17 min read
„Leute, das wird ein schlechter Film, werft das Drehbuch weg…“
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-11-19 2020-04-10 10 April 2020 - Gabriele Crepaz
17 min read
Bild

Interview mit Gabriele Fischer, Chefredakteurin von brand eins: "Wenn mir jemand vor Jahrzehnten ein Drehbuch in die Hand gedrückt hätte, in dem die aktuellen Folgen von Digitalisierung und Globalisierung beschrieben worden wären, außerdem noch „Fridays for Future“ und Corona, hätte ich gesagt: Leute, das wird ein schlechter Film, werft das Drehbuch weg. Aber heute ist das unsere Wirklichkeit. Wenn der Lockdown endet, wird viel Geld in die Wirtschaft gepumpt werden, und alle hoffen, die alten Strukturen wieder herstellen zu können. Das ist ja der Plan. Ich könnte mir nur vorstellen, dass es nicht gelingt, und das wäre nicht das Schlechteste."

Bozen, 2. April, Woche vier der Ausgangssperre. Ich interviewe Gabriele Fischer, Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins brand eins in Hamburg. Doch am Schirm ist sie es dann, die die erste Frage stellt: „Wie geht’s denn in Südtirol?“ Von Mensch zu Mensch, so wie es die Blattlinie von brand eins ist. Besonders jetzt, wo wir uns höchstens digital bewegen und sonst festsitzen. Daheim und in der Wirtschaft. Doch Gabriele Fischer ist krisentrainiert. Sieben Jahre lang stand ihr Magazin immer wieder vor dem Aus. Corona macht ihr nicht Angst, sagt sie. Nein? Und wenn wir darüber sprechen, warum die Digitalisierung uns rettet, aber nicht die Lösung ist? Wie groß die Welt jetzt ist und was Klimaschutz nun bedeutet? Wie wir Mitarbeitern und Kunden zeigen, dass wir an die Zukunft glauben? Und warum wir endlich wieder Freunde sehen müssen?

Frau Fischer, gerade ist die April-Ausgabe von brand eins erschienen. Schwerpunkt: Investieren. Was macht Sie so sicher, dass Investieren jetzt das Richtige ist?

Gabriele Fischer: Wir haben das Heft vor Corona geplant. Und als die Krise da war, haben wir hin- und herüberlegt, ob wir etwas ändern sollen – unsere Antwort war: nein. Denn in dieser Ausgabe wollen wir zeigen, dass Investieren eine Wette auf die Zukunft ist, dass nur investiert, wer an eine Zukunft glaubt – und diese Haltung wird nach Corona noch wichtiger. Denn nach dem Lockdown werden wir mehr für unsere Zukunft tun müssen. Nicht nur, um alles wiederaufzubauen, sondern auch um die Konsequenz aus dem zu ziehen, was wir während des Stillstands gesehen und gelernt haben. Wie können zum Beispiel neue Lieferketten aussehen, brauchen wir neue Produkte, eine neue Art des Konsums? Eines der Themen im Heft ist übrigens auch: Was investiere ich in mich selbst? Jetzt, da wir zu Hause sitzen, haben wir Zeit, darüber nachzudenken – sofern wir nicht in irgendwelchen Videokonferenzen hängen... 

Ich frage zur Sicherheit nach: also nicht sparen?

Selbstverständlich ist es gut, in solchen Zeiten über Reserven zu verfügen. Und auch wer Geld zurücklegt, um sich irgendwann einen großen Traum zu erfüllen, glaubt an die Zukunft. Die Grundidee dieses Heftes ist: Wer – was auch immer – investiert, will, dass etwas besser wird. Anders als diejenigen, die sagen: Lass um Himmels willen alles so bleiben, wie es ist. Aber gerade die aktuelle Pandemie zeigt uns deutlich, dass diese Hoffnung trügerisch ist.  

„Nach dem Lockdown werden wir mehr für unsere Zukunft tun müssen. Nicht nur, um alles wiederaufzubauen, sondern auch um die Konsequenz aus dem zu ziehen, was wir während des Stillstands gesehen und gelernt haben.“

Wer investiert, hat Vertrauen in die Zukunft. Aber wie soll man planen, wenn man überhaupt nicht weiß, was sein wird? 

