, das vollkommen digital mit Hilfe von Robotern und 3D-Druckern gebaut wurde

Ebenso bahnbrechend ist Gaia, das von WASP, RiseHouse und dem Architekturbüro Mario Cucinella entwickelt und mit natürlichen und umweltfreundlichen Materialien wie Lehm 3D-gedruckt wurde. Ein neues, nachhaltiges System, das auf Materialien aus der Reisproduktion zurückgreift und sich aus bioklimatischer Sicht als besonders effizient erweist. „Wir haben uns von der Langstielgrabwespe inspirieren lassen und das Heim als ‚Geburtsrecht‘ betrachtet. Aus diesem Grund haben wir ein Haus mit scheinbar billigen Materialien entworfen, bei dem es aber nicht an Ressourcen fehlt. So wird ein Grundbedürfnis der Menschheit befriedigt und gleichzeitig der Planet gerettet“, erklärte Massimo Moretti, CEO von Wasp. Gaia wurde im NOI Techpark im Rahmen des Klimahouse Future Hub Award 2020 vorgestellt, bei dem elf Start-ups um den Titel innovativstes Produkt angetreten sind.

„Es könnte keinen besseren Ort als NOI geben, um einen so wichtigen Preis zu vergeben. Hier arbeiten Forschungseinrichtungen, Start-ups und Unternehmen täglich daran, Neues zu schaffen und die Lebensqualität der Bewohner der ‚Häuser der Zukunft‘ zu verbessern“, erläuterte Hubert Hofer, Director of Services von NOI Techpark. „Diese internationale Zusammenkunft“, fügte der Direktor der KlimaHaus Agentur, Ulrich Santa, hinzu, „ist eine Gelegenheit, mit Fachleuten und den besten Köpfen des Sektors die vielversprechendsten Technologien, Materialien und Trends für Gebäude und Städte von morgen zu vertiefen. Und es gibt viele Vorschläge, die zum Nachdenken anregen: von der Wiederentdeckung des Holzes über die Digitalisierung bis hin zum Smart Home.“

Ein neuer Wind im Klassenzimmer

All dies mit Blick auf das tägliche Leben, das nach pragmatischen und effizienten Antworten verlangt. Und deshalb ist der Gewinner des ersten Preises des Klimahouse Future Hub Award und des Sonderpreises der KlimaHaus Agentur das Start-up Future is Better Place mit „Fybra“. Der Sensor erfasst und analysiert die Luftqualität in Klassenräumen und zeigt an, wenn die Luft zu abgestanden ist. Darauf empfiehlt FBP die ökonomisch effizienteste Lösung des schnellen Luftaustauschs: Fenster öffnen. FBP stellt Schulen nicht nur den Sensor zur Verfügung, sondern bietet auch eine Datenmanagementplattform für didaktische Zwecke an. „Wir sind sehr glücklich, diese beiden Preise gewonnen zu haben. Wir haben zum ersten Mal bei der Klimahouse teilgenommen und mit so positivem Feedback nicht gerechnet. Es war eine großartige Erfahrung, die es uns ermöglicht hat, mit zukünftigen Partnern in Kontakt zu treten und neue Geschäftsmöglichkeiten zu sondieren“, erläuterte Gaetano Lapenta, Geschäftsführer des Start-ups.

Der Publikumspreis ging hingegen an Meo Energy mit ihrem System zur automatischen Steuerung von Energieströmen in Gebäuden – und bestätigte damit, was zuvor gesagt wurde: Die Suche nach effizienten Lösungen für das tägliche Leben ist das beste Mittel, um Innovation für den Alltag zu schaffen. 

FACT SHEET

Klimahouse findet auf dem Gelände der Messe Bozen statt und bringt seit fünfzehn Jahren Fachleute, Unternehmen, Forscher und junge Unternehmen mit Schwerpunkt innovatives und nachhaltiges Bauen zusammen. Klimahouse arbeitet mit der KlimaHaus Agentur, NOI Techpark und anderen Südtiroler Einrichtungen zusammen.

KlimaHaus Agentur ist eine Einrichtung der Autonomen Provinz Bozen und arbeitet in den Bereichen erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. KlimaHaus hat seinen Sitz im NOI Techpark und ist auch für energetische Zertifizierung und die Fortbildungen im Bausektor zuständig.

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