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Die neue Wirtschaft nach dem Virus: Alternative Modelle für eine unbekannte Zukunft
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2020-11-19 2020-06-03 3 Juni 2020 - Elmar Burchia
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Mirco Tonin, Dozent für Wirtschaftspolitik an der Freien Universität Bozen, unterstreicht die Wichtigkeit der Verhaltenswissenschaften in der aktuellen Situation, denn hinter den Unternehmen und Strategien stehen stets Menschen und keine Algorithmen.

Neuanfang, Veränderung und neue Normalität: Das sind die Schlagworte der Phase 2 in Italien, die auch für Phase 3 maßgeblich sein werden. Wir erleben in mancherlei Hinsicht einen aufregenden Moment, vor allem aber in Bezug auf die Verhaltenswissenschaften: Experten erarbeiten anhand von Konzepten aus der Psychologie alternative Verhaltensmodelle, die die Standardmodelle in der Wirtschaft ablösen sollen. Wir haben uns mit Mirco Tonin, Dozent für Wirtschaftspolitik an der Freien Universität Bozen, der sich seit einigen Jahren intensiv mit der Verhaltensökonomie auseinandersetzt, über diese neuen Strategien unterhalten. Tonin betont, dass uns die Erfahrungen aus früheren Epidemien und Katastrophen gezeigt haben, dass Menschen in Krisenzeiten häufig Probleme damit haben, rational zu handeln. In der aktuellen Situation gilt es mehr denn je, die neuen Regeln in unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu integrieren. 

Herr Tonin, wie viel kostet ein Espresso in der Bar?

„Das ist eine interessante Frage. In Bozen bezahlt man, soweit ich mich erinnern kann, normalerweise zwischen 1,20 und 1,40 Euro für die Tasse. Der Preis variiert leicht von Lokal zu Lokal“.

Mit dieser Frage beziehe ich mich auf Ihr Webinar, in dem Sie über Preise referieren und darüber, dass es sich dabei „nicht nur um eine Zahl, sondern um ein Verhältnis“ handelt.

„Das ist korrekt. Ausschlaggebend ist auch, wie dieser Preis aufgenommen wird: Wie werden die Kunden eines bestimmten Lokals auf eine plötzliche Preiserhöhung reagieren, wenn sie es gewohnt sind, ihren Espresso nur 1,20 Euro zu bezahlen?“.

Was glauben Sie, wie sie reagieren werden? Was ist in Zeiten der Phase 2 aus Ihrer Sicht als Wirtschaftswissenschaftler ein akzeptabler Preis für einen italienischen Espresso?

„Aus wirtschaftlicher Sicht gelten Angebot und Nachfrage. Wenn ein Lokalbesitzer beschließt, den Preis für einen Espresso auf 2 Euro zu erhöhen, so steht es seinen Kunden frei, sich ein neues Stammlokal zu suchen. Trotz allem darf aber auch das Konzept des ‚akzeptablen‘ Preises nicht außer Acht gelassen werden. Gehen wir davon aus, dass der Lokalbesitzer aufgrund des Rückgangs der Nachfrage, der langen Ausgangssperre und der Kosten der Desinfektionsmaßnahmen und Schutzvorrichtungen gezwungen ist, den Preis für einen Espresso von 1,20 auf 1,40 Euro zu erhöhen. Werden die Kunden diese Preiserhöhung als ‚akzeptabel‘ ansehen? Oder werden sie den Lokalbesitzer beschuldigen, Profit aus der Situation zu schlagen? Letzten Endes hängt die Reaktion der Kunden aber auch stark von der Art und Weise ab, wie der Lokalbesitzer die Preiserhöhung kommuniziert".

Können Sie diesen Gedanken weiter ausführen?

