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Lektionen aus Covid-19: Auch das Internet ist keine unbeschränkte Ressource
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2020-11-19 2020-04-27 27 April 2020 - Alessandro Di Stefano
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Obwohl das Netz dem Byte-Ansturm infolge des Lockdowns standhält, hat sich die Diskussion über seine Zukunft intensiviert. Nicht zuletzt mit dem Ruf nach neuen Technologien und digitaler Souveränität.

Die gute Nachricht vorweg: Bislang haben alle Dämme standgehalten. Und das ist eine außerordentlich gute Nachricht, wenn man bedenkt, dass niemand mit einer vergleichbaren Welle in einem derart kurzen Zeitraum rechnen konnte. Nein, hier geht es nicht um Hochwasser, sondern um Gigabyte. Einer Flut, die Stunde um Stunde, Tag für Tag anschwoll, in diesem März 2020, der jetzt schon in die Geschichtsschreibung (und nicht nur in die italienische) eingeht, weil es seit dem zweiten Weltkrieg keine vergleichbaren Einschränkungen der Bevölkerung mehr gab. Ob in häuslicher Isolation oder gar in Quarantäne, um die eigene Familie zu schützen: Die meisten Menschen haben ihre Tätigkeiten ins Netz verlagert, entdecken das Potenzial des Remote Work oder geben sich dem Streaming und Gaming hin. Das Ergebnis ist beeindruckend: Die Zahl der Videoanrufe auf WhatsApp und über Messenger ist um über 100% gestiegen, auf Instagram verbringen die User um 70 Prozent mehr Zeit mit Stories und Fotos (die Live-Chats zu zweit vermitteln den Eindruck eines echten Verabredungs-Marathons in den Social Networks) und für die aktuellste Disney+-Produktion wurden nur in Italien innerhalb von zwei Tagen rund 800.000 Downloads verzeichnet. Kurzum: Wenn Internet ein Mensch wäre, würde man sagen, das Netz stehe auf sicheren Beinen. Gefahr gebannt - hoffentlich. Doch was können wir aus der Erfahrung eines Landes lernen, das tagtäglich viele Terabyte verbrennt? Und vor allem, welche Lücken gilt es, in Zukunft zu stopfen?

Belastungsprobe bestanden – zumindest im März  

Freitag, der 20. Februar 2020 markierte einen Wendepunkt. Auch wenn sich damals angesichts der Nachricht von der ersten Ansteckung in Codogno niemand ausmalen konnte, dass sich nur wenige Wochen später das gesamte Land in Isolation befinden sollte – mit Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit, Strafen von mehreren Tausend Euro für jene, die dennoch herumspazieren, der Schließung aller Schulen auf unbestimmte Zeit und dem Herunterfahren aller nicht „systemrelevanten“ wirtschaftlichen Aktivitäten. Was dagegen nie heruntergefahren wurde, ist das Netz – abgesehen von einem kleinen Schrecken in den ersten Tagen des Lockdowns. Am 11. März wurden bei Tim und anderen Anbietern eine Verlangsamung und Schwankungen in der Verbindung registriert und viele bereiteten sich auf das Schlimmste vor. Bricht jetzt alles zusammen? „Das gesamte Datenvolumen stieg im Festnetzbereich in Folge von Remote Work, der Einrichtung internetgestützter Schulplattformen und von Streaming-Inhalten um fast 100 Prozent, während im Mobilnetzbereich eine Zunahme von 30% verzeichnet wurde”, sagte Tim-CEO Luigi Gubitosi in einem Interview mit dem Corriere della Sera  vom 25. März.