Das weiß ich auch nicht, aber das heißt nicht, dass wir deswegen aufhören sollten, uns eine Zukunft vorzustellen und dafür etwas zu tun. Deshalb führen wir dieses Gespräch, deshalb mache ich mit meinem Team weiterhin Hefte, deshalb überlegen wir uns, wie wir auch angesichts eines nahezu zusammengebrochenen Anzeigenumsatzes überleben können. Wir haben zum Beispiel vor zwei Jahren brandeins-Safari gegründet, eine Tochter, die sehr erfolgreich Peer-Group-Workshops anbietet. Das geht in Zeiten des Kontaktverbots nicht mehr, aber die Idee ist nach wie vor richtig – also überlegen wir nun, wie Angebote jetzt in der Corona-Krise aussehen können. Das tun im Moment viele Unternehmer, mit denen wir Kontakt haben. Sie fragen sich, ob sie noch die richtigen Produkte anbieten, ob sie Lieferketten verändern und Schwerpunkte verschieben sollten. Ein wichtiges Thema für die Wirtschaft ist zudem: Was können wir für Mitarbeiter tun, die nun plötzlich als systemrelevant erkannt wurden? Solche grundlegenden Fragen sind in Zeiten der Hochkonjunktur, in denen es nur darauf ankam, alles noch schneller, noch digitaler, noch effizienter zu machen, vernachlässigt worden. Jetzt sollten wir Antworten darauf suchen.

Also Investitionen in Mitarbeiter, Produkte und Logistik. Was ist mit dem Marketing?

Bei dieser Frage bin ich Partei.

Ohne Werbung geht Ihrem Magazin das Geld aus.

Aus Sicht der Magazinmacherin muss ich sagen: Ja, bitte, werbt! Was im Moment aber niemand tut. Und ich verstehe das. Aus diesem Grund schlagen wir unseren Anzeigenkunden eine Alternative vor. Sie können Abos für ihre Kunden oder Geschäftspartner kaufen. Auch das eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Wir denken auch darüber nach, wie wir denen, die sich durchaus an ihre Kunden wenden wollen, aber nicht genau wissen wie, passgenaue Angebote machen können. Jeder Unternehmer muss sich in der aktuellen Situation überlegen, wie er den Kontakt zu Kunden halten, wie er deutlich machen kann, dass er an eine Zukunft glaubt, die besser werden kann als die Gegenwart.

„Jeder Unternehmer muss sich in der aktuellen Situation überlegen, wie er den Kontakt zu Kunden halten, wie er deutlich machen kann, dass er an eine Zukunft glaubt, die besser werden kann als die Gegenwart.“

Was ist der größte Fehler, den ein Unternehmer in der Krise machen kann?

Den Mut zu verlieren, sich von dem Gefühl überwältigen zu lassen, dass sowieso alles gelaufen sei. Was nicht heißt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt, weil beispielsweise das Geld knapp wird. Wir haben das Thema Geldsorgen als Firma in allen Variationen erlebt, die ersten zehn Jahre waren im Grunde eine einzige Geldsorge. Im Vergleich dazu geht es uns jetzt gar nicht so schlecht. Was wir gelernt haben: Besser als aufzugeben ist es, nachzudenken, was man besser machen kann.  

Klingt gut, aber in Deutschland schickt eine halbe Million Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit, bei uns in Italien rechnet man mit 100 Milliarden Euro Verlust jeden Monat. Angst ist kein guter Ratgeber. Wie kann man cool bleiben?

Kurzarbeit ist kein Ausdruck von Angst, sondern eine Methode, um die Krisenkurve flach zu halten und zu überleben. Das hat die Finanzkrise von 2008 gezeigt. Wir haben als Verlag auch Kurzarbeit angemeldet, damit die Anzeigenausfälle uns nicht in kürzester Zeit ruinieren. Und ich sehe das tatsächlich als eine Investition in die Zukunft. Jedes Unternehmen, das Kurzarbeit anmeldet, bringt damit zum Ausdruck: Wir glauben an die Zukunft, denn sonst würden wir Mitarbeiter entlassen. Das haben wir auch bei uns in der Firma so besprochen. Wir geben alles, damit wir niemanden verlieren und mit allen durch diese Krise kommen. Alle Kollegen tragen diese Entscheidung und die notwendigen Einschnitte mit.

