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Automotive: Warum Schnelligkeit besser ist als Perfektion
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2019-11-05 2019-11-05 5 November 2019 - Gabriele Crepaz
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Industrie 4.0? Wird bei GKN Sinter Metals in Bruneck und Sand in Taufers gelebt. Eine digitale Roadmap gibt das Ziel vor. Auch wenn nicht alle Fragen gelöst sind. Zum Beispiel: Wie kriegt man die Mitarbeiter dazu, den Sprung zu wagen? Wie baut man eine digitale Unternehmenskultur? Und warum könnte es sinnvoll sein, einen Psychologen einzustellen. Ein Porträt mit dem Chef Digital Officer Paul Mairl, der von sich sagt, er sei der analogste Mensch überhaupt.

Paul Mairl trägt karmesinrote Jeans und will gar nicht so sehr über Technologie sprechen. Obwohl unser Thema Industrie 4.0 heißt und ich mich mit Wissen über digitale Shopfloors, datenbasierte Entscheidungen in Echtzeit und prozessgetriebene Organisation geimpft habe. Dafür landen wir bei Loch Ness, der Titanic, der Zeichentrickfigur Wile E. Coyote und immer wieder bei Eisbergen. Und schweifen trotzdem nie vom Thema ab.

„Ich bin wohl der analogste Typ überhaupt“, behauptet der Chief Digital Officer von GKN Powder Metallurgy und führt uns in einen Besprechungsraum, der aussieht wie ein Jugendtreff. Nur durch Glas getrennt von der Weite des Tauferer Bodens, mit Steilblick auf die Zillertaler Alpen. „Aber emotional bin ich bei der Sache“, sagt Mairl. Er sieht in der Digitalisierung ein irres Potential. Menschlich. Gefühlsmäßig.

Der Automotive-Cluster im NOI Techpark: ein Wissensnetzwerk für 800 Betriebe.

Ein ungewohnter Ansatz, zugegeben. Dazu im Automotive-Bereich, der traditionell auf automatisierte Lösungen in der Fertigung setzt. In Südtirol kennt man sich damit aus. Jedes dritte Auto auf der Welt fährt mit einem Bestandteil, das hier produziert wurde. 800 Betriebe mit 16.000 Mitarbeitern sind im Automobil-Sektor tätig. NOI Techpark in Bozen hat sich zur Aufgabe gemacht, in einem eigenen Automotive Cluster die einzelnen Akteure zu vernetzen und mit Wissenspartnern und Forschungsinstitutionen im In- und Ausland in Kontakt zu bringen. So entstand etwa das Netzwerk Automotive Excellence Südtirol. 2020 entsteht im Pustertal außerdem ein eigener Ableger des NOI Techpark, fokussiert auf ebendiese Branche.

Der Größte im Bunde ist GKN. Als Unternehmen des englischen GKN-Konzerns gehören GKN Sinter Metals und GKN Driveline in Südtirol zu den weltweit führenden Zulieferern der Automobil-, Industrie- und Haushaltsbranche. GKN Sinter Metals ist mit den Werken Bruneck und Sand in Taufers Teil der GKN-Division Powder Metallurgy, für die Paul Mairl eine digitale Roadmap erstellt hat. 7.000 Mitarbeiter in 30 Standorten folgen dieser Karte.

Titanic oder Loch Ness: Warum Paul Mairl den Begriff Industrie 4.0 für unglücklich hält.

Gleich zu Beginn stolpern wir über den Begriff Industrie 4.0. Für Paul Mairl eine unglückliche Bezeichnung. „Die Industrie hat hier nichts erfunden. Jedes Smartphone liefert heute schnell, zuverlässig, überall und jederzeit die Informationen, die wir suchen. Innerhalb der Unternehmen sind wir da lange nicht so weit.“ Deshalb brachte Mairl heuer in seinem Vortrag beim Internationalen Forum Mechatronik im bayerischen Cham auch das Ungeheuer von Loch Ness ins Spiel: „Niemand hat es je gesehen, jeder hat eine andere Vorstellung. Mit der Digitalisierung ist es ähnlich.“

