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Digitaler Wandel: Volle Fahrt voraus!
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2019-09-26 2019-09-26 26 September 2019 - Gabriele Crepaz
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Digitale Technologien verbinden und beschleunigen eine Vielzahl aktueller Megatrends und wirken daher in nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche hinein. Eine neue Studie gibt die Marschroute für die Digitalisierung in der Makroregion Tirol, Südtirol, Venetien vor: A21Digital Tyrol Veneto. Südtirols Lebensqualität allein reicht nicht mehr aus, um als Arbeitsplatz für hochspezialisierte Fachkräfte attraktiv zu sein, warnen die Forscher. Im NOI Techpark werden die Weichen für die Zukunft gelegt: Neben den Technologiefeldern Green, Alpine und Food soll Südtirol auch in den Bereichen Digital und Automotive/Automation stark werden.  

Der Tusch kam, als Dominik Matt die Bühne betrat. Ein rollendes Mikrophon hatte ein Glas vom Tisch gefegt. Wie auf Kommando. Es ist einer der wenigen analogen Momente an diesem digital durchexerzierten Abend im Innovationsviertel NOI Techpark in Bozen.

Der Südtiroler Wirtschaftsring hatte zur Generalversammlung geladen. Und für den Anlass ein Thema angefasst, das uns wie die Luft umgibt. An der digitalisierten Welt kann niemand vorbeiatmen, es sei denn, er will bald hechelnd den Anschluss verlieren. Im Alltag, als Unternehmen, als Wirtschaftsstandort und damit als attraktiver Lebensraum. „Heute hat jeder mehr Rechenleistung auf dem Smartphone als die Nasa 1969 bei der Mondlandung“, sagt Andreas Mair, Direktor des Wirtschaftsrings. Was sich privat alle gerne gefallen lassen, erschreckt als globales Szenario den Einzelnen. Auch viele Unternehmer und die Politik. Noch immer. Wer vorsichtig ist, bremst lieber. So die Einschätzung der Südtiroler Lage. Und nun kommt Dominik Matt, Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssysteme an der Freien Universität Bozen und Leiter von Fraunhofer Italia, und fordert: volle Fahrt voraus.

Der Ort ist gut gewählt. In der historischen Kranhalle von NOI Techpark befindet man sich zwischen alter und neuer Welt. Architektonisch gilt die Halle als Relikt der zweiten industriellen Revolution, wissenschaftlich gesehen weist die Halle in die Zukunft. Hier befinden sich die Labore des Technologiefeldes Digital, in denen Institute der Freien Universität Bozen, Fraunhofer Italia sowie Unternehmen und Start-ups an der Verbesserung des digitalen Alltags forschen. Unter anderem mit dem Aufbau eines Free Software Lab, der Vernetzung bestehender Datenbanken und dem Ziel, Südtirol in den Bereichen Internet of Things und Big Data  auszubauen. In fünf Bereichen will NOI Techpark Südtirols Stärken nutzbar machen: Green, Alpine, Food, Digital sowie Automotive/Automation.

Die Studie: 80 Handlungsempfehlungen für ein digitales Südtirol

Fuß aufs Gas also. Als Ziel hat Matt ins Navi eingegeben: A21Digital Tyrol Veneto, die Marschroute zur erfolgreichen Digitalisierung für die Makroregion Tirol, Südtirol, Venetien. „Wenn wir jetzt nicht aufwachen und uns auf den Weg machen“, warnt der Forscher, „ist es in Südtirol mit dem Wohlstand bald vorbei.“

A21Digital Tyrol Veneto heißt die Digitalisierungsstudie, an der die Freie Universität Bozen gemeinsam mit der Universität Verona und A21Digital, dem Netzwerk zur Förderung der digitalen Transformation, derzeit arbeitet. Auf der Basis einer umfassenden Literaturrecherche wurden im Rahmen der Studie 75 Experteninterviews geführt und die Erkenntnisse in Workshops zu 80 Handlungsempfehlungen verdichtet. Im November 2019 soll die Studie abgeschlossen sein. Für Dominik Matt, mitverantwortlicher Forscher im Projekt, ist der Weg schon jetzt klar.

