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„Willkommen in der Ära der neuen Globalisierung“
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2020-04-21 2020-04-21 21 April 2020 - Elmar Burchia
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Die Pandemie, die soziale Krise und unsere sich schnell wandelnde Welt. Roland Benedikter, Forscher von Eurac Research, sagt dazu: „Nein zum Isolationismus. Wir brauchen ein neues Bretton-Woods-Abkommen, um mit einer nachhaltigen Wirtschaft durchzustarten.“

Was folgt nach der Krise? Eine Prognose ist in der aktuellen Situation äußerst schwierig. Die Krise ist noch nicht überstanden, aber die Coronavirus-Pandemie hat unsere Gewohnheiten bereits jetzt stark verändert. Man bedenke, dass vier Milliarden Menschen, d. h. die Hälfte der Weltbevölkerung, dazu aufgerufen wurden, zu Hause zu bleiben, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Neben den negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft, die äußerst schwerwiegend ausfallen können, und der Tatsache, dass die Globalisierung an einem Scheideweg steht, beschäftigen uns auch andere, noch tiefgreifendere Ängste. Wir haben uns mit dem Co-Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac Research Bozen, Roland Benedikter, unterhalten, der sich auf die multidisziplinäre Politikanalyse, die Globalisierung und Foresight & Technology spezialisiert hat. Er spricht über die aktuelle Krise und darüber, wie sie die Globalisierung, zumindest in ihrer derzeitigen Form, verändert hat. 

Herr Benedikter, könnte man sagen, dass wir gerade das Ende der uns bekannten Welt erleben?

„Nein, das ist nicht das Ende der Welt. Das ist auch nicht das Ende der Globalisierung. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir nach der Krise die Globalisierung in ihrer bisherigen Form überdenken werden.“

Könnten Sie diesen Gedanken weiter ausführen? 

„Das ist keine neue Überlegung. Über eine ‚Verbesserung‘ der Globalisierung wurde vielerorts bereits vor dem Gesundheitsnotstand gesprochen. Aufgrund der Unsicherheiten auf internationaler Ebene hat sich in beinahe allen Demokratien zunehmend die Vorstellung einer Renationalisierung, eines politischen Protektionismus verbreitet. Es wurde über die Auflösung internationaler Abkommen debattiert und Umweltschutzbewegungen wie ‚Fridays for Future‘ erhielten immer mehr Auftrieb. Die Globalisierung steckte bereits vor Covid-19 in einer Krise. Man überlegte schon seit einiger Zeit, wie die Globalisierung ‚verändert‘, wie die Welt „reglobalisiert“ werden kann.“ 

Also ist die Krise der Globalisierung nun vollkommen eskaliert? 

„Die Pandemie und die soziale Krise werden die Erneuerungsprozesse lediglich beschleunigen und verstärken. Es liegt an uns, das gesamte System zu überdenken: Wir müssen allmählich ausgeglichenere, rationalere und kontextualere Prozesse einführen.“ 

Das bedeutet also, dass wir lokaler einkaufen und mehr Wert auf die kleinen Geschäfte um die Ecke und die regionalen Produkte legen werden? 

„Mit Sicherheit. Dieser Trend zeichnet sich in den westlichen Ländern nun schon seit einiger Zeit ab und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Er betrifft nicht nur die Produktion, sondern auch die Investitionen, die – wie man im Fachjargon sagt – zumindest teilweise „re-shored“ werden; das heißt, es wird wieder mehr lokal investiert. Der Grund dafür ist das Bedürfnis nach Sicherheit. Wir empfinden alles aus unserer unmittelbaren Umgebung als sicherer, auch wenn es manchmal kostspieliger ist. Das ist eine absolut positive Entwicklung, stärkt sie doch die lokale Wirtschaft. Außerdem unterstützt sie die Konzepte, die vom ‚System Südtirol‘ seit jeher in den Mittelpunkt gestellt werden.“

Glauben Sie, dass es sich große und kleine Unternehmen in Zukunft noch besser überlegen werden, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern? 

„Davon bin ich überzeugt. Wir Europäer fühlten uns vor dieser Pandemie beinahe unverwundbar. Covid-19 hat uns aber eines Besseren belehrt. In Europa wurden einige entscheidende Bereiche wie das Gesundheitswesen, der Zivilschutz, das Militär, aber auch das Patentwesen und die Urheberrechte vernachlässigt, und nun bezahlen wir den Preis dafür. Ich sehe trotz allem Chancen, auch für hochgradig globalisierte Gesellschaften und für Start-ups. Als Beispiel fallen mir einige Textilhersteller in Vorarlberg (Österreich) ein: Sie haben ihre Produktion auf die Herstellung von Atemschutzmasken umgestellt, um ihre Werke nicht schließen zu müssen. Bisher wurden Atemschutzmasken nämlich ausschließlich aus China bezogen. Die Schaffung neuer Produktions-Ökosysteme stellt eine Chance für Europa dar (auch in wirtschaftlicher Hinsicht), die Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung haben wird.“

Roland Benedikter

Kann man die „Corona Economy“ auch als nutzbringendes Experiment betrachten?

