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„In Krisenzeiten wie dieser müssen sich Unternehmen wieder auf ihre Grundlagen besinnen, nämlich auf ihre Kompetenzen.“
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2020-06-11 2020-05-14 14 Mai 2020 - Elmar Burchia
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Arrigo Panato, Wirtschaftsberater, Wirtschaftsprüfer und Coach der Plattform „Krise, und jetzt?“ prophezeit: „Identität und Kohärenz werden im unternehmerischen Kontext immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die große Herausforderung der Zukunft wird jedoch die Bürokratie sein.“

Angesichts der aktuellen Krise sehen sich die KMU der größten Herausforderung der letzten Jahrzehnte gegenüber. Dabei hat uns jene Krise, die uns wirklich hart treffen wird, noch nicht einmal erreicht. Auch wenn die Regierung den Unternehmen mit den Maßnahmen zur Sicherung ihrer Liquidität einen Rettungsring zuwirft, so sind für die Zukunft Strategien mit mehr Weitsicht gefragt. In diesem Moment sind die Kompetenzen und Ratschläge von Unternehmensberatern Gold wert. Wir haben uns mit einem von ihnen unterhalten: Andrea Arrigo Panato ist als Wirtschaftsberater und -prüfer tätig und hat sich unter anderem auf die operative und strategische Unternehmensführung, die außerordentliche Finanzierung sowie die Betriebssanierung spezialisiert. Der Experte für Innovation ist auch einer der Autoren des Blogs Econopoly bei „Il Sole 24 Ore“ und Fachhochschuldozent für die Lehrgänge „Procedure Concorsuali e Risanamento d’impresa“ (Regelinsolvenzverfahren und Betriebssanierung) sowie „Finanza Aziendale“ (Unternehmensfinanzierung). Außerdem ist er Autor des Buches Restartup, le scelte imprenditoriali non più rimandabili (Egea – nur in italienischer Sprache erhältlich) und last but not least Teil unseres Coaching-Teams im Rahmen der Initiative „Krise, und jetzt?“. Zur aktuellen Situation sagt er: „Nun gilt es, sich auf seine Grundlagen zu besinnen.“

Für unsere Unternehmen beginnt nun Phase 2, die Phase des Neuanfangs. Was sagen Sie dazu?

„Ich glaube nicht, dass man in diesem Kontext von einer ‚Phase 2‘ sprechen kann. In der Geschäftswelt haben sich nämlich bereits vor der Krise eine Reihe von Trends abgezeichnet. Die aktuelle Situation hat die Entwicklung dieser Trends lediglich beschleunigt und intensiviert. Das lässt sich an unserem Standpunkt gegenüber der Technologie und Digitalisierung sowie der Produktionskette deutlich erkennen.“ 

Können Sie diesen Gedanken weiter ausführen?

„Die Bedeutung der Produktionskette hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Heute orientiert sie sich zunehmend an einem strategischen Ansatz. In Zeiten wie diesen ist die Symbiose zwischen Kunden und Lieferanten am deutlichsten spürbar. In Krisen oder Notlagen wird ihr Verhältnis meist auf die Probe gestellt: Manche Geschäftsbeziehungen werden gestärkt, andere gehen wiederum zu Ende. In solchen Situationen neigen wir dazu, die Personen zu unterstützen, die uns in der schweren Zeit zur Seite gestanden haben, d. h. jene Personen, die an das Telefon gegangen sind und ihren Beitrag zum Weiterbestand des Unternehmens geleistet haben.“

Kann man die „Corona Economy“ auch als nutzbringendes Experiment oder als Chance zur Weiterentwicklung unserer Unternehmen betrachten?

„Ich bin kein Verfechter der Auffassung, dass Krisen ‚große Chancen‘ mit sich bringen. Trotzdem dürfen wir diese außergewöhnliche Situation auf keinen Fall ungenutzt vorüberziehen lassen. Wir müssen davon profitieren. Oder anders ausgedrückt: Wir müssen investieren.“ 

Im Moment ist es noch zu früh, um verlässliche Prognosen zu stellen. Wir wissen nämlich nicht, wie lange die Krise noch anhalten wird. Was glauben Sie, erwartet uns danach?