Sie wirken sehr gelassen. Spiegelt das die Stimmung in Deutschland wider?

Ich glaube, das ist sehr unterschiedlich. Auf meinem Weg zum Supermarkt gehe ich durch eine Straße mit vielen kleinen Geschäften. Die sind alle geschlossen, und hinter jeder Tür spüre ich Trauer. Und dann denke ich, Mensch, hoffentlich habt ihr ein bisschen was zurückgelegt, und hoffentlich helfen die 25.000 Euro Soforthilfe, die es für jeden Kleinbetrieb in Deutschland maximal geben kann. Aber ohne Zweifel: Da gibt es sehr viel Angst und sehr viel Schmerz. Auch der Mittelstand leidet. Und die Konzerne haben zwar den direkteren Draht zur Regierung und damit auch zu finanzieller Unterstützung – aber zum Beispiel die Automobilindustrie hatte schon vor Corona jede Menge Probleme, die sicher nicht kleiner geworden sind. Vielleicht hilft der erzwungene Stillstand dabei, sich neu zu sortieren. Für mich ist das Schwierigste im Moment, dass wir alle im Team allein zu Hause sitzen. Früher, wenn die Zeiten schwierig waren, waren wir zusammen im Unternehmen. Dann können die Kollegen sehen, dass man trotzdem lacht. Und wenn jemand traurig aussieht, kann man auf ihn oder sie zugehen. Jetzt sehen wir uns nur noch per Videokonferenz. Corona hat die Menschen voneinander entfernt, und es ist anstrengend, diese Distanz zu überwinden.

„Früher, wenn die Zeiten schwierig waren, waren wir zusammen im Unternehmen. Jetzt sehen wir uns nur noch per Videokonferenz. Corona hat die Menschen voneinander entfernt, und es ist anstrengend, diese Distanz zu überwinden.“

Sie sagen, ich will sehen, wie es den Mitarbeitern geht, dann kann ich auch spüren, was eventuell zu tun ist. Wie motivieren Sie sie jetzt?

Wir haben jeden Morgen eine Redaktionskonferenz, online, es gibt viel Austausch, viel konzentriertes Arbeiten, aber es fehlt unendlich viel Emotion. Ich kann Ihnen also nicht sagen, ob es mir gelingt. Wir erleben gerade die Grenzen der Digitalisierung. Wir schätzen zurzeit, dass wir uns dank der Technik über physische Grenzen hinweg austauschen können. Aber Nähe? Liefert sie nicht.

Trotzdem, ohne Digitalisierung wären wir komplett abgeschnitten. Es würde überhaupt nichts funktionieren. Wie wird sich das auf unsere Arbeitswelt auswirken? Dauerhaft?

Was ich jetzt sage, ist das Gefühl in der dritten Woche Abgeschiedenheit: Ich denke, wir werden wieder schätzen lernen, was es bedeutet, sich zu sehen, und zwar nicht nur per Kamera, sondern wirklich. Andererseits wissen wir jetzt, was die digitalen Mittel leisten können. Vielleicht überlegen wir uns also in Zukunft, ob wir wirklich von Hamburg nach München fahren müssen, zu einer Podiumsdiskussion, wo man nur zehn Minuten zu Wort kommt, oder ob man sich einfach zuschalten lässt. Ich nehme solche Termine übrigens schon seit zwei Jahren nicht mehr wahr. Aus meiner Sicht gibt es jetzt eine Ernüchterung, darüber, dass die Digitalisierung uns eine Menge Hilfsmittel gibt, uns aber nicht das Leben ersetzt. Ich würde sagen: Diese Ernüchterung ist positiv.

Was ja nicht schlecht wäre. 

Was wunderbar wäre! Digitalisierung kann nicht alle Probleme lösen. Aber dieser Meinung war ich schon vor der Krise. Allerdings: Wenn mir jemand vor Jahrzehnten ein Drehbuch in die Hand gedrückt hätte, in dem die aktuellen Folgen von Digitalisierung und Globalisierung beschrieben worden wären, außerdem noch „Fridays for Future“ und Corona, hätte ich gesagt: Leute, das wird ein schlechter Film, werft das Drehbuch weg. Aber heute ist das unsere Wirklichkeit. 

