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Covid-19: neue App zur Entlastung von Ärzten und Krankenhäusern
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2021-01-07 2021-01-05 5 Januar 2021 - Alessandro Di Stefano
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Sie heißt reCOVeryaID und wurde in der Smart Data Factory der unibz im NOI Techpark entwickelt. Der Kopf dahinter ist die Forscherin Daniela D’Auria.

Eine App, die den Krankheitsverlauf von Covid-19-Patienten aus der Ferne überwacht: Das ist reCOVeryaID, ein telemedizinisches IT-Tool, das von Daniela D’Auria entwickelt wurde. Die Forscherin im Labor der Fakultät für Informatik im NOI Techpark ist Spezialistin im Bereich Medizintechnik und Medizinrobotik und ermöglicht mit ihrer Entwicklung eine potenzielle Entlastung für Sanitätsbetriebe und Hausärzte.   

Wie funktioniert die App? „Patienten müssen das Haus nicht verlassen und nur einige wenige Daten zur ihrem Gesundheitszustand auf einer Webseite eingeben. Diese Daten werden dann vom System an die jeweiligen Hausärzte weitergeleitet, wobei schwere Fälle Priorität erhalten.” Das Tool ist auf dem Höhepunkt der ersten Pandemiewelle im vergangenen Frühjahr entstanden, um zur Lösung der zahlreichen Herausforderungen von Covid-19 beizutragen – allem voran eines Engpasses bei der Kontrolle des Infektionsgeschehens: den überlasteten Telefonleitungen. „Ich hatte erst wenige Wochen vor dem Ausbruch der Pandemie in Italien und Europa in der Smart Data Factory des NOI Techpark in Bozen zu arbeiten begonnen“, erzählt uns D’Auria. „Meine Überlegung war: Viele Menschen rufen Ärzte und Krankenhäuser nur an, um ihre Angst zu bezwingen, und bedenken dabei nicht, dass sie die Leitungen zu Lasten jener belegen, die tatsächlich ärztlichen Beistand brauchen. In Konsequenz schafft es das medizinische Personal nicht, die schweren Fälle zu begleiten oder vorzubeugen, dass sich Krankheitsverläufe verschlimmern.”

Der Prototyp von reCOVeryaID wurde von der Forscherin unter Begleitung von Diego Calvanese, Professor für Data Integration der unibz, und dem Forscher Andrea Janes realisiert. Es geht dabei um eine Webanwendung, die in der technischen Fachsprache als „stand alone” definiert wird, da sie keine eigene Infrastruktur benötigt, sondern problemlos in jede Krankenhaussoftware integriert werden kann. „Aktuell läuft reCOVeryaID über den Computer, doch wir arbeiten auch an einer mobilen App”, erklärt die Forscherin. „Nach Öffnung der Anwendung kann man sich zuerst in wenigen Minuten registrieren. Vor Verwendung der Software sollten Patienten aber sicherstellen, dass sie ein Fieberthermometer und ein Pulsoxymeter zu Hause haben. So kann der Patient selbst die eigene Körpertemperatur, die Herzfrequenz und den Sauerstoffgehalt im Blut messen und in die Anwendung eintragen.“ Über entsprechende Warnstufen erhält er vom System für jede Messung eine unmittelbare Rückmeldung. Bei Grün besteht keinerlei Gefahr; alle besorgniserregenden Werte werden dagegen sofort dem Arzt weitergeleitet. „reCOVeryaID gibt gelben und roten Befunden absolute Priorität. Bei Rot ruft der Arzt die Rettung und bereitet eine Einweisung der Patienten ins Krankenhaus vor. Bei Gelb startet wiederum eine kontinuierliche telematische Überwachung des Patienten, und der behandelnde Arzt behält den Krankheitsverlauf genau im Auge.“

Telemedizin: die große Herausforderung für das Gesundheitswesen

Das Jahr 2020 hat einen Trend beschleunigt, der bereits seit einigen Jahren eingesetzt hat: Die Telemedizin etabliert sich immer stärker als sichere, agile und effiziente Lösung, allem voran, um sanitäre Strukturen von all jenen Fällen zu entlasten, die auch zu Hause behandelt werden könnten. Mit diesem Paradigmenwechsel erhält auch der Patient eine größere Verantwortung: Im Fall von reCOVeryaID, muss er das System täglich mit Daten zu seinem Gesundheitszustand füttern. „Intelligente Technologien dürfen nicht kompliziert sein”, meint D’Auria, „die Ferndiagnostik dieser Anwendung soll eine wirksame Unterstützung zur Eindämmung und Überwachung der Krankheit sein. Doch dieser Bereich des Gesundheitswesens kann sich nur weiterentwickeln, wenn die beteiligten Akteure stärker zusammenarbeiten.“

Wer aber sind die Akteure? Ärztinnen und Ärzte, die durch technologische Anwendungen zwar nie ersetzt werden, aber in ihren Entscheidungen unterstützt werden können; Patienten, die durch leicht anwendbare Geräte eine aktivere Rolle in der eigenen Behandlung übernehmen; Universitäten und Forschungszentren, die neue Kompetenzen entwickeln und mit innovativen Lösungen das Leben von Menschen verbessern können. „Je besser wir es schaffen, mit Technologien die richtigen Lösungen für Probleme bereitzustellen, desto stärker werden sich diese Technologien durchsetzen.“ Gerade deshalb ist die Vernetzung von Unternehmen und Forschung so essentiell. Denn nur so können Innovationen einen realen Nutzen bringen und zur Lösung täglicher Problemstellungen beitragen.  

