16 min read
„Start-upper müssen im Hier und Jetzt agieren: Überleben werden diejenigen, die in Bewegung sind, und es schaffen, Unternehmer und Wissenschaftler zugleich zu sein.“
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-05-06 2020-04-29 29 April 2020 - NOI Techpark
16 min read
Bild

Ein Interview - mitten in der Corona-Krise - über die App Lifesize mit Federico Giudiceandrea.

Rückenwind für Start-upper. In Homers Odyssee erscheint Mentor wie aus heiterem Himmel, wenn Telemachos Hilfe sucht. Zu schön, um wahr zu sein. Echt ist dagegen das Mentoren-Netzwerk im Start-up Incubator des NOI Techpark in Bozen: Erfolgreiche Südtiroler Unternehmerinnen und Unternehmer beraten Start-upper kostenlos, zehn Stunden im Jahr. Es geht dabei um mehr als Geld. Was für Menschen sind Gründer? Welche Fehler muss man vermeiden? Ist es besser, allein oder im Team zu gründen? Und wer überlebt die Corona-Krise leichter: ein Unternehmen oder ein Start-up? Wir haben einen Rollenspringer interviewt: Federico Giudiceandrea, Unternehmer, Präsident des Südtiroler Unternehmerverbandes, Mitglied des NOI-Boards, Business Angel und Mentor. Stolz sagt er: „Ich war selber ein Start-upper.“

Wir stecken mitten in der Corona-Krise. Wer überlebt im Augenblick leichter: ein Start-up oder ein etabliertes Unternehmen?

Federico Giudiceandrea: Es ist in der Tat eine anspruchsvolle Frage. Sicher ist, dass die Welt, die Gesellschaft und die Märkte nicht mehr die gleichen sein werden wie zuvor. Ich bin mir auch sicher, dass sich viele neue Möglichkeiten ergeben werden. Überleben wird der der nicht stehenbleibt. Start-upper sind per Definition Leute, die etwas Neues versuchen. Verlierer werden jene Unternehmen sein, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Glücklicherweise gibt es mehrere Unternehmen, die Entwicklung und die Suche nach Verbesserungen zu ihrem täglichen Brot machen, Unternehmen, in denen der Unternehmergeist schwebt.

Zur DNA der Start-upper gehört, dass sie mit Schwierigkeiten umgehen können. Die Statitsik sagt aber, nur ein Start-up von zehn überlebt. Warum?

Noch schlimmer, ein Start-up von 20. Es ist eben nicht leicht, den Markt zu überzeugen. Meistens kommen Ideen gleichzeitig in die Welt. Wenn viele Menschen an gleichen Themen arbeiten, kommen viele auf ähnliche Ideen. Oft liegen Ideen in der Luft, dann wollen auch bestehende Firmen diesen Bereich besetzen. Die Konkurrenz ist also enorm, und es braucht Geschick, auch Glück, man muss am richtigen Ort sein. Wir sehen, Start-ups in den USA und in anderen europäischen Ländern haben es oft leichter. Etwa bei der Finanzierung. Aber einige schaffen es trotzdem, wenn man hartnäckig ist und die Bereitschaft hat zum Leiden, sage ich immer...

...dann hat man gute Chancen?

Genau. Ich war ja selber einmal ein Start-upper.

Eben. Diese Erfahrung macht Sie heute glaubwürdig als Mentor und als Business Angel. Woran erkennen Sie, dass ein Start-up Potenzial hat?

Eine wichtige Rolle spielt die Geschäftsidee. Entscheidend aber ist der Mensch, der dahintersteckt. Da schaue ich sehr genau hin. Ich versuche zu verstehen, ob diese Leidensbereitschaft da ist. Wie stark glauben die Gründer an ihr Produkt? Wie sehr sind sie bereit, das durchzuziehen?

Entscheidend aber ist der Mensch, der dahintersteckt. Da schaue ich sehr genau hin. Ich versuche zu verstehen, ob diese Leidensbereitschaft da ist.