Aufbruch in ungewohnter Reihenfolge: Kompetenz, Technologie, Ökosysteme

In drei Bereichen müssen Südtirols Wirtschaft, Politik und Gesellschaft handeln, sagt Matt: Kompetenzen & Kultur, Infrastruktur & Technologien und Ecosystems. Genau in dieser Reihenfolge. Überrascht Sie das? Vielleicht ganz beruhigend, dass sich in der Diskussion ausnahmsweise nicht die Technologie an erste Stelle schiebt, sondern die Menschen als analoge Wesen. Und eigentlich logisch. Überlegen Sie...

„Die Menschen müssen im Mittelpunkt stehen. Wenn sie Angst haben, geht die Digitalisierung schief“, ist Dominik Matt überzeugt. Die Haltung der Menschen zur Digitalisierung ist entscheidend. Wie so oft führt der Weg über die Bildung. Matt lässt keinen Zweifel: Unternehmer müssen an ihrer Unternehmenskultur arbeiten und ihren Mitarbeitern mit einer plausiblen Change Story zum digitalen Wandel Orientierung geben. Die Schulen sollen Jugendlichen die digitale Kompetenz als vierte Kulturtechnik nach Lesen, Schreiben und Rechnen zielführend beibringen. Bleiben die Mädchen. Noch immer sei es nicht gelungen, sie für MINT-Berufe zu begeistern. Hoffnung gebe es dennoch: „Bei mir am Institut liegt der Frauenanteil im Technologiebereich bei 40 Prozent“, präzisiert Matt. „Es geht schon“, macht er seinem Publikum Mut. Wenn man nur will.

Der zweite Bereich Infrastruktur & Technologien ist am wenigsten überraschend. Man weiß, Glasfaserleitungen und 5G-Verbindungen müssen im letzten Tal verfügbar sein, künstliche Intelligenz, kollaborative Robotik, autonome Produktion werden in naher Zukunft viele Lebens- und Arbeitsbereiche erfassen, Big Data haben nur Sinn, wenn man Daten nutzen und vernetzen kann. „Ich komme gerade aus München, fünfmal habe ich auf der Autobahn das Netz verloren, das kann doch nicht sein“, mahnt Matt zur Tat. Die Sache angehen. Sich aufraffen. Sich umtun. Verbündete suchen. Es gibt viele Umschreibungen für den dritten Themenbereich von A21Digital Tyrol Veneto: Ecosystems. „Wer meint, den digitalen Wandel allein bewältigen zu können, ist falsch gewickelt“, sagt Matt. Richtig gewickelt geht nach Matt so: Zuerst müsse Digitalisierung zur Chefsache werden, danach seien Partnerschaften zu knüpfen. Auch und vor allem mit innovativen Start-ups, interregional und mit Forschungsinstitutionen. Als Wissenschaftler der Freien Universität Bozen und von Fraunhofer Italia bittet er regelrecht: „Spannen Sie uns vor den Karren und wir schauen, wie wir Sie unterstützen können.“

Intelligente Roboter schauen von den Menschen ab

Zum Beweis lassen die Forscher der Uni Bozen und von Fraunhofer Italia in der Kranhalle des NOI Techpark ihre Roboter der neuesten Generation antreten. Prototypen und noch gar nicht marktreif sind die Assistenten für Baugewerbe, Landwirtschaft und Industrie. Dafür vielversprechend. Über Sensoren lernen die intelligenten Maschinen, indem Sie vom Menschen abschauen. Quasi intuitiv. Die Forscherinnen und Forscher dazu: jung, hoch spezialisiert und begeistert. 

Das gute Leben in Südtirol braucht eine neue Begriffsbestimmung, schließt Matt seinen Vortrag: „Südtirols Lebensqualität ist ein Asset, damit allein aber holt man hoch qualifizierte Arbeitskräfte nicht ins Land“, warnt er. Südtirol müsse kapillar an seiner Digitalkompetenz arbeiten, technologieaffin werden, sich interregional vernetzen und – endlich handeln. Beim Südtiroler Wirtschaftsring ist die Botschaft angekommen. Die Glasscherben werden weggeräumt, ehe Matt die Bühne verlässt. Aufschieben geht nicht mehr.

FACT SHEET

Die Digitalisierungsstudie A21Digital Tyrol Veneto der Universitäten Bozen und Verona wurde vom gemeinnützigen Netzwerk A21Digital initiiert und wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und Interreg V-A Italien Österreich 2014-2020 gefördert. Ziel der Studie ist es, für die digitale Transformation in der Makroregion Tirol Südtirol Venetien eine Strategie zu erarbeiten und Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft konkrete Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Umsetzung zu geben.

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