„Genau genommen lag die Veränderung schon in der Luft. Sie wurde außerdem bereits 2014 von Ian Goldin ‚prophezeit‘. Der Direktor der Oxford 21st Century Martin School benannte das Phänomen damals mit ‚Butterfly Effect‘ (Schmetterlingseffekt). Die Theorie besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings ein Unwetter auf der anderen Seite der Welt auslösen kann. Die Geschehen, die China Anfang dieses Jahres durchlebt hat, haben uns in Europa nur wenige Wochen später erreicht. Die Globalisierung bringt nicht nur Chancen und Vorteile mit sich, sie erhöht auch das Gesamtrisiko für die gesamte Weltbevölkerung.“ 

Welchen Weg sollten wir in Ihren Augen nach der Krise einschlagen?

„Meiner Meinung nach haben wir zwei Möglichkeiten: den Isolationismus, wie wir ihn nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebt haben, oder ein System, in dem jedes Land nur mehr für seine eigenen Interessen einsteht. Dadurch riskieren wir aber einen Wirtschaftsabschwung. Es gibt jedoch noch eine dritte Möglichkeit, die für das Überleben von Europa entscheidend ist: Ein Abkommen wie das Bretton-Woods-Abkommen, das nach Ende des Zweiten Weltkriegs unterzeichnet wurde. Dieses regelte die Handels- und Finanzbeziehungen zwischen den wichtigsten Industriestaaten und sein Ziel war eine stärker regulierende Kooperation, die sich mit zunehmendem Wirtschaftsaustausch positiv auf die Wirtschaft auswirken sollte.“ 

Remote Work, E-Learning und Fernstudium wurden für Millionen von Menschen zwangsläufig innerhalb von wenigen Tagen zum Alltag. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft nach dem Coronavirus vollständig digitalisiert sein wird?

„Nein, das glaube ich nicht. Die zwei am stärksten von der Krise betroffenen Bereiche sind der Tourismus und das Universitätswesen. Beide Bereiche sind hochgradig globalisiert und sie werden die Auswirkungen der Krise am stärksten spüren. Wir haben gesehen, dass im Tourismus, in der akademischen, aber auch in der schulischen Ausbildung der direkte Kontakt mit Menschen unerlässlich ist und nicht vollständig durch den virtuellen Austausch ersetzt werden kann. Ich glaube, dass wird den persönlichen Kontakt mit unseren Mitmenschen nach der Krise noch mehr schätzen werden – wahrscheinlich auch im wirtschaftlichen Kontext.“

Inwiefern hat Sie die Krise persönlich verändert?

„Durch die Krise haben sich meine Ansichten in Sachen sozialer Hierarchie geändert. In solchen Zeiten hinterfragt man oft seine Werte. Ich habe, wie auch viele andere Mitbürger, bestimmte Berufsgruppen wieder schätzen gelernt, die vor der Krise oft als selbstverständlich angesehen wurden, wie Krankenpfleger, Supermarktmitarbeiter, Apotheker und die Ordnungskräfte. Für mich sind diese Menschen Helden. Sie machen ihre Arbeit, auch wenn sie oft unterbezahlt oder für die Verantwortung, die sie tragen, nicht angemessen entlohnt werden."

Durch den Gesundheitsnotstand ist die Debatte um den Fachkräftemangel erneut aufgeflammt. Was ist Ihre Meinung dazu?

„Ich glaube, dass wir sowohl Fachkräfte, die spezifische Probleme eingehend beleuchten können, als auch Personen, die sich nicht auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisiert haben, benötigen. Ich vertraue darauf, dass in Europa in nächster Zukunft neue Think Tanks entstehen werden, die sich mit Lösungen für die Zukunft beschäftigen und dem Beispiel des Future of Humanity Institute der Universität Oxford folgen werden. Wir benötigen interdisziplinäre Forschungszentren, die als Dreh- und Angelpunkt für Forschungsarbeiten zu den wichtigen globalen Fragestellungen, den großen Fragen der Menschheit und den Risiken fungieren. Für diese Art von Forschung benötigen wir Mathematiker, Philosophen und Wissenschaftler, aber auch Generalisten bzw. Personen, die nicht über bestimmte Spezialisierungen verfügen.“

Veränderungen bringen immer neue Chancen mit sich. Gilt das auch für Südtirol?

„Ja, das gilt natürlich auch für Südtirol. Ich denke dabei an die soziale und nachhaltige Marktwirtschaft und an den Braindrain, der vor allem junge Fachkräfte betrifft und von dem ich hoffe, dass er abnimmt. Ich sehe auch Chancen für die Wiederentdeckung lokaler Produkte und Unternehmen und für Start-ups. Wir sollten die Situation auch für Veränderungen in der Medizin, der Forschung und der Risikovermeidung nutzen, denn nicht nur Viren stellen eine Gefahr für uns dar. Der technologische Fortschritt schreitet mit rasanter Geschwindigkeit voran. Wenn man beispielsweise an die Experimente zur direkten Verknüpfung des menschlichen Gehirns mit dem Gehirn von Tieren oder der künstlichen Intelligenz denkt, muss man davon ausgehen, dass diese Technologie auch Risiken birgt. Risiken, die uns nicht bekannt sind, auf die wir nicht vorbereitet sind, die aber untersucht werden. Ich sehe vor allem in diesem Bereich und in den Nischenbereichen Südtirols großes Potenzial.“

Das Interview wurde in italienischer Sprache geführt

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