Die Folgen waren unvermeidlich. Laut dem Portal Ookla, das die Auswirkungen des Coronavirus auf die Internet-Geschwindigkeit verfolgt, wurde die Lombardei am stärksten von allen italienischen Regionen von der Wucht des Ansturms im Netz erwischt. Seit dem 2. März sank dort die durchschnittliche Bandbreite unter 60 Mbit/s pro Nutzer (vor dem Ausbruch der Pandemie lag der Wert über den 70 Mbit/s der Vorkrisenzeit). Auch dieser Wert ist jedoch weit entfernt von der Schwelle von 100 Megabit/Sekunde, also der idealen Geschwindigkeit für ein schnelles Navigieren. In Italien verfügt bisher weniger als jeder vierte Haushalt (24%) über ein Ultrabreitband. Im europäischen Durchschnitt liegt dieser Wert dagegen bereits bei 60%. Zahlen, die Handlungsbedarf aufzeigen, sobald die Krise überwunden ist – zumindest sofern nicht nur für den Notfall, sondern auch für das tägliche Leben in eine funktionierende Infrastruktur investiert werden soll.

Netzpendler zwischen Zentrum und Peripherie

Italiens Rückstand und die Defizite bei der Netzgeschwindigkeit sollten insbesondere mit Investitionen in Grundlagentechnologien aufgeholt werden.  Allen voran in 5G. Die Regierung selbst hat sofort Schritte gesetzt und von den Betreibern von Telco eine Beschleunigung des Netzausbaus gefordert. Sieht man einmal von der Polemik über das Risiko ab, damit zu stark in die Abhängigkeit von Peking zu geraten (wir kommen noch auf das Thema digitale Souveränität zurück), würde die nächste Netzgeneration nicht nur dem Mobilsektor einen Sprung nach vorne erlauben. Eine breite Anwendung dieser Technologie würde bekanntlich den Aufbau sogenannter Smart Cities ermöglichen, Sicherheit in der Telemedizin gewährleisten oder neue Lösungen in der Logistik eröffnen.  „Um dies zu erreichen”, erklärte Mirella Liuzzi, Staatssekretärin im Industrieministerium, „muss es uns ein für alle Mal gelingen, die chronische digitale Kluft zu schließen, die bis heute immer noch zahlreiche Industriegebiete des Landes vom Ultrabreitband abschneidet.” Vor dem Ausbruch der Pandemie war dieser Unterschied zwischen Stadt und ländlichen Gemeinden auch im Alltag der vielen Pendler spürbar, die auf dem Weg zu Arbeit mit ihren Heimatgemeinden auch das digitale Hinterland hinter sich ließen –  um dann in größeren Gemeinden und Städten in ein weit schnelleres Internet einzusteigen. Mit anderen Worten: Die digitale Kluft besteht nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen Zentrum und Peripherie. 

Ganz Italien zu Hause

In den vergangenen Wochen haben zig Millionen Menschen den Großteil ihrer Zeit online verbracht, um zu arbeiten, an Calls teilzunehmen (viele wussten vorher nicht einmal, was das ist), Web-Aperitifs mit Freunden auf WhatsApp zu veranstalten oder sich TV-Serien reinzuziehen. Ein ähnliches Szenario zeigt sich im Rest der Welt, wo für 2020 ein Datenverkehr von 254 Exabyte im Monat erwartet wurde, das wären 25% mehr als 2019 und das doppelte Volumen wie noch 2017. Doch leider wurde diese Schätzung von Cisco erarbeitet, bevor ein Virus alles auf den Kopf stellte. Denn derzeit werden rund um den Globus nie dagewesene Rekorde im Datenverkehr aufgestellt. Die Netzautobahnen sind mit Millionen zirkulierender Daten überfüllt, ohne dass es bisher zu einem Crash kam, das Netz hält stand. Wie Massimo Carboni, Leiter der Infrastrukturabteilung des italienischen Bildungs- und Forschungsnetzes GARR am 20. März erklärte: „Aufgrund des Zugriffs von Schülern und Studenten auf Unterrichtsvideos und Online-Inhalte ist der Upload-Traffic in der vergangenen Woche gegenüber dem Jahresdurchschnitt um 60% gestiegen.“ Wenn Millionen von Menschen zu Hause bleiben, gilt das auch für Jugendliche aller Altersklassen und Ausbildungswege. Doch das Netz von GARR hielt dem Ansturm stand, „weil unser Angebot noch größer ist als die Nachfrage unserer Nutzer”. Ein Grund mehr, das Potenzial der Infrastrukturen von privaten Nutzern zu beleuchten – in einem Umfeld, in der auch in der digitalen Welt die Mauern und Grenzen hochgezogen werden könnten.

