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Künstliche Intelligenz: Wie gut ist sie wirklich?
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2019-07-04 2019-05-30 30 Mai 2019 - Gabriele Crepaz
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Die Superintelligenz wird kommen, sagen Forscher beim Workshop "Computer Science Research Meets Business" an der Freien Universität Bozen. Wie Unternehmen den Anschluss finden? Das hängt von den Fragen ab, die wir stellen müssen

So weit sind wir. Ein selbstfahrendes Auto biegt an der Ampel rechts ab. Es zögert. Zwei Frauen machen ihm die Entscheidung schwer. Wollen sie die Straße überqueren? Reden Sie nur zufällig genau an dieser Ecke miteinander? Das Auto zögert. Fährt an. Hält. Fährt an. Bremst. Fährt. Die Frauen sprechen ungerührt weiter.

Das Auto hat lange gebraucht, aber: es hat richtig entschieden. Sagen wir: Es hat die richtige Antwort gefunden. Auf welche Frage noch mal?

„Die Superintelligenz werden wir in den nächsten Jahren nicht haben, aber irgendwann wird es sie geben. Wir sehen da keine Limits“, prophezeit Gerhard Friedrich. Der Professor für Informatik und Dekan der Fakultät für Technische Wissenschaften an der Universität Klagenfurt zählt zu den Pionieren der KI-Forschung in Europa. Anfang Mai sprach er in der Freien Universität Bozen vor Unternehmern und Wissenschaftlern über den Status quo und die Zukunft von Künstlicher Intelligenz. „Habe ich Sie erschreckt?“, fragt er im Interview. 

Was kann KI? Was brauchen Unternehmen? Wir müssen reden

Ein bisschen, gebe ich zu. Und schaue mich verstohlen um. Die Unternehmer im Hörsaal zeigen nicht, was in ihnen vorgeht. „Es sind enorm viele gekommen, mehr als sonst“, sagt Johann Gamper, Prorektor für Forschung an der Freien Universität Bozen. Zwei Mal im Jahr organisiert er – gemeinsam mit dem Unternehmerverband Südtirol – den Workshop „Computer Science Research Meets Business“, das Treffen ist die elfte Auflage. Wissen und praktische Anwendung begegnen sich hier nahtlos, wenn Fragen und Antworten Pingpong spielen. An der Freien Universität Bozen ist man darin schon geübt. Die Uni-Labors für unternehmensrelevante Forschung  sind im NOI Techpark angesiedelt, dort, wo Innovation im Teamwork entsteht zwischen Forschern, Studierenden und Unternehmen. 

Nun also Künstliche Intelligenz. Wir müssen uns damit beschäftigen. Wollen wir es? Nicht sicher. Ich zähle die Frauen. Zwei, mit mir, vielleicht drei, wenn ich eine übersehen habe. Das Thema ist männlich. „Wir brauchen mehr Frauen in der IT, dringend“, sagt auch Gerhard Friedrich. „Wir müssen Mädchen für die Technologie begeistern.“ 

Bleiben wir bei den Fragen, die leichter zu lösen sind. Und die jeden Unternehmer heute umtreiben: Was kann Künstliche Intelligenz? Was nicht? Was wird sie in nächster Zukunft können? Was bringt sie für mein Geschäft?    

Fakt ist: Mit Deep Learning kommen die Maschinen den Menschen näher

Im Workshop kommen die Referenten schnell zum Punkt. Deep Learning ist das Geheimnis, das die Computer Schritt für Schritt Denk- und Handlungsmuster besser erkennen, bewerten und darstellen lässt. Das maschinelle Lernen in neuronalen Netzwerken funktioniert in spezifischen Anwendungen erstaunlich gut. „Es gibt sehr gute Erfolge in maschinellem Sehen, in Spracherkennung, maschineller Übersetzung, im Lernen aus Erfahrung, im automatisierten Schlussfolgern“, sagt Gerhard Friedrich. 

Wir erleben es selber jeden Tag: Google weiß mehr über uns als wir selber, Siri antwortet uns immer öfter, die Navigationssysteme führen uns nur noch selten in die Irre, dass wir uns mit der Hand am Lenkrad fortbewegen, ist ein Auslaufmodell. „Die ersten selbstfahrenden Autos sind bereits in Rente, wir sind schon in der dritten Generation“, verrät Mario Herger, Trendforscher und Gründer des Beratungsunternehmens Enterprise Garage Consultancy. Er lebt seit 2001 im Silicon Valley. Eine andere Welt. Roboter liefern dort die Pizza aus und patroullieren als Parkplatzwächter, gleich 62 Unternehmen schicken ihre autonom fahrenden Autos zum Test durch die Straßen. Hergers Erfahrung mit selbstfahrenden Autos: „Sie haben kein Problem, Objekte zu erkennen. Jetzt wird daran gearbeitet, die Absicht der anderen Verkehrsteilnehmer vorherzuahnen.“ 

Wie Unternehmen am Ball bleiben? Innovation muss Chefsache sein

Den Unternehmerinnen und Unternehmern raten die Experten: Machen Sie Innovation zur Chefsache, lernen Sie Basiskenntnisse über KI, identifizieren Sie Probleme in Ihrem Unternehmen, die mit KI gelöst werden können. Suchen Sie die Zusammenarbeit mit einer Universität, um die neuesten technologischen Entwicklungen zu testen und entwickeln Sie Prototypen, bevor Sie eine Technologie implementieren. Vor allem: Überwinden Sie die Scheu vor der Technologie. 

