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Wenn Teilen zur Gefahr wird: Wie Corona die Sharing Economy ins Wanken bringt
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2020-05-18 2020-05-15 15 Mai 2020 - Erica Ferro
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Die Sharing Economy gehört zu den direkten Opfern der aktuellen Krise. Doch die Befürchtung, ein bewährtes Modell zu verlieren, könnte zu ihrer Erholung beitragen. Vor allem im Bereich Mobilität hofft man dabei sogar auf neue Marktchancen

Wer nimmt angesichts des neuen Paradigmas der sozialen Distanzierung noch unbeschwert sein Smartphone aus der Tasche, um das nächste verfügbare Auto im Viertel ausfindig zu machen und unerschrocken damit los zu starten? Wer übernachtet noch vertrauensvoll in Wohnungen nie zuvor gesehener Menschen, um ein Wochenende in der Stadt seiner Träume zu verbringen? Oder anders gefragt: Was nur soll in dieser vom Coronavirus erschütterten Welt aus der Sharing Economy und ihrem Mantra des Teilens werden? Für die nächsten 12 bis 24 Monate ist eine Antwort darauf äußerst schwierig. Sicher ist: Unternehmen, die sich der „Wirtschaft des Teilens” verschrieben haben, befinden sich derzeit in einer dramatischen Situation und haben eine unsichere Zukunft vor sich. „Auf kurze Sicht sind die Auswirkungen auf die Sharing Economy B2C, also Business zu Endverbraucher, erheblich. Ein Einbruch der Nachfrage ist unvermeidlich, und es gilt erst einmal zu verstehen, wer ausreichend breite Schultern hat, um zu überleben”, sagt Christian Lechner, Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Bozen.  Doch es gibt auch Meinungen, laut denen sich der Kultur des Teilens nach Überwindung der sanitären Krise ganz neue Spielfelder eröffnen werden – zum Beispiel in der Mobilität. „Eine künftige Wiederinanspruchnahme solcher Dienstleistungen könnte Teil eines größeren Wandels in Richtung Nachhaltigkeit sein“, stellt Roberto Cavaliere, Experte für digitale Technologien im NOI Techpark, in Aussicht.

Sozialer Tsunami

Außer Zweifel steht, dass Covid-19 derzeit wie ein Tsunami über Aushängeschilder der Sharing Economy fegt. Laut dem Beratungsunternehmen Zinnov haben Unternehmen wie Uber, das mit einer Vermittlungs-App für private Autofahrten Angebot und Nachfrage zusammenbringt, oder Lyft, einer seiner wichtigsten Konkurrenten, in Folge des Corona-Lockdown und des darniederliegenden Verkehrs 60 Prozent ihres Marktwerts verloren.  Dies hat nicht zuletzt zur Folge, dass Uber eben den Abbau von 14% seiner 3700 Mitarbeiter angekündigt hat, wie die Agentur Bloomberg berichtet; Lyft hat bereits 1000 Menschen entlassen. Ähnlich sieht es bei Airbnb aus, der Gesellschaft, die ein weltweites Netzwerk von sieben Millionen Immobilienbesitzern geschaffen hat, die für befristete Zeiträume Zimmer oder Wohnungen vermieten: Angesichts eines paralysierten Reisemarkts werden auch hier ein Viertel der Angestellten gekündigt: Wir reden von 1900 Menschen, die das Unternehmen verlassen müssen. Fast noch schlimmer sieht die Lage bei WeWork aus, einem US-Unternehmen, das weltweit Co-Working-Flächen vermietet. Denn dort schlägt nicht nur die Angst vor sozialer Nähe, sondern auch der generelle Verlust von Arbeitsplätzen und die abrupte Transformation der Arbeitsorganisation zu Buche. Die Folge? Unmengen leerstehender Räume und Open-Space-Flächen, die zumindest eine Zeit lang den Entwicklungsraum in unseren Städten blockieren oder zu weiteren Umwidmungsarealen werden.

Von Rezession zu Rezession

„Airbnb wurde während einer Rezession gegründet”, ruft Lechner in Erinnerung, „denn damals gab es auf der einen Seite Menschen, die Geld brauchten und daher bereit waren, ihre Wohnung oder Teile davon zu vermieten, und anderseits jene, die eine günstige Alternative zu Hotels suchten.” Auch jetzt steht uns wieder eine Rezession bevor, doch mit dem Coronavirus hat sich das Blatt gewendet. Ein klassischer Fall von Verlustaversion. Oder, um die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman zu zitieren, von kognitiven Verzerrungen. „Die Grundannahme der Verlustaversion, der loss-avoidance-bias, ist, dass Menschen sehr unterschiedlich auf positive und negative Veränderungen reagieren”, erklärt Professor Lechner. Etwas zu verlieren, würde demnach weit höher gewichtet, als dasselbe zu gewinnen. Mit anderen Worten: Der Mensch orientiert sich in seinem Verhalten stärker daran, was er verlieren, denn was er gewinnen könnte. Als Airbnb seinen Aufstieg begann, hatten die Menschen wenig zu verlieren. Nun dagegen ist die Verlustaversion ziemlich hoch. „Wir befinden uns zwar wieder in einer Rezession, aber Gesundheit und Sicherheit werden nun anders bewertet. Und das Coronavirus lässt uns nicht um die Frage herumkommen: Werden wir immer noch bereit sein, das Haus eines Fremden zu nutzen, ohne zu wissen, wer dort vor uns geschlafen hat?“

Dem fügt der Wirtschaftsprofessor noch eine weitere Überlegung hinzu, die zum Ausgangspunkt zurückführt: „Die Sharing Economy ist deshalb krisenanfällig, weil sie auf einem Wirtschaftsmodell beruht, das nur mit einer großen Zahl von Nutzern und Nutzungen funktionieren kann.“ Das erklärt laut Lechner auch, warum rein private Bikesharing-Anbieter fast überall gescheitert sind und in vielen Städten die öffentliche Hand einspringen musste.

Mobilitäts-Szenarien

Dabei könnte sich gerade auf dem Gebiet der Mobilität die Zukunft des Teilens entscheiden. Zumindest mittel- bis langfristig gibt es hoffnungsvolle Szenarien. Zum Beispiel mit der Annahme, dass das Teilen eines Scooters oder Fahrrads angesichts der Notwendigkeit sozialer Distanzierung und der Angst vor Ansteckungen bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel wieder gefragter werden wird.  Auch die Möglichkeit, den Innenraum eines Autos vor jeder Nutzung perfekt zu desinfizieren, könnte schließlich eine Rückkehr zum Carsharing einleiten.

„Derzeit zeichnen sich zwei Szenarien ab“, sagt Cavaliere, „entweder es wird, zumindest vorübergehend, eine massive Rückkehr zum privaten Auto geben, oder die Menschen werden beginnen, auf neue Formen der Mobilität zurückgreifen.“ Das Coronavirus könnte demnach ein starker Stimulus für die Bevölkerung sein, sich nachhaltiger fortzubewegen, vor allem wenn es dafür entsprechende Anreize gäbe. „Wenn in Zukunft wieder auf Carsharing-Angebote zurückgegriffen wird, weil die Menschen darin einen Mehrwert gegenüber dem Besitz eines Autos sehen, wäre das Teil eines positiven Wandels.“ Dabei könnte Südtirol eine entscheidende Rolle spielen, unterstreicht Cavaliere. „Bislang gibt es neben Bikesharing in den größten Städten und dem Carsharing-Angebot des Landes noch keine nennenswerten Dienstleistungen, die auf einer Kultur des Teilens beruhen, obwohl es ein starkes Bewusstsein für eine nachhaltige Mobilität gibt. Ich denke deswegen, dass wir hier die Gunst der Stunde nutzen sollten, um sich bereits abzeichnende innovative Lösungen zu beschleunigen: Diesbezüglich gibt es die Absicht, Mobilität als Dienstleistung anzubieten und Sharing-Angebote zu entwickeln. In einer Ausnahmesituation wie dieser, in der der öffentliche Nahverkehr nicht mehr das Rückgrat des Verkehrssystems ist, könnte Südtirol Vorreiter einer Entwicklung sein, der auch andere Regionen folgen.“

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