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Der Big Reset nach dem Sturm: So gehen wir gestärkt aus der Krise hervor
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2020-11-23 2020-04-17 17 April 2020 - Elmar Burchia
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Der Berater und Innovationsexperte Alessandro Garofalo spricht über den historischen Moment, den wir gerade erleben: „In unseren Unternehmen wird sich von den Produktionsverfahren bis hin zur Managementkultur alles verändern und die alten Werte werden von Empathie und Critical Thinking abgelöst werden.“

„Regen Sie sich bitte über nichts auf, [...] was Sie um sich herum sehen oder hören. Sie werden sich zu Anfang notgedrungen etwas elend fühlen, denn Sie sind [...] vor dem sicheren Tod gerettet worden. [...] Wir stellen die Normalität augenblicklich wieder her, sobald wir wissen, was eigentlich normal ist. Danke.“ Dieser Auszug aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ (Douglas Adams, 1979) beschreibt die aktuelle Situation perfekt: Auch unsere Unternehmen kämpfen in dieser Notlage gegen eine unsichtbare Bedrohung. Krisen und Katastrophen ermöglichen jedoch auch immer einen Neuanfang und eine nachhaltige Veränderung. Eine Eigenschaft, die in der Arbeitswelt und im privaten Bereich sogar noch wichtiger ist als die Resilienz, ist die Antifragilität. Wir haben mit Alessandro Garofalo, Berater, Innovator und Gründer von Garofalo & Idee Associate, über die aktuelle Situation gesprochen. 

Herr Garofalo, wir durchleben derzeit eine merkwürdige Zeit. Wie sehen Sie die aktuelle Situation? 

„Wir erleben einen historischen Moment, denn wir werden Zeugen eines wahrhaftigen Paradigmenwechsels. All unsere Ansichten, Programme, Projekte und Sicherheiten haben sich komplett gewandelt. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Es ist entscheidend, sich mit der aktuellen Ausnahmesituation auseinanderzusetzen, um aus dieser tragischen Gesundheitskrise das Beste zu machen. Nur so können unsere Unternehmen überleben.“ 

Welche Strategie sollten wir Ihrer Meinung nach verfolgen?

„Wir müssen diverse Lösungen entwickeln, auf die wir für die Neugestaltung des gesamten Systems zurückgreifen können. Das ist aber keine neue Überlegung, denn Peter Senge sprach bereits vor Jahren von der lernenden Organisation.“ 

Durch die häusliche Isolation sind wir gezwungen, auf Remote Work, E-Learning und die Kommunikation über Bildschirme zurückzugreifen. Bedeutet das, dass wir jetzt schlagartig zu einer digitalisierten Gesellschaft geworden sind? 

„In den vergangenen Wochen haben wir alle aufgrund bzw. dank der häuslichen Isolation die Vorteile der Digitalisierung kennengelernt. Viele ziehen aber bei der Arbeit von zu Hause aus keine klare Linie zwischen Privat- und Arbeitsleben. Also Remote Work ja, aber von Smart Working kann man in diesem Fall nur teilweise sprechen. Da gibt es sicherlich noch aufholbedarf. Durch die aktuelle Krise waren wir aber in kurzer Zeit in der Lage, die seit Jahrzehnten auseinanderklaffende digitale Kluft ein Stück zu schließen. Außerdem scheint das Datennetzwerk dem plötzlichen Anstieg des Datenverkehrs in dieser Zeit der Hyperkonnektivität bisher gut standzuhalten.“ 

Die Krise wird unserer Wirtschaft und Moral schwer zusetzen. Sie verändert aber auch unsere Einstellung zur Arbeit, zum Leben, zur Geschäftswelt und zur Unternehmensführung. Glauben Sie, dass wir uns mitten in einem Big Reset befinden? 

„Davon bin ich überzeugt, vor allem, was die Unternehmensführung anbelangt: Durch den Gesundheitsnotstand bzw. die digitalen Tools, die wir jetzt nutzen, hat sich der Stereotyp des Chefs, der alles peinlich genau kontrolliert, in Luft aufgelöst. Durch die Heimarbeit haben wir gelernt, uns die Arbeit auch ohne Kontrolle einzuteilen und zu erledigen. Es erscheint paradox, aber das ist genau der richtige Führungsstil für ein erfolgreiches Unternehmen im digitalen Zeitalter.“

Die größten Veränderungen werden wir wohl in der Arbeitswelt erleben: Bedeutet das, dass wir neue Instrumente, Regeln und Normen benötigen?

