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Warum BioLogik System kurz davor ist, abzuheben
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2020-02-14 2020-02-14 14 Februar 2020 - Gabriele Crepaz
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Grünes Start-up: Seit Mai 2019 brütet BioLogik System im Start-up Incubator des NOI Techpark. Das Unternehmen von Tobias Diana gilt als vielversprechend. Es hat eine Technologie entwickelt, mit der Schnittholzabfall zu Wärme und Humus verarbeitet wird. Investoren klopfen an, ein Pilotprojekt startet demnächst. Wie hoch der Druck ist, es zu schaffen, und warum ein Gepard, ein E-Bike und ein Notenständer mit von der Partie sind? Wir haben Tobias Diana interviewt. 

Übermorgen ist ein wichtiger Tag für Tobias Diana. Wenn alles gut geht, kriegt er einen fixen Job. So formuliert er es. Eigentlich meint er, dass er nach Langem wieder einmal ein fixes Gehalt bekommt. Bei Startuppern wahrscheinlich einerlei. Wer für seine Idee lebt, der kratzt überall und nebenher zusammen. Zeit, Utensilien, Geld. Bis ein potenzieller Investor am Horizont auftaucht. Oder in Bozen den Weg in den NOI Techpark findet, wo Tobias Diana mit seinem Unternehmen BioLogik System im Start-up Incubator für den Markt fit wird.

Einen Saustall nennt er sein Büro. Doch als wir eintreten, fallen uns nur drei Gegenstände ins Auge, die stutzig machen: das groß aufkaschierte Foto eines Gepards mit Beute im Maul, ein E-Mountainbike und ein Notenständer, an dem ein Schild adventureX lehnt. Im Laufe des Gesprächs wird klar, alles gehört dazu, wenn man ein Start-up gründet.

Bioreaktor, Wärmetauscher, Pufferspeicher: So wird Restholz zu Humus und Wärme

Tobias Diana ist jung, 27, und seine Idee klingt so einfach, dass man fragen muss, warum niemand vor ihm darauf gekommen ist. Er hat eine Technologie entwickelt, mit der holzige Reststoffe kompostiert und in Wärmeenergie und Humus umgewandelt werden. „Das Neue daran? Das System ist total effizient, und die Bauern haben keinen Mehraufwand“, fasst Tobias Diana zusammen. 

So funktioniert’s: Kernelement des Systems ist ein innovativer Wärmetauscher, der in einem Bioreaktor sensible und latente Wärme aus dem Kompostierprozess aufnimmt, diese in einem Pufferspeicher sammelt und so unabhängig vom Kompostiervorgang zur Verfügung stellt. Einmal im Jahr wird der Bioreaktor geleert, dafür hebt ein kleiner Kran den Wärmetauscher an, anschließend wird der Container mit frischem Schnittholz beladen, und der Wärmetauscher sinkt herab, damit alles von vorne beginnt. Mit herkömmlichen Systemen dauert dieser Vorgang zehn Tage, zehn Leute werden dafür gebraucht. „Wir bieten eine Komplettlösung an, schlüsselfertig“, erklärt Diana, „für das gleiche Ergebnis braucht man jetzt zu zweit einen Tag.“  

Ein Berg Energie: In Kenia erkennt Tobias Diana, was natürliche Abfallwirtschaft braucht

Tobias Diana hat alles selbst ausprobiert. Früher half er auf dem Hof seiner Großmutter in Eppan mit, schon lange heuert er zur Ernte bei fremden Bauern an. „Was macht ihr mit dem Abfall?“, fragte er die Bauern immer wieder. Und die Bauern schauten ratlos, hoben die Schultern oder winkten ab. Eine Mühsal, der Abfall. 

Das gibt’s doch nicht, wehrte Tobias Diana sich. Nichts verschwenden, hatte seine Oma ihm beigebracht. Und als Energietechniker spürte er selbst, so viel potenzielle natürliche Wärme durfte nicht verpuffen. Schon als Kind untersuchte er, was Energie konnte und wie man ihrer habhaft werden konnte. Als er einmal einen Magneten in die Steckdose steckte, kappte er damit den Strom in der Straße, wo er wohnte. Und wenn er zeichnen sollte, malte er Energie: „In bunten Farben und mit viel Gekritzel.“

Nur dem Gepard musste er noch begegnen.