„Das Thema Smart Health in Südtirol ist seit längerem einer der Forschungsschwerpunkte der Smart Data Factory. Wir unterstützen dabei die Kontakte zu Unternehmen, damit diese auf Basis ihrer jeweiligen Kompetenzen neue Forschungs- und Entwicklungsprojekte aufnehmen. Die Smart Data Factory ist eines der wichtigsten Labore im Bereich digitaler Technologien des NOI Techpark”, unterstreicht Patrick Ohnewein, Leiter der Unit Digital im NOI Techpark. Er erinnert daran, dass einige dieser Themen auch auf der SFScon 2020 und der Tagung Data4SmartHealth aufgegriffen wurden. „Labore wie die Smart Data Factory sind grundlegend für die Zukunft”, fügt die Forscherin hinzu. „Denn dort arbeitet man an einem Technologietransfer, durch den konkrete Probleme gelöst werden. Dabei übernehmen Forscher eine entscheidende Rolle: Wir alle müssen versuchen, Nutzen zu schaffen und unsere Kompetenzen einzubringen. Das zumindest war mein Bemühen mit reCOVeryaID».

Daniela D’Auria, von den USA nach Bozen

Ein Studium der Medizintechnik und ein PhD in Medizinrobotik in Neapel, das Daniela D’Auria aber auch teilweise in Seattle, USA, absolviert hat, wo sie im Bereich Roboter-Chirurgie forschte. Ihr Einstieg in die Smart Data Factory erfolgte zu einem Zeitpunkt, in dem sich nicht nur der Gesundheitssektor in einem Ausnahmezustand befand. Die Pandemie hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt, doch sie fordert auch Talente heraus, ihr Ganzes zu geben, um Lösungen für bislang nie dagewesene Probleme wie überfüllte Notaufnahmen, die Ausgangsbeschränkungen und die ständige Ansteckungsgefahr zu finden.   

Obwohl Telemedizin oft als noch weit entfernt und komplex angesehen wird, gibt es sie in ganz unterschiedlichen Formaten. reCOVeryaID ist sehr nutzerfreundlich, gerade weil sie in einer Zeit entwickelt wurde, die wir alle als Ausnahmesituation erlebt haben. „Noch stärker denn als Forscherin habe ich als Bürgerin das Bedürfnis verspürt, einen Beitrag zum Problem des Sanitätswesens zu leisten, die vielen Anrufe in den Griff zu bekommen und sie nach ihrer Dringlichkeit zu strukturieren.“

Wie sieht nun der nächste Schritt aus, nachdem das System mehreren Testreihen unterzogen wurde und positive Rückmeldungen von Ärzten erhalten hat, die bereits mit der Technologie gearbeitet haben?  „Nun gilt es, das System zu nutzen und täglich mit Daten zu füttern. Die Webanwendung ist bereits fertig, wenn ein Gesundheitsbetrieb damit arbeiten will, kann er sofort starten. Je mehr man das System fordert, desto besser verstehen wir, um welche Funktionen es noch ergänzt werden muss.“ reCOVeryaID kann auch für andere Krankheiten genutzt werden. „Unzählige Krebspatienten müssen derzeit zu Hause versorgt werden, weil die Krankenhäuser sie nicht aufnehmen können“, so D’Auria. Dasselbe gelte für Diabetiker. „Viele chronische Krankheiten können dank Telemedizin besser behandelt werden. Ich denke, diese schwierige Zeit zeigt uns auch, dass es höchste Zeit ist, eine echte Digitalisierung der Sanität anzugehen.”

FACT SHEET

Die Smart Data Factory ist ein Labor der Freien Universität Bozen im NOI Techpark, das sich dem Technologietransfer widmet. Die Smart Data Factory bietet Beratung und Wissenstransfer im Bereich des intelligenten Datenmanagements und der „Data Science“. Ziel ist die Schaffung von Communities mit vielfältigen und innovativen Erfahrungen auf nationaler und internationaler Ebene. Ihre Ansprechpartner sind Unternehmen und Körperschaften, die daran interessiert sind, gemeinsam mit Forschern, innovative Lösungen für die Erfassung, Verarbeitung sowie automatisierte und intelligente Analyse großer, komplexer und heterogener Datenmengen zu entwickeln und umzusetzen.

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