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Die nachhaltige Leichtigkeit intelligenter Städte. „Ohne Respekt vor der Umwelt gibt es keine Innovation“
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2019-12-20 2019-12-18 18 Dezember 2019 - Rosalba Cataneo
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Vier Tage lang standen Bozen und der NOI Techpark im Mittelpunkt der Debatte rund um Smart Cities. Über 200 Experten aus 39 verschiedenen Ländern haben sich daran beteiligt. Dabei stand fest: Der Ideenaustausch und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren sind von entscheidender Bedeutung. Denn „Technologie ist wichtig, aber sie kann nicht alles“.

Die Idee von intelligenten Städten, oder Smart Cities, setzt sich weltweit zunehmend durch – ein faszinierendes und komplexes Thema, das in den nächsten Jahren zu einem Schwerpunkt in Forschung und Entwicklung avancieren wird. Doch wie kann sich eine Stadt in eine „smarte“ Stadt verwandeln? Vom 9. bis 13. Dezember stand genau diese Frage im Mittelpunkt der dritten Auflage der internationalen Konferenz „Smart and Sustainable Planning for Cities and Regions“ (SSPCR 2019). Dazu hatte Eurac Research in den Bozner NOI Techpark geladen. Und der Einladung sind 200 Experten aus 39 Ländern ebenso wie europäische Vereinigungen und Arbeitsgruppen gefolgt, die sich mit Smart Cities befassen. Die Veranstaltung sollte dazu dienen, umsetzbare Lösungen und Ergebnisse internationaler Forschungsprojekte auszutauschen, um die Entwicklung der Städte, in denen wir künftig leben wollen, mitzugestalten. 

Nachhaltige und innovative Stadtplanung ist ein Thema, dem der NOI Techpark, das Innovationsviertel  im Herzen der Dolomiten, seit jeher große Aufmerksamkeit schenkt. „Grüne Technologien sind uns ein besonderes Anliegen“, erklärt Hubert Hofer, Vizedirektor des NOI Techpark. „In Südtirol gibt es führende Unternehmen, die auf diesem Gebiet tätig sind, aber auch Institute und Forschungseinrichtungen, die den Sektor vorantreiben. Dieses Ziel können und wollen wir mit Hilfe von Eurac Research und Unibz und mit unserem Netzwerk aus europäischen Partnern anpeilen.“ 

Über intelligente Städte gibt es unterschiedliche Interpretationen und Visionen, aber allen ist Eines gemeinsam: Um als „intelligent“ bezeichnet zu werden, muss eine Stadt Antworten auf die unterschiedlichsten urbanen Herausforderungen bieten: der Umgang mit den Ressourcen, nachhaltiges Wirtschaften, Energieautarkie, neue Modelle für die städtische Mobilität sowie ein besonderes Augenmerk für die Bedürfnisse der Bürger und für ihre Lebensqualität. Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, nutzen die Smart Cities digitale Technologien. Zu den Hauptrednern der internationalen Konferenz zählte heuer Håvard Haarstad. Der Professor und Direktor des Centre for Climate and Energy Transformation (CET) der Universität Bergen in Norwegen bot Einblick in seine jüngsten Studien über die Zusammenhänge zwischen Smart Cities und städtischer Energieversorgung. Der Titel seines Referates: „Are Smart City Projects Catalyzing Urban Energy Sustainability?“ .

„Das Thema Smart Cities ist heute sehr aktuell“, erklärte Haarstad. „Städtische Akteure und politische Entscheidungsträger bemühen sich nach Kräften, die täglichen Herausforderungen einer Stadt zu meistern. Wir haben uns gefragt, welchen Beitrag die Technologie leisten kann, um diese Probleme zu lösen? Und wir sind zum Schluss gekommen, dass sich mit Hilfe der Technologie zwar einiges lösen lässt, aber Technologie noch nicht alles ist.“ Zunächst müssten die Bedürfnisse einer Stadt ermittelt werden. „Es ist vor allem wichtig, wie eine intelligente Stadt organisiert ist, wie der öffentliche Verkehr aufgebaut wird und wie sie für ihre Bürger gut funktionieren kann. Die größte Herausforderung für viele Städte liegt in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Interessensvertretern – die aber nicht immer vorhanden ist. Dabei ist das Teilen von Wissen für alle von Vorteil. Die Forscher selbst können eine wichtige Rolle spielen und einen wertvollen Beitrag leisten.“ 

Håvard Haarstad ist aufgrund seiner Forschungen überzeugt, dass die Smartness – also das, was eine Smart City überhaupt ausmacht – grundsätzlich mit dem Einsatz von Technologien der jüngsten Generation verbunden ist. In seiner Studie führt der Leiter des CET jedoch Stockholm und Stavanger als Beispiel für Städte an, die zwar intelligente Ansätze übernommen haben, diese aber nicht immer von Spitzentechnologien oder besonderen Innovationen vorangetrieben werden. Darüber hinaus hat sich Haarstad auch mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Dabei konnte er feststellen, dass „smart“ nicht immer mit ökologisch gleichgesetzt werden könne. Städte verfolgen meist sehr viele Ziele, wenn es darum geht, sich „intelligent“ zu entwickeln – und Nachhaltigkeit sei nicht unbedingt eines davon. 