Für viele ist sie noch immer ein Schreckgespenst. Besser, man hält sich fern. Aber, sagt Mairl, die Bedenken der Unternehmen gehen in die falsche Richtung. Nicht die Technologie sei das Problem, sagt der GKN-Experte, sondern die Trägheit in den Unternehmen selbst. Der Unwille, eingefahrene Strukturen und Prozesse aufzubrechen. Und damit sind wir bei der Titanic. Und bei den Eisbergen. „Das fortschrittlichste Schiff der Welt hat nicht agil genug auf die Eisberge reagiert, die auf der Route auftauchten“, sagt Mairl und zählt auf: Die Eisberge von heute sind Wettbewerber, mit denen niemand gerechnet hat, ebenso wie Routen, die früher sicher waren, aber jetzt nicht mehr funktionieren. „Die Digitalisierung soll uns helfen, als Unternehmen schneller und flexibler zu werden“, meint Paul Mairl.

Die Freiheit, auszuprobieren: Wenn das Ziel klar ist, aber ein Influencer den besten Weg suchen muss.

Mairl ist in beneidenswerter Position. Bei GKN stehen alle Zeichen auf Innovation. Die GKN-Strategie sieht vor, sämtliche Prozesse im Unternehmen digital weiterzuentwickeln. Das beinhaltet auch Serviceleistungen für Kunden und mit Lieferanten. Am Ende der Roadmap steht: Der Shopfloor der Zukunft soll so intelligent sein, dass Menschen nur noch Parameter vorgeben, um team- und bereichsübergreifend smarte Abläufe zu ermöglichen, das System selbst jedoch den besten Weg sucht, um Aufträge transparent, effizient und ressourcengerecht abzuwickeln. „Das Ziel ist klar“, sagt Mairl, „aber nicht, wie wir dahin kommen.“ Das gibt Mairl die Freiheit, auszuprobieren: „Ich habe kein festes Team. Ich muss mir immer Verbündete suchen. Eigentlich bin ich ein Influencer im eigenen Unternehmen.“

Er fühlt sich wohl in seiner Rolle. Als hätte er einen Radar eingebaut, unterbricht er immer wieder unser Gespräch, um Mitarbeiter nach dem Fortgang von Projekten zu befragen, ein paar Tropfen Motivation zu versprühen, neue digitale Erfahrungen zu streuen. Er ist ein extrem agiler Typ. Einer, der schnell Situationen und Chancen erfasst.

Schnelligkeit statt Perfektion: Weil kein System zu 100 Prozent richtige Daten liefert.

Digitalisierung hat für Paul Mairl mit Geschwindigkeit zu tun. „Schnelligkeit statt Perfektion“, wiederholt er seine Überzeugung wie ein Mantra. Auch gegenüber seinen Mitarbeitern. Dazu gehört die Courage, Fehler zu akzeptieren, aber schnell aus diesen zu lernen. Daten transparent zu machen, um Entscheidungsprozesse abzukürzen, aber Maschinen nicht blind zu vertrauen. Projekte aufzugeben, die nicht funktionieren. „Wir werden nie Systeme haben, die zu hundert Prozent richtige Daten liefern“, rechtfertigt er sein Motto, „deshalb müssen wir lernen, Daten aus verschiedenen Quellen zu analysieren, und zu verstehen, wenn Daten falsch sind.“ Vor allem jedoch: bereit sein, aufgrund von Daten in Echtzeit zu entscheiden.

Zeit für Wile E. Coyote. „Sie kennen doch die Cartoonfigur, den Kojoten, der sich immer wieder neue Tricks ausdenkt, um endlich diesen Vogel, den Road Runner, zu erwischen“, bringt mich Mairl auf die Spur. Stimmt, obwohl der Coyote immer scheitert, gibt er nie auf. In Null-Komma-Josef zündet er eine neue Idee.

Dieses Prinzip hat Paul Mairl in San Francisco kennengelernt. Die GKN wusste, wen sie dorthin schickte. Er würde nicht Nein sagen. Oder? An einem Dienstag erhielt Paul Mairl einen Anruf. Ob ihn ein Besuch in einem kalifornischen Innovation Incubator interessieren würde. Wie lange, fragte Mairl. Zwei Wochen, hieß es von oben. Wann, fragte Mairl. Am Montag drauf. Und Mairl fuhr. So wie er seit der Matura an der Gewerbeoberschule in Bozen alle drei Jahre seinen Job wechselte, viele Bereiche und Positionen der GKN durchlief und für Neues schon immer zu haben war.

