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„Der Mensch zuerst. Das haben wir von Anfang an klar gemacht.“
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2020-07-20 2020-07-17 17 Juli 2020 - Gabriele Crepaz
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Petra Seppi, Expertin für Innovation im NOI Techpark, spricht im Interview über die Methode, mit der ihr Team und sie Unternehmen durch den Lockdown halfen. Denn ein richtiger Ansatz kann auch während einer Krise neue Möglichkeiten hervorbringen.

Innovation kann’s richten? Kleiner Mutmacher: Krisen sind wie geschaffen dafür, Dinge zu verändern. „In der Krise geht Veränderung leichter“, sagt Petra Seppi, Leiterin der Innovation Management Unit im NOI Techpark. In der Corona-Krise koordiniert Seppi das hochkarätige Coachingteam des Innovationsviertels, das Unternehmen hilft, die Krise zu bewältigen. Kleiner Dämpfer: Nicht überall, wo Innovation draufsteht, ist Innovation drinnen. Wie also geht Innovation richtig? Wann macht sie Unternehmen widerstandsfähig? Und warum schwört Petra Seppi auf eine neue Methode, die genau in der Corona-Krise entstand: Impact Exploration?  

Es ist seit langem das erste Interview, das wir als Menschen führen und nicht als Bildschirme. Bei einem Kaffee im Park des NOI. Irgendwie passt es zu Seppis Innovationsmaxime: People First. Weil Bedürfnisse eben doch immer menschlich sind. Sie werden gleich spüren, warum.   

Mitten im Lockdown haben wir eine Art Euphorie gespürt: Wir werden uns neu erfinden. Wie viel ist von diesem Veränderungswillen übriggeblieben?

Ich sehe, dass die Corona-Krise für viele Unternehmen der Auslöser war, Themen anzugehen, die sie vorher vielleicht vor sich hergeschoben haben. Die wirtschaftliche und soziale Vollbremsung hat somit Veränderung tatsächlich beschleunigt. Zum Beispiel wurden Nachfolgefragen plötzlich geregelt, weil der jungen Generation klar geworden ist: Wenn wir unser Geschäftsmodell jetzt nicht erneuern, überleben wir diese Zeit nicht.

Ich habe das Gefühl, viele Unternehmen versuchen, wieder in die alte Normalität zurückzukommen. Beobachten Sie das auch?

Ja, aber ich halte das für normal. Es ist die Sehnsucht nach Stabilität. Das kann man niemandem verdenken. Innovation ist nicht ein kontinuierliches Nach-vorne-Ziehen. Innovation passiert in Wellen. Jeder Mensch muss sich finden, bevor er weiß, wohin er gehen will. So ist es auch mit den Unternehmen. Der Lockdown war für alle ein Schock. Und genau da haben wir als NOI Techpark unser Krisencoaching gestartet: In unseren Entscheidungsgremien sitzen Vertreter aus der Unternehmerwelt und in gemeinsamen Überlegungen erkannten wir die Gefahr, dass Unternehmen in eine Art Schockstarre verfallen. Das ist dann aber gar nicht passiert. Oder anders formuliert: Bei uns haben sich sogar Unternehmen gemeldet, die nicht erweckt werden mussten, weil sie bereits Pläne hatten und nun unterstützt und bestärkt werden wollten in ihrem Veränderungswillen. Die Krise hat den Transformationsprozess beschleunigt.

„Bei uns haben sich Unternehmen gemeldet, die nicht erweckt werden mussten, weil sie bereits Pläne hatten.“

Wie ist das Krisencoaching des NOI Techpark aufgebaut? Was leistet das Coaching-Team?

Inhaltlich haben wir uns bei der Auswahl auf vier Themen konzentriert. Das ist einmal Kommunikation, also die Frage, wie kommuniziere ich jetzt mit meinen Mitarbeitern, mit den Lieferanten, mit den Kunden? Wie vermittle ich, dass ich die Lage, so unsicher sie auch ist, im Griff habe? Das zweite große Thema: Führung. Oder die Frage: Wie gebe ich meinen Mitarbeitern Orientierung, auf Gefühlsebene und Aufgabenebene? Dann geht es natürlich um den Megabereich Resilienz, also jene Fähigkeit, persönlich und als Organisation mit Veränderungen umzugehen. Und schließlich unser Kernthema: Innovation von Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen.

Wie gut wird das Angebot angenommen?

