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Coworking hat Zukunft: Für neue Ideen braucht es geteiltes Wissen
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2020-08-26 2020-08-26 26 August 2020 - Alessandra Franchini
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Interview mit dem Architekten und Ingenieur Carlo Ratti zur Veränderung unserer Arbeitswelt: „Die Flexibilität wird uns erhalten bleiben, unsere Wohnräume werden auf Zoom zugeschnitten werden, auch wenn das klassische Büro nie abgeschafft werden wird.“

Vom Desksharing zur Sozialen Distanzierung, vom Open Space zum Einzelbüro und zur „Entdeckung” des Smart Working. Und schließlich: vom Ideal der Kreislaufwirtschaft zum massiven Einsatz von Plastik und Wegwerfartikeln. Innerhalb weniger Monate hat die Pandemie viele unserer Gewohnheiten auf den Kopf gestellt, aber auch die Grenzen unserer Wahrnehmung von Sicherheit und Gefahr verschoben. Ein Umbruch, der noch voll im Gang ist, und vor allem die Arbeitswelt umkrempelt. Obwohl es in Italien bereits seit dem Jahr 2017 eine gesetzliche Basis für Smart Working gibt, griffen vor Covid nur 31% der Angestellten darauf zurück. Und selbst diese nicht täglich, wie die im Juni veröffentlichte Studie „Lo smart working in Italia, tra gestione dell’emergenza e scenari futuri“ aufzeigt, die von den Risikomanagementspezialisten Anra und Aon durchgeführt wurde. Eine weitere Studie, die im April von Check Point Software Technologies, einem internationalen Anbieter von Lösungen im Bereich Cybersecurity, und Dimensional Research, vorgelegt wurde, verdeutlicht, wie unvorbereitet unsere Unternehmen für diese Revolution sind: 95% gaben darin an, bereits Probleme hinsichtlich Datensicherheit gehabt zu haben. Auf der anderen Seite verdeutlicht die Anra-Studie, dass derzeit mehr als 80% der Beschäftigten im Home Office arbeiten. Das Bild hat sich also völlig gewandelt. Welche Auswirkungen dies auf die Arbeitswelt der Post-Covid-Ära haben wird, vertiefen wir mit Carlo Ratti, Architekt und Ingenieur des Turiner Büros Carlo Ratti Associati und Direktor des MIT Senseable City Lab in Boston. „In den vergangenen Monaten haben wir aufgrund des plötzlichen Wandels in Richtung Smart Working eine weit flexiblere Art zu arbeiten entdeckt“, sagt er. „Diese Entwicklung zeichnete sich bereits ab, doch nun gab es eine rasante Beschleunigung.“

Im vergangenen Mai hat Twitter-CEO Jack Darsey mit seiner Ankündigung für Schlagzeilen gesorgt, dass all seine Mitarbeiter, die nun im Home Office arbeiten, dies auf Wunsch auch in Zukunft machen können. Werden solch flexible Arbeitsformen tatsächlich die neue Arbeitsrealität?

„Ich denke, dass uns das flexible Arbeiten, wie wir es in diesen Monaten kennenlernen, erhalten bleiben wird. Mir gefällt es, mir eine solche Arbeitswelt vorzustellen, in der teils in herkömmlichen Büros gearbeitet wird, aber dann auch wieder an einem Küchentisch, in einem Caffè, in einem Landhaus oder dem Airbnb in Barcelona, in dem wir früher nur ein Wochenende und nun die ganze Woche verbringen können. Dies eröffnet auch neue Möglichkeiten für einen langsameren und nachhaltigeren Tourismus.“

Wie wird sich das auf unseren Wohn- und Arbeitsraum auswirken, zu Hause und in Unternehmen? Erfordert ein virtuelles Zusammenleben mehr Raum und eine potenzierte technologische Ausstattung?

„Aus architektonischer Sicht warten auf uns spannende Herausforderungen. Denn wir müssen all diese Räume so umgestalten, dass sie für vielfältige Zwecke genutzt werden können. Beim Home Office gibt es sicher noch Verbesserungsbedarf – auch nur um zu vermeiden, dass Vierbeiner oder halbnackte Zweibeiner plötzlich im Hintergrund unserer Zoom-Konferenzen auftauchen.“

Für manche ist flexibles Arbeiten ein Segen, andere wiederum leiden unter der sozialen Isolierung, die dadurch entstehen kann. Müssen wir uns von Büros und der Idee des Coworking verabschieden?

