5 min read
BIM: So entsteht die digitale Baustelle
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-01-03 2020-01-03 3 Januar 2020 - Maria Cristina De Paoli
5 min read
Bild

Eines steht fest: Die Digitalisierung wird keinen Bogen um das heimische Bauwesen machen. Zentrales Element in diesem revolutionären Prozess ist BIM (Building Information Modeling). Um dieses digitale Gebäudeinformationsmodell auch in Südtirol zu implementieren, hat Fraunhofer Italia eine Reihe von Projekten gestartet. Eine Zwischenbilanz.  

Noch rollt sie ferngesteuert und mit leerer Ladefläche über die Bordsteine und Grasflächen des NOI Techparks. Doch schon bald könnte die mobile Roboterplattform Husky A200 auch über das Gelände einer Baustelle fahren, größere Lasten von A nach B transportieren und dabei ganz von selbst den richtigen Weg finden. Und genau daran arbeitet derzeit Fraunhofer Italia. „Ziel ist es, eine Brücke zwischen Robotik und Bauwirtschaft zu schlagen“, bestätigt Camilla Follini, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Teams Process Engineering in Construction. Dafür muss der bullige Transporter allerdings noch einiges „dazulernen“. Indoor seien die Tests bereits positiv verlaufen. Es ist also nur mehr eine Frage der Zeit, bis sich der Roboter auf jeder Baustelle autonom zwischen Baugerüsten, Betonpfählen, Schotterhaufen und Arbeitern bewegen kann.  

Virtuelles Modell vom realen Gebäude 

Um zu verstehen, was dahintersteckt, muss man jedoch einen Schritt zurückgehen. In rasantem Tempo verwandelt die Digitalisierung Gesellschaft und Wirtschaft. Und sie wird auch keinen Bogen um das Bauwesen machen, wobei Digitalisierung in diesem Sektor zurzeit vor allem von einem Akronym bestimmt wird: BIM steht für Building Information Modeling. Gemeint ist ein digitales Gebäudeinformationsmodell (also weit mehr als nur ein 3D-Modell), das – vom Entwurf über die Planung und Kalkulation bis hin zur Ausführung und Nutzungsphase – lückenlos die Daten zum Gebäude bündelt. Und zwar während des gesamten Lebenszyklus des Objektes. 

2016 hat Italien eine EU-Richtlinie rezipiert und einen Stufenplan zur Einführung des BIM für öffentliche Ausschreibungen verabschiedet. Seit 1. Jänner 2019 läuft der Countdown. Auf die veränderte Gesetzeslage hat Fraunhofer Italia zunächst mit einer landesweiten Umfrage über den Status Quo und die Akzeptanz für die neue Methodik reagiert. In einer zweiten Phase wurde das Forschungsprojekt BIM Standardized implementation in public administration (BIM Standardisierte Implementierung in der öffentlichen Verwaltung) gestartet.  

Potenzielle Partner dieses Projektes sind alle öffentlichen Verwaltungen im Land, die neben den gesetzlichen Auflagen auch die Chancen von digitalen Gebäudemodellen erkannt haben. „Denn die Gewinner von BIM sind ganz eindeutig die Bauherren – insbesondere, wenn es sich um komplexe Großprojekte handelt“, sagt Giada Malacarne von Fraunhofer Italia. Die junge Forscherin spricht von einer Revolution, in der gerade öffentliche Auftraggeber eine entscheidende Rolle spielen können. „Weil sie eine treibende Kraft für den Wandel und die Digitalisierung sind und weil sie darüber hinaus in ständigem Kontakt zu Fachleuten aus den verschiedensten Branchen stehen.“  

