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„Das Haus der Zukunft wird sich an seine Bewohner anpassen“
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2020-03-06 2020-03-06 6 März 2020 - Erica Ferro
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17 Partner aus ganz Europa arbeiten in einem Projekt zur Energieeffizienz zusammen, mit einer klaren Vision: Nicht nur das Gebäude soll im Mittelpunkt stehen, sondern auch die Gewohnheiten seiner Bewohner. Annamaria Belleri, Forscherin bei Eurac Research, koordiniert das Projekt: “Ich weiß, für mich selbst einzustehen. Immer mehr Frauen sind bereit dazu, Führungspositionen zu übernehmen.”

Wenn wir von Gebäuden einer neuen Generation sprechen, dann bedeutet das auch, die zukünftigen Bewohner zu berücksichtigen: Welchen kulturellen Hintergrund haben sie? Welche alltäglichen Gewohnheiten? Genau mit diesen Fragen setzt sich das Projekt Cultural-e auseinander, geleitet von Eurac Research und finanziert von der EU im Rahmen des Horizon 2020-Programms. 17 Partner aus ganz Europa - Spanien, Großbritannien, Italien und Norwegen - bilden eine heterogene und multidisziplinäre Arbeitsgruppe aus Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Gebäudebesitzern und Bauherren. Das alles unter der Leitung einer Frau: Annamaria Belleri. Die 35-Jährige ist seit neun Jahren Expertin für erneuerbare Energie bei Eurac Research. Das Forschungszentrum ist Partner von NOI Techpark, dem Südtiroler Innovationsviertel, wo Green zu den primären Technologiefeldern gehört.
„Mein Vater hat mir die Liebe zur Architektur in die Wiege gelegt, später habe ich dann meine Leidenschaft für energieeffizientes Bauen entdeckt“, erzählt die Forscherin. Die Branche zählt nur wenige Frauen, die als Vorbild für solch eine Karriere fungieren könnten. Es gibt verschiedene Studien, die aufzeigen, wie die Zahl der Frauen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) abnimmt, je weiter man in den Unternehmenshierarchien aufsteigt.  
Da kommt es nicht von Ungefähr, dass das Phänomen der leaky pipeline (undichtes Rohr) in aller Munde ist: Während der Anteil an Frauen in der ersten Phase der Karriere, also bei den Einschreibungen ins Studium bis zum Abschluss, mittlerweile die Mehrheit bildet (58% im Vergleich zu den 42% im Jahr 2017), schrumpft er ab den Doktoraten zunehmend, bevor er bei ordentlichen Professuren seinen Tiefpunkt erreicht: An den italienischen Universitäten sind 77% der Lehrenden Männer. Bei Eurac Research hingegen liegt die Frauenquote bei 43% und „in meinem Bereich sind 50% der leitenden Wissenschaftler Frauen”, fügt Belleri hinzu. 

Am Institut für Erneuerbare Energie beschäftigen Sie sich unter anderem mit Planung basierend auf dem Klima. Welches sind die neuen Herausforderungen in diesem Sektor?

„Nachhaltiges Bauen unterzieht sich gerade einem Paradigmenwechsel: Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Das Gebäude soll sich seinen Nutzern anpassen und energieeffizient ‚handeln’, nicht umgekehrt. Bisher lag es an den Bewohnern, darauf zu achten, den Verbrauch einzudämmen; nun haben wir erkannt, dass auch das Gebäude selbst dazu beitragen sollte. Indem es flexibel ist, sich an die Gewohnheiten seiner Bewohner anpasst und den Austausch mit dem Netz intelligent steuert, um schlussendlich weniger Auswirkungen auf die Energieinfrastruktur zu haben.“

Also müssen neue Baumodelle über emissionsfreie Gebäude hinausgehen?

„Genau. Vor diese Herausforderung hat uns die Europäische Kommission mit den ‚Plus Energy Buildings‘ gestellt. Gebäude, die nicht nur mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen, sondern auch weniger CO2 ausstoßen und damit ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren. Der Gedanke dahinter: Viele bestehende Gebäude können aufgrund von Denkmalschutz oder ihrer Architektur nicht energieeffizient renoviert werden und verbrauchen somit mehr, als sie produzieren. Die neuen Plus Energy Buildings sollen das kompensieren.“

Wie äußert sich konkret die immer zentralere Rolle des Bewohners in den neuen Perspektiven im Bau?