Sie gehören zum Mentoren-Netzwerk im NOI Techpark. Unternehmer stellen dort kostenlos ihre Erfahrung zur Verfügung. Warum, glauben Sie, hören Gründer auf Altmeister, wo sie doch alles neu machen wollen? 

Wir haben dieses Modell des Mentorship im Jahr 2018 von ASTER in der Emilia Romagna im Rahmen des Interreg Projektes Startup.Euregio übernommen. Meiner Meinung nach ist es ein guter Ansatz. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass sich durchschnittlich drei, vier Erfinder oder Gründer an mich gewandt haben, um Rat zu fragen oder ihnen bei ihren Projekten zu helfen. Jetzt können diese Anfragen strukturiert erfüllt werden, im Sinne, dass es über den NOI Techpark möglich ist, eine Beratung mit mir oder den anderen Mentoren zu "buchen". Ein Inkubator muss in meinen Augen auch diese Funktion erfüllen: die Erfahrung von Personen, die diesen Weg schon gegangen sind, zur Verfügung zu stellen, damit junge Menschen sich daran orientieren können. Die Gespräche mit Gründern zeigen mir immer wieder, wie sehr meine Ratschläge und meine Geschichten geschätzt werden. Ich höre dann, „Ah, daran hatte ich nicht gedacht“, und diese Erkenntnis kann die Überlebenschancen von Start-ups erhöhen.

Was brauchen die Start-upper am dringendsten – außer Geld?

Den meisten fehlt die Marktsicht, d.h. die Fähigkeit, sich in den Kopf des Verbrauchers zu stellen. Start-upper lieben ihre Idee, sie sind überzeugt, dass wenn sie diese gut finden, muss es auch der ganzen Welt gefallen. Aber das ist leider nicht immer der Fall. Ich habe selbst Jahre gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich eigentlich nicht Produkte entwickeln soll, dessen technische Aspekte mich ansprechen, sondern Produkte, die von Kunden gebraucht werden. Man muss seine Idee aus der Sicht des Marktes betrachten und bewerten. Daran scheitern die meisten.

Ich habe selbst Jahre gebraucht, bis ich verstanden habe, dass ich eigentlich nicht Produkte entwickeln soll, dessen technische Aspekte mich ansprechen, sondern Produkte, die von Kunden gebraucht werden.

Sehen Sie schon vorher, ob ein Start-up es schaffen wird?

Unter Investoren sprechen wir vom Track Record, eine Art Erfolgsquote. Dieser ergibt sich aus einer einfachen Rechnung: Wie oft hat einer in ein Start-up investiert und wie selten ist er damit baden gegangen. Ich habe einen relativ hohen Track Record. Mehr als 50 Prozent.

Worauf führen Sie das zurück?

Weil ich selber als Start-upper begonnen und den ganzen Weg durchlaufen habe. Ich weiß, wo die kritischen Momente und Stellen liegen. Außerdem investiere ich nur in Branchen, die ich gut kenne. 

Welche Bereiche sind das genau?

Ich bin Spezialist für optische Messtechnik. In diesem Bereich habe ich relativ viele Start-ups unterstützt, einige sind sehr erfolgreich geworden.

In wie viele Start-ups haben Sie denn schon investiert?

Ich habe sie erst vor kurzem gezählt, es sind genau 18.

Mit ihrem eigenen Unternehmen? Microtec?

Nur wenn sie in einem Sektor tätig sind, der dem von Microtec nahekommt. In der Vergangenheit habe ich auch einigen Start-ups privat geholfen. Vor einiger Zeit habe ich eine Firma gegründet, die Maurits GmbH, die Start-upper mit Geld ausstattet und sie gleichzeitig in den Bereichen Management und Technologie unterstützt.

Was haben Sie davon? Sie sind zwar ein Business Angel, der „wunderbar“ anschieben kann. Aber Sie sind auch Unternehmer. Investieren Sie vor allem in Start-ups, von denen Sie denken, dass Sie Ihrem Unternehmen irgendwann zugutekommen?

