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alpitronic: Ein Start-up, das es geschafft hat
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2020-11-23 2019-11-12 12 November 2019 - Gabriele Crepaz
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alpitronic in Bozen ist im Gründerzentrum des NOI Techpark groß geworden. Wie? Durch detaillierte Vorbereitung, richtiges Timing und einen Businessplan, der zehn Jahre nach der Firmengründung noch gilt. Warum ihr hypercharger die Branche auf den Kopf stellt? Warum sie keinen Vertrieb haben? Und wann sie aufgehört haben, ein Start-up zu sein? Fragen für ein Firmenporträt mit CEO Philipp Senoner.

Sie platzen aus allen Nähten. Wo es ging, wurde am Firmensitz am Bozner Boden bereits angestückelt. Trotzdem ist Philipp Senoner alles zu eng. Allein 2019 hat alpitronic 30 neue Mitarbeiter eingestellt und die Belegschaft damit auf 78 aufgestockt. „Wir verhandeln gerade wieder mit unseren Nachbarn um mehr Platz“, sagt er, während er uns durch das Werk führt. Seit alpitronic 2009 gegründet wurde, ging es stetig aufwärts. 2017 und 2018 reihte die Financial Times alpitronic unter die 1000 wachstumsstärksten Unternehmen in Europa. Eine Auszeichnung, schmeichelhaft und gut als Referenz. Nach vorne gebracht hat alpitronic jedoch etwas anderes.

„Wir haben vom ersten Tag an Arbeit gehabt“, sagt Philipp Senoner. Das nährte in den vier Gründern die Zuversicht, mit ihrem Geschäftsmodell, der Entwicklung von Leistungselektronik für künftige E-Fahrzeuge, erfolgreich zu sein. Es raubte ihnen die Zeit, zu grübeln, ob ihre Entscheidung richtig war. Und nahm ihnen die Sorge, ob das Kapital wohl reichen würde.

Sechs Jahre im Gründerzentrum des NOI Techpark: So wuchsen dem Start-up Flügel.

Raum war damals ihr kleinstes Problem. Sie begannen als Start-up im Gründerzentrum des TIS, heute der Business Incubator des NOI Techpark, wo aktuell 32 neuen Geschäftsideen auf die Beine geholfen wird. Es gab Sicherheit, so zu starten. Im Austausch mit anderen Start-ups, beraten von Experten, vernetzt auf internationaler Ebene und ausgestattet mit Infrastruktur und bescheidenen Expansionsmöglichkeiten. „Wenn wir mehr Raum gebraucht haben, haben wir diesen bekommen“, erinnert sich Senoner. Und zwar, ohne gleich umziehen zu müssen.

2015, nach sechs behüteten Jahren, war alpitronic flügge. Das Signal war deutlich: Die elektrische Energie im Gründerzentrum reichte nicht mehr aus für alpitronic. „Wir mussten einen Teststand abschalten, wenn wir einen anderen benutzen wollten“, erzählt Philipp Senoner. Es war also Zeit. „In diesem Moment haben wir aufgehört, ein Start-up zu sein“, befindet Senoner.

Alle Zeichen auf Elektromobilität: Warum vier junge Elektroingenieure den Sprung gewagt haben

Man hat das Gefühl, dass die alpitronic-Gründer schon immer gut darin waren, die Zeichen der Zeit zu deuten. E-Fahrzeuge waren kaum mehr als ein Versuch, als die vier Südtiroler, eine Frau und drei Männer, allesamt Elektrotechnikingenieure, sich die Mobilität der Zukunft ausmalten. Alles war so, wie es sein musste, weil diese Gespräche immer so beginnen. „Beim Starkbier am Münchner Nockherberg“, erzählt Philipp Senoner. Er war damals 31. Sie hatten Ahnung von Leistungselektronik, sie hatten gute Kontakte zu BMW, sie hatten Einblick in Forschungswissen. Drei von ihnen waren beim selben Unternehmen angestellt. Als sie zugleich kündigten, steckten sie damit den ersten Auftrag in die Tasche.

alpitronic sieht sich als Entwicklungsunternehmen in den Bereichen Leistungselektronik, Elektromobilität und Prüftechnik. Im Fokus der Projekte stehen E-Fahrzeuge, die frühestens 2023 auf den Markt kommen. Gemeinsam mit den Kunden, zu denen u.a. BMW und Daimler zählen, errechnet, simuliert, testet alpitronic Zukunftskonzepte. In den meisten Fällen entwickelt das Unternehmen Prototypen oder Produkte in Kleinserien.

Rückschläge gehören dazu. „Nein“, wehrt Philipp Senoner ab, „das bereitet mir keine schlaflosen Nächte“. Er ist es gewohnt, dass nur die Hälfte der von alpitronic entwickelten Konzepte es als Produkt auf den Markt schafft. So ist das, wenn man eine Vorreiterrolle einnimmt. „Aber wir lernen dabei viel, und unsere Kunden auch“, sagt Senoner, der zwar CEO ist, aber gleichzeitig noch Entwickler sein will. Die Zeit dafür findet er. Obwohl die Minuten gezählt sind, auch in unserem Gespräch. „Seit es alpitronic gibt, kommen die Aufträge von selber herein, wir haben uns nie aktiv um Akquisition gekümmert, wir haben keinen Vertrieb“, sagt er. Kann man das glauben, frage ich mich, und laut: Wie haben Sie das geschafft? Wie wird man ein Senkrechtstarter in einer Welt, in der es alles gibt?