„Mit Sicherheit. Aktuell handeln wir im Sinne der räumlichen Trennung. In der Arbeitswelt der Zukunft muss aber die Gesundheit der Mitarbeiter an erster Stelle stehen. Es wird natürlich auch erforderlich sein, die interne Betriebsorganisation umzustrukturieren.“ 

Inwiefern muss die interne Betriebsorganisation umstrukturiert werden?

„Aufgrund der räumlichen Trennung müssen wir unsere Produktions- und Dienstleistungsprozesse anpassen. Dabei können uns digitale Tools von großem Nutzen sein. Denn bis zur erfolgreichen Entwicklung eines Impfstoffs gilt, wenn sich auch nur ein Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert, muss das ganze Unternehmen geschlossen werden, und das können wir uns nicht mehr leisten.“ 

Alessandro Garofalo

Auch in der Managementkultur wird eine radikale Veränderung erforderlich sein. Glauben Sie, dass Eigenschaften wie Empathie, Verständnis und ein offenes Ohr für Mitarbeiter an Bedeutung gewinnen werden?

„Ja, ich glaube, dass diese Werte in der Zukunft eine wichtigere Stellung einnehmen werden. Allerdings sehe ich hier auch einen Widerspruch: Die zwischenmenschlichen Kontakte werden sich unweigerlich verändern. Ich denke dabei an die Hotels und Restaurants, an die Rezeptionisten und Kellner: Nichts wird mehr so sein, wie es war. Wir müssen uns an eine neue, vielleicht etwas nordeuropäischere Art der Kommunikation gewöhnen, d. h. an etwas mehr Distanz. 

Wie können Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen mit der Ungewissheit der aktuellen Situation umgehen und ihre Resilienz stärken?

„In einer sich stetig wandelnden Umgebung ist Resilienz eng mit Erneuerung und Umstrukturierungen verbunden. Das heißt, Resilienz ist das Vermögen eines Systems, Veränderungen standzuhalten und sich weiterzuentwickeln. Die KMU und Start-ups haben in dieser Hinsicht sicherlich einen Vorteil, da sie flexibler sind und schneller auf Veränderungen reagieren können. Sie haben eine flachere Hierarchie als große Unternehmen und setzen meist auf die ‚Kreativität von unten‘.“ 

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

„Nehmen wir das Hotel als Beispiel: Eine Lösung wäre, die Mahlzeiten auf den Zimmern zu servieren, da im Restaurant eine höhere Ansteckungsgefahr besteht. Der Hotelbesitzer müsste die Zimmer in diesem Fall allerdings mit größeren und schöneren Tischen ausstatten. Auch die Hersteller von Holzmöbeln suchen nach neuen Wegen. Sie prüfen derzeit, ob zusätzliche Glasoberflächen die Sterilisierung von Möbelstücken erleichtern könnten. Kurzum müssen Unternehmen schnell und kreativ auf Veränderungen reagieren können. Um ihre Resilienz zu stärken, müssen sie aber auch zwischen Notwendigem und Überflüssigem unterscheiden können. Durch eine Analyse der überflüssigen finanziellen Auslagen können die Kosten der „Nicht-Qualität“ ermittelt und dadurch die Ausgaben gesenkt werden. Für die Unternehmen ist es zudem wichtig, auf Mitarbeiter zu setzen, die das Critical Thinking fördern und über gute digitale Soft Skills verfügen.

Was würden Sie Unternehmern für die Zeit nach der Krise raten? 

„Stellen Sie ein Expertenteam zusammen, das Sie bei wichtigen Entscheidungen unterstützt. Sobald die Krise überstanden ist, sollten Sie auch Rat bei interdisziplinären Expertenteams suchen, die Sie in dieser komplexen Situation professionell beraten können.“

(Anm. d. Redaktion: NOI stellt Unternehmen in dieser schwierigen Phase Experten und Coaches für ein 1:1-Orientierungsgespräch zur Verfügung – hier geht’s zu den genauen Infos: link: https://noi.bz.it/de/krise-und-jetzt/know-how-in-der-krise/coaches)

Die Krise hat uns zu einem Zeitpunkt getroffen, als wir dachten, auf alles vorbereitet zu sein. Ist das der richtige Moment, kreativ oder gar wagemutig zu sein? 

„Ich wurde 1955, im Todesjahr von Albert Einstein geboren. Damals war der folgende Ausspruch Albert Einsteins in aller Munde: ‚Wir können nicht davon ausgehen, dass sich Dinge verändern, wenn wir immer dasselbe tun. Eine Krise ist der größte Segen, der einer Person oder einem Land passieren kann, denn sie bringt immer Fortschritt.‘ Meine Antwort lautet also: Ja! Wenn nicht jetzt, wann dann?“ 

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