„Aus meiner Sicht gibt es jetzt eine Ernüchterung, darüber, dass die Digitalisierung uns eine Menge Hilfsmittel gibt, uns aber nicht das Leben ersetzt. Ich würde sagen: Diese Ernüchterung ist positiv.“

Das Gute: Menschen machen sich nun Gedanken darüber, welche Jobs wirklich einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen und welche nicht. Was denken Sie? Werden Unternehmen, die nicht sinnstiftend sind, künftig die Mitarbeiter weglaufen?

Na, ja, dazu müsste es Alternativen geben. Und das wird in nächster Zeit extrem schwierig werden. Tatsächlich hat die Suche nach dem Sinn schon vor Corona begonnen, und ich glaube, dass sie zunehmen wird. Wir haben zum Beispiel einen Autor, der sich bei uns erst einmal abgemeldet hat, weil er als Freiwilliger beim Roten Kreuz in der Corona-Krise hilft. Es ist dieses Gefühl, gebraucht zu werden. Das merkt man jetzt auch im Supermarkt. Die meisten sind jetzt freundlich zu den Kassiererinnen, und das war nicht immer so:  Ich habe während des Studiums an einer Supermarkt-Kasse gejobbt, es ist schon erstaunlich, was man da erlebt. Vielleicht also werden wir diese Sinnsuche radikaler diskutieren, gleichzeitig mache ich mir nichts vor: Wenn der Lockdown endet, wird viel Geld in die Wirtschaft gepumpt werden, und alle hoffen, die alten Strukturen wieder herstellen zu können. Das ist ja der Plan. Ich könnte mir nur vorstellen, dass es nicht gelingt, und das wäre nicht das Schlechteste. 

Eben. Sie stehen als Person mit brand eins für Veränderung. Das Magazin sucht Ideen für eine neue Wirtschaft. Sie schreiben nun im Editorial, wir sollen lernen für eine Zukunft, „die vielleicht besser wird, als wir denken". Woran denken Sie dabei?

Das bezog sich unter anderem auf ein Interview zum Prinzip der Gewinnmaximierung, das unserer Wirtschaft nicht nur genützt hat. Um dieses Prinzip zu wahren, sind Mitarbeiter schlechter bezahlt worden, wurde der Umweltschutz vernachlässigt, nur um Kosten zu sparen.

So haben wir bisher Globalisierung verstanden...

Ich bin eine große Freundin der Globalisierung. Ich glaube, wir bewahren diese Welt nur, wenn wir zusammenarbeiten. Aber zusammenarbeiten bedeutet eben nicht, die Grenzen hochzuziehen, wenn es schwierig wird. Sondern es bedeutet, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Einen Corona-Impfstoff bekommen wir nur, wenn die besten Wissenschaftler der ganzen Welt zusammen daran forschen, was ja glücklicherweise passiert. Auch wenn wir nicht alle gleich denken und handeln: Wir sind eine Welt. Und es darf uns nicht egal sein, wenn Menschen in armen Ländern leiden. Und wir sollten uns freuen, wenn sie Wege finden, um nach vorne zu kommen. Also: nichts gegen Globalisierung, aber viel dagegen, dass Globalisierung immer mehr ein Kostenreduktionsprogramm geworden ist, auf Kosten der Menschen und auf Kosten der Umwelt. Wir schreiben seit 20 Jahren in brand eins, dass du Gewinn machen kannst, obwohl du gut zu deinen Mitarbeitern bist, ein gutes Produkt für deine Kunden machst und gut mit deinen Ressourcen umgehst. Das ist unser Konzept. Oft sind wir dafür belächelt worden, vielleicht sieht man jetzt, dass wir gar nicht so falsch liegen.

„Ich bin eine große Freundin der Globalisierung. Ich glaube, wir bewahren diese Welt nur, wenn wir zusammenarbeiten. Aber zusammenarbeiten bedeutet eben nicht, die Grenzen hochzuziehen, wenn es schwierig wird.“

Genau diese Globalisierung aber hat uns dieses Virus eingebrockt. Wie werden wir uns künftig bewegen? Werden wir uns isolieren oder werden wir einen Weg finden, um in die globalisierte Welt zurückzukehren?