Er meldete sich freiwillig für das Uniprojekt im kenianischen Mombasa. Damals studierte er Energie- und Umwelttechnik an der Fachhochschule Burgenland in Pinkafeld. Eine NGO in Kenia suchte Studenten für Entwicklungsprojekte. Tobias Diana faszinierte der Lebensmittelmarkt in der Hafenstadt am Indischen Ozean. 20.000 Menschen decken sich hier täglich zum Leben ein, jeden Abend wachsen die Abfälle aus Zuckerrohr, Ananas, Papaya zu einem Berg an, 92 Tonnen schwer. Diana studierte sechs Monate lang den Prozess einer nachhaltigen Abfallwirtschaft, und allmählich durchschaute er die biologischen Abläufe. „Aber Wärme zu produzieren bei 40 Grad Außentemperatur ist natürlich uninteressant“, sagt er zu uns. 

Im Naturschutzgebiet Masai Mara entstand zu jener Zeit ein Foto. Der Gepard hatte soeben ein Tier erbeutet. Für Tobias Diana ein Zeichen: „Der Gepard ist zu 98 Prozent effizient. Wenn er startet, hat kaum ein Tier eine Chance.“ Wie eine Trophäe lehnt das Bild nun im Büro von BioLogik System. Tobias nennt es „unsere Inspiration zur Effizienz“.

Mit der Idee im Schlafzimmer: Durchhalten, bis ein Virus den Rechner niederstreckt

Als er nach Europa zurückkehrt, ist er bereit. Er kennt sich in der Landwirtschaft aus, er strebt nach Energieeffizienz, nun weiß er auch über die Arbeit der Bakterien im Kompostierprozess Bescheid: „Ich hatte diese Idee und ich wusste, jetzt muss ich es probieren.“ 

Es ist im Spätherbst 2015. Er verunstaltet den Garten der Eltern, wo er erste Versuche wagt. Er besetzt die Garage für ein Jahr. Er schläft mit dem Lötkolben neben dem Bett. Er glaubt alles zu wissen und muss die Erfahrung machen, „dass man Zeit braucht, um die Details auszuforschen.“ Tagsüber studiert er, nachts zeichnet er am Patent. „Ich war paranoid, ich hatte solche Angst, dass mir jemand meine Idee klaut“, erinnert er sich. 

Mit der Zeit werden die Tests gezielter. Ein Bauer liefert die Schnittreste, ein Installateur baut den ersten Wärmetauscher, ein IT-Experte errechnet die digitale Steuerung. Diana kündigt seinen Vollzeitjob und hält sich mit Kellnerjobs über Wasser, im Sommer arbeitet er im Weinberg und in den Obstwiesen. 

Irgendwie läuft es. Bis ein Virus seinen Rechner niederstreckt. Und die Arbeit eines Jahres dahin ist. 

„Alles gehört dazu“, sagt er rückblickend und lächelt. Aber, fügt er an, es sei anstrengend. Psychisch anstrengend. 

Drei Erfolgsfaktoren im Start-up Incubator: kompetentes Team, innovative Idee, Marktpotenzial

Als er sich durchringt und sich mit BioLogik System für das Pre-Incubation Program im NOI Techpark bewirbt, verbessert sich seine Lage. Im Scherz sagt er: „Jetzt bin ich nicht mehr allein der Narr, der im Schlafzimmer tüftelt, hier sind alle Narren.“ Innerhalb von sechs Monaten wird aus seiner Idee ein Geschäftsmodell mit Finanzierungsaussicht. 2019 im Mai wird BioLogik System für drei Jahre in den Start-up Incubator aufgenommen. Zu dritt arbeiten sie nun im Team. Das junge Unternehmen erfüllt alle Kriterien: „Wir prüfen, ob das Team kompetent ist und sich nicht nur in der Freizeit dem Start-up widmet. Wir untersuchen, ob die Geschäftsidee innovativ und skalierbar ist und ob sie Marktpotenzial hat, damit das Unternehmen auch wachsen kann“, erklärt Petra Gratl, Verantwortliche für den Start-up Incubator im NOI Techpark   

29 Start-ups werden derzeit im NOI Techpark betreut. Alle zwei Monate treffen sich Gratl und ihr Team mit den Gründern und klopfen die Projekte auf den Fortgang des gemeinsam erarbeiteten Accelerator Programs ab. Tobias Diana fühlt sich gut aufgehoben. „Ohne NOI Techpark wären wir sicher langsamer und deprimierter“, befindet er. Er kann gut tiefstapeln. 