„In der aktuellen Situation spielt der Zeitfaktor eine zentrale Rolle. Unternehmer müssen ihre Analysen auf einen mittelfristigen Zeitraum auslegen. Dabei hilft es, sich Szenarien für das zweite Halbjahr 2020 zu überlegen. Meiner Meinung nach ist es aber am wichtigsten, das Geschäftsmodell zu überdenken und infolgedessen auch die Mindestgröße des Unternehmens, um konkurrenzfähig zu bleiben.“

Andrea Arrigo Panato

Viele Unternehmen werden schließen und andere wiederum werden die Gelegenheit nutzen, um Personal abzubauen. Was würden Sie unseren Unternehmern raten? Sollten Sie ihren Personalbestand ausbauen oder verringern? 

„Das hängt vom Geschäftsmodell ab. In Krisenzeiten ist es wichtig, auf die Grundlagen zu setzen, und das sind die eigenen Kompetenzen. Die Unternehmer sollten potenzielle Kostensenkungen eruieren, Unternehmenszweige abbauen, die für das Kerngeschäft nicht bedeutend sind, oder weniger Geld in bestimmte Tätigkeiten investieren und sich eher auf die rentablen Tätigkeitsbereiche konzentrieren. Auf diese Weise können Umsätze gesichert oder generiert werden, die das Unternehmen in schwierigen Zeiten stabilisieren.“ 

„Millions, Billions, Zillions“ (nur in englischer Sprache erhältlich) ist der Titel des Buches von Brian W. Kernighan: In den vergangenen Wochen wurden wir mit Versprechungen der Regierung überhäuft. Wie können sich Start-ups und KMU in diesem Labyrinth noch zurechtfinden?

„Sie sollten sich, wie gewohnt, an ihre Berater wenden, die sie tatkräftig unterstützen. Wir bewegen uns immer mehr von der traditionellen Gewinn- und Verlustrechnung weg und hin zu einer finanzlastigeren Herangehensweise. Wir sind dabei bemüht, unsere Kunden mit unserem Know-how in ihrem Tätigkeitsfeld und durch konstruktive Gespräche bestmöglich zu unterstützen. 

Stellen Sie sich zwei große Unternehmen vor, ein italienisches und ein deutsches, die in derselben Branche tätig sind. Welches der beiden Unternehmen würde die Krise Ihrer Meinung nach besser überstehen?

„Das Hauptproblem des italienischen Unternehmens wäre wohl das Staatssystem. Das deutsche Unternehmen, das etwas größer strukturiert ist, würde aus der Krise wahrscheinlich gestärkt hervorgehen, unter anderem aufgrund der umfangreichen Hilfszahlungen für Arbeitnehmer und Unternehmen der Bundesregierung. Ich fürchte leider, dass das italienische Unternehmen die Krise nur mit großen Schulden überstehen würde.  

Sprechen wir kurz über Phase 2. In welche Bereiche sollten Unternehmer verstärkt investieren? 

„Meiner Meinung nach gilt es, zwei grundlegende Konzepte zu berücksichtigen: Identität und Kohärenz. Wie ich auch in meinem Buch schreibe, ist die Identität das, was das Unternehmen ausmacht. Dabei muss es sich um einen Wert handeln, den alle Mitarbeiter teilen. Eine Wertvorstellung, die tief in der Identität des Unternehmers verwurzelt ist und das Produkt seines Werdegangs, seiner Weltanschauung und seiner Überzeugungen ist. Kohärenz ist wichtig, da Mitarbeiter, Marktteilnehmer, Lieferanten und Interessenvertreter daran erkennen, ob ein Unternehmer etwas aus Überzeugung oder bloß zu seinem Vorteil tut. Kurzum müssen Unternehmer sich heute auf die DNA, die Wertvorstellungen und die Kompetenzen ihres Unternehmens besinnen und verstärkt in sie investieren.“

Was müssen die Unternehmer, die aus der Krise mit Schulden hervorgehen oder durch sie ihr Unternehmen verlieren, fordern und was können sie nicht fordern? Absicherungen und Unterstützungen oder Infrastrukturen?

„Man kann vom Staat prinzipiell alles fordern, was man benötigt. Die Frage ist nur, ob der Staat die versprochene Unterstützung am Ende auch tatsächlich gewährt. Ich empfehle daher immer, zweigleisig zu fahren: Bitten Sie um Unterstützung, aber machen Sie Ihre Strategie nicht davon abhängig. Das ist auch deshalb wichtig, da die Unterstützungen mit aller Wahrscheinlichkeit noch lange auf sich warten lassen werden. Im Moment gilt deshalb leider nur eines: ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.‘“

In dieser Sache sehen Sie also schwarz?

„Die Unternehmer müssen sich überlegen, was sie selbst und was sie mithilfe ihres Netzwerks an Beratern, ihrer Geschäftspartner, ihrer Kunden und ihrer Lieferanten unternehmen können, um ihr Know-how zu bündeln und unter anderem gut durchdachte und konkrete Projekte für den Neuanfang zu entwickeln. Um auf Ihre vorherige Frage zurückzukommen: Die Neuinvestitionen in Infrastrukturen wie technologische Netzwerke und die Informationssicherheit werden für die Unternehmen auf jeden Fall überlebenswichtig sein.“

Ist für unsere Unternehmen nun der richtige Moment gekommen, um sich neu zu definieren und neu auszurichten? 

„Ob es der richtige Moment ist, kann ich nicht sagen. Eine Neuausrichtung ist aber mit Sicherheit notwendig. Ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass die Schwierigkeit darin besteht, die Szenarien festzulegen. Auch für die kleinen und mittleren Unternehmen sowie für die Freiberufler ist es wichtig, ein oder zwei Szenarien zu erarbeiten und sich darauf zu konzentrieren, um dieses Jahr sicher zu überstehen.“

Ich kann mir vorstellen, dass unsere Unternehmer im Moment mehr denn je den Rat von Wirtschaftsberatern suchen. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

„Wir sind mit unseren Kunden in engem Kontakt, um ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Im März war unsere Unterstützung besonders stark gefragt. Damals habe ich meine Tage um 6:30 Uhr in Chatrooms begonnen und um 23:00 Uhr am Telefon beendet. Uns Wirtschaftsberatern war und ist es wichtig, die Unternehmer zu unterstützen, ein offenes Ohr für ihre Anliegen zu haben, gemeinsam mit ihnen ihre Zukunft zu planen und sie zu motivieren. Im Moment besteht die größte Gefahr nämlich darin, untätig zu sein.“

Homeoffice wird wahrscheinlich auch nach der Krise noch Thema sein. Für Büros ist die Umstellung auf die Heimarbeit aber nicht immer einfach. Wie sehen Sie das?

„Unsere derzeitige Arbeitsweise könnte man wohl als ‚Teilzeit-Smart-Working‘ bezeichnen. Das heißt, genauso wie einige meiner Fachkollegen habe auch ich eine Familie und kleine Kinder daheim. In der aktuellen Situation findet also sowohl mein Arbeits- als auch mein Privatleben zu Hause statt, was nicht immer einfach zu vereinbaren ist. Diese Ausnahmesituation hat aber auch eine positive Seite: Es haben sich zahlreiche neue Kommunikationskanäle aufgetan.“

Es wird sich vieles verändern – manches zum Besseren und manches zum Schlechteren. Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

„Die aktuelle Krise wird auf unserem Markt ordentlich aufräumen. Ich bin davon überzeugt, dass ein Teil Italiens einen starken Aufschwung erleben wird. Das Problem dabei ist aber, dass das nur für einen kleinen Teil des Landes gilt. Wir sehen bereits jetzt, dass sich der gesamte Staat auf das Steueraufkommen von drei oder vier nördlichen Regionen Italiens stützt. Es besteht daher die reelle Gefahr, dass diese Regionen die restlichen Teile des Landes nicht länger tragen können. Man wird also sehen müssen, wie die Bürokratie auf diese Krise reagiert.“

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