Derzeit lassen sich in der Diskussion um intelligente Städte zwei unterschiedliche Trends erkennen: Smart City und Sustainable City, wobei das zweite Modell auf den Schutz und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen ausgerichtet ist. Zwei Ansätze, die zum Teil als gegensätzlich empfunden werden. „In Wirklichkeit gibt es aber keinen Gegensatz, weil die beiden Modelle parallel laufen müssen“, bestätigt Adriano Bisello, Experte für Stadtplanung bei Eurac Research und Organisator der internationalen Konferenz. „Ohne Respekt vor der Umwelt kann es keine Innovation geben – und umgekehrt. Die Innovationen, die Smart Cities nutzen, können auch mehr Nachhaltigkeit garantieren.“

Südtirol war schon immer sehr umweltbewusst und zukunftsweisend, wenn es um erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit geht. Auch deshalb darf sich das Land „Green Region“, grüne Region, nennen. Es überrascht nicht, dass der grüne Bereich zu den fünf Technologiefeldern im NOI Techpark zählt. „Die Umgestaltung des Energiesystems für die Stadt Bozen und die gesamte Provinz ist eine unglaubliche Chance“, versichert Daniele Vettorato, Experte für Smart City und erneuerbare Energien von Eurac Research. „Denn wir müssen den Klimawandel eingrenzen und die Kohlenstoffemissionen sowie den Einsatz von fossilen Brennstoffen reduzieren.“ Was nur gelinge, wenn man erneuerbare, effizientere und sparsamere Systeme bevorzugt. „Smart Cities sehen Technologie als einen zu erschließenden Markt. In Wahrheit gibt es bereits viele intelligente Lösungen. Wir können aus der Vergangenheit lernen und sie wiederherstellen.” 

Eine Entwicklung dieser Art eröffne, so Vettorato weiter, neue Szenarien mit vielen positiven Effekten – und zwar nicht nur für die Städte, sondern für das gesamte Land. Mehr Arbeitsplätze und die Stärkung einer grünen Wirtschaft seien nur zwei davon, „wobei neue Technologien den Prozess weitgehend beschleunigen können, wenn sie zum Beispiel Alternativen zur fossilen Energie entwickeln. Alle müssen jedoch einbezogen werden und sich aktiv am Prozess beteiligen – auch die Bürger. “ 

Innerhalb 2020 wird die Europäische Kommission eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen, um 300 Städte in ihrer „smarten“ Revolution zu unterstützen. Dank der Finanzierung aus Brüssel hat auch Bozen seine Transformationsprozess begonnen. Im Rahmen des Sinfonia-Projektes, an dem sich Eurac Research und KlimaHaus gleichermaßen beteiligen, hat die Südtiroler Landeshauptstadt einen Energierückgewinnungsprozess in einigen kommunalen Gebäuden initiiert, um die Stadt nachhaltiger zu machen. 

FACT SHEET

Die Konferenz „Smart and Sustainable Planning for Cities and Regions“ findet seit 2015 alle zwei Jahre statt. Die Veranstaltung widmet sich verschiedenen Inhalten. Ziel ist es, den Teilnehmern einen vollständigen Überblick über die jüngsten und innovativsten Ansätze auf dem Gebiet der intelligenten und nachhaltigen Planung von Städten und Regionen zu verschaffen. Auch soll der Wissensaustausch zwischen Forschern, Fachleuten, Entscheidungsträgern und der Zivilgesellschaft gefördert werden. Bei der Planung und Entwicklung von Smart Cities, die eine Antwort auf verschiedene städtische Herausforderungen bieten können, müssen alle Akteure einbezogen werden. Ein Bereich, in dem NOI Techpark auch dank zweier seiner Technologiefelder ganz vorne mitmischt: Im Bereich der Grünen Technologien liegt der Fokus auf erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Parallel dazu können auch die digitalen Technologien einen Beitrag zur Entwicklung einer Smart Region leisten. 

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