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Io & Tech: eine Lektion in Sachen Technologie
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2020-10-15 2020-10-14 14 Oktober 2020 - Alessandro Di Stefano
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Der Soziologe Massimiano Bucchi befasst sich in seinem neuen Buch mit dem „Onlife“ und unseren Internet-Gewohnheiten. Wie gut kennen wir uns tatsächlich im Internet aus und was wissen wir über Algorithmen? Wir haben uns mit dem Autor unterhalten.

„Non c’è rosa tecnologica senza spine.“ (Keine [technologische] Rose ohne Dornen.) Dieses Zitat beschreibt das neueste Werk des Soziologen Massimiano Bucchi wohl am besten. Das populärwissenschaftliche Buch Io & Tech (herausgegeben von Bompiani) befasst sich mit dem Internet, Sozialen Netzwerken, Online-Plattformen und vielem mehr und regt den Leser dazu an, unser aller Gewohnheiten in Bezug auf Technologien kritisch zu hinterfragen. Dabei werden unter anderem auch technische Aspekte beleuchtet. Bucchi wirft in seinem Buch Fragen in den Raum, etwa, ob Technologie tatsächlich neutral ist und ob wir auf die Sicherheit unserer persönlichen Daten achten, wenn wir Inhalte in den sozialen Medien posten. „Die Technologie ist eine Umgebung mit fließenden Grenzen und wir befinden uns mittendrin“, erklärt Bucchi. „Sie ist für uns alltäglich und selbstverständlich. Außerdem verändern Kommunikationstechnologien - vom Telegrafen bis hin zu WhatsApp - unsere Wahrnehmung der Zeit. Mittlerweile gilt nämlich alles, was nicht ‚instant‘ ist, als veraltet.“ Mit einer Mischung aus Lektionen, praktischen Übungen und lustigen Dialogen zwischen Algorithmen und Apps stellt Io & Tech den technologischen Fortschritt jedoch nicht an den Pranger. „Wir dürfen vor der Technologie nicht zurückscheuen“, so der Autor. „Wir müssen uns nur eingehender damit befassen.“

Massimiano Bucchi, ordentlicher Professor für Wissenschaftssoziologie sowie Kommunikation, Wissenschaft und Technik an der Universität Trient und Gastprofessor an diversen Universitäten in Asien, Europa, Nordamerika und Ozeanien, stellte sein Buch im NOI Techpark vor. Bei der Buchpräsentation ging der Soziologe auf mehrere Thematiken des Buches ein und stimmte das Publikum auf die Veranstaltung mit einem Denkanstoß darüber ein, wie die Technologie uns verändert hat und weiterhin unser Leben beeinflusst. „Bei der Einführung des Internets haben wir einen fundamentalen Fehler gemacht: Wir haben es wie ein neues Fernsehgerät behandelt und sind davon ausgegangen, dass wir es genauso wie den Fernseher zuerst entwickeln und dann reglementieren könnten. Zwischen den beiden Medien besteht jedoch ein entscheidender Unterschied: Nur wenige Menschen verbringen ihr Leben im Fernsehen.“ Auch der Philosoph Luciano Floridi, der in Bucchis Buch mehrmals zitiert wird, ist der Auffassung, dass wir alle „onlife“ und in einer Umgebung leben, die alles andere als neutral ist.

Narziss blickt auf das Wasser und verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild“, so der Autor in seinem Buch. „Dabei vergisst er aber, dass dieses Spiegelbild nichts anderes ist als eine Projektion seiner selbst. Genau so ergeht es uns mit Technologien wie den Sozialen Medien: Wir vergessen, dass es sich dabei lediglich um ein Produkt unserer (meist unbewussten) Entscheidungen und der (meist bewussten) Entscheidungen anderer handelt. Wir verwenden diese Technologien, ohne groß darüber nachzudenken. Sie sind für uns so selbstverständlich wie fließendes Wasser und wir hinterfragen dabei nicht einmal, warum das so ist.“ Aus diesem Grund enthält Bucchis Buch neben den kurzen Lektionen auch Übungen am Smartphone und paradoxe Dialoge zwischen einer gewöhnlichen Person und einer Person, die wie ein Algorithmus denkt und spricht. Hier ein Beispiel: Stellt euch vor, der Buchhändler eures Vertrauens verwandelt sich plötzlich in Amazon in Menschengestalt. Der Autor stellt sich das Gespräch folgendermaßen vor (ein Auszug): „Ich empfehle Ihnen das Buch ‚Die griechischen Philosophen von Thales bis Aristoteles‘ / Ist es gut? Haben Sie es gelesen? / Ich persönlich nicht, aber viele unserer Kunden haben es gekauft. Zum Beispiel Ciccio77. Soll ich Ihnen seine Rezension vorlesen? / Wie bitte? Die Rezension von Ciccio77? Nein, danke. Mir reicht Ihre Empfehlung aus.“

Warum würde uns ein derartiges Gespräch mit einer Person suspekt vorkommen, während Millionen von Menschen tagtäglich online eine vergleichbare Unterhaltung mit Algorithmen führen, ohne sich darüber zu wundern? Bucchi hat die folgende Erklärung dafür: „Diese Technologien täuschen uns vor, steuerbar zu sein. Sie vermitteln uns den Eindruck, dass wir die Zügel in der Hand haben und eine freie Wahl treffen können. Aber wie viele Konsumenten wählen das Betriebssystem ihres PCs tatsächlich frei aus und wie viele Jugendliche entscheiden sich aus technischen Gründen für WhatsApp und nicht deshalb, um nichts zu verpassen? Solange nur ein Gerät wie unser Smartphone so mit uns umspringt, stört uns das nicht. Wenn jedoch eine Person genauso mit uns umgehen würde wie Google Maps oder der Algorithmus von Amazon, würden wir uns sehr darüber wundern.“ Das Problem ist, dass wir keine Alternative zur Technologie haben. „Man muss jedoch wissen, wie man ihre Vorteile optimal nutzen kann.“

Wie der CEO von Microsoft Satya Nadella bereits verkündet hat, hat die schwierige Zeit während der Pandemie und des Lockdowns, unter denen die ganze Welt und auch Italien litten, die Digitalisierung beschleunigt. Digitale Technologien haben in unserem Alltag, vom Fernunterricht bis hin zum Homeoffice, an Bedeutung gewonnen. „Wir haben miterlebt, wie zwei Jahre an digitalen Neuerungen in nur zwei Monaten umgesetzt wurden“, so Nadella inmitten der Gesundheitskrise, als Millionen von italienischen Bürgern aufgrund der Ausgangssperre ihr Haus nicht verlassen durften. Laut aktuellen Statistiken besitzen schätzungsweise 5,9 Milliarden Menschen ein Mobiltelefon, wobei es sich bei 70 % der sich im Umlauf befindenden mobilen Geräte um Smartphones handelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen ihre Geräte mit Bedacht verwenden, auch wenn sie ein derart wichtiger Bestandteil ihres Alltags sind. „Man darf Benutzerfreundlichkeit nicht mit Bewusstsein verwechseln. Auch ein zweijähriges Kind kann lernen, wie man ein Tablet bedient. Aber zu begreifen, was man mit diesem Gerät tut und welche Konsequenzen das eigene Handeln online haben kann, ist wesentlich schwieriger. Fast jeder verwendet WhatsApp, als ob es nur eine einfache Messaging-App wäre. Dabei gehört auch WhatsApp zu den Sozialen Medien. Und es wird gerne vergessen, dass alle Inhalte, die man einer anderen Person sendet, auch weitergeleitet, gepostet und geändert werden können. Das Verständnis für die Technologie verläuft durch mehrere Stufen des Bewusstmachens und Bewusstseins.“

Genau dieses Bewusstsein muss bei jeder Gelegenheit gefördert werden. Aus diesem Grund spricht sich der Soziologe für Technologieparks wie NOI aus. „In Italien hat die wissenschaftliche Kommunikation eine lange Tradition. Im Gegensatz dazu bleibt in Sachen Kommunikation und Bewusstseinsbildung in der Technologie noch einiges zu tun.“ Innovationszentren, die als Dreh- und Angelpunkt für Unternehmen, Universitäten, Start-ups und Bürger dienen, bieten eine wertvolle Plattform für den Technologietransfer und vieles mehr. „Man hört häufig, dass wir noch mehr Technologien benötigen. Ich glaube jedoch, dass wir eher an unserer Technologiekultur arbeiten müssen. Nur durch sie können wir begreifen, welche Vorteile die Technologie uns bietet und wo ihre Grenzen liegen: Sie wird beispielsweise nicht all unsere Probleme lösen können. Die Technologie bietet Lösungsansätze für einige Herausforderungen, schafft gleichzeitig aber neue. Das ist unvermeidbar.“

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