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Von der Theorie zur Praxis: Zukunftsszenarien der Mikroelektronik
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2019-11-08 2019-11-08 8 November 2019 - Domenico Nunziata
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Forscher, CEOs, Ingenieure und Wissenschaftler haben sich Ende Oktober einen Tag lang in Bozen dem Thema Mikroelektronik gewidmet. Viel Fachwissen, aktuelle Zahlen, Best-Practice-Beispiele und der Besuch des Südtiroler Vorzeigeunternehmens Microgate waren die Zutaten einer Veranstaltung der besonderen Art. 

Die Zukunft elektronischer Systeme – von der Entwicklung bis hin zur praktischen Anwendung – stand am 31. Oktober im Bozner NOI Techpark im Mittelpunkt der Fachveranstaltung „Electronic Based Systems“. Die Regie des Events führte Johannes Brunner, Experte für Automotive und Automation von NOI. Diverse Fachreferaten boten tiefen Einblick in die Materie. Dazu gab es zahlreiche Best-Practice-Beispiele und zum Abschluss auch einen Besuch im neuen Sitz von Microgate in Bozen Süd. Das anspruchsvolle Programm und das hochkarätige Publikum haben einmal mehr gezeigt, welche Rolle der Technologiepark mittlerweile spielt, wenn es um den Austausch von Ideen und die Präsentation besonderer Talente geht. Wobei es gelingt, lokale Erfahrungen in eine globale Diskussion einzubringen.

„Brain inspires silicon: analog frontiers for artificial intelligence” war das Thema von Ludovico Minati, Professor am Institut für Innovative Forschung des Tokyo Institute of Technology. Minati hat über sein Forschungsgebiet und über mögliche neue Grenzen berichtet, aber auch über die Ähnlichkeiten zwischen einigen elektronischen Systemen mit einfachen Transistorstrukturen und dem Verhalten des menschlichen Gehirns. Minatis Forschungstätigkeit, die er in Tokio in Kooperation mit anderen Universitäten betreibt, hat bereits gezeigt, dass sich bestimmte elektronische Systeme in der Robotik wie Tiere in der Natur verhalten. Als Beispiel stellte der Experte einen analogen Roboter (ohne Software) vor, der wie ein Käfer aussieht und es schafft, völlig unerwartete Bewegungsmuster zu entwickeln.

Ganz nach dem Motto: “Get creative”

Referentin Ruth Aigner, die die Abteilung Ökosysteme von Silicon Alps leitet, hat hingegen das Cluster Silicon Alps vorgestellt. Die öffentlich-private Institution verbindet Unternehmen, Start-ups und öffentliche Körperschaften, um die österreichischen Bundesländer Kärnten und Steiermark als Innovationszentren auf dem Gebiet der Elektronik und Mikroelektronik zu etablieren. „Werden Sie kreativ“, legte Aigner dem Publikum in Bozen nahe. Silicon Alps fungiert als Inkubator für Start-ups. Im Cluster werden neue Trends recherchiert und an die Branche weitergegeben. Außerdem zählt Networking zu den Hauptaufgaben der Einrichtung. Thematische Fokusgruppen, Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Stadtverwaltungen und die Teilnahme an europäischen Wettbewerben dienen dazu, Talente zusammenzuführen. Aigners Vortrag hat verdeutlicht, wie wichtig es im Innovationssektor sei, Netzwerke aufzubauen. Denn ohne Ideenaustausch gebe es keine Innovation, und ohne Innovation keine Kreativität.  Diese sei allerdings ausschlaggebend, um mit den jüngsten Entwicklungen der Mikroelektronik mithalten zu können. 


Auf der „Electronic Based Systems“-Bühne fanden Ende Oktober mit Kerr und Alpitronic auch zwei lokale Firmen Platz. Alpitronic wurde 2017 von der britischen „Financial Times“ als eines der Unternehmen mit dem europaweit größten Wachstumspotenzial beschrieben. Systementwickler Philipp Niedermayer stellte im Rahmen der Veranstaltung den jungen Betrieb mit Sitz in Bozen vor. Alpitronic bietet umfassende Dienstleistungen im Bereich der Entwicklung elektronischer Systeme mit hohem technologischen Innovationsgrad an. In Niedermayers Vortrag ging es konkret um die Zukunft der Elektromobilität und darum, wie Alpitronic maßgeschneiderte Lösungen für seine Kunden entwickle. Kerr, das im NOI angesiedelt ist, stelle hingegen Mikrochips her, die den speziellen Anforderungen der Kunden entsprechen und in der erwünschten Form nicht auf dem Markt zu finden sind, so  Andrea Stona, CEO von Kerr. Besonders interessant am Unternehmen sind auch die guten Verbindungen zum asiatischen Markt – etwa zu Taiwan und Singapur. Kerr vermarktet Technologien von Faraday- und Opulent-Technologies. Kurz gesagt, das Unternehmen hat ein Netzwerk geschaffen, das im Zeichen der technologischen Innovation alle geografischen Grenzen zu überwinden scheint.

Technologie ist mehr als nur Software

Eine Entwicklung, die auch Markus Barbieri von Barbieri electronic anstrebt. Die Kernkompetenzen des Unternehmens mit Sitz in Brixen liegen in der Entwicklung intelligenter Farbmesstechniken für Profis im Digitaldruck. Diese ermöglichen farbgetreue Ausdrucke auf einer Vielzahl von Materialien – vom Papier über Displays bis hin zu diversen Kunststoffen. Dafür entstehen ständig neue Anwendungen, die ein Höchstmaß an Bildqualität garantieren.
Nicht weniger interessant waren die beiden letzten Präsentationen der Forscherin Luisa Petti von der Freien Universität Bozen und der Projektmanagerin von Orma Solutions, Francesca Orlandi. Petti sprach über den Einsatz von Kunststoff in der Mikroelektronik – so etwa bei der Herstellung flexibler Bildschirme, deren Material ein besonderes Druckverfahren erfordern. Die junge Wissenschaftlerin verdeutlichte den Teilnehmern verdeutlicht, wie wichtig es sei, auch im technologischen Bereich neue Materialien zu erforschen. Denn von der Software allein lebt kein Gerät. 
Orma Solutions mit Sitz in Bozen beschäftigt sich mit dem Internet der Dinge (IoT). Darunter versteht man Geräte und Maschinen, die imstande sind, sich miteinander zu vernetzen und zu interagieren sowie Daten auszutauschen. Orma bietet zudem komplexe und maßgeschneiderte Dienstleistungen an. Derzeit liegt der Fokus im Bereich der Landwirtschaft und der intelligenten Tierzüchtung: Datenerfassungssysteme, Clouds, Erhebungen und Testphasen seien notwendig, um den Ansprüchen der Zukunft in Sachen Entwicklung und Arbeitswelt gerecht zu werden. 


Krönender Abschluss von „Electronic Based Systems“ war der Besuch von Microgate in Bozen. 1989 in Bozen von den Brüdern Vinicio und Roberto Biasi mit dem Ziel gegründet, Zeitmesssysteme für den Sport zu entwickeln, hat Microgate sein Know-how und sein Partnernetzwerk im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut, um neue Herausforderungen in Angriff zu nehmen. Heute ist das Unternehmen in vier Entwicklungsbereichen tätig: Professional Timing, Training & Sport, Medical Rehab und Engineering. Das Verkaufsnetzwerk erstreckt sich über 30 Länder in vier Kontinenten. Seit 2010 gibt es eine Niederlassung sowie wichtige Kooperationen in den USA. Microgate hat sich auf Stoppuhren und Photonenzählern (in Zusammenarbeit mit dem Polytechnikum in Mailand), aber auch auf Kontrollsysteme für Teleskope und adaptive Optiken spezialisiert – und zwar erfolgreich. Das Unternehmen liefert die Komponenten für einige der größten Teleskope der Welt. Im Bozner Firmensitz wird der gesamte technologische Entwicklungsprozess von der Planung über die Prototypenkonstruktion bis zur Produktion verfolgt. Im Rahmen der Betriebsbesichtigung erklärte Ingenieur Christian Patauner die Technologie von Microgate und erzählte anschließend die Firmengeschichte. Anschließend hatten die Gäste die Möglichkeit, die verschiedenen Bereiche von Microgate zu entdecken. Denn Innovation bedeutet auch, Menschen und andere Realitäten kennenzulernen und neue Beziehungen aufzubauen.

FACT SHEET

Link zur Landing Page von Electronic Based Systems auf der Website des NOI Techpark.

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