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Von der Theorie zur Praxis: Zukunftsszenarien der Mikroelektronik
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2020-02-04 2019-11-08 8 November 2019 - Domenico Nunziata
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Forscher, CEOs, Ingenieure und Wissenschaftler haben sich Ende Oktober einen Tag lang in Bozen dem Thema Mikroelektronik gewidmet. Geballtes Fachwissen, neue Forschungsergebnisse, Best-Practice-Beispiele der Elektronikentwicklung und der Besuch des Südtiroler High-Tech-Unternehmens Microgate waren die Zutaten einer Veranstaltung der besonderen Art. 

Die Zukunft elektronischer Systeme – von der Entwicklung bis hin zur praktischen Anwendung – stand am 31. Oktober im Bozner NOI Techpark im Mittelpunkt der Fachveranstaltung „Electronic Based Systems“. Die Regie des Events führte Johannes Brunner, Experte für Automotive und Automation von NOI. Diverse Fachreferenten boten tiefen Einblick in die Materie. Dazu gab es zahlreiche Erfahrungsberichte und zum Abschluss auch einen Besuch im neuen Sitz von Microgate in Bozen Süd. Das anspruchsvolle Programm und das hochkarätige Publikum haben einmal mehr gezeigt, welche Rolle der Technologiepark mittlerweile spielt, wenn es um die Vernetzung von Experten und spezifische technische Kompetenzen  geht. Wobei es gelingt, lokale Erfahrungen in einen globalen Kontext einzubetten.

„Brain inspires silicon: analog frontiers for artificial intelligence” war das Thema von Ludovico Minati, Professor am Institut für Innovative Forschung des Tokyo Institute of Technology. Minati hat über sein Forschungsgebiet und über mögliche neue Grenzen berichtet, aber auch über die Ähnlichkeiten zwischen einigen elektronischen Systemen mit einfachen Transistorstrukturen und dem Verhalten des menschlichen Gehirns. Minatis Forschungstätigkeit, die er in Tokio in Kooperation mit weiteren Unternehmens- und Forschungspartnern betreibt, hat bereits gezeigt, dass sich technische Systeme immer öfter an der Natur orientieren – Bionik, oder wie der Slogan des NOI Techparks: Nature of Innovation.  Als Beispiel stellte der Experte einen analogen Roboter vor, der wie ein Käfer aussieht und es schafft, allein durch seine Elektronik (ohne KI-Software) Bewegungsmuster zu entwickeln.

Ganz nach dem Motto: “Get creative”

Referentin Ruth Aigner, die Ecosystem Managerin von Silicon Alps, hat hingegen ihr Cluster Silicon Alps vorgestellt. Die öffentlich-private Institution verbindet Unternehmen, Start-ups und öffentliche Körperschaften, um die österreichischen Bundesländer Kärnten und Steiermark als Innovationszentren auf dem Gebiet der Elektronik und Mikroelektronik zu etablieren. „Werden Sie kreativ“, legte Aigner dem Publikum in Bozen nahe. Silicon Alps ist ein überregionales Netzwerk und fungiert als Inkubator für Start-ups und Projekte. Im Cluster werden neue Trends recherchiert und an die Branche weitergegeben. Außerdem zählt Networking zu den Hauptaufgaben der Einrichtung. Thematische Fokusgruppen, Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Stadtverwaltungen und die Teilnahme an europäischen Wettbewerben dienen dazu, Talente zusammenzuführen. Denn ohne Ideenaustausch gibt es keine Kreativität, und ohne Kreativität keine Innovation.  Diese sei allerdings ausschlaggebend, um im weltweiten Wettbewerb im Sektor der Mikroelektronik bestehen zu können.

Auf der „Electronic Based Systems“-Bühne fanden Ende Oktober mit Kerr Italia und Alpitronic auch zwei Südtiroler Unternehmen Platz. Alpitronic wurde 2017 von der britischen „Financial Times“ als eines der 1000 am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas identifiziert. Systementwickler Philipp Niedermayer stellte im Rahmen der Veranstaltung den Innovationsprozess im jungen High-Tech-Betrieb mit Sitz in Bozen vor.
Alpitronic bietet Entwicklungsdienstleistungen für Leistungselektronik mit hohem technologischem Innovationsgrad an. In Niedermayers Vortrag ging es konkret darum, wie Alpitronic maßgeschneiderte Lösungen für seine Kunden entwickelt, z.B. Ladesäulen für die Elektromobilität.
Kerr Italia, das im NOI angesiedelt ist, entwickelt hingegen Mikrochips, die den speziellen Anforderungen der Kunden entsprechen und in der gewünschten Form nicht auf dem Markt zu finden sind, so Andrea Stona, CEO von Kerr. Dies funktioniert nur durch ein starkes internationales Netzwerk und gute Verbindungen zum asiatischen Markt – etwa zu Taiwan und Singapur. Kerr schafft es, durch Kooperation mit Faraday- und Opulent-Technologies nicht nur die von ihm designten Mikrochips nach beliebigen Standards zu testen und in beliebiger Stückzahl zu fertigen, sondernauch, die Form der grünen Platinen oder elektronischen Geräte zu liefern. Kurz gesagt, das Unternehmen mit seinem einzigartigen Netzwerk, beginnt mit der Kundenidee und kann Komplettlösungen liefern, wie bereits in vielen Referenzprojekten in der Automotive- oder in der Luftfahrtbranche bewiesen.

Technologie ist mehr als nur Software

Eine Entwicklung, die auch Markus Barbieri von Barbieri electronic anstrebt. Die Kernkompetenzen des Unternehmens mit Sitz in Brixen liegen in der Entwicklung von Photospektrometern und intelligenten Farbmessgeräten für Profis im Digitaldruck. Diese ermöglichen die präzise und wiederholgenaue Messung des Farbspektrums auf einer Vielzahl von Substratmaterialien – von Papier, Textilien, Keramiken über Displays bis hin zu diversen Kunststoffen. Dafür entstehen ständig neue Anwendungen, die ein Höchstmaß an Bildqualität garantieren.
Nicht weniger interessant waren die beiden letzten Präsentationen der Forscherin Luisa Petti von der Freien Universität Bozen  und der Projektmanagerin von Orma Solutions, Francesca Orlandi.
Dr. Petti stellte ihre bereits international publizierten Forschungsergebnisse über 3D-Drucktechnologien für die Herstellung flexibler Elektronik auf Kunststoffbasis vor, die in Zukunft für flexible Bildschirme oder in intelligenten Textilien zum Einsatz kommen könnten. Nach mehrjähriger Erfahrung an der TU-München und der ETH Zürich wird die hochkarätige junge Wissenschaftlerin mit ihrer Forschungsgruppe bald das Sensoriklabor im NOI Techpark beziehen und freut sich auf Industrieprojekte. 
Orma Solutions mit Sitz in Bozen beschäftigt sich mit dem Internet der Dinge (IoT). Darunter versteht man Geräte und Maschinen, die imstande sind, sich miteinander zu vernetzen und zu interagieren sowie Daten auszutauschen. Orma bietet komplexe und maßgeschneiderte Dienstleistungen an, mit Fokus auf die Landwirtschaft und die intelligente Tierzüchtung: Datenerfassungssysteme, Clouds, Erhebungen und Testphasen seien notwendig, um den Ansprüchen der Zukunft in Sachen Entwicklung und Arbeitswelt gerecht zu werden. 

Krönender Abschluss von „Electronic Based Systems“ war der Besuch von Microgate in Bozen. 1989 in Bozen von den Brüdern Vinicio und Roberto Biasi mit dem Ziel gegründet, Zeitmesssysteme für den Sport zu entwickeln, hat Microgate sein Know-how und sein Partnernetzwerk im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut, um neue Herausforderungen in Angriff zu nehmen. Heute ist das Unternehmen in vier Entwicklungsbereichen tätig: Professional Timing, Training & Sport, Medical Rehab und Engineering. Das Verkaufsnetzwerk erstreckt sich über 30 Länder in vier Kontinenten. Seit 2010 gibt es eine Niederlassung sowie wichtige Kooperationen in den USA. Microgate hat sich auf Stoppuhren und Photonenzählern (in Zusammenarbeit mit dem Polytechnikum in Mailand), aber auch auf Kontrollsysteme und adaptive Optiken für Teleskope spezialisiert – und das erfolgreich. Das Unternehmen liefert die Schlüssel-Komponenten für einige der größten Teleskope der Welt. Im kürzlich eröffneten neuen Bozner Firmensitz wird der gesamte technologische Entwicklungsprozess von der Planung über die Prototypenkonstruktion bis zur Produktion verfolgt. Im Rahmen der Betriebsbesichtigung erklärte Entwicklungsingenieur Christian Patauner wann und wie FPGA-Microchips (programmierbare Logiken) von Microgate eingesetzt werden. Anschließend hatten die Gäste die Möglichkeit, die attraktiven Arbeitsplätze und die neuen Labors für die Planung, die Programmierung, die Fertigung und die Tests der Hightech-Produkte von Microgate zu besichtigen. Denn Innovation bedeutet auch, Menschen und andere Realitäten kennenzulernen und neue Beziehungen aufzubauen.

FACT SHEET

Link zur Landing Page von Electronic Based Systems auf der Website des NOI Techpark.

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