Unser Angebot teilt sich in Webinare und One-to-One-Coachings. Die Webinare hatten riesigen Zuspruch: Wir haben mehr als 2.000 Live-Teilnehmer gezählt, im Nachgang auf Youtube weitere 3.000 Viewer. Also 5.000 insgesamt. 45 Unternehmen haben wir in  persönlichen Coachings begleitet. Das war natürlich anspruchsvoller. Da gab es zum Beispiel die Einzelhändler, die schnell einen Service entwickeln wollten, der es ihnen erlaubt, auch im Lockdown Umsatz zu generieren. Andere dagegen kamen mit Online-Konzepten, für die jetzt die Zeit reif war. Kauri Store fällt mir ein, ein Geschäft für rundum nachhaltige Bekleidung, das im Februar in Bozen eröffnet wurde. Noch im März haben die Betreiber ihr Geschäft komplett auf Online-Vertrieb umgestellt, und schon im April war der Umsatz zufriedenstellend. 

Sind das größere Unternehmen oder kleine, die sich bei Ihnen melden? Neu gegründete oder etablierte?

Da ist alles dabei. Einzelhändler, Anbieter aus der Hotellerie, auch einige Eventdienstleister, aber vor allem Technologieunternehmen und Start-ups.

Es gibt ja Beispiele aus dem Lockdown, wo Unternehmen Masken produziert haben statt Wanderoutfits oder Plexiglasscheiben statt Duschkabinen oder wo Hoteliers Räume tagsüber für Remote Working vermietet haben. War das nur ein Modus, um den Stillstand zu überbrücken? Wie nachhaltig sind solche Geschäftsideen?

Tatsächlich waren einige Unternehmen so erfinderisch, dass daraus dauerhaft ein neues Angebot entstehen wird. Ich will Ihnen ein Beispiel aus unserem Coaching nennen. Tendsystem war vor der Krise ein Eventdienstleister mit Zeltverleih. Die standen natürlich wie vom Donner gerührt da: Veranstaltungen fallen auf unabsehbare Zeit aus, was machen wir? Im Coaching wurde dann relativ schnell klar, das Unternehmen hat Kompetenzen, die für die neuen Anforderungen an Sicherheit, Gesundheit, Tropfschutz genutzt werden können. Und aus der Reflexion darüber ist ein Geschäftsfeld entstanden, das es bisher im Unternehmen nicht gab: Tendprotect wird künftig auf ganz unterschiedlichen Ebenen für Schutz sorgen, von der Landwirtschaft bis zur industriellen Fertigung.

„In Balance zu bleiben, ist das Wichtigste. Es kommt nicht immer darauf an, nur zu machen. Unternehmer brauchen auch Reflexionszeit.“

Wie wichtig ist es für Unternehmen, trotz Stillstands im Fluss zu bleiben?  

In Balance zu bleiben, ist das Wichtigste. Es kommt nicht immer darauf an, nur zu machen. Unternehmer brauchen auch Reflexionszeit. Jetzt, wo wesentliche Dinge in der Gesellschaft und damit auch in der Wirtschaft sich verändern, wäre es ein Fehler, sich in Handlung zu verlieren. Viele können nicht mehr so weitermachen wie bisher. Wir brauchen jetzt eher eine Phase, wo man einen Schritt zurücktritt, versucht, das große Ganze zu betrachten und mit dem gewonnenen Überblick auch seine Strategie neu auslegt. Wir haben gesehen, viele Unternehmen sind auf Effizienz getrimmt worden, haben aber Probleme, wenn Flexibilität und Adaption gebraucht werden. Und genau letztere werden in einer Welt zunehmender Unsicherheit und Komplexität immer wichtiger.

Genau, es zeigt sich, dass wir einem Irrtum aufgesessen sind. Innovation wurde bisher immer gleichgesetzt mit: Technologie, Effizienz und Kosteneinsparung. Was sollte das neue Ziel von Innovation sein?

Innovation ist sinnvoll, wenn sie das Leben des Nutzers wertvoller und besser macht. Das gilt für Produkte, Dienstleistungen und auch Geschäftsmodelle. Dann heißt Innovation aber auch, ein Unternehmen so auszurichten, dass es flexibel bleibt. Innovation ist kein Einmalding. Als Bild hilft da immer die Lazy Eight, die liegende Acht, das Symbol für Unendlichkeit, das auch in der Resilienzforschung Verwendung findet. In einem ausgeglichenen System gibt es keinen Anfang und kein Ende für Innovation. Ein dynamisches Unternehmen erlebt gleichzeitig Phasen der Produkteinführung, Phasen der maximalen Effizienzsteigerung und Phasen, die getragen sind vom Willen zur Stabilisierung. Nur so entwickelt es die Fähigkeit, gewappnet zu sein, wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten.