„Wenn der Lokalbesitzer seinen Kunden klar und auf verständliche Weise mitteilt, dass die Preiserhöhung (vielerorts auch schon ‚Covid-Steuer‘ genannt) aufgrund der Gesundheitskrise unumgänglich ist, sind sie möglicherweise eher bereit, etwas mehr für ihren Espresso zu bezahlen, und ärgern sich nicht über den Lokalbesitzer. Möglicherweise sehen sie dann eher den Staat oder das Schicksal als Grund für die aktuelle Situation. Ein weiteres Beispiel zum Thema Preiserhöhungen sind die Mundschutzmasken. Die Preissteigerung inmitten des Notstands wurde als ‚inakzeptabel‘ angesehen. Nichtsdestotrotz war diese Preiserhöhung aufgrund des explosionsartigen Anstiegs der Nachfrage und des Produktionsrückstands nicht überraschend. In solchen Situationen sind Preiserhöhungen normal. Darüber hinaus führte der teilweise gescheiterte Versuch der Regierung, den Preis von Mundschutzmasken auf 50 Cent zu fixieren, zu einer Rationierung: Die Nachfrage war größer als das Angebot und infolgedessen reichten die Mundschutzmasken nicht für alle Bürger aus".

Gilt in einer solchen Situation jedoch nicht auch die Grundregel der Wirtschaftswissenschaft, dass auf jede Preiserhöhung auch ein Rückgang der Nachfrage folgt? 

„Diese Grundregel trifft nicht immer zu. Für einige Güter wird ein bestimmter zu zahlender Preis als notwendig erachtet. Ich halte es beispielsweise nicht für notwendig, eine Designer-Tasche zu besitzen, um meinen Mitmenschen zu zeigen, dass ich reich bin. Umgekehrt würde ich mir aber wahrscheinlich nicht von einem Zahnarzt eine Füllung machen lassen, der dafür nur 15 Euro verlangt. In diesem Fall führt ein zu günstiger Preis zu Misstrauen. Das heißt, dass eine Preiserhöhung in der Realität nicht immer mit einem Rückgang der Nachfrage einhergeht. Das versuche ich auch in meinem Webinar zu vermitteln: Die Preisgestaltung ist ein komplexes Verfahren. Denn vom Preis liest der Kunde nicht nur ab, wie viel ein bestimmtes Produkt kostet, sondern weitaus mehr".

Die Verhaltensökonomie (im Englischen auch Behavioral Economics) ist derzeit in aller Munde. Der Nobelpreisträger und ihr Begründer Richard Thaler beschreibt die Verhaltensökonomie als ein „Teilgebiet mit einem starken Bezug zur Psychologie“. Wie lautet Ihre Definition?

„Die Entscheidungsträger in der Wirtschaft sind nicht vollkommen rational berechnende Algorithmen, sondern Menschen. Dasselbe gilt für die Unternehmen. Die Ideen zur Gewinnmaximierung stammen nicht von Maschinen, sondern von den Menschen dahinter. Diese Menschen sind möglicherweise in der Lage, gut durchdachte Entscheidungen zu treffen. Sie können angesichts ungewohnter wirtschaftlicher Situationen aber auch schwerwiegende Fehler machen".

Haben die Menschen in dieser Zeit der Krise und des Gesundheitsnotstands Ihrer Meinung nach rational und im Sinne des Selbstschutzes gehandelt oder haben sie sich genau gegenteilig verhalten?

„Die Situation, die wir durchlebt haben, war aufgrund der großen Unsicherheit sehr schwierig. Wenn man einen Würfel wirft, kann man nicht wissen, was das Ergebnis sein wird, aber man ist sich sehr wohl der Möglichkeiten bewusst. Bei dieser Pandemie war es jedoch so, dass weder der Ausgang noch die Wahrscheinlichkeiten bekannt waren. Es gab weder Daten noch Szenarien dazu. Aus diesem Grund haben wir in dieser Krise leider häufig einen Mangel an Entscheidungsfähigkeit erlebt. Das war sehr traurig mit anzusehen und nicht sehr vertrauenerweckend".

Worauf beziehen Sie sich mit dieser Aussage?

„Leider war Italien das erste westliche Land, das von der Pandemie betroffen war. Länder wie Spanien oder Großbritannien, in denen die Pandemie etwas später ausbrach und die zahlreiche Genesene, aber auch Opfer zu verzeichnen hatten, beschlossen jedoch, die Erfahrungswerte aus Italien zu ignorieren. Sie haben Maßnahmen zur Eindämmung des Virus wie Ausgangssperren hinausgezögert, die drohende Gefahr ausgeklammert und dadurch wertvolle Zeit verloren. Wenn Sie jedoch sofort reagiert und die Pandemie im Keim erstickt hätten, wäre ihnen möglicherweise vorgeworfen worden, vorschnell zu handeln. Menschen sind es nämlich gewohnt, alles zu hinterfragen. Möglicherweise wäre die Frage laut geworden, was geschehen wäre, wenn es keine Ausgangssperren gegeben hätte. Leider sind Menschen insbesondere in Zeiten großer Verunsicherung und Panik oft nicht in der Lage, rational zu handeln".