Wenn ich mit Microtec in ein Unternehmen investiere, dann muss es etwas sein, das Microtec weiterbringt. Aber ich investiere eben auch in andere Start-ups. Ich mache das einfach gerne. Ich lerne immer etwas dazu, und das ist für jemanden, der Innovation lebt, extrem wichtig. Es muss nicht immer mit optischer Messtechnik zu tun haben. Mich fasziniert Innovation auch in anderen Bereichen, oft inspiriert mich dieses neue Wissen dann für mein eigenes Feld.

Nur Exzellenz hat Erfolg. Entweder bist du auf Weltniveau, oder du wirst weggefegt. Das gilt für die Wissenschaft wie fürs Exportgeschäft.

Im italienischen Register innovativer Start-ups sind für Südtirol 90 Jungunternehmen eingetragen. Davon werden 20 im NOI betreut, insgesamt 28 Start-ups zählt das dortige Gründerzentrum aktuell. Ist das viel oder wenig? Wo stecken die Talente in Südtirol?

Es ist wenig im Vergleich zu anderen Regionen. Das hat mit der Universität zu tun. Wir haben eine junge Universität und bekommen erst 2021 eine Fakultät für Ingenieurswissenschaften. Und dann muss diese Uni natürlich auf höchstem Niveau arbeiten und forschen. Erst wenn wir Exzellenz in Kompetenz und Wissen aufgebaut haben, können wir Talente von auswärts anziehen, die wiederum neue Ideen ins Spiel bringen. Wir stehen am Anfang. Ein Techpark allein bringt keine Start-ups, ein Techpark betreut Start-ups. Ich bin überzeugt: Sobald wir einen Campus aus Universität, Unternehmen, Forschungsinstitutionen haben, wird die Zahl der Start-ups ansteigen. Aber auch dann gilt: Nur Exzellenz hat Erfolg. Entweder bist du auf Weltniveau, oder du wirst weggefegt. Das gilt für die Wissenschaft wie fürs Exportgeschäft.

Was ist mit der Südtiroler Mentalität? Man sagt, die Südtiroler sind auf Sicherheit bedacht. Jetzt wird eine Generation flügge, die digital aufwächst. Eine Generation von Start-uppern?

Ich glaube, die Südtiroler wissen sehr gut, was zu tun ist. Was fehlt, sind die Rahmenbedingungen. Da müssen wir auch das Venture Capital ansprechen, das so genannte Wagniskapital. Das gibt es in Südtirol erst in sehr kleiner Form. Aber wie gesagt, wir sind dabei aufzuholen. Es entwickelt sich. Und exzellente Unternehmen gibt es in Südtirol genug.

Federico Giudiceandrea

Also müssen die Südtiroler Unternehmen selber lernen, in Start-ups zu investieren?

Damit ein Start-up Erfolg hat braucht es Exzellenz. Das kann die Universität sein oder der Start-upper selber, aber auch ein Unternehmen, das ein Start-up unterstützt. Speziell in Südtirol, wo Venture Kapital noch nicht so entwickelt ist, ergibt sich die größte Chance, ein Start-up zum Erfolg zu führen, dieses mit einem Unternehmen zu verbinden. Es gibt Unternehmen, die das machen, Leitner, Durst, auch wir als Microtec. Das sind dann Start-ups, die nicht nur einen klassischen Geldgeber haben, sondern ein Unternehmen, das ihnen den Markt öffnet. Diese Start-ups haben derzeit sicher die größte Chance.

Es gibt also Start-ups, die es allein versuchen, und Start-ups, die an Unternehmen angedockt werden. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass Start-ups von Unternehmen missbraucht werden, die auf diesem Weg Innovation günstig auslagern?

Die Gefahr gibt es. Natürlich. Start-ups achten oft wenig auf den Schutz des geistigen Eigentums. Immerhin ist dies ein komplexes Gebiet, wo Erfahrung eine große Rolle spielt. Gerade hier kann ein Mentor wertvolle Ratschläge geben. Im Allgemeinen sind Unternehmen, die selbst eine intensive Forschungs- und Entwicklungstätigkeit ausüben, diejenigen, die sich gegenüber Start-ups korrekt verhalten, weil sie wissen, dass im Innovationsprozess der Mensch das Wichtigste ist. Und sie lassen jungen Unternehmern die Freiheit, sich zu entwickeln und aus ihrer Idee Profit zu ziehen.

Wie sehr brauchen die Unternehmen Start-ups? Zum Beispiel als Treiber für Digitalisierung?

Start-upper sind meist Querdenker, die Spielraum für Verbesserungen bei Prozessen und Produkten sehen. Auch und vor allem im Bereich der Digitalisierung. Start-ups sind daher ein leistungsstarker Motor für diejenigen, die die Digitalisierung effektiv nutzen möchten.

Im Allgemeinen sind Unternehmen, die selbst eine intensive Forschungs- und Entwicklungstätigkeit ausüben, diejenigen, die sich gegenüber Start-ups korrekt verhalten, weil sie wissen, dass im Innovationsprozess der Mensch das Wichtigste ist.

Von Ihnen stammt der Satz, in Südtirol kann ein Unternehmen nicht wachsen. Gilt das noch?

Ich habe es damals gesagt und ich wiederhole es heute: Es ist sehr schwierig. Der NOI Techpark kann sicherlich einen positiven Beitrag leisten. Der NOI Techpark hat sich als Start-up-Inkubator sehr gut entwickelt, während bei der Unternehmensunterstützung noch einiges ansteht. Dies ist ein häufiger Grund zur Diskussion, aber glücklicherweise ändern sich langsam einige Dinge. Es wurde schließlich verstanden, dass die Zusammenarbeit zwischen Forschungslabor und Unternehmen unabdingbar ist, um angewandte Forschung zu betreiben und Produkte auf den Markt zu bringen. Ein Labor allein reicht nicht aus, auch die Markt sicht und die Produktionskompetenz ist erforderlich.

Sagen Sie damit, Innovation wird ausschließlich in den Unternehmen selber geboren?

Ich sage, Innovation braucht einen Unternehmer. Das kann auch ein Start-upper sein, aber Innovation braucht jemanden, der für diese Sache kämpft. Und der etwas entwickeln will, weil andere das brauchen und wollen, und nicht, weil es mir als Forscher wichtig ist. Forscher denken anders. Für Grundlagenforschung ist das auch richtig. Dort wäre die Marktsicht falsch. Aber der NOI Techpark muss für angewandte Forschung stehen. Da soll Unterstützung für die Produktentwicklung angeboten werden. Aber um Produkte zu entwickeln, braucht es sowohl Erfinder als auch Unternehmer. Ich zitiere in diesem Zusammenhang immer gerne Thomas Edison: ein großartiger Ingenieur, ein großartiger Erfinder, ein großartiger Unternehmer: Die Entwicklung eines Produkts besteht zu 1 Prozent aus "Inspiration" (kreative Inspiration) und zu 99 Prozent aus "Perspiration" (Transpiration, Schweiß, Ermüdung).

Sie haben für Microtec mehr als 100 Patente angemeldet, als Erfinder oder als Unternehmer?

Das war tatsächlich wissenschaftliche Leistung. Aber ich bin auch Unternehmer. Ich habe immer gerne die Herausforderung angenommen, meine innovativen Ideen an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen. Sonst wäre meine Firma längst schon verschwunden. Was einen Unternehmer auszeichnet, ist diese menschliche Note. Neben technologischem Wissen braucht es Empathie, die Fähigkeit mit dem Kopf anderer zu denken. Leider sind beide Fähigkeiten selten in einer Person vereint. 

Neben technologischem Wissen braucht es Empathie, die Fähigkeit mit dem Kopf anderer zu denken. Leider sind beide Fähigkeiten selten in einer Person vereint.

Wie haben Sie gemerkt, dass auch Sie beides sind: Erfinder und Unternehmer?

Wir haben Microtec zu dritt gegründet. Wir waren zwei junge Technologieexperten und ein Geschäftsmann. Zwei Jahre nach der Gründung kam mein Partner Paul Durst, der Diplomphysiker war, bei einem Autounfall ums Leben, wenig später zog sich auch der dritte Partner zurück. Plötzlich war ich alleine und musste das Geschäft des Unternehmers lernen.