„Innovation ist kein Einmalding. Als Bild hilft da immer die Lazy Eight, die liegende Acht, das Symbol für Unendlichkeit.“

Als NOI Techpark arbeiten Sie eng mit dem Zukunftsinstitut von Matthias Horx und Harry Gatterer zusammen. Dort zeigt man sich letzthin eher technologiekritisch. Der Technologiehype sei vorbei, sagt etwa Horx. Sie hingegen fördern vor allem Technologieunternehmen. Wie kriegen wir die Menschlichkeit in die Technologie zurück?

Indem wir es tun. People first. Das ist das zentrale Prinzip des Innovationsansatzes im NOI Techpark. Der Mensch zuerst. Das haben wir von Anfang an klar gemacht. Wir kehren damit das herkömmliche Business Modell um. Sie kennen das Dreieck: oben der Profit, unten rechts die Technologie, unten links der Mensch. Genau dieses Dreieck stellen wir auf den Kopf. Wir heben den Menschen mit seinen Bedürfnissen an die Spitze. Dann bleibt die Technologie das, was sie immer war, der Enabler, der den Fortschritt ermöglicht. Und der Profit wird die logische Folge sein, muss er sein, denn schließlich überlebt ein Unternehmen nur, wenn es ausreichend Gewinn erwirtschaftet. Der Lockdown hat den Beweis geliefert: Technologie kann unser Leben verbessern, es geht nur darum, wie sie ethisch richtig eingesetzt wird. Es geht in der Innovation nicht um Technologie ODER Menschlichkeit. Erst die Verbindung von beidem ermöglicht wahren Fortschritt. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Politechnikum in Mailand daran, den Design Thinking Ansatz für Produktentwicklung weiterzuentwickeln. Das abgeschlossene Forschungsjahr dort stand unter dem Motto „Humanizing Digital Technology through Design Thinking“. Und gemeinsam mit dem Zukunftsinstitut haben wir in den vergangenen Monaten ein Orientierungsinstrument verfeinert, das Firmen helfen kann, große Entwicklungslinien in Gesellschaft und Wirtschaft zu erkennen, indem sie ihre Unternehmensstruktur frühzeitig anpassen: Impact Exploration startet bei der Veränderung im Menschen, also der kleinsten Einheit im großen Ganzen.

„Es geht in der Innovation nicht um Technologie ODER Menschlichkeit.“

Wie funktioniert genau eine Impact Exploration?

Wir haben ein Instrument ergänzt, das vom Zukunftsinstitut entwickelt worden ist: Future Room. Das ist eine ganzheitliche Methode, mit der Unternehmen Megatrends in der Gesellschaft verstehen und sich intern damit auseinandersetzen können. Zu Beginn des Lockdowns hat das Zukunftsinstitut dann aus dem Future Room die so genannte Impact-Analyse abgeleitet, fokussiert auf die Frage: Was passiert durch diese Krise, die durch eine Pandemie ausgelöst wurde? Jede einzelne Position im Gefüge wird abgeklopft und durchdiskutiert. Wie verändert Corona den Einzelmenschen, in der Folge die Gesellschaft, daraus abgeleitet die Wirtschaft? Und wie wirken diese neuen Rahmenbedingungen sich auf die Organisation, die Prozesse und die Produktentwicklung eines Unternehmens aus? Wir haben gesagt, das ist super, aber wir gehen noch einen Schritt weiter und integrieren unser People-Centric-Prinzip. Das heißt, wir erfassen am Beginn eines Innovationsprozesses, was Kunden wirklich brauchen. Und das erheben wir durch gezielte Beobachtung und Tiefeninterviews. So entsteht aus der Impact Analyse eine Impact Exploration.

Kann man schon sagen, wie sich die Kunden in den vergangenen Monaten verändert haben?

Darüber denke ich echt viel nach. Wenn man ehrlich ist, sind eigentlich alle Optionen offen.

Wenn ich mir die Webseiten von Unternehmen ansehe, sind ja schon alle innovativ. Das Wort ist unglaublich verbraucht. Wie definieren Sie denn Innovation?

Ein zentraler Begriff ist Value Innovation. Innovation entsteht erst dann, wenn Neuheit mit Wert gekoppelt ist. Und Wert heißt, ich schaffe einen Wert für den Kunden, aber auch für mich als Unternehmen, denn sonst bin ich ja wirtschaftlich nicht nachhaltig. Ich glaube, wir tun gut daran, wenn wir Innovation immer wieder auf das Thema Wert und Mensch zurückzuführen.