Gerade im Austausch mit öffentlichen Verwaltungen haben Giada Malacarne und ihr Team die Voraussetzung für eine Implementierung von BIM in Südtirol geschaffen. „Wir wollten verstehen, wie die bestehenden Prozesse verändert und angepasst werden müssen.“ Im Klartext: Es galt, die Regeln für das digitale Miteinander festzulegen. Nun kann die Testphase beginnen. „Den Anfang machen zwei neue Baustellen, wobei es sich um mittelgroße Projekte handelt, an denen auch heimische Betriebe beteiligt sind“, sagt Giada Malacarne. „Wir wollen nicht unvorbereitet dastehen, wenn 2021 die gesetzlichen Vorgaben für Großaufträge greifen. Und spätestens ab 2025 sind dann auch die Kleinen dran.“

Ein neues Lab und drei Systeme 

Dank der EFRE-Gelder der Autonomen Provinz Südtirol richtet Fraunhofer Italia derzeit ein „BIM Simulation Lab“ ein. Die Infrastruktur mit Sitz im NOI Techpark soll künftig die Entscheidungsfindungen im Bauprozess unterstützen. Im Rahmen dieses Projektes werden u. a.  drei Software-Systeme entwickelt, die nach Abschluss aller Tests, den Nutzern des Labs den Zugang zu BIM erleichtern werden. 

Im Detail: Das Field2BIM-Tool dient dem Datentransfer von der realen in die digitale Welt. Ist-Zustände auf Baustellen und in bestehenden Gebäuden sollen mittels 3D-Scannertechnologie (halb)automatisch in digitale Modelle übertragen werden. Das BIM2Field-Tool unterstützt dagegen das digitale Baustellenmanagement während der Bauausführung. Unter anderem ermöglicht diese Anwendung einen effizienten Datentransfer aus der digitalen in die reale Welt und stellt relevante Modelinformationen systematisch auf der Baustelle zur Verfügung. Während mit dem BIMobility-Simulator ein Instrument geschaffen wird, das den Entwurf einzelner Gebäude, aber auch ganzer Stadtviertel unter dem Gesichtspunkt der Integration von Elektromobilitätssystemen erleichtert.  

Pilotprojekt mit Niederstätter AG 

Dass auch Unternehmen, die nicht Teil des Hauptbaugewerbes sind, von BIM profitieren können, hat die Niederstätter AG bewiesen. „Bei den Info-Talks, die wir regelmäßig für unsere Kunden veranstalten, sind wir mit Fraunhofer Italia ins Gespräch gekommen“, sagt Manuel Niederstätter. „Und weil heute alle über BIM reden, haben auch wir das Thema aufgegriffen. Vor allem wollten wir verstehen, ob und wie wir das neue Instrument in unserem Betrieb aufnehmen können.“  

Aus jenem ersten Talk ist ein konkretes Projekt hervorgegangen. Auf Basis von BIM hat Fraunhofer Italia ein Konzept für den Containerservice von Niederstätter erstellt. „Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie wurden die bestehenden Prozesse analysiert und mögliche Ansatzpunkte für eine Umstellung auf die BIM-Arbeitsweise identifiziert“, so Christoph Paul Schimanski von Fraunhofer Italia. Darauf aufbauend  seien eine BIM-Standardbauteilbibliothek sowie ein BIM-basiertes Tool entstanden, das die Angebotsbearbeitung und Arbeitsvorbereitung verschlankt und teilautomatisiert. Getestet wurden beide Elemente bei einem „Trockenlauf“ an einem bereits abgewickelten, realen Projekt für Mila in Bozen: eine zweigeschossige Containeranlage mit insgesamt 28 Containern verschiedener Typologien. „Besonders bei der Auswahl der geeigneten Elemente für das Projekt haben wir dank BIM viel Zeit gespart“, sagt Manuel Niederstätter.  

Doch nun zurück zum Husky A200. Bei Fraunhofer Italia im NOI Techpark lernt der intelligente Roboter gerade, wie er BIM-Daten automatisch in die eigene Sprache übersetzen kann – um in Zukunft Aufträge völlig autonom auszuführen und sich auf keinem Baustellenareal zu verfahren. 

Teilen
WhatsappWhatsapp