6 min read
Krise treibt neue Technologien voran: eine Chance für die Zukunft der Automobilbranche
Teilen
WhatsappWhatsapp
2020-07-03 2020-07-03 3 Juli 2020 - Erica Ferro
6 min read
Bild

In Südtirol verzeichnet der Automotivesektor einen Rückgang von 20 bis 30 %. Wie das neue Innovationsviertel in Bruneck als zusätzliche Kompetenzplattform und die New Energy Vehicles als Rettung für den Sektor dienen können, das könnt ihr hier nachlesen.

Bereits im März zeichnete sich das Ausmaß dieser beispiellosen Krise in den Statistiken ab. Deloitte prognostizierte in seiner Analyse der Auswirkungen des Coronavirus auf die Automobilbranche einen weltweiten Produktionsrückgang von 11 Millionen Fahrzeugen. In Italien sanken die Zahlen der Fahrzeugzulassungen im März um 85 %. Auch die im Mai erhobenen Daten sind trotz der Lockerungen der Ausgangssperre und der allmählichen Wiederaufnahme der Aktivitäten nicht sonderlich ermutigend. Der Europäische Automobilherstellerverband (ACEA) bestätigt eine Abnahme der Fahrzeugzulassungen um 52,3 %, was einem Rückgang im zweistelligen Bereich in allen 27 EU-Mitgliedstaaten entspricht: Im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres sind die Verkaufszahlen in Frankreich (-50,3 %), Italien (-49,6 %) und Deutschland (-49,5 %) um etwa die Hälfte gesunken. In dieser globalisierten und stark vernetzten Welt war es unvermeidbar, dass die Auswirkungen dieser Krise auch Südtirol treffen werden. Mit über 800 auf die Automobilbranche spezialisierten Unternehmen, die insgesamt mehr als 16.000 Beschäftigte zählen, über eine Milliarde Euro Umsatz verzeichnen und allein 50 % der Exporte des Landes tätigen, ist Südtirol in jeglicher Hinsicht vom Automobilsektor abhängig. „Im Schnitt müssen die Südtiroler Unternehmen in der Automobilbranche, abhängig von ihrer Spezialisierung, für das Geschäftsjahr 2020 aufgrund des Coronavirus wohl mit einem Rückgang von 20 % bis 30 % im Vergleich zum Vorjahr rechnen“, prognostiziert Klaus Mutschlechner, Präsident des Netzwerks Automotive Excellence Südtirol und CEO der Intercable GmbH. Die größte Auswirkung des Gesundheitsnotstands auf die Branchenentwicklung könnte jedoch eine andere sein: „Die Krise wird die Wende hin zu neuen Technologien vorantreiben“, so Johannes Brunner, Experte im Technologiefeld Automotive & Automation im NOI Techpark. Genau in diesem Bereich wird die Außenstelle des Technologieparks mit Schwerpunkt Automotive, die 2022 in Bruneck eröffnet wird, eine zentrale Rolle spielen.

Man kann bereits jetzt mit Sicherheit sagen, dass die Automobilbranche die Folgen der durch die Pandemie ausgelösten weltweiten Krise am härtesten spüren wird. „Auch die Südtiroler Produktionsunternehmen müssen sich auf einen Auftrags- und Produktionseinbruch einstellen“, so Mutschlechner. „Sie müssen flexible Lösungen für die schwierigere Auftragslage, die hohen Betriebskosten und die geringere Kapitalrendite entwickeln.“ Der Präsident des Netzwerks, das von den größten Südtiroler Akteuren im Automotivebereich GKN Sinter Metals, GKN Driveline, Intercable, Alupress, Autotest und Autotest Motorsport gegründet wurde, erwartet „ein sehr schwieriges zweites und drittes Quartal“. Er hofft jedoch auch, dass „das letzte Quartal dieses Jahres einen Aufschwung“ mit sich bringen wird. „Der Produktionsrückgang wird in der gesamten Branche spürbar sein. Allerdings wird er die Unternehmen, die sich auf die traditionellen Technologien (ICE, Internal Combustion Engines) spezialisiert haben, weitaus härter treffen als die Unternehmen, die in die Elektromobilität (NEV, New Energy Vehicle) investiert haben.“

