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Digitalisierung im Handwerk: „Ein Tool für mehr Effizienz und Unternehmenserfolg“
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2019-08-23 2019-08-23 23 August 2019 - Johanna Röllecke
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Gerade für Klein-und Kleinstbetriebe ist die digitale Transformation keine geringe Herausforderung. Was tun? Wo anfangen? Und wie? Manchmal fällt es da schwer, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Ein berufsbegleitender Praxislehrgang des lvh und der SMBS - University of Salzburg Business School schafft nun Abhilfe. Stattfinden wird der Kurs zum größten Teil im NOI Techpark. 

So lief es früher und so läuft es, in den meisten Fällen, auch heute noch ab: Jemand braucht eine neue Küche, er bestellt einen Tischler, dieser rückt mit Papier und Bleistift an, misst, schreibt sich die Daten auf; daraufhin erstellt er die Zeichnung, dann das Angebot. Bis dieses beim Kunden eintrifft, können schon mal zwei Wochen vergehen. In der Zwischenzeit verlieren der Tischler und seine Mitarbeiter viel Zeit bei - nicht selten - fehlerhaften administrativen Abläufen. Zeit, die er hätte nutzen können, um neue Kunden zu gewinnen und neue Produkte zu entwickeln. Kurz gesagt: er hätte sich darauf konzentrieren können, was wirklich wertschöpfend ist. Und ja, es könnte alles sehr viel einfacher und effizienter ablaufen - durch Digitalisierung. Eines der großen Themen unserer Zeit und mit das wichtigste für Unternehmen. Jedenfalls für jene, die auch in Zukunft auf dem Markt mithalten möchten. 

„Gerade KMU können von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren“

Doch die wenigsten wissen, was das für den eigenen Betrieb konkret bedeuten könnte. Es geht eben in erster Linie um neue digitale Technologien, so scheint es. Sachen für Tech-Experten, große Unternehmen und Konzerne…ist das so? „Nein“, ist Dominik Matt, Leiter von Fraunhofer Italia – der ersten in Italien ansässigen selbstständigen Auslandsgesellschaft des europäischen Riesen für angewandte Forschung - überzeugt. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen können von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren, denn sie können damit den Mangel an Ressourcen kompensieren und haben Zeit, aktiver auf den Markt hinauszugehen. Die gesamte Wertschöpfungskette kann durch Digitalisierung komprimiert und effizienter gestaltet werden, ohne an Flexibilität zu verlieren.“ Und was könnte das beispielsweise für unseren Tischler bedeuten? „Die Digitalisierung würde es erlauben, dass er zum Kunden geht, die Daten sofort digital erfasst und noch vor Ort ein Modell für diesen erstellt, entweder am Tablet oder sogar - in der Zukunft - über Augmented Reality. Wenn der Kunde dann den Auftrag digital unterschreibt, starten beim Tischler in Echtzeit die Maschinen.“ Mit Fraunhofer Italia leitet Matt im Herzen des NOI Techpark ein Kompetenz- und Forschungszentrum für digitale Transformation und Industrie 4.0, das sich insbesondere der Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen verschrieben hat. Daher verwundert es auch nicht, dass er demnächst genau hier - im NOI Techpark - zu diesem Thema eine Unterrichtseinheit gestalten wird. Und zwar im Rahmen des Praxislehrgangs „Digitale Transformation“, einem Weiterbildungsangebot des lvh.apa Wirtschaftsverband Handwerker und Dienstleister in Zusammenarbeit mit der SMBS – University of Salzburg Business School
 

Digitalisierung braucht einen Plan, jedoch keinen „von der Stange“

Es ist der erste seiner Art in Südtirol. Berufsbegleitend können Interessierte hier an acht Wochenenden - von Oktober 2019 bis Juni 2020 - Wissen zum Thema „tanken“, um es dann direkt im eigenen Unternehmen anzuwenden. Die Module finden sowohl in Bozen im NOI Techpark als auch in Salzburg an der SMBS statt. Bei den Dozenten handelt es sich durchgehend um ausgewiesene Experten und Expertinnen, angefangen bei Innovation Coaches bis hin zu Unternehmern und Hochschulprofessoren und -professorinnen. So wie der Automation- und Industrie 4.0-Spezialist Matt, der neben der Leitung von Fraunhofer Italia auch jene des Forschungsbereichs „Industrial Engineering und Automation (IEA)" der Freien Universität Bozen innehat sowie auch den dort angesiedelten Lehrstuhl für Produktionssysteme und -technologien. „In Südtirol und dem restlichen Italien gibt es im EU-Vergleich überdurchschnittlich viele Klein- und Kleinstbetriebe, oftmals mit weniger als 10 Mitarbeitern. Diese haben in der Regel niemanden, der die Zeit und Kompetenz hätte, sich systematisch mit Digitalisierung zu befassen. Ganz zu schweigen von der praktischen Umsetzung“, erklärt Matt. Daher sei es so wichtig, gerade den kleinen Betrieben eine konkrete Anleitung zu geben. Außerdem brauche Digitalisierung einen Plan, jedoch keinen „von der Stange. „Er muss individuell erarbeitet werden. Um einen wirklichen Mehrwert zu schaffen, ist es wichtig, sich vorher gut zu überlegen, was man mit der Digitalisierung erreichen will und in welchem Bereich. Denn sie ist kein Selbstzweck, sondern in erster Linie ein Instrument für den Unternehmenserfolg.“ In seinem Modul wird Dominik Matt den Teilnehmern zeigen, wie man eine wirksame und individuell angepasste Digitalisierungsstrategie erarbeitet, inklusive Roadmap für die Umsetzung. Also ganz konkret und praxisbezogen.

„Im Kern geht es um Austausch und Vernetzung“

Dass Digitalisierung in erster Linie ein Tool ist, um den Erfolg des eigenen Unternehmens zu sichern, davon ist auch Ursula Maier-Rabler überzeugt. Die Kommunikationswissenschaftlerin, Professorin und stellvertretende Leiterin des „Center for Information and Communication Technologies & Society“ der Universität Salzburg wird das Einführungsmodul des Praxislehrgangs halten. „Viele denken, es gehe hauptsächlich um neue Technologien und dementsprechend um technische Fähigkeiten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es ist ein viel umfassenderes Thema, das alle Gesellschaftsbereiche betrifft“, so Maier-Rabler. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit untersucht sie, wie Digitalisierung einen Mehrwert auf gesamtgesellschaftlicher Ebene generieren kann. „Die wesentliche Frage hierbei ist doch: Wie kann ich die Informationen und das Wissen, das ich zur Verfügung habe, möglichst gut mit anderen Bereichen vernetzen? Und solche Gedankenmodelle können dann mit digitaler Technik umgesetzt werden.“ Es gehe im Kern um den Austausch mit anderen und die gewinnbringende Zusammenarbeit, nur so könne Innovation gedeihen. Denn wer sich heutzutage abschotte, der stehe auf der Verliererseite, davon ist die Wissenschaftlerin überzeugt. „Das Ganze kann man sich vorstellen wie ein Netzwerk bestehend aus Knotenpunkten. Wenn an einer Stelle keine Informationen mehr durchkommen, dann stirbt der Knoten ab, genauso wie in der Natur. Lebende Organismen müssen weitergeben und teilen, um neues Leben zu generieren und sich weiterzuentwickeln.“ 

Aber was tun, wenn im eigenen Betrieb nicht alle „Knotenpunkte“ mitziehen? Was muss berücksichtigt werden, wenn es schließlich konkret an die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie geht? „Die Mitarbeiter müssen allesamt miteingebunden werden. Es handelt sich schließlich um einen kollektiven Veränderungsprozess, der auch die Unternehmenskultur als Ganzes betrifft“, erklärt Ursula Maier-Rabler. Darüber hinaus komme es auch mal zu internen Widerständen. „Es gibt viele Ängste, insbesondere was die Sicherheit der Arbeitsplätze betrifft.“ Hinzukomme, dass der Workflow jedes Einzelnen beleuchtet und dadurch transparenter werde. Das sei nicht allen Recht. „Aber es gibt konkrete Strategien, um die gesamte Belegschaft mit ins Boot zu holen.“

NOI Techpark: in Sachen Digitalisierung die erste Anlaufstelle für lokale Unternehmen

Um diese Strategien wird es, unter anderem, in Maier-Rablers Unterrichtsmodul gehen, das am 18. und 19. Oktober diesen Jahres den Praxislehrgang eröffnen wird. Weitere Themen, die im Rahmen des 8-monatigen Kurses behandelt werden, sind Innovationsmethoden, „Project Management & Digitalisierung“, Big Data und KI, digitales Marketing und Internet der Dinge, um nur einige zu nennen. Als Leiter von Fraunhofer Italia ist es für Dominik Matt nicht das erste Mal, dass er mit dem lvh zusammenarbeitet. Der lvh ist in Sachen Digitalisierung Ansprechpartner für die lokalen Handwerksbetriebe und seit der Eröffnung des NOI Techpark mit seiner Abteilung für „Innovation und neue Märkte“ vor Ort. Eines der Gemeinschaftsprojekte heißt Digicheck — ein Tool zur Ermittlung des digitalen Reifegrads von Unternehmen, welches im Rahmen der durch den EFRE geförderten Initiative CRAFTech entwickelt wurde. „Wir möchten den Betrieben digitale Werkzeuge zur Verfügung stellen, welche sie für ihre Digitalisierungsziele nutzen können“, betont lvh-Präsident Martin Haller. Aufbauend auf den Check ist es möglich, einen individuell angepassten Digitalisierungs-Aktionsplan zu erstellen. „Die räumliche Nähe hilft ungemein dabei, solche Initiativen ins Leben zu rufen und gemeinsam umzusetzen“, betont Matt und ergänzt: „Die Möglichkeit, sich zu vernetzen, ist einer der großen Vorteile dieser Struktur, gerade auch für die Betriebe, die hierherkommen, um sich Unterstützung zu holen. Im NOI Techpark werden sie direkt an die richtigen Partner weitergeleitet.“ Ziel sei es immer, die lokalen KMU fit zu machen für das digitale Zeitalter. Diesem gemeinsamen Ziel kommt man mit dem Praxislehrgang „Digitale Transformation“ nun noch ein Stückchen näher.
 

Der Praxislehrgang

Der Praxislehrgang „Digitale Transformation“ — eine Gemeinschaftsinitiative des lvh.apa Wirtschaftsverband Handwerker und Dienstleister und der SMBS - University of Salzburg Business School — ist der erste seiner Art in Südtirol. Er ist in acht Module unterteilt, die zwischen Oktober 2019 und Juni 2020 in Bozen und Salzburg stattfinden werden. Ziel ist es, den Teilnehmern relevante Digitalisierungstrends aufzuzeigen und sie dabei zu unterstützen, das Digitalisierungspotenzial im eigenen Unternehmen zu ermitteln. Darüber hinaus sollen ihnen konkrete Instrumente für die Umsetzung der individuell erarbeiteten Digitalisierungsstrategie an die Hand gegeben werden. Das Fortbildungsangebot steht allen Interessentinnen und Interessenten offen, die eine mehrjährige Berufserfahrung haben, auch ohne staatliche Abschlussprüfung (Matura) oder akademischen Abschluss. Trotzdem hat der Lehrgang universitären Charakter. Die Teilnehmenden erhalten nämlich bei Abschluss 40 ECTS Punkte, die sie sich für weiterführende Studien anrechnen lassen können. Der Anmeldeschluss ist der 18. September 2019. Weitere Information zu Programm, Anmeldung und Fördermöglichkeiten hier


 

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