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Human + Machine: Bereit für die KI-Revolution?
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2020-11-19 2020-11-11 11 November 2020 - Gabriele Crepaz
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Mit Professor Dominik Matt, Direktor von Fraunhofer Italia und Dozent an der Freien Universität Bozen, und Professor Diego Calvanese, Forscher zum Thema Künstliche Intelligenz an der Freien Universität Bozen und Mitglied der Association of Comuting Machinery, versuchen wir herauszufinden, inwieweit Mensch und Maschine zusammenarbeiten können. Dabei konzentrieren wir uns auf fünf Szenarien, zwei davon behandeln wir im zweiten Teil von Human + Machine: die Kompetenzen und die Angst.

Szenario 2 - Die Skills: Wer weiß, welche Fähigkeiten wir brauchen?

Gute Frage. „Wir sind auf diese neue Revolution nicht vorbereitet“, erklärt Dominik Matt, Direktor von Fraunhofer Italia in Bozen. „Das ist auch schwierig!“ Die technologische Entwicklung ist rasant, niemand weiß genau, wohin das Pendel ausschlagen wird. Matt: „Man schätzt, dass von den Jobs, die in den kommenden zwölf Jahren entstehen werden, 38 Prozent noch gar nicht erfunden sind.“  Die Unsicherheit schürt Ängste. Menschen haben Angst, arbeitslos zu werden. Schlimmer noch: Menschen haben Angst, nie mehr Arbeit zu finden. Das McKinsey Global Institute geht 2019 davon aus, dass in den USA 50 Prozent der Arbeit – nicht der Jobs – im Prinzip automatisierbar sind. Wie ein Mantra wiederholen Wissenschaftler indes, die Geschichte zeige, dass mit jedem Schritt zur Automatisierung mindestens so viele Jobs geschaffen wurden wie verloren gingen. Aber was heißt das schon? Manche fallen durch den Rost, fürchtet Calvanese, einer der anerkanntesten Experten weltweit im Bereich künstlicher Intelligenz. „Wenn sich die Technik des autonomen Fahrens durchsetzt, verlieren Taxifahrer, Lkw-Fahrer, Lenker von öffentlichen Verkehrsmitteln ihren Job. Das sind zehn Prozent aller Jobs in den USA“, sagt der Forscher. Anderes Beispiel: die automatische Supermarktkasse. „Was passiert mit den Kassiererinnen? Niemand kann sagen, ob die wieder einen Job finden werden“, sagt Calvanese. Das belastet ihn: „Mich freut diese Entwicklung nicht. Ich gehe im Supermarkt immer zur Kassiererin, das mache ich ganz bewusst.“

Gesucht werden so genannte High Skill Worker. Informatiker, die Kenntnisse von Machine Learning und Data Processing haben, Menschen also, die von Maschinen gebraucht werden. Außerdem Menschen, die in wechselnden Teams komplexe Probleme lösen können. Die emotionale Intelligenz mitbringen, Bestehendes hinterfragen, Verantwortung übernehmen. Bei GKN Sinter Metals in Bruneck, wo Industrie 4.0 bereits gelebt wird – zumal in Bruneck demnächst der neue NOI Techpark speziell für die hiesige Automobilindustrie seine Pforten öffnet –, fragt man sich, was ein digitales Unternehmen menschlich zusammenhält. „Die Schwierigkeit wird sein, Kompetenzen und menschliche Stärken in Harmonie zu bringen“, erklärte Chief Digital Officer Paul Mairldem Magazine im Herbst 2019. Er überlege deshalb, einen Psychologen einzustellen.

Einige Berufsbilder müssen sich erst herauskristallisieren. „KI-Anwalt, Drohnenflottenmanager, Robosports-Koordinator“, spekuliert Matt ins Blaue. Er sagt auch, „Ärzte sind unter Umständen durch KI leichter zu ersetzen als Krankenschwestern.“ Dafür bescheinigt er Handwerkern gute Chancen: „Da braucht es ein hohes Maß an Flexibilität und sensorischer Kompetenz.“ Das traut er Maschinen noch lange nicht zu. Der Mensch der Zukunft muss auf jeden Fall mehr können als Lesen, Schreiben und Rechnen. „Wir müssen Kindern den Umgang mit digitalen Medien beibringen“, fordert Dominik Matt, der zudem als Dozent an der Uni Bozen tätig ist. An seinen Studenten beobachtet er, wie die Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Immer schneller zücken sie das Smartphone, während er vorne spricht. Für ihn ein klares Zeichen: „Schluss mit Frontalunterricht. Die Jungen lernen interaktiv. Wir Lehrer werden zum Entertainer.“

Wer das richtige Profil hat, wird Arbeit finden. Dafür sorgt künstliche Intelligenz. Sie erleichtert den Zugang zu Bildung durch AI Tutorial Tools und bringt auf speziellen Plattformen Nachfrage und Angebot zusammen. Und darum sollten wir kühlen Kopf bewahren. 

 

Szenario 3 – Wider die Angst: Warum unser Gehirn nicht leicht zu knacken ist.

Millionen Jahre Evolution sind ein Polster. Das menschliche Gehirn funktioniert so geschickt, dass es Forschern noch immer ein Rätsel ist. So lernt jedes Kind besser als eine intelligente Maschine. Trotz aller Fortschritte im Machine Learning: „Ein Kind sieht eine Katze vier Mal, dann weiß es, was eine Katze ist und kann die Katze sogar vom Hund unterscheiden. Die Maschine braucht dafür tausende, ja Millionen Bilder von Katzen und Hunden, in verschiedenen Konfigurationen, Farben und Umfeldern“, erklärt Diego Calvanese. Allerdings: Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Maschinen das Level der menschlichen Intelligenz erreichen werden. Man weiß nur nicht wann. Daten kursieren. Zwischen den Jahren 2029 und 2200 gibt es große Auswahl, hat Martin Ford in seinem Buch Die Intelligenz der Maschinen (2019) herausgefunden, als er 18 Koryphäen der KI befragte. „Ein Ratespiel“, meint auch Diego Calvanese. „Aber es könnte schneller gehen als man denkt. Es wird viel investiert. Vielleicht kommt morgen ein Forscher mit der Lösung.“

Und wann droht die Superintelligenz? Das System, das uns ausbootet und so autonom denkt und handelt, dass es ohne Menschen existieren kann. „Einige Experten sagen, die Superintelligenz wird kommen, andere meinen, das wird nie sein“, berichtet Diego Calvanese. Was bleibt dann von uns? Was sind Empathie, Ironie, Humor wert? Nicht viel, wenn man Calvanese folgt: „Alles was wir empfinden, ist nur eine Manifestation von komplexen Vorgängen im Gehirn. Wir sprechen von komplexen Schaltkreisen.“ Und Schaltkreise kann man nachbauen. Calvanese nickt.

Moment, dann haben wir noch immer ein Problem zu lösen: den Energieverbrauch. Das menschliche Gehirn denkt mit 20 Watt, Maschinen brauchen Millionen Mal mehr Energie für die gleiche Rechenleistung. „Aber das wird sich anpassen“, prophezeit Calvanese. Es nutzt nichts: Die KI ist uns auf den Fersen. Die Frage ist, was wir daraus machen. Wir. Sie und ich. Kurz: Die Gesellschaft.

Erfahrt es im nächsten Teil von Human + Machine.

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