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Maker Space und Kitchen Lab, im NOI Techpark trifft handwerkliches Können auf neue digitale Technologien
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10 Juni 2019 -
Silvia Pagliuca
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Eröffnung Kitchen Lab im NOI Techpark

Ein Tag in den beiden „kreativen Werkstätten“ des NOI Techpark, wo Unternehmen und Maker innovative Ideen testen und umsetzen können. Leitner und Rothoblaas: Hier können wir in kürzester Zeit neue Prototypen entwickeln.“ Chefkoch Mattia Baroni: „Innovation in der Küche? Mit diesem Labor wird das nun viel einfacher.“

 

In der Welt der Start-ups zählen nicht nur die Ideen. Ebenso wichtig ist es, dass diese Ideen auch umgesetzt werden. Dazu braucht es einen gut gefüllten Werkzeugkasten, der sich aus Erkenntnissen und Technologien zusammensetzt. Wie Personaler zu sagen pflegen, brauchen wir auch im Bereich der Innovation Hard Skills und Soft Skills, also berufstypische und fachübergreifende Kompetenzen. Und es ist alles andere als einfach, diese zu verknüpfen. Auch deshalb kommt es nicht immer sofort zu neuen Erfindungen. Vielmehr sind sie das Ergebnis hartnäckiger Versuche und auch des ein oder anderen Misserfolgs. NOI Techpark, der vor eineinhalb Jahren in Bozen eröffnet wurde, setzt genau auf die Kombination von Technologie und wissenschaftlichen Erkenntnissen und lanciert einen regelrechten Hub im Bereich des Protoyping. Dabei handelt es sich nicht allein um eine Werkstatt, einen Coworking Space oder einen Service, sondern vielmehr um alles zusammen, vereint in einer einzigen Struktur.

Kitchen Lab und Maker Space sind eine experimentelle Küche und eine kreative Werkstatt, die sich an jene Unternehmen, Start-ups und Erfinder richten, die in der Lebensmittelbranche und im Handwerk tätig sind. Die Labore wurden großteils mit Mitteln aus dem EFRE-Programm der EU finanziert und von Anfang an vom Südtiroler Bauernbund (SBB), vom Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister (lvh) und vom Handels- und Dienstleistungsverband Südtirol (hds) mitgetragen. Erfindungen bilden die Grundlage jeder Innovation. Erfindungen gibt es aber nur, wenn es Prototypen gibt”, so Giuseppe Salghetti Drioli, Leiter der Kommunikation im NOI Techpark. Denn Modelle sind der Ausgangspunkt jeder Erfolgsgeschichte. Aus diesem Grund haben wir zwei neue Versuchslabore eingerichtet, in denen man Ideen konkrete Form verleihen kann. Hier kann man erfinden, experimentieren, testen und hin und wieder auch scheitern. Aber ohne jemals aufzugeben.”

Wer die Hallen des Maker Space betritt, spürt sie sofort, die Energie, die diese Einrichtung ausstrahlt. Es gibt 3D-Drucker und -Scanner für unterschiedlichste Materialien – egal ob robust oder filigran, weich oder hart, chemieresistent oder für die Lebensmittelproduktion geeignet. Es gibt einen Wasserstrahl-Schneider, eine CNC-Fräse, eine Membranpresse und einen Lasercutter mit einer Leistung von 80 Watt. Damit lassen sich aus Sperrholz, Karton, Stoff oder Plexiglas Figuren ausschneiden, die zuvor am Computer entworfen wurden. Ebenso ist es möglich, Logos, Beschriftungen oder Fotos in verschiedenste Materialien zu gravieren. Geräte der neuesten Generation, die das Additive Manufacturing auf ein ganz neues Niveau heben. Wie, das zeigte jüngst ein Tag der offenen Tür im NOI Techpark: Jede und jeder, egal ob vom Fach oder Laie, konnte sich von der Innovationsfähigkeit der beiden Labore überzeugen und unter Anleitung der spezialisierten Techniker vor Ort Maschinen und Technologien hautnah erleben. 