Eine Methode zur Förderung von Veränderungen wäre ein kleiner Denkanstoß („Nudge“). Was halten Sie davon?

„Das wäre bestimmt eine zielführende Methode. Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass nur kleine Denkanstöße gegeben werden, die die Entscheidungen der Menschen beeinflussen, ohne sie vorzugeben. Wenn wir beispielsweise erreichen wollen, dass unsere Bürger die räumliche Trennung einhalten, müssen wir lediglich eine Umgebung schaffen, die dieses Verhalten fördert".

Da wir gerade von der Ausgangssperre sprechen: Eine erst kürzlich durchgeführte Studie an der Sie beteiligt waren, hat gezeigt, dass Personen, die von einer längeren Dauer der Ausgangssperre ausgehen, sich strikter daran halten als Personen, die sich auf eine kurze Ausgangsbeschränkung eingestellt haben. Wie würde die Bevölkerung Ihrer Meinung nach reagieren, wenn die Zahlen der Erkrankten und Genesenen erneut steigen würden und wieder eine strikte Ausgangssperre eingeführt werden müsste? 

„Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Ich weiß nicht, wie die Menschen reagieren würden, wenn sie in ihren Freiheiten erneut eingeschränkt würden. Die Behörden müssten in diesem Fall in erster Linie darauf achten, dass die Erwartungen der Bevölkerung der Realität entsprechen, beispielsweise durch eine transparente Kommunikation. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, eine realistische Dauer der Maßnahmen festzulegen.“ 

Stimmen Sie mir zu, dass wir in Italien genau das Gegenteil erlebt haben? 

„Die italienische Regierung hat die Ausgangssperre in einem Monat zweimal verlängert, zuerst vom 3. auf den 14. April und dann auf den 4. Mai. Generell haben die Behörden in einer solchen Situation zwei Möglichkeiten: Entweder sie führen Maßnahmen ohne Enddatum ein, sodass sie nach Bedarf verlängert werden können, oder sie legen ein fixes Enddatum der Maßnahmen fest und verschieben dieses sofern erforderlich. Beide Verfahrensweisen bringen heikle Kompromisse mit sich. Unsere Studie hat jedoch gezeigt, dass die Bürger Italiens in den letzten Wochen der Ausgangssperre allmählich die Geduld verloren und auf erneute Verlängerungen der Maßnahmen zunehmend negativ reagierten".

Gerade in der aktuellen Situation gehen die Meinungen der Bürger häufig auseinander: Manche ärgern sich über Mitbürger, die tanzen, spazieren oder an den Strand gehen. Andere wiederum fragen sich, weshalb die Phase 2 eingeleitet wird, wenn es dafür anscheinend noch zu früh ist. Viele italienische Bürger werden für ihr Verhalten kritisiert, auch wenn sie im Großen und Ganzen nur das tun, was erlaubt ist. Was ist Ihre Meinung dazu? 

„Wir führen aktuell eine Studie genau zu diesem Thema durch; und zwar zur Öffnung der verschiedenen Freizeiteinrichtungen im Zuge der Phase 2. Dabei sehen wir, dass der Großteil der italienischen Bürger zunehmend für die Wiedereröffnung der Freizeiteinrichtungen ist. Man darf nicht vergessen, dass manche Meldungen in den Medien vorwiegend zu Sensationszwecken veröffentlicht werden; und dass ‚überfüllte‘ Kanäle am Ende der Ausgangssperre mehr Schlagzeilen machen als leere Plätze, erklärt sich von selbst".

Sprechen wir kurz über das Thema Fake News: Anfangs wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch klar kommuniziert, nun herrscht aufgrund von Verschwörungstheorien und Fake News allerdings eine große Verunsicherung. Wie kann man sich vor falschen Informationen schützen? 