Stefano Dal Savio, Ansprechpartner im NOI Techpark wenn es um Green Technologies geht, bescheinigt dem Unternehmen ein hohes Erfolgspotenzial. „Wir glauben an dieses Unternehmen. Wir haben es bereits mit Experten und lokalen Akteuren zusammengebracht. Und wir haben ein Pilotprojekt ausgehandelt“, so Dal Savio. 

Das Potenzial hat eine Zahl: 13 Millionen Tonnen Schnittabfall fallen jährlich in der EU an. Dieser Haufen will bewegt werden.

Von der Idee zum Patent: Warum BioLogik System so viel wert ist wie eine Wohnung

Im NOI Techpark kam nun ein Stein ins Rollen. Kein Kiesel, wie es Tobias Diana gewohnt war, sondern ein Brocken, der mitunter schwer zu lenken ist. So hat das Europäische Patentamt bereits grünes Licht gegeben. Die Finanzierungsförderung greift. In Leipzig hat das Deutsche Biomasse Forschungsinstitut gerade zwei Wärmetauscher angekauft und will dafür Messergebnisse liefern. Erste Investoren sind interessiert. In den kommenden Wochen startet im Versuchszentrum Laimburg, dem Südtiroler Forschungsinstitut für Obst- und Weinbau, das Pilotprojekt, von dem Dal Savio spricht. Auch ein Bauernhof stellt Material und Grund zur Verfügung, um die Technologie zu testen. Und ein Holzunternehmen sieht in der Technologie von BioLogik System eine Methode, um Holzrinde wärmespendend zu verwerten. Zu alledem, sagt Tobias Diana, kam eine Anfrage, Pferdemist zu verarbeiten.

Eigentlich könnte er frohlocken. Tut er. Aber.

Die Batterie seines Autos lässt ihn immer noch im Stich, so dass er mit dem E-Bike die zehn Kilometer zur Arbeit fährt. Und die Stühle im Büro sind irgendwo aufgegabelt. 

Noch immer wirft BioLogik System kein Geld ab. Im Gegenteil. Noch immer muss Diana Entwicklungskosten einkalkulieren. „Wahrscheinlich hätte ich mir mit dem Geld, das ich bisher investiert habe, schon eine Wohnung kaufen können“, schätzt er. 

Zwischen Investoren und Architekten: Wann Tobias Diana abends Geige spielt

Gleichzeitig weiß er, dass er nicht aufgeben kann. Dass er da durchmuss. Dass er morgen einen Architekten treffen wird, weil er beschlossen hat, seinen Bioreaktor zu begrünen, damit dieser schön ausschaut vor dem Haus, nicht stinkt und keinen Lärm macht. So wie Bauern, Hoteliers, Lebensmittelproduzenten, Urlaub-auf-dem-Bauernhof-Anbieter es sich wünschen. Und übermorgen wird er hören, was der potenzielle Investor mit BioLogik System vorhat. 

Wenn’s ganz schlimm wird, geht er abends nach Hause und spielt Geige. Für seinen sechs Monate alten Sohn. „Dabei kann ich am besten entspannen“, sagt er. Und zeigt auf den Notenständer. 

FACT SHEET

BioLogik System ist seit 2019 im Inkubationsprogramm und entwickelt ein Rund-um-Paket, welches es dem Kunden ermöglicht, einen größtmöglichen Nutzen aus anfallenden Schnitt- und Holzresten aus der Landwirtschaft zu ziehen ohne einen Mehraufwand zu haben.

Im Start-up Incubator finden bereits operative Start-ups und Spin-offs ein ideales Umfeld für ihre ersten Unternehmensjahre. Für jedes aufgenommene Start-up wird ein maßgeschneiderter Acceleration-Plan entwickelt, der auf Milestones über drei Jahre aufgebaut ist und gezielte Maßnahmen und Services zur Erreichung dieser Milestones enthält.

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