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Ecosteer: Die Macher der Data Sharing Economy
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2020-01-10 2020-01-09 9 Januar 2020 - Alexander Ginestous
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Sie sind von Großbritannien nach Südtirol gekommen, um Daten im Sinne des GDPR zu behandeln und den Usern die Kontrolle über persönliche Informationen zurückzugeben: Ecosteer will den Markt der Daten revolutionieren. Und mit NOI Techpark haben sie das ideale Ambiente gefunden, ihren Plan umzusetzen. Dem Brexit sei Dank: „Das Referendum zum EU-Austritt hat uns dazu bewogen, nach Italien zurückzukehren".

Stellt euch vor, ihr hättet wieder die komplette Kontrolle über die Daten und Informationen, die man durch Apps auf dem Smartphone abgegeben hat. Ihr selbst entscheidet, ob sie verkauft oder anderen Unternehmen und Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden – und gleichzeitig profitiert auch das eigene Bankkonto davon. Eine ziemlich ehrgeizige Idee, die sogar über die Vorgaben der GDPR (General Data Protection Regulation) hinausgeht. Unrealistisch? Mit Nichten! IoT und Blockchains machen’s möglich. Nicht von ungefähr sind schon einige italienische Unternehmen auf den Zug aufgesprungen, um sich ein Stück dieses Kuchens zu sichern. So auch das 2017 gegründete Unternehmen Ecosteer, das sich mittlerweile beim Start-Up Incubator von NOI Techpark niedergelassen hat und die Rolle des Spiritus Rector der „Data Sharing Economy“ anstrebt. Das Start-up stammt eigentlich aus England und hat erst kürzlich seinen Weg nach Südtirol gefunden. Begleitet hat seinen Werdegang eine Reihe von Accelerator-Programmen und Chancen, die man im richtigen Moment zu erkennen vermochte.

Das Unternehmen

Elena Pasquali, Molekularbiologin mit Vergangenheit in großen Unternehmen wie Genpact, SAP, Capgemini, GE Healthcare, und der ICT-Experte Daniel Grazioli haben das IoT- und Blockchain-Unternehmen gegründet, als sie von Großbritannien nach Italien zurückgekehrt sind. Elena erinnert sich: „Wir haben mehr als zwanzig Jahre in England gelebt. Aber nach dem Brexit-Referendum haben wir uns 2017 entschieden, nach Italien zurückzukehren.“ Beide waren schon länger im IoT-Sektor tätig, daher die Idee, etwas Eigenes auf die Füße zu stellen – und in Italien gibt es dafür gute Voraussetzungen: „Dank der günstigen Gesetzeslage für Start-ups haben wir entschieden, es hier mit unserem Projekt zu versuchen.“

Doch was genau macht Ecosteer? Das Start-up hat sozusagen das Rad des Datenmarktes neu erfunden. Mit ihrer Data Ownership Platform, die mit in Blockchains implementierten Smart Contracts verbunden ist, münzt das Unternehmen Datenflüsse in Geld um. Außerdem regelt es den Datenzugriff von Apps und Stakeholder über in Computerprotokollen abgebildete, GDPR-konforme Datenschutzvereinbarungen und deren Widerruf. Kurz gesagt: Die Daten gehören demjenigen, der sie „produziert“. Der Inhaber entscheidet, was mit ihnen passiert und ob er sie Unternehmen oder Dritten zur Verfügung stellen will – unter der Voraussetzung, die Daten zu „tokenisieren“, also daraus auch Kapital zu schlagen. 

„Für viele Unternehmen bremst GDPR den Innovationsprozess, da es die Datenverbreitung eingrenzt. Wir hingegen sehen sie als Motor, da diese Norm persönliches Eigentum genau definiert. Privates Eigentum ist das Fundament des Kapitalismus‘. Wenn wir also über Daten als persönliches Eigentum sprechen, sprechen wir gleichzeitig von einer dezentralisierten Datenwirtschaft, in deren Rahmen jeder selbst die Kontrolle darüber hat, ob er seine Daten teilt und monetisiert. Das wäre voll und ganz im Sinne der GDPR“, erklärt Elena.

Der Eintritt in H-Farm

Es sollte nicht lange dauern, bis Ecosteer ins Accelerator-Programm von H-Farm aufgenommen wurde, das zu jener Zeit den Inkubationszyklus für Industrie 4.0 begonnen hatte. „Die Zeit bei H-Farm war für uns wegweisend, weil wir da entschieden haben, Blockchains in unsere Vision aufzunehmen, die besonders nützlich bei der Governance von Daten sind; und weil wir auch unser Team vergrößern konnten.“
Der Wert von Daten liegt darin, dass sie vielseitig einsetzbar sind. Eine gute Governance ist unabdingbar, um sie effizient zu nutzen. Und bei H-Farm fand Ecosteer mit Smart Contracts den perfekten Match für ihre Data Ownership Plattform. Smart Contracts sind Computerprotokolle, die die Einhaltung eines Vertrages erleichtern. Dabei helfen sie auch, die Governance dezentralisiert zu verwalten und Daten in Geld zu verwandeln.

„Wir sind davon überzeugt, dass unser Tool auch für Unternehmen, die Daten ihrer Kunden sammeln, wichtig sein kann – zum Beispiel Versicherungen oder Stromanbieter. GDPR sieht vor, dass diese die Daten aber nur für interne Zwecke verwenden dürfen. Mit unserer Plattform könnten die Unternehmen die Daten wieder in Umlauf bringen, deren Wert steigern und neue Verkaufs- und Businessmöglichkeiten auftun.“

Ankunft in Bozen und der NOI Techpark

Während man noch am Programm von H-Farm teilnahm, fand Elena heraus, dass die Möglichkeit bestünde, Zuschüsse für innovative Unternehmen von der Autonomen Provinz Bozen zu bekommen. „Wir haben über Freunde davon erfahren. Wir hatten nichts zu verlieren, also haben wir die Anfrage geschickt, die postwendend angenommen wurde“, erinnert sich Elena und erzählt weiter: „Daniel und ich haben uns kurz angeschaut und entschieden, nach Bozen zu ziehen.“ Der Umzug kam zwar überraschend, trug aber schon schnell Früchte. Für das Land hat Ecosteer das „Smart City Data Streams Portal“ entwickelt, das auf die Data Ownership Platform aufbaut und Datenbesitzer mit Datenverwertern zusammenbringt. Es ist eine digitale Plattform, die generierte Daten analysiert und dem Bürger ermöglicht, seine Informationen selbst zu verwalten und zu entscheiden, wem er sie im Tausch für Benefits weitergibt.
Zum Beispiel könnte eine Person die Daten seines Autos einem Unternehmen oder Start-up aus dem Automobilsektor zugänglich machen. Im Gegenzug sammelt diese Person damit Tokens, die wiederum für etwas Konkretes, wie eine Stunde gratis parken, verwendet werden können.

Zu guter Letzt wurde man im NOI Techpark aufgenommen. „Wir sind sehr froh, im Start-up Incubator von NOI Techpark aufgenommen worden zu sein. Innovation liegt hier regelrecht in der Luft. Außerdem ist dieser Ort ein Türöffner: Jeden Tag treffen wir potenzielle Partner oder andere Start-ups und erweitern so unser Netzwerk und folglich auch unsere Businessmöglichkeiten“, erklärt Elena und zeigt sich weiter überzeugt: „Wir sind uns sicher, dass dies der beste Ort ist, um unser Netzwerk noch weiter auszubauen.“ Aber auch der Incubator selbst – und dessen Leiterin Petra Gratl – haben das riesige Potenzial von Ecosteer sofort erkannt: „Ihr Produkt ist sehr interessant und etwas ganz Neues. Und auch das Team überzeugt uns, Elena und Daniel haben eine Top-Ausbildung und viel Erfahrung im Ausland gesammelt. Wir sind sehr stolz darauf, dass sie Südtirol und NOI Techpark gewählt haben, um sich weiterzuentwickeln und ihren Horizont zu erweitern.“´

 

Smart City, Mobilität und vieles mehr: die Anwendungsbereiche

Bereiche wie die Mobilität, Smart City und Energie sind nur einige Bereiche, in denen die Plattform von Ecosteer Anwendung finden könnte. Das Konzept, dass Privatpersonen und Unternehmen Zugriff auf ihre Datenflüsse gewähren können, um gleichzeitig neue Vermarktungsmöglichkeiten zu schaffen, aber dennoch sicher und transparent die totale Kontrolle darüber behalten, greift eigentlich überall. Versicherungsgesellschaften könnten die vorher erwähnten Autodaten aufwerten, indem sie diese an Stakeholder weitergeben. Davon könnten dann zum Beispiel der eigene Fuhrpark und der Stadtverkehr profitieren oder es könnte sogar Unfällen vorgebeugt werden – der Beginn einer neuen „Data Sharing Economy“.

Aber auch die Verwaltungen von großen Städten könnten Vorteile daraus ziehen. Es könnten Daten zur Luftverschmutzung analysiert werden, um effiziente Lösungen zu finden, diese zu verringern; oder Informationen dafür verwendet werden, um den Bürgern Ad-Hoc-Services zu bieten. Elena ist von der Vision vollends überzeugt: „Wir glauben fest an dezentralisierte Märkte, die die Welt, in der wir leben, dank Datenaustauschs effizienter, intelligenter und gesünder gestalten können. Für Unternehmen, die diesen Weg mitgehen und obsolete Businessmodelle aus der Agenda streichen, können sich enorme Möglichkeiten auftun. Und der Kunde wird somit ins Zentrum dieser Entwicklung gerückt.“

FACT SHEET

EcoSteer ist ein Software- und Blockchainunternehmen und teil des NOI Techpark Start-up Incubators. Die Firma beschäftigt sich mit den Kernthemen des IoT, also dessen Interoperabilität, Sicherheit und Privacy. Die Mission ist die sichere und ökonomische Digitalisierung der uns umgebenden Welt, in der Daten unter voller Kontrolle der Eigentümer ausgetauscht und monetisiert werden können.

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