Als wir mit brand eins angefangen haben, war eines unserer Postulate: Die Industriegesellschaft ist die Ära des Entweder-Oder und wir gehen in eine Zeit des Sowohl-als-Auch. Ich merke in ganz vielen Debatten, dass das bis heute nicht angekommen ist. Wir denken noch immer in Entweder-Oder. Aber möglicherweise gibt uns genau dieses Virus die Gelegenheit, zurückzukehren zu einer Marktwirtschaft, in der auch kleine Player eine Chance haben und zu einer Globalisierung, die möglichst vielen Menschen nützt.

Im Moment leben wir in einer Blase aus Solidarität und sozialer Verantwortung. Welcher dieser Werte hat das Zeug, auf Dauer das Primat des Wachstums abzulösen? 

Ich sehe Wachstum nicht so negativ. Wachstum ist grundsätzlich nicht schlimm. Bildung, Energieversorgung, Mobilität, Gesundheit – da hätte ich gern viel mehr davon. Wir haben Wachstum zu lange nur verstanden als das zweite Auto, den 13. Pullover oder mehr Rendite. Das ist nicht das, was ich unter Wachstum verstehe. Nehmen Sie den Hackathon, #WirvsVirus, wo Menschen an ihrem Heimcomputer 1500 Ideen entwickelt haben, die gegen die gesellschaftlichen Auswirkungen von Corona wirken sollen. Keine Ahnung, was dabei herauskommt, aber es ist ein Anfang: Wir müssen noch viel mehr Strukturen schaffen, in denen es Spaß macht, Probleme zu lösen. Deshalb: Lasst uns schauen, was nicht funktioniert hat, aber lasst uns nicht die gesamte Wirtschaft verteufeln.

„Wir müssen uns noch viel mehr Strukturen überlegen, in denen es Spaß macht, Probleme zu lösen.“

Man merkt bei Ihnen, Wirtschaft ist für Menschen. Aber Menschen sind unberechenbar. Vor Corona hatten wir die Klimakrise. Jetzt freuen wir uns, dass in Sardinien die Delphine schwimmen, und lassen uns trotzdem Essen & Co. in Plastik schicken. Warum sind wir so kurzsichtig?

Ich glaube nicht, dass die Klimadebatte beendet ist, wir sind nur gerade abgelenkt. Corona wird uns lehren, was es bedeutet, wenn Stillstand herrscht. Das hätten wir uns vorher nie vorstellen können. Jetzt wissen wir, es geht. Aber wir wollen keinen Stillstand, weil wir dann festsitzen. Hört auf zu produzieren, zu fliegen, zu kaufen – diese Forderung von „Fridays for Future“ ist noch nicht die Lösung. Unsere Aufgabe ist es, darüber nachzudenken, wie eine wirkliche Lösung aussehen kann. Denn Innovationen wachsen nicht auf den Bäumen. Schauen Sie: Die Lufthansa hat knapp 95 Prozent ihrer Flüge gestrichen. Und ja, viele Reisen sind sinnlos und überflüssig, aber eben nicht alle. Jetzt, da wir auf null gestellt sind, ist der Moment, um zu überlegen, wie ein vernünftiger Flugplan aussehen kann, wie teuer Flüge tatsächlich sein müssten, um mit weniger mehr zu erreichen. Das gilt für andere Bereiche auch. Wir hatten einfach von allem zu viel. Jetzt haben wir die Chance, darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen.

„Jetzt, da wir auf null gestellt sind, ist der Moment, um zu überlegen, wie ein vernünftiger Flugplan aussehen kann, wie teuer Flüge tatsächlich sein müssten, um mit weniger mehr zu erreichen.“

Frau Fischer, noch einmal zu brand eins zurück. Sie sagen, „in Krisen sind wir gut trainiert“. Wie trainiert man den Krisenmodus?