Sie haben Microtec 1980 gegründet, als Sie gerade mit dem Studium fertig waren. War es eine gute Zeit, eine Firma zu gründen?

Mehr oder weniger wie heute, vielleicht sogar etwas schwieriger. Es war die Ära, in der eine disruptive Technologie auf den Markt gekommen ist: der Mikroprozessor. Man konnte plötzlich im Keller - es gibt ja viele andere Geschichten von Garagen und Kellern – einen Computer bauen. Paul Durst und ich lebten jedoch nicht im Silicon Valley, sondern in Südtirol. Deshalb haben wir versucht, Mikroprozessor basierende Technologien vorzuschlagen, die für zwei für unser Land typische Industriesektoren interessant sind: den Obst- und den Holzverarbeitungssektor. Unser erstes Produkt war ein Farbmessgerät für Apfelsortieranlagen. Und gleich darauf ein Gerät, mit dem man kontaktlos den Durchmesser von Baumstämmen messen konnte.

Wie oft haben Sie daran gedacht aufzugeben?

Ich habe aufgehört zu zählen. Es hat sehr schwierige Momente gegeben, speziell nach dem Tod von Paul. Er war ein paar Jahre älter und war ein Bezugspunkt für mich. Wie ich bereits sagte, Ideen entstehen oft gleichzeitig. Als Microtec entstand, gab es in Österreich und Deutschland jeweils eine Firma, die Ähnliches gemacht hat, und eine in Schweden, die bereits einen Vorsprung hatte. Meistens habe ich Aufträge nur dann bekommen, wenn die Mitbewerber zögerlich waren. Also wenn extrem schwierige Probleme zu lösen waren. Ich musste aggressiv sein und habe mich oft sehr weit aus dem Fenster gelehnt.

Was raten Sie Gründern? Wie sollte man ein Start-up starten: allein oder als Team? 

Es ist für sich genommen einfacher alleine, vorausgesetzt, sie sind gleichzeitig Innovatoren und Unternehmer ... Wenn jemand nicht beide Eigenschaften hat, ist es besser, ein Team von mindestens zwei Personen zu bilden: einer ist der Tüftler, einer der Geschäftsmann. Offensichtlich müssen diese beiden Menschen dieselbe Vision haben. In den meisten Start-ups, die ich bisher unterstützt habe, waren dies zwei Personen mit Fähigkeiten, die sich gegenseitig ergänzen.

Noch ein Problem haben wir bisher nicht gelöst: Frauen und Technologie. Empathie sagt man den Frauen nach. Fehlt Frauen der Mut? Wie begeistert man Frauen für Technologie?

Ich denke, Frauen haben bessere Chancen als Männer, mit einem Start-up erfolgreich zu sein, weil Frauen in der Regel einfühlsamer sind. Ich bewundere und unterstütze Frauen, die einen technischen Beruf ausüben. Leider gibt es in unserer Gesellschaft Klischees, die Frauen und Technologie kaum miteinander vereinbaren lassen. Ich glaube stattdessen, dass Schule und Familien Mädchen mehr ermutigen sollten, technisch-wissenschaftliche Karrieren zu machen, insbesondere wenn sie Veranlagungen für diese Fächer zeigen.

Ich denke, Frauen haben bessere Chancen als Männer, mit einem Start-up erfolgreich zu sein, weil Frauen in der Regel einfühlsamer sind.

Sie haben eine Tochter, die Ingenieurin ist. Wie haben Sie sie erzogen? Ohne Puppen?

Nein, nein. Das hat sich so ergeben und ich habe sie nicht eingebremst. Meine zweite Tochter hingegen interessiert sich überhaupt nicht für Technik. Ich habe oft versucht zu verstehen, warum das so ist. Ein interessanter Ansatz kam von einem Mathematiklehrer. Er sagte mir, dass bei einem Kind die wissenschaftlich-mathematische Intelligenz die letzte ist, die sich entwickelt, aber dieser Aspekt wird in den Schulen nicht berücksichtigt. Er war überzeugt, die Schule beginnt zu früh, Mathematik zu unterrichten, was dazu führt, dass Kinder, die diese Intelligenz noch nicht entwickelt haben, das Fach nicht verstehen und ablehnen. Und genau das konnte ich bei meiner zweiten Tochter beobachten. Wer weiß, vielleicht entwickeln Frauen diese Intelligenz später als Männer. Der Punkt ist, dass Mathematik eine kontinuierliche Anhäufung von Wissen erfordert, wenn man nicht vom Anfang an dabei ist verliert man für immer den Anschluss. Dies könnte die Erklärung sein

Sie selber haben ein humanistisches Gymnasium besucht und sind Technologe durch und durch. Haben Sie Mathematik immer gemocht?

Mathe war für mich wie ein Spiel, ich habe mich leichtgetan. Aber ich wäre gerne Musiker geworden. Ich habe als junger Mensch sehr darunter gelitten, dass ich mit keinem Instrument zurechtgekommen bin. Das Gleiche gilt fürs Zeichnen: total unbegabt. Dabei liebe ich Kunst, es ist etwas, das ich vermisse und das ich durch das Sammeln künstlerischer Werke zu kompensieren versuche. Auf der anderen Seite ist das Sammeln in gewisser Weise mit der Wissenschaft verbunden: Ein Sammler liebt es, nach einem gemeinsamen Faden zu katalogisieren.

Sie sammeln vor allem Werke von Maurits Cornelis Escher, einem holländischen Grafiker, den Mathematiker lieben, weil seine Zeichnungen paradox sind. Sie haben ihn über die Musik kennengelernt, richtig?

Tatsächlich entdeckte ich Escher als Oberschüler in der mathematischen Kolumne eines wissenschaftlichen Magazins. Kurze Zeit später fand ich eine Escher-Zeichnung auf einer Bootleg-Scheibe von Pink Floyd, meiner Lieblingsband. Zu der Zeit war ich ein Hippie, wie so viele junge Leute meiner Zeit, und die Tatsache, dass ein Künstler sowohl in der Hippie-Szene als auch unter Mathematikern beliebt war faszinierte mich.

Wie sehr müssen Start-upper Kinder ihrer Zeit sein?

Voll und ganz. Das ist eine Grundvoraussetzung. Sie müssen ihre Welt leben. Das ist ihre Welt, die Welt, die sie verkörpern und für ältere Generationen nicht immer nachvollziehbar ist.

FACT SHEET

Ein Interview in Zeiten von Corona.

Wir führen das Gespräch online über Lifesize. Ich bin zu Hause, Federico Giudiceandrea ist im Büro. Er muss noch schnell zusehen, wie sein Unternehmen am besten der Krise trotzt, sagt er entschuldigend. Federico Giudiceandrea hat sein Unternehmen Microtec bereits durch viele Stürme navigiert. 1980 als Start-up gegründet ist Microtec heute Weltmarktführer im Bereich Holzvermessung und Qualitätsbestimmung. Das Unternehmen mit Sitz in Brixen hat weltweit 200 Mitarbeiter. Giudiceandrea selbst wurde für die Erfindung des ersten Computertomografen für Bäume 2016 mit dem Marcus-Wallenberg-Preis ausgezeichnet, dem Nobelpreis der Holzindustrie. Privat ist er Kunstliebhaber und ein großer Sammler von Maurits Cornelis Escher: ein Künstler, der mit mathematischer Strenge und einem obsessiven Stil, der durch die Wiederholung von Themen entsteht, die Formen komponierte, die er um sich herum einfing und die nach und nach endlos erscheinen. Unendlich wie die Wege für jene, die innovativ sein wollen und wissen, wie sie die Realität um sich herum über den Schein hinaus wahrnehmen können.

Wer gerne mehr über das Mentoring von Giudiceandrea erfahren will, kann isch an das Mentorennetzwerk von NOI Techpark wenden.

Teilen
WhatsappWhatsapp