„Innovation entsteht erst dann, wenn Neuheit mit Wert gekoppelt ist.“

Wir haben jetzt viel von der Krise gesprochen. Wann ist der richtige Moment für Innovation?

Immer. Weil Innovation nicht ein Einmalereignis sein soll, sondern kontinuierlich im Unternehmen verankert sein muss. Tatsächlich aber ist es so, dass die Krise hilft. Veränderung ist nicht immer einfach. Veränderung geht auch mit Leid einher. Es gibt ängstliche Menschen, die Veränderungen nicht mögen. In der Krise geht Veränderung leichter. Denn Krise ist nur mit Veränderung zu bewältigen.

Eine Schwierigkeit haben wir im Augenblick: Es gibt keine Normalität. Und Innovation funktioniert ziemlich gut, wenn man sich an der Normalität reiben kann...

Das stimmt, es fehlt Orientierung. Keiner weiß, wohin uns diese Pandemie führen wird, wie sich unser System dauerhaft entwickeln wird, wie der Mensch als Kunde und als Mitarbeiter sich verändern wird. Ich denke, Unternehmen tun gut daran, die Organisation ihrer Struktur unter die Lupe zu nehmen und sich zu überlegen, wie stelle ich mein Unternehmen so auf, dass ich mit Unsicherheit und Komplexität umgehen kann. Das halte ich für genauso wichtig wie die Innovation von Prozessen und Produkten. 

„In der Krise geht Veränderung leichter. Denn Krise ist nur mit Veränderung zu bewältigen.“

Bei Innovation schwingt immer Aufbruch mit. Aber hat wirklich jemand gerade Lust auf Innovation? Ist es nicht eher eine erzwungene Anpassung?

Das Thema ist: Niemand hat Lust auf Krise, deshalb erkennen alle die Notwendigkeit der Innovation. Wir haben Mitte Juni 19 neue Unternehmen am NOI Techpark aufgenommen und mit vielen laufen Gespräche. Noch nie haben sich so viele Unternehmen für unser Angebot interessiert wie jetzt. Das ist doch ein Zeichen für die Lust auf Innovation.

Wir kennen alle den Satz, wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Manchmal aber hat man den Eindruck, wir innovieren alles zu Tode.

Da steht uns wieder die Begriffsfrage im Weg. Ich hoffe, dass wir so weit kommen, dass wir den Begriff Innovation gar nicht mehr brauchen. Weil Innovation selbstverständlich wird als Fähigkeit zur Anpassung, egal was passiert. Das wäre doch auch eine Vision.

FACT SHEET

„Krise, und jetzt?“

Im Zuge des Lockdowns hat NOI Techpark ein breit aufgestelltes Coaching-Team zusammengestellt, um Unternehmen bei der Bewältigung der Corona-Krise unter die Arme zu greifen. Die Dienstleistung bietet Webinare und Individualcoachings zu den Themen Kommunikation, Resilienz, Leadership und Innovation. Zu diesem Service gesellt sich nun eine Initiative, die danach ausgerichtet ist, den Technologie-Transfer und die Durchführung von R&D-Projekten anzutreiben. Denn genau dafür steht Innovation Management: Forschung und Entwicklung ist in diesem Bereich ein natürlicher Prozess, um Veränderung solide und mit dem richtigen Mindset einzuleiten.

Die Unit Innovation Management im NOI Techpark unterstützt Unternehmen der Technologiefelder Food, Green, Digital und Automotive & Automation in Prozessen systematischer Innovation. Das Team ist spezialisiert auf die Anwendung moderner Prozessmethodik bei der Ideenfindung und der Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen. 

Petra Seppi ist Leiterin der Innovation Management Unit am NOI Techpark. Die Ökonomin machte den Bereich Innovation zum Schwerpunkt ihrer beruflichen Laufbahn. Bis 2006 arbeitete Seppi im Bereich Marktinnovation, zunächst bei Camcom und dann bei der Export-Organisation EOS der Handelskammer Bozen. Anschließend gründete Seppi ihre eigene Beratungsagentur, wo sie Unternehmen als Unternehmensberaterin und Coach bis 2012 zu Seite stand. Im Anschluss sorgte sie als Head of Business Development bei der BLS (Business Location Südtirol) für die Ansiedlung und den erfolgreichen Start von Unternehmen am Innovationsstandort Südtirol. Vor ihrem Wechsel zum NOI Techpark leitete sie den Bereich Investment Consulting & Promotion beim Wirtschaftsdienstleister IDM Südtirol.

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