Vorbereitung, Timing, Businessplan – und Biss: Wie alpitronic vom Start-up zum erfolgreichen Unternehmen wurde

Falsche Hoffnungen scheiden sofort aus. Es gilt, einen Wissensvorsprung in der Marktlücke herauszuarbeiten. Philipp Senoner sagt dazu plastisch: „Worauf wartet der Markt, obwohl er noch gar nicht weiß, dass er darauf wartet?“ Danach hilft sehr gute Vorbereitung und – wie oben angesprochen – ein Sinn für den richtigen Zeitpunkt, betont Senoner. Noch bevor es alpitronic gab, haben die Gründer bereits Gespräche mit potentiellen Kunden geführt und damit den Markt sondiert. Auf ihren Businessplan haben sie so viel Zeit und Überlegung verwendet, dass er heute, zehn Jahre danach, noch immer gültig ist. Der Plan enthält drei Stufen: Erst alles daransetzen, um das Vertrauen von Kunden zu gewinnen, dann durch Leistung und Zuverlässigkeit Nachfrage schaffen, schließlich eigene Produkte entwickeln und in den Markt gebracht.

Und immer wieder: Biss. Also der Wille, Innovation möglich zu machen. Nicht zu liefern, das gibt es für alpitronic nicht. Scheitern auch nicht. „Versprechen müssen eingehalten werden, sonst ist der Kunde weg“, sagt Senoner. Bisher geht der Plan auf. Viele Kunden kennen die Bozner seit der Anfangszeit. Im Lauf der Jahre sind persönliche Beziehungen entstanden. Senoner: „Die Projekte haben Erfolg, weil wir uns kennen und offen miteinander umgehen.“

Frisch entwickelt schon heiß begehrt: Warum hochkarätige Kunden den hypercharger ausgewählt haben

Im Businessplan steht alpitronic nun auf Stufe drei: Entwicklung eigener Produkte. Bei alpitronic heißt das nur: hypercharger. Eine Ultra-Schnellladestation für E-Autos, der ganze Stolz des Unternehmens und zugleich das Produkt, das alpitronic in die Enge treibt. In zweierlei Hinsicht. Auf dem Weltkongress der E-Mobilität EVS30 in Stuttgart wurde der Hypercharger 2017 zum ersten Mal vorgestellt. „Er wurde zur Sensation der Messe“, erinnert sich Philipp Senoner. So unerwartet, dass ihm schon mulmig wurde. Denn, was niemand wusste: Bis dahin war noch nie ein Auto mit diesem Gerät beladen worden. Philipp Senoner verstand jedoch auf Anhieb: „Wir können uns nicht erlauben zu scheitern.“

Bis dato scheint alles zu funktionieren. Trotz der kurzen Entwicklungszeit. Kunden sind vom hypercharger begeistert. Was gefällt: Der alpitronic hypercharger ist extrem leistungsfähig und auch noch schön im Design, er ist kompakt, braucht weniger Platz und ist im Ankauf günstiger als vergleichbare Technologien. Vor unseren Augen werden in der Werkhalle Geräte in Telekom-Magenta montiert und getestet. Fortum Charge and Drive aus Norwegen steht auf der Kundenliste, BMW, Deutsche Telekom, EnBW, VW, Skoda, Porsche-Holding. Singapur ist an Ladestationen für Lkws interessiert. Im Südtiroler Vinschgau soll jedes Dorf eine Schnellladestation bekommen. Für 2020 ist die Produktion auf 1500 hypercharger ausgelegt, fast doppelt so viele wie im laufenden Jahr. Allmählich verstehen wir Philipp Senoners Platzprobleme.

alpitronic redet mit auf Weltniveau: Wohin bewegt sich die Elektromobilität?

Bleibt die Frage, was Senoner so sicher macht, dass der Erfolg anhält und E-Mobilität wirklich die Zukunft ist? „Es wird intensiv daran geforscht, Batterien zu entwickeln, die höchste Leistung erbringen und zugleich in Produktion und Entsorgung nachhaltig sind“, erklärt er. In den nächsten 20 bis 30 Jahren wird E-Mobilität den Markt beherrschen, prophezeit er. Senoner kann sich solche Urteile erlauben. alpitronic ist mittlerweile Mitglied von CharIn, einem internationalen Gremium, das mitbestimmt, wie E-Mobilität sich weltweit entwickeln wird. Und die Universität Klagenfurt, die eine neue Fakultät für Leistungselektronik einführen will, hat kürzlich bei alpitronic nachgefragt, welche Kenntnisse der Markt in Zukunft braucht.

Das Band zum NOI Techpark, wo alles begonnen hat, hält dennoch: Im so genannten Accelerated Life Testing Lab von Eurac Research wurde das Verhalten des hyperchargers bei hohen und sehr niedrigen Temperaturen getestet. Derzeit hofft Senoner auf einen Test-Slot im heiß begehrten Simulator TerraXCube des Technologieparks: Er will verstehen, wie die Ladestation unter extremsten Klimabedingungen reagiert. Die alpitronic-Firmenwagen fahren natürlich elektrisch. Jetzt hat der Geschäftsführer auch privat ein E-Auto bestellt. Einen Audi. Nein, sagt er, Audi ist kein Kunde von alpitronic. Noch nicht, sagen wir.

FACT SHEET

Das Gründerzentrum des NOI Techpark unterstützt und fördert zukunftsweisende Geschäftsideen. Mehrmals im Jahr gibt es Calls mