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Petrini: „Gegen die Krise bedarf es einer aufs Zwischenmenschliche aufbauenden Wirtschaft“
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2020-11-19 2020-09-24 24 September 2020 - Silvia Pagliuca
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Für seine Bemühungen für mehr Nachhaltigkeit in der Lebensmittelbranche wurde Carlo Petrini im NOI Techpark mit einem ECKART ausgezeichnet. Im Interview erzählt der Gründer von Slow Food seine Vision für die Lebensmittel der Zukunft: „Technologie darf nicht zu Technokratie führen“

Paris, Mitte der 8oer-Jahre. 13 Personen, die sich der Umwelt und dem Genuss verschrieben haben, unterzeichnen ein Manifest. Ihr Ziel: die Welt verändern, angefangen bei den Nahrungsmitteln. Als verrückt werden sie bezeichnet, als Träumer. Doch dieses Manifest gibt den Startschuss für eine internationale Bewegung, die sich in 160 Ländern auf allen Kontinenten ausbreitet: Slow Food. Ihr Gründer Carlo Petrini ist ein Visionär auf dem Gebiet der Gastronomie und eine Koryphäe im Lebensmittelbereich. Er war einer der Ersten, der das Aufkommen des Fast Food und des Fast Life in Frage gestellt hat. Und heute ist er eine Leitfigur durch die Krise, die seit Monaten unsere Welt heimsucht. Daher gehört auch er dieses Jahr zu den Gewinnern des ECKART 2020 (Kategorie „Alumni“) im NOI Techpark. Ein Preis, der jenen verliehen wird, die sich einer verantwortungsbewussten und nachhaltigen Küche verschrieben haben.

Herr Petrini, Sie haben vor rund 35 Jahren geschrieben: „Mechanische Geschwindigkeit und rasende Beschleunigung werden zur Fessel des Lebens. Wir sind alle von einem Virus befallen.” Und gerade jetzt setzt sich die Welt mit einem konkreten, unvorhersehbaren, zerstörerischen Virus auseinander. Und auch dieses verbreitet sich rasend schnell.

„Wir stehen an einem Wendepunkt. Es ist ein Zeichen, dass wir nicht mehr warten dürfen. Wir müssen neue Paradigmen schaffen, um in einer neuen Ära zu bestehen, die mehrere Krisen bereithält: sicherlich Pandemien wie aktuelle, aber auch wirtschaftliche und die Klimakrise. Und wer denkt, letztere sei die harmloseste, täuscht sich gewaltig. Wir müssen uns nur vor Augen führen, welche Schäden der Verlust der Biodiversität anrichtet – oder dass ein Fünftel der Emissionen von Treibhausgasen auf die Lebensmittelbranche zurückzuführen ist. Die ganze Welt steht in der Pflicht, dieses Problem schnellstmöglich anzugehen.“ 

An was für Paradigmen hätten Sie gedacht?

„Grundsätzlich gibt es zwei zentrale Punkte. Zunächst die Bildung – und das soll keine Plattitüde sein: Wenn wir über Lebensmittel und andere wichtige Dinge sprechen, dann müssen wir von der Materie auch etwas verstehen. Und ein profundes Verständnis von einer Materie erhält man nur durch richtige Information. Schon Plinius der Ältere hat vor 2.000 Jahren geschrieben: ‚Wir werden dem Menschen seine Speisen erklären und ihn dabei zwingen, zuzugeben, dass ihm seine Lebensgrundlage ein Rätsel ist.‘ Und auch heute ist es noch so, auch weil Geschwindigkeit als Maxime alles bestimmt. Veränderung liegt in der Verantwortung der Allgemeinheit. Aber wahrscheinlich stellt uns das zweite Paradigma vor eine größere Herausforderung.“  

Das wäre?

„Wir müssen dem Wettbewerb Kooperation entgegensetzen. Beziehungen müssen wieder ins Zentrum rücken. Zum Beispiel bedeuten Beziehungen für einen Gastronomen eine engere Zusammenarbeit mit Landwirten und lokalen Produzenten. Wir sollten weniger an Sterne, Punkte oder Hauben denken, sondern verantwortungsbewusste und nachhaltige Teamarbeit wertschätzen. Und wer behauptet, das sei nicht im Sinne der Wirtschaft, dem sei gesagt: ‚Stimmt nicht, das sind die Regeln der neuen Wirtschaft. Der einzigen Wirtschaft, die der Menschheit eine Zukunft verspricht.‘“

Wie so oft heißt der Schlüssel also Nachhaltigkeit?

„Sicherlich – auch wenn heute der Begriff Nachhaltigkeit inflationär gebraucht wird und manchmal auch, ohne wirklich zu wissen, was er genau bedeutet. Das englische Wort für Nachhaltigkeit, ‚sustainabilty’, kommt nämlich vom Wort ‚sustain’, dem Haltepedal am Klavier, das angeschlagene Töne weiterklingen lässt. Daher haben auch die Franzosen recht, wenn sie den Begriff ‚durable’, ‚langlebig, haltbar’ verwenden. Nachhaltig sein bedeutet, dass alles, was wir produzieren, eine lange Lebensdauer hat und nichts verschwendet. Genau dafür müssen wir uns einsetzen.” 

Die junge Generation hat diesen Kampf schon begonnen. Greta Thunberg kommt mir dabei in den Sinn.

„Genau. Unzählige Jugendliche aus der ganzen Welt haben sich in wenigen Monaten um ein schwedisches Mädchen versammelt, die Basis für eine neue Grundeinstellung ist gegeben. Jugendliche werden auch in Zukunft dem Zwischenmenschlichen mehr Bedeutung als dem Wettbewerb beimessen. Wir können viel von ihnen lernen, wenn wir nur zuhören. Gemeinsam können wir dann in Harmonie die Welt verändern.“

Die Welt verändert sich auch aufgrund neuer Technologien. Im NOI Techpark entstehen täglich neue Innovationsprojekte im Lebensmittelbereich. Was bedeutet für Sie Lebensmittelinnovation? Und wie lassen sich diese „neuen Lebensmittel” mit „guten, sauberen und fairen Lebensmitteln” vereinbaren, für die sie seit Jahren mit Slow Food kämpfen?

„Innovation bedeutet eine gut gelungene Tradition. Daher ist sie ungemein wichtig für den Wandel, von dem wir gerade gesprochen haben. Und das gilt für alle Branchen: von der Sanität bis zu den Lebensmitteln. Aber es muss eine durchdachte Innovation im Dienste der Gesellschaft sein. Leider haben die Technologien heutzutage die Überhand gewonnen, wir schlittern geradewegs in eine Technokratie. Wenn wir diesem Weg weiter folgen, verpassen wir eine wichtige Chance. Gerade dank Innovation und neuer Technologien können wir unser Ökosystem schützen, Biodiversität fördern und den Welthunger besiegen.  Daher müssen wir uns in der Forschung für die Nachhaltigkeit anstatt des Profitgedankens als Leitmotiv entscheiden.“

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