Wir waren jahrelang auf Messers Schneide. Es hat sieben Jahre gedauert, bis brand eins schwarze Zahlen geschrieben hat, sieben Jahre lang haben wir Geld gesucht und bei jedem Gesprächspartner überlegt, ob er eventuell ein Investor sein könnte. Wir sind damals von einer Krise in die andere geschlittert – und in jeder Krise haben wir dazugelernt. In jeder dieser Krisen habe ich mich gefragt, was der worst case ist. Ich könnte mein Geld verlieren, meine Altersversorgung und – schlimmer – das Magazin, aber es war immer klar, dass ich eben nicht meinen Mann, meine Freunde oder mein Leben verliere. Das immer mal wieder durchzuspielen ist ein gutes Training. Bei der Gründung von brand eins habe ich alles, was ich besaß, auf dieses Projekt gesetzt, und wurde dafür in den vergangenen 20 Jahren reichlich belohnt. Inzwischen habe ich wieder eine Altersversorgung, bin auch älter – und nun könnte es sein, dass meine Pläne erneut durch Corona torpediert werden. Na gut, dann ist das eben so. Dann muss ich mir eben noch einmal etwas Neues einfallen lassen.

„In jeder Krise haben wir dazugelernt. In jeder Krise habe ich mich gefragt, was der worst case ist.“

Sind wir für die nächste Krise also schon besser gerüstet als für Corona?

Wir lernen jeden Tag. Es ist das Unvorstellbare passiert, und es war auch für mich unvorstellbar. In den ersten drei Tagen war ich fassungslos, und habe mich gefragt: War's das jetzt? Wie sollen wir das schaffen? Mittlerweile denke ich das nicht mehr. Wir sind alle zusammen hochmotiviert, und entschlossen, das gemeinsam zu schaffen. Ich habe im Moment keine Angst mehr. 

Es wird also eine nächste Ausgabe geben. Mit welchem Thema?

Es gab wieder eine hitzige Diskussion. Die Idee, die wir hatten, war Entertainment. Daran gab es dann Zweifel, als jede Woche die Zahl der Corona-Toten stieg. Aber, in Hamburg sind wir jetzt in der Woche drei der Isolation, und ich merke an mir: Ich möchte mit niemandem mehr über Hygieneregeln reden, ich möchte nicht darüber debattieren, ob ich ein Häubchen vor der Nase haben muss oder nicht, ich möchte auch nicht jeden Morgen auf irgendwelche Kurven gucken. Ich habe die Geschichten für dieses Heft gelesen, und ich finde sie großartig. Meine Lieblingsgeschichte ist die Geschichte des Unternehmers Gru.

Die Animationsfigur, die den Mond stehlen will, Minions beschäftigt, eigentlich ein netter Schurke ist und wahnsinnig kreative Lösungen entwickelt?

Ja, genau, eine Geschichte über die unternehmerischen Fähigkeiten von Gru. Ich finde, es tut so gut, in Zeiten wie diesen so etwas zu lesen. Deshalb bleibt es dabei: Wir machen Entertainment.

FACT SHEET

Gabriele Fischer und brand eins: Menschen statt Zahlen, Geschichten statt Tabellen.

Gabriele Fischer ist Chefredakteurin des renommierten Wirtschaftsmagazins brand eins in Hamburg. In der Vision des Verlages steht: „Wir suchen Ideen für eine neue Wirtschaft.“ Fischer gehörte der Chefredaktion des Manager Magazin an, bis der Spiegel-Verlag sie 1998 zur Chefredakteurin des neuen Magazins Econy machte. Nach nur zwei Ausgaben wurde Econy eingestellt. Die Redaktion mit Gabriele Fischer jedoch fand, „dass wir in unserem kleinen, bunten Leben nie etwas Besseres gemacht hatten als Econy.“ Gemeinsam mit ihrem Team gründete Fischer daraufhin 1999 brand eins. Und schlitterte von einer Krise in die nächste. Sieben Jahre lang blieb brand eins in den roten Zahlen. Doch Gabriele Fischer hielt an dem Projekt fest: „Ich wollte es allen zeigen“, sagt die Journalistin und Verlegerin im Interview. Heute beschäftigt brand eins 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erscheint monatlich mit einer verkauften Auflage von 66.000 Exemplaren. Jedes Heft hat ein Schwerpunktthema. 2016 wurde Gabriele Fischer von den Branchenmedien Wirtschaftsjournalist und Medium Magazin zum dritten Mal als „Wirtschaftsjournalistin des Jahres“ ausgezeichnet.

Teilen
WhatsappWhatsapp