„Zu Anfang dieser Gesundheitskrise wurden in den Medien glücklicherweise in erster Linie die Meinungen von Experten, Virologen und Forschern veröffentlicht. Nichtsdestotrotz waren die Bürger angesichts der Debatten zwischen den Experten, die unterschiedlicher Meinung waren, enttäuscht und verunsichert, auch wenn Diskussionen zum wissenschaftlichen Alltag gehören. Aus diesem Grund machten sich viele auf anderen Kanälen auf die Suche nach der ‚Wahrheit‘ bzw. ‚Pseudo-Wahrheit‘. Dadurch stießen sie auf Pseudoexperten, die Unwahrheiten und verzerrte Weltanschauungen verbreiten. In solchen Fällen gibt es keine Sieger, sondern nur Besiegte".

Die italienischen Unternehmen erfinden sich angesichts der aktuellen Situation neu und setzen dabei auf flexible Arbeits- und Urlaubszeiten sowie das Smart Working. Könnte man sagen, dass sie sich durch die Pandemie in gewisser Hinsicht zu Start-ups entwickelt haben? 

„In gewisser Weise könnte man das tatsächlich so sagen. Start-ups sind bekanntlich flexibel, hochinnovativ und können schnell auf neue Situationen reagieren. Darüber hinaus setzen sie auf die Kreativität von unten. Auf einem Markt, den die Krise hart getroffen hat und der sich dadurch stark verändert hat, müssen auch Unternehmen mit einer langen Unternehmensgeschichte sozusagen im ‚Start-up-Modus‘ arbeiten, sich neu erfinden und neu ausrichten".

In diesem Jahr wird die Staatsverschuldung Italiens mit über 155 Prozent des Bruttoinlandsprodukts einen neuen Höchststand erreichen. Im Vergleich zu 2019 entspricht dies einer Zunahme von beinahe 20 Prozentpunkten. Verfügt Italien über die entsprechenden Mittel, diese zusätzliche Belastung abzufangen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten?

„Wenn über die Staatsverschuldung gesprochen wird, geht es immer nur um die Höhe der Schulden und das BIP selbst gerät in den Hintergrund".

Wir sprechen immerhin von Schulden in Höhe von insgesamt fast 2.500 Milliarden Euro.

„Es ist vollkommen normal, dass die Staatsverschuldung in einer solchen Notlage steigt. Es müssen zusätzliche Schulden gemacht werden, um die Auswirkungen der Krise einzudämmen. Problematisch wird es allerdings, wenn die Staatsschulden bereits sehr hoch sind. Eine Zunahme um ganze 20 Prozentpunkte wäre weit weniger schlimm, wenn die Staatsverschuldung vor der Krise lediglich bei 60 Prozent des BIP liegen würde. Auf Italien trifft das aber leider nicht zu".

Können diese Schulden Italien zum Verhängnis werden?

„Wir müssen alle zur Verfügung stehenden Mittel in die Wirtschaft investieren, um für die nächsten Jahrzehnte ein verstärktes Wachstum des BIP sicherzustellen. Die Gelder dürfen also nicht den nicht konkurrenzfähigen Unternehmen, den sogenannten ‚Zombies‘, zugutekommen. Italien befand sich vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie in einem Zustand völliger Stagnation. Es wäre also unverantwortlich, die durch die zusätzlichen Schulden geschaffenen Mittel einzusetzen, um zum Zustand vor der Krise zurückzukehren, da dieser bereits untragbar war".

Herr Tonin, glauben Sie, dass zumindest die Umwelt und die Nachhaltigkeit von dieser Krise profitieren werden? Werden wir ein verstärktes Umweltbewusstsein entwickeln? Oder glauben Sie, dass wir nichts daraus lernen werden? 

„Das ist eine gute Frage. Die Heimarbeit und die Digitalisierung werden der Umwelt mit Sicherheit zugutekommen. Diese Krise hat gleichzeitig aber auch der Kreislaufwirtschaft und dem Konzept der Wiederverwertung schwer zugesetzt. Nehmen wir die Verwendung von Kunststoff als Beispiel: Aufgrund verschärfter Hygienemaßnahmen muss nun alles verpackt werden. Das bedeutet, dass lose Lebensmittel vorerst aus dem Handel verschwinden werden. Diese Trends widersprechen sich, aber vielleicht erweist sich diese Krise doch als Chance für ein neues Umweltbewusstsein. Ich wiederhole, vielleicht".

Würden Sie sich als Optimist oder Pessimist bezeichnen?

„Ich würde mich als vorsichtigen Optimisten beschreiben".

Photo: Freie Universität Bozen

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