„Ich habe nichts verstanden“, erinnert er sich heute an jene USA-Forschungsreise. Das habe jedoch nicht an seinem Englisch gelegen. „Das Silicon Valley spricht eine andere Sprache. Sie denken anders.“ Sie denken in großem Stil. Wollten nicht in einer Abteilung Kosten einsparen, in der anderen einen Ablauf verbessern. Plötzlich stellte Mairl im Inkubator seine bekannte Arbeitswelt auf den Kopf. „Wenn Digitalisierung wirklich funktionieren soll, ist sie disruptiv“, kam Mairl zum Schluss. Sie rüttelt an Aufgaben, Arbeitszeiten und -modellen, Hierarchien.

Die digitale Kultur: Brauchen mutige Mitarbeiter wirklich einen Psychologen?

Wer macht da mit? Wer von den Mitarbeitern traut sich, zu springen? Es geht um einen Sprung, vergleichbar mit dem Sturz von der Europabrücke bei Innsbruck in die Tiefe. 190 Meter, sagt Paul Mairl. „Erst wenn die Mitarbeiter bereit sind, diese Herausforderung anzunehmen, kann die Digitalisierung gelingen“, ist er überzeugt. „Wir brauchen mutige Leute. Und Aufgabe der Unternehmensführung ist es, ihnen die Sicherheit zu geben, dass sie aufgefangen werden.“ 

Für Paul Mairl geht es um die Frage: Was hält das digitale Unternehmen menschlich zusammen? Wie soll eine digitale Kultur aussehen? Wie werden Mitarbeiter in Zukunft miteinander umgehen? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zukunft zeichnen sich durch emotionale Intelligenz aus, prophezeit Mairl. Sie werden komplexe Probleme lösen müssen, sich in wechselnden Teams zusammenfinden, um zu kreativen Ideen zu kommen und Perspektiven wechseln zu können. „Wahrscheinlich werden wir bei der Zusammensetzung von Teams mehr auf Diversifizierung achten müssen“, sieht Mairl vorher. Die Digitalisierung tendiere dazu, Systeme gleichförmig zu machen. Mairl: „Wir aber brauchen Menschen, die Prozesse, Arbeitsweisen, Ideen hinterfragen und dann auch die Verantwortung für Entscheidungen übernehmen.“ Die Schwierigkeit wird sein, verschiedene Skills und menschliche Stärken in Harmonie zu bringen. Deshalb sagt Mairl: „Ich überlege, einen Psychologen einzustellen.“

Wer flexibel bleibt, übersteht jede Krise: Warum der Autozulieferer GKN auch Lippenstifte ausstattet.

Die Entwicklung ist bei GKN jedenfalls nicht aufzuhalten. Demnächst wird eine App erscheinen, die Kunden die Auftragserteilung erleichtern wird. Mitarbeiter in der Fertigung wurden bereits mit Smart Watches ausgestattet, auf denen personalisiert Daten und damit Entscheidungsaufforderungen ausgespielt werden. Paul Mairl liebäugelt mit der Ausgabe einer unternehmenseigenen Währung, den GKN Coins, mit denen Mitarbeiter flexible Arbeitszeitmodelle testen können.  

Hauptsache, alles und alle sind in der Lage, agil zu handeln, sich flexibel anzupassen. Paul Mairl hat präzise vor Augen, in welcher Branche er arbeitet. Automotive ist unter Druck, niemand weiß, wie die Mobilität der Zukunft aussehen wird, jeder ahnt, dass sich vieles ändern wird. Für GKN möglicherweise ganze Geschäftsfelder. „Deshalb ist es für uns fundamental, unsere Arbeitsweise, Organisation und Produktionsprozesse maximal flexibel und anpassungsfähig zu machen“, fordert Mairl.

Schon jetzt wird bei GKN in 3D-Druck, additive Fertigung und Wasserstoffantrieb investiert. Sintermetall-Teile, also Elemente aus verschmolzenem Metallpulver, werden sogar in Lippenstiften verwendet. Um das Produkt schwerer und damit gefühlsmäßig hochwertiger zu machen. „Aber der Lippenstift allein wird die Zukunft unseres Unternehmens wohl nicht nachhaltig beeinflussen“, lacht Paul Mairl.

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