Durch den Lockdown wurde die heimische Produktion der Automotivebranche beinahe zur Gänze lahmgelegt, wodurch die Unternehmen gezwungen waren, auf den außerordentlichen Lohnausgleich zurückzugreifen. Die möglichen Auswirkungen der Krise auf die Beschäftigung sind noch schwer einzuschätzen. Genauso schwierig gestaltet sich laut Mutschlechner jedoch auch die Einschätzung des Marktes nach dem Coronavirus sowie des Images des Autos, das sich in einem zunehmend „unbeständigen, unsicheren, komplexen und unüberschaubaren Markt“ in der Krise verändern wird. „Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass sich Covid-19 bereits jetzt als Katalysator für den Wandel der Branche, der Technologien und der Geschäftsformen präsentiert“, erklärt Mutschlechner. „Obsolete Modelle, Prozesse, Technologien und Angebote werden schnell und ein für alle Mal verworfen: Die Unternehmen müssen sich schnellstmöglich neu ausrichten, um für die (möglicherweise geringere) Produktion, die (vermehrt digitalen) Technologien, die Verwaltung und die Beschäftigung (u. a. in Form von Online- und Heimarbeit) einen Ausgleich zu schaffen.“
Mutschlechner sieht diese Krise nicht nur negativ: „Die Akteure der Automobilbranche werden von dieser schwierigen Zeit profitieren, indem sie ihre Entwicklungsprogramme für eine nachhaltige Mobilität vorantreiben. Ich gehe daher davon aus, dass der Marktanteil der NEV (New Energy Vehicles) zunehmen wird und sich die Produktionsunternehmen auf große Herausforderungen in Bezug auf Technologie, Kosten und Produktionsvolumen einstellen müssen.“

Dies bestätigt auch Johannes Brunner, der darauf hinweist, dass „sich die Automobilbranche inmitten des digitalen Wandels befindet, der insbesondere vier zentrale Bereiche betrifft: Elektroautos, selbstfahrende Autos, die Entwicklung von Prozessen für das Internet der Dinge, über die Fahrzeuge miteinander und mit den Infrastrukturen kommunizieren können, sowie die Entwicklung des ‚Mobility as a Service‘-Konzepts, das auf Mobilitätsdienste auf Anfrage und Sharing-Konzepte aufbaut.“ In dieser Hinsicht besteht auch in Südtirol „dringender Bedarf an neuen Berufsbildern, die gefördert werden müssen, da sie die Zukunft der Automobilbranche sichern und den Neuanfang nach der Krise erleichtern können.“ In anderen Worten: „Die aktuelle Krise wird vor allem den Wandel hin zu neuen Technologien vorantreiben.“

Mutschlechner ist davon überzeugt, dass diese Herausforderungen „nur innerhalb der Unternehmen, Produktionsabteilungen und Forschungs- und Entwicklungszentren gemeistert werden können, die durch ihren Wissensaustausch und ihre Zusammenarbeit neue Bereiche und Chancen erkennen und davon profitieren können.“ Aus diesem Grund sieht er die Außenstelle des NOI Techpark in Bruneck auch als Meilenstein: „Eine Plattform für Bürger und Unternehmen, für Forscher und Produzenten, für Studierende und Start-upper, die zeigt, dass sich Südtirol nicht nur durch seine atemberaubende Natur und Gastfreundschaft, sondern auch durch seine Spitzenunternehmen auszeichnet, die es problemlos mit internationalen Firmen aufnehmen können“, sagt der Unternehmer voller Begeisterung. „Die Vorteile des Technologieparks in Bruneck für die Unternehmen gehen weit über einzelne Projekte und Initiativen hinaus, die in der neuen Außenstelle angesiedelt werden können: Ziel ist es auch, ein Netzwerk aufzubauen, junge Talente für die Technik zu begeistern und den Bürgerinnen und Bürgern einen Einblick in die faszinierende Welt der mittlerweile digitalen industriellen Entwicklung zu bieten. Diese sind sich nämlich häufig nicht bewusst, dass genau diese Unternehmen maßgeblich zu ihrem Wohlergehen beitragen.“

Mit der Planung der Außenstelle des NOI Techpark im Pustertal wurde das Architekturbüro Kerschbaumer Pichler & Partner aus Brixen betraut. Die Eröffnung ist für 2022 geplant. Das neue Innovationsviertel wird auf dem Bahnhofsgelände in Bruneck errichtet und in zwei Bereiche gegliedert: Im Bereich NOI Tech Research sind der Bachelor-Studiengang Mechatronik der Freien Universität Bozen sowie die Forschungslabore angesiedelt. NOI Tech Business bietet hingegen Dienstleistungen zur Unterstützung von Unternehmen, Forschungszentren und Start-ups an und stellt Co-Working-Spaces zur Verfügung. Die Hauptforschungsbereiche der neuen Außenstelle umfassen Industrial Engineering, Automation und Digitalisierung.
„In Bruneck werden die gleichen Dienstleistungen wie in Bozen angeboten: von der Unterstützung im NOI Techpark angesiedelter Unternehmen über den Technologietransfer bis hin zur Förderung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten, mit dem Ziel, die Investitionen der Unternehmen in diesen Bereich zu stärken“, erklärt Brunner abschließend. „Das Hauptziel ist die Stärkung der Branche durch eine gezielte Verbesserung des Technologie- und Innovationsniveaus.“

Teilen
WhatsappWhatsapp