„Der kulturelle Hintergrund wird wichtiger, zumindest soweit es das Projekt Cultural-e betrifft. Bisher haben wir lediglich in Klimazonen unterschieden. In unserem Projekt wollen wir Europa hingegen ganz neu skizzieren, um Dinge in den Fokus zu rücken, die das Individuum betreffen. Wir analysieren Daten wie Einkommen, Altersklassen, typische Familienkonstellationen, Gewohnheiten. Lebt jemand in einer Zone mit mediterranem Klima, sind höhere Temperaturen zuhause eher unproblematisch als für jemanden, der in einer nordischen Klimaregion lebt. Bisher liegen die idealen internen Temperaturen im Bereich zwischen 20 und 26 Grad. Gebäude werden so geplant, dass sie diese Temperaturen gewährleisten können. Das funktioniert auf dem Papier, aber durch unterschiedliche kulturelle Hintergründe in verschiedenen Ländern weichen diese Werte ab. Indem man das in Betracht zieht, kann man Energieeffizienz umsetzen.“

Und wie?

„Als Erstes werden wir im Rahmen des Projektes eine interaktive Europakarte erstellen, die wir Baufirmen und Planern zur Verfügung stellen. Mit den daraus hervorgehenden Informationen zum jeweiligen klimatischen und kulturellen Kontext können sie neue Gebäude entsprechend planen und bauen.“

Es geht also darum, Richtlinien zu schaffen, die in verschiedenen Kontexten anwendbar sind und klimatische und kulturelle Unterschiede berücksichtigen?

„Ganz genau. Aber das Projekt geht noch weiter: Wir wollen Pakete mit technologischen Lösungen entwickeln, die sich an diverse Rahmenbedingungen anpassen lassen und zudem bezüglich Energieeffizienz, Umweltverträglichkeit und Kosten bewertet werden. ‚Plus Energy‘-Häuser müssen leistbar sein.“

Werden solche Häuser im Laufe dieses fünfjährigen Projekts gebaut?

„Ja, wir bauen Pilotgebäude auf dem neusten Stand der Technik für unsere Partner: ein französisches sowie ein norwegisches Institut für Bauwesen, ein deutsches Bauunternehmen und eine italienische Baugenossenschaft. Wir werden ein Verwaltungs- und Kontrollsystem testen, das anhand der Verhaltensweisen der Nutzer lernt und diesen in verschiedenen Aspekten des Wohnens hilft. Zum Beispiel analysiert es die Luftqualität außen und schlägt vor, das Fenster aufzumachen; oder es empfiehlt, anstatt der Klimaanlage den Ventilator anzumachen. Wir werden zudem mit Technologien für Heizsysteme, für Fensterrahmen und für Belüftungssysteme experimentieren.“

17 europäische Partner und eine Frau, die sie koordiniert: Hatten Sie in ihrer Karriere in dieser Männerdomäne jemals Schwierigkeiten aufgrund Ihres Geschlechts?

„Nein, ich kann nur Positives über meine Erfahrungen berichten. Das Geschlecht spielt bei mir auch keine Rolle. Natürlich fällt die einzige Frau bei einem Meeting auf. Oder ihr werden unwichtigere Aufgaben zugeteilt. Aber ich kann mich durchsetzen und diese Hindernisse relativ leicht umgehen.“

Werden wir dieses Schubladendenken jemals hinter uns lassen?

„Ich weiß es nicht, hoffe es aber. Meiner Meinung nach wendet sich mit der neuen Generation schon vieles zum Besseren. Es wird immer mehr Frauen geben, die bereit dazu sind, Führungspositionen zu übernehmen.“

Acht Labore im Bereich erneuerbare Energie von Eurac Research sind im NOI Techpark untergebracht. Wie wichtig ist eine solche Partnerschaft bei der Entwicklung innovativer Lösungen?

„Sehr wichtig. Ich arbeite seit neun Jahren bei Eurac Research und habe die Situation vor und nach dem Umzug in den NOI Techpark erlebt. Es bietet große Vorteile, sich mit anderen Forschungszentren und Unternehmen unter einem Dach zu befinden: Es erleichtert den Austausch, man inspiriert sich gegenseitig mit Ideen und es fördert die Zusammenarbeit. Ein gemeinsames Ziel erleichtert das Miteinander.“

FACT SHEET

Im NOI Techpark leitet Eurac Research 14 Labore in den Bereichen erneuerbare Energie, Technologien zur Umweltüberwachung, Klimasimulationen und Mumienforschung.  Eine der „pulsierenden” Einrichtungen von Eurac Research ist das Institut für Erneuerbare Energie, dessen Hauptforschungsfeld unter anderem Energieeffizienz bei Gebäuden ist. Laufende Projekte betreffen Multifunktionsfassaden, die mit Leitungs- und Solarsystemen sowie Heiz- und Belüftungssystemen ausgestattet sind; oder (fast) emissionsfreie Gebäude, die natürliche Ressourcen nutzen, um saubere Energie zu produzieren.

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