„Diese Fragen stellen wir uns derzeit alle, doch ich glaube nicht, dass das klassische Büro verschwinden wird. Der stimulierendste Teil unserer Arbeit besteht schließlich im Austausch mit anderen, und der entsteht meist auf informelle Art. Deshalb reichen Plattformen für virtuelle Gespräche wie Skype oder Zoom nicht aus, wir brauchen reale Treffpunkte. Das Konzept des Coworking leidet mittelfristig sicher unter den Folgen des Virus, doch ich denke, dass es langfristig viele Trümpfe in Hinsicht auf eine flexiblere Arbeitswelt bereithält.“

Denken Sie, dass multifunktionelle wissenschaftliche und technologische Forschungszentren weiterhin attraktiv bleiben, die bislang sowohl Unternehmen und Start-ups angezogen als auch Dienstleistungen wie Forschungslabors, qualifiziertes Personal, Kongresssäle und Coworking-Plätze angeboten haben und Brutstätte für neue Ideen waren?

„Ich denke schon. Wenn wir uns die vergangenen 10.000 Jahre Stadtentwicklung ansehen, wird deutlich, dass diese Anziehungskraft, die uns dazu bringt, auf engem Raum zu leben und zu arbeiten, stärker ist als jede Pandemie. Und für die Entwicklung eines Unternehmens sind auch zufällige Begegnungen wichtig, ob an einer Bar, im Zug oder in der U-Bahn. Auch sie helfen uns, aus vorgefertigten Denkmodellen auszubrechen, indem wir mit neuen Ansichten und Perspektiven konfrontiert werden, was wiederum unerlässlich ist, um innovativ zu bleiben. Deshalb denke ich nicht, dass wir das traditionelle Büro komplett aufgeben werden.“

Wie können wir weiterhin Wissen teilen ohne unsere Sicherheit zu gefährden?

„Hier müssen wir die aktuelle Situation von einer langfristigen Perspektive unterscheiden. In den kommenden Monaten, bis ein Impfstoff verfügbar ist oder wir eine Herdenimmunität erlangt haben, müssen wir sehr aufpassen und tatsächlich so weit wie möglich auf soziale Distanzierung achten. Doch langfristig werden wir wieder zu einem normalen Umgang miteinander zurückkehren können. Ich denke, in einigen Jahren wird uns Covid-19 nicht mehr Kopfzerbrechen bereiten als die Beulenpest, von der wir in “I Promessi Sposi” lesen.

Die explosionsartige Verbreitung der Pandemie wurde vielfach mit Umweltfragen in Beziehung gesetzt. Eine weitere Motivation, die Wegwerfkultur hinter sich zu lassen und sich in Richtung Kreislaufwirtschaft und Re- bzw. Upcycling zu bewegen – jenseits des aktuellen unvermeidlichen Massenverbrauchs von Wegwerfgegenständen wie Schutzhandschuhen und Masken?

„Ich hoffe sehr darauf, auf lange Sicht ist dies unsere einzige Rettung. Es bleibt zu hoffen, dass Covid auch in diesem Fall die Entwicklung beschleunigt. Als Projektant liegt mir das Thema der Kreislaufwirtschaft sehr am Herzen. Bei jedem Projekt tragen wir dafür Sorge, dass das was wir entwerfen, nicht im Müll landet, sondern auf verschiedenste Arten wiederverwendet werden kann. Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise gemeinsam mit Eni den Circular Garden für den Salone del Mobile in Mailand entworfen (eine Reihe von hohen Bögen, die aus einem organischen Material auf Basis von Pilzen hergestellt wurden, Anm. d. Red).  In diesen Monaten arbeiten wir gemeinsam mit Italo Rota am italienischen Pavillon für die Expo Dubai (der von drei gekenterten Booten überragt wird, die wiederverwertet werden können, Anm. d. Red.).

Das Büro Carlo Ratti Associati hat kürzlich mit dem Start-up Scribit „Pura-Case“ vorgestellt, einen tragbaren Schrankreiniger auf Basis von Ozon. Das Bedürfnis nach Hygiene und Sicherheit und die Notwendigkeit, Abstand zu halten, geben Design und Technologie neue Impulse. Wird dies auch in Zukunft die neue Normalität sein? Werden sich unsere Gewohnheiten dauerhaft verändern?

„Ich denke, das passiert jetzt schon. Die Online-Einkäufe haben in den vergangenen Monaten um 60% zugelegt, gleichzeitig kauft nun jeder vierte Mensch in Geschäften seiner Nachbarschaft ein. Nach den Erfahrungen der vergangenen Monate sind wir dabei, neue Lebensstile zu entwickeln – nicht nur, was das Smart Working betrifft.  

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