Die Entwicklung ist schnell. Schneller als noch vor ein paar Jahren. „KI eröffnet uns als Gesellschaft wahnsinnige Möglichkeiten“, sagt Gerhard Friedrich, „sie wird unsere Forschung beschleunigen, sie wird unser Leben einfacher und sicherer machen, wir werden länger und besser leben. Die Möglichkeiten sind nahezu endlos!“

Der nächste Schritt: Kollegiale Systemteams

Er ist keiner, der sich aufplustern muss mit wüsten Szenarien. 30 Jahre lang schon gehört die Künstliche Intelligenz zu seinem Leben. Mit Erfolgen und Rückschlägen. So sagt er von sich, „ich habe einige Hypes mitgemacht." Als Student in der Logikvorlesung an der Universität Wien hat ihn das Thema gepackt. Damals ging es darum, wie man Wissen spezifiziert, automatisch Schlüsse ziehen und Neues ableiten kann. Eine zentrale Frage der Künstlichen Intelligenz. „Das hat mir in der Informatik die größte Vision gegeben“, sagt er heute.   

Es sind die 1980er Jahre, Siemens braucht Leute wie Friedrich. In Wien will man ein wissensbasiertes Expertensystem bauen, das Prozesse automatisch diagnostiziert. Es gelingt, das System revolutioniert die Automatisierung des Engineerings des gesamten Siemens-Konzerns. Nach einem Forschungsaufenthalt am Stanford Research Institute kehrt Gerhard Friedrich zu Siemens zurück. 1993 bis 1998 baut er die Abteilung für Forschung und Entwicklung auf, entwickelt mit seinem Team Diagnosesysteme, die zum Modell für Anwendungen von Oracle, SAP, IBM avancieren. 

Siemens ist Friedrich bis heute verbunden. In einzelnen Forschungsaufträgen kombiniert er Theorie und Praxis. Lösungen für „richtig harte Probleme“, das interessiert ihn. „Im Wesentlichen geht es darum, wie man große Fabriken optimiert, wie man Computersystemen beibringt, dass sie wie der Mensch Faustregeln entwickeln, um komplexe Probleme zu lösen.“ Gemeint ist: auf Knopfdruck. Gleichzeitig liebäugelt Friedrich schon mit der nächsten Stufe: „Wie organisiere ich Maschinen, dass sie als autonome Systeme gemeinsam optimale Ziele erreichen.“ Als Team gewissermaßen.

Die Prognose: „Irgendwann werden die Maschinen uns austricksen. Wir können nur nicht sagen, wird es in 30 Jahren sein oder in hundert“

Mit jedem Erfolg definieren die Forscher die Intelligenz von Maschinen neu. Die Richtung ist klar: Maschinen werden Menschen immer ähnlicher, „das Omega der Künstlichen Intelligenz“, nennt es Gerhard Friedrich. Sie sollen wie Menschen denken, wie Menschen handeln. „Irgendwann werden die Maschinen die menschliche Intelligenz austricksen“, ist Friedrich überzeugt, „wir können nur nicht sagen, wird es in 30 Jahren sein oder in hundert“. 

Was uns aufwühlt, ist für die Forscher logische Konsequenz. Mario Herger sagt lässig: „Wenn mit Intelligenz gemeint ist, dass ein Roboter in ein beliebiges Haus geht, dort die Küche findet und dann Kaffee macht, sind wir noch weit entfernt.“ Wo es im Moment hakt: die enorme Rechenleistung und die elektrische Energie, die dafür fehlt. Vielleicht haben wir auch den richtigen Ansatz noch nicht gefunden. So formuliert nüchtern Diego Calvanese, einer der Top-Informatiker an der Universität Bozen: „Was für Menschen einfach ist und was für Maschinen einfach ist, sind zwei verschiedene Dinge.“

Wer wird wen unter Kontrolle haben? Oder: Fragen sind oft die besseren Antworten

Dafür funktioniert der Mensch zu gut. „Erstaunlich gut“, sagt Friedrich. Den Maschinen fehlt die Erfahrung der menschlichen Evolution. Das Weltbild des Menschen ist in Jahrmillionen geschärft worden. Computer füttern wir erst seit kurzem mit Daten.  

Was uns retten wird? Die menschliche Intuition, sagt Gerhard Friedrich. Dass wir Fragen stellen können und der Computer nicht, meint Mario Herger: „Das könnte der einzige Grund sein, warum wir existieren.“ Dass wir die Kontrolle nicht aus der Hand geben, sagen alle. 

Am Ende wird entscheidend sein, wer die Fragen stellt. Schauplatz Silicon Valley. Straßenkreuzung. Steht ein Auto an der Ampel und will rechts abbiegen. Die Frage, die wir dem Computer mitgeben: Wie muss das Auto fahren, dass es niemanden umbringt? 

Ergo? Es dürfen uns die Fragen nicht ausgehen.

FACT SHEET

Wie Wissenschaftler in Südtirol KI erforschen 

Künstliche Intelligenz ist heute ein Synonym für Innovation. In den 30 Labors des NOI Techpark in Bozen setzen Forscher der Freien Universität Bozen, von Fraunhofer ItaliaEURAC ResearchVersuchszentrum Laimburg und Klimahaus-Agentur die neue Technologie gezielt zur Beantwortung spezifischer Forschungsfragen ein. Neue Wege zur angestrebten Superintelligenz sucht die Fakultät für Informatik der Freien Universität Bozen, die zu den 150 besten der Welt zählt. Nächster Schritt: 2022 wird die Fakultät für Ingenieurwesen im NOI-Techpark angesiedelt werden. Der Auftrag der neuen Fakultät ist bereits definiert: Erforschung von Automation, Robotik, Deep Learning und künstlicher Intelligenz. 

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