Maker Space: Leitner und Rothoblaas haben ihn bereits getestet

Und das führt uns wieder zurück zu den Soft Skills, von denen bereits die Rede war. Denn Maker Space umfasst in seinen Services nicht nur die Nutzung der Infrastruktur, sondern liefert auch kompetente Beratung. Es ist wohl kein Zufall, dass die Betriebe bereits Schlange stehen, um die Räumlichkeiten und ihre Möglichkeiten zu nutzen. Besonders interessant sei dabei das so genannte Rapid Prototyping, also das schnelle Bauen von Prototypen, wie Valentin Weiss von Rothoblaas und Alessandro Marazzo von Leitner bestätigen. Rothoblaas hat den Rapid Prototyping-Service des Maker Space bereits genutzt, um ein neues Produkt ins Sortiment aufzunehmen. Am 3D-Drucker wurden Holzschrauben mit Vollgewinde, in unterschiedlichen Dimensionen und mit besonderen Formen geplant und hergestellt, ebenso Anschlüsse und Unterlegscheiben. „Rapid Prototyping verkürzt den Weg von der Idee zur Markteinführung. Damit lassen sich Ideen konkret darstellen und Änderungen leicht vornehmen, indem auf mehrere Modelle zurückgegriffen werden kann”, weiß Valentin Weiss von Rothoblaas aus Erfahrung. „Dass so etwas mit Hilfe der Experten des Technologieparks hier bei uns in Südtirol möglich ist, stellt einen grundlegenden Mehrwert für ein Unternehmen wie das unsere dar. Neue Modelle können schnell und kostengünstig realisiert werden.” Über ähnliche Erfahrungen berichtet Alessandro Marazzo von Leitner. Dank der im Labor verfügbaren 3D-Drucker konnte das Unternehmen prompt auf gleich zwei Defekte in den eigenen Werken von Carpi und im Gadertal reagieren. „Gerade in letzterem Fall hatte der Bruch eines Ritzels zum Stillstand der Anlage geführt. Unsere traditionellen Zulieferer konnten nicht rechtzeitig eingreifen”, so Marazzo. „Mit den im Maker Space verfügbaren Technologien konnten wir sofort ein Ersatzteil herstellen und die Anlage innerhalb eines einzigen Tages wieder in Betrieb nehmen.”

Die beiden Labore wurden von den Südtiroler Interessensverbänden sehr begrüßt. Der Maker Space wird sogar in enger Zusammenarbeit mit dem lvh geführt. Wir möchten den vielen kleinen Südtiroler Betrieben und vor allem den Handwerkern die Möglichkeit bieten, agil und effizient an das Prototyping heranzugehen und damit die Innovationskraft dieses Landes fördern”, betont Walter Weissensteiner, Leiter des Maker Space. Schließlich wurden unter anderem Peter Mitterhofer, der Erfinder der Schreibmaschine, und Max Valier, Pionier der Raumfahrt und der Raketentechnik, in Südtirol geboren - ein Beweis dafür, wie viel Innovationsgeist in der DNA dieses Landes steckt.

Kitchen Lab: Innovation im Lebensmittelsektor dank modernster Technologien

Neben Maker Space ist im NOI Techpark auch Kitchen Lab entstanden, das Innovationen im Lebensmittelbereich ermöglicht. In dieser experimentellen Küche können neue Zubereitungsarten entwickelt und getestet, Ideen geformt sowie Prototypen und gesetzeskonforme, marktfähige Produkte hergestellt werden. Was für ein Labor nicht selbstverständlich ist. „Zwischen 3D-Lebensmitteldruckern und Vakuummixern kann man hier mischen, backen, kochen, trocknen, zentrifugieren und räuchern”, erklärt Ben Schneider, Leiter des Bereichs Food Technologies und Leiter des Kitchen Lab. „Die diversen Verfahren können von den Nutzern entweder autonom oder mit Unterstützung durch unsere Experten durchgeführt werden.” Gleichermaßen wichtig ist das Labor, um die Forschung auf den Gebieten der Bioökonomie, der Lebensmittelabfälle und neuer Produktionstechniken voranzutreiben. Das sind drei Bereiche, in denen die diversen Einrichtungen des NOI Techpark wie etwa die Freie Universität Bozen oder das Versuchszentrum Laimburg seit längerem forschen. Ein Beispiel dafür ist das von IDM Südtirol koordinierte Projekt MATCH!#2, bei dem aus Bierabfällen, Nebenprodukten der Schokoladenherstellung und Orangenresten ganz neue Produkte wie bspw. Geschirr entstehen.

Im Labor lassen sich außerdem Experimente auf dem Gebiet der Fermentation durchführen, wie etwa bei Kombucha. Das Getränk gilt als echtes Lebenselixier. „Wir haben uns von der chinesischen Tradition des Tees inspirieren lassen, diese aber nach einem Südtiroler Konzept neu entwickelt”, erklärt Prof. Matteo Scampicchio von der Freien Universität Bozen. „Deshalb wurden auch Apfelabfälle wie Schalen, Fruchtfleisch und Samen verwendet. Aus den fermentierten Rückständen haben wir Bakterienstämme isoliert, aus denen wiederum reinste Cellulose gewonnen wurde. Diese dient zur Herstellung von Gegenständen und Stoffen.” Nur ein Beispiel für eine Kreislaufwirtschaft, die im Kitchen Lab künftig noch weiter ausgebaut werden soll.

Neben Forschungseinrichtungen und Unternehmen können auch Köche das Labor nutzen, um Innovation am Herd auf ein neues Niveau zu heben. Wie das möglich ist, hat Chefkoch Mattia Baroni vom Restaurant „Bad Schörgau” beim Open Day gezeigt. Baroni hat das Garum, ein von den alten Römern entwickeltes Extrakt, neu interpretiert und zum Protagonisten einer gesundheitsbewussten Küche gemacht – mit weniger Gewürzen, weniger Salz, weniger Fett. „Ich habe mich jahrelang mit Präparaten beschäftigt, die eine lange Fermentation erfordern. In einer Einrichtung wie Kitchen Lab wäre das viel einfacher gewesen”, versichert der Chef. In dieselbe Kerbe schlägt Andreas Loacker, Vizepräsident des gleichnamigen Rittner Waffelherstellers: „Kitchen Lab ist eine ideale Entwicklungsumgebung, um über den Tellerrand hinauszudenken. Hier im NOI Techpark entstehen neue, innovative Ideen und der Mix aus Unternehmen, jungen Talenten und Forschern schafft interessante Synergien und Kooperationsmöglichkeiten.”

Mit der Eröffnung der beiden experimentellen Labore macht NOI Techpark einen weiteren Schritt in Richtung Innovation. Ziel des Technologieparks ist es, die lokalen Unternehmen bei der Entwicklung innovativer Prototypen zu unterstützen und so ihre Wettbewerbsfähigkeit auf hart umworbenen Märkten, aber auch die Südtiroler Wirtschaft zu stärken.

FACT SHEET

Vor eineinhalb Jahren wurde in Bozen der NOI Techpark aus der Taufe gehoben. In kurzer Zeit hat sich die Einrichtung als Innovationszentrum für den gesamten Alpenraum etabliert. Täglich wenden sich international agierende Betriebe an den Technologiepark. Im Lebensmittelbereich sind das Versuchszentrum Laimburg und die Freie Universität Bozen besonders aktiv. Im Labor für Aromen und Metaboliten befasst sich Laimburg mit der Qualität von Lebensmitteln und mit der Gesundheit von Pflanzen. Im NMR-Labor wird hingegen die Herkunft landwirtschaftlicher Produkte kontrolliert und authentifiziert. Im Labor für Lebensmitteltechnologie führt die Freie Universität Bozen Studien zu Extraktionsprozessen durch, im Micro4Food-Labor werden Fermentationsprozesse von Lebensmitteln analysiert, während im Oenolab rund um den Wein und um alkoholische Getränke geforscht wird.

Die Studien werden von bekannten Wissenschaftlern durchgeführt: Marco Gobbetti, meistzitierter Professor auf dem Portal Google Scholar, forscht im NOI Techpark gemeinsam mit Raffaella Di Cagno unter anderem zum menschlichen Darmmikrobiom; Matteo Scampicchio befasst sich mit Extraktionsprozessen und mit deren Umwandlung in Nanomaterialien; Emanuele Boselli ist der Entdecker der sogenannten „Supertannine”. Im Technologiepark sind aber auch noch viele weitere Köpfe mit der Umsetzung von wissenschaftlichen Projekten beschäftigt. Kitchen Lab und Maker Space leisten dazu einen wichtigen Beitrag. 

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