Zeit für digitale Souveränität?

Zoom ist eines der interessantesten Fallbeispiele dieser Wochen. Die Plattform für Videokonferenzen geriet aufgrund von Mängeln bezüglich Privacy in die Kritik (wie es scheint, können sich auch Nicht-Geladene in Konferenzen einklinken und so eventuell an sensible Informationen kommen). Grund dafür ist, wie Zoom auch zugab, dass bei dem System keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verwendet wird. Der Unternehmer Elon Musk und die NASA haben ihren Angestellten daraufhin sofort verboten, die Plattform für Remote Work zu nutzen. „Verwendet Mail und das Telefon”, heißt es in einem Mail an die Belegschaft SpaceX, das von Reuters veröffentlicht wurde. Dabei erlebt Zoom einen Höhenflug, auch in Italien – ob als Arbeitsinstrument oder digitale Freizeitplattform, die es erlaubt, trotz Social Distancing Freunde zu treffen. Doch die Grundsatzfrage lautet: Stützen wir uns zu sehr auf ausländische Technologien und Werkzeuge, allen voran aus den USA? Und sollten wir nicht besser nationale und europäische Dienstleistungen entwickeln, auf die wir uns in Notfällen ähnlich wie auf Goldreserven stützen können?  Einer der ersten EU-Staaten, der sich in diese Richtung bewegt, ist Deutschland. Bereits im vergangenen Jahre wurde in einer Studie, die von der Regierung Merkel in Auftrag gegeben worden war, dringend dazu geraten, sich von Software und anderen IT-Produkten von US-Firmen (allen voran Microsoft) unabhängiger zu machen. Überlegungen, die kaum nur vor dem Hintergrund des Zollstreits zwischen Europa und Donald Trump zu sehen sind. Vielmehr könnte eine digitale Souveränität Europas, mit einem einheitlichen Regelwerk, gemeinsam genutzten Technologien und einem gleichberechtigten Zugang zu ultraschnellem Internet eine gute Basis für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau des Alten Kontinents sein.

 

Think local – auch bei der Datennutzung

Aufgrund des dezidierten politischen Drucks – die Europäische Kommission hatte die Gefahr einer Netzüberlastung vom ersten Moment an ernst genommen – erklärten sich Marktführer im Bereich Streaming und Tech wie YouTube oder Netflix bereit, die Bit-Raten ihrer Videos zu drosseln, um dank geringerer Auflösung übermäßigen oder in Zeiten wie diesen auch verschwenderischen Datenkonsum zu vermeiden. Das Netz mag zwar standgehalten haben, aber gleichzeitig führt uns die Corona-Krise vor Augen, dass es keine unbeschränkte Ressource ist. Wir sollten es vielmehr ähnlich wie Wasser sehen und es entsprechend sorgsam nutzen. In diesem Sinne kann die Reduzierung der Downloadgeschwindigkeiten und der Videoqualität durch Facebook, Instagram, Amazon Prime oder Sony auch als Drosselung des Wasserhahns gesehen werden. Nicht nur diese Riesen des Internetbusiness, sondern jeder einzelne kann in seinem täglichen Verhalten ebenfalls einen Beitrag leisten, indem er den eigenen Konsum bewusster steuert und einschränkt. Sinnvoll wäre es beispielsweise, das Netz vorzugsweise für Arbeitszwecke, statt vor allem für Unterhaltung zu nutzen. Ein weiterer Ratschlag, der vom Consiglio Nazionale Ingegneri kommt, ist auch im Homeoffice zunehmend lokal zu denken – und Daten auf die lokale Festplatte herunterzuladen oder einen oder mehrere italienische Cloudanbieter für Datenspeicherung und -austausch sowie die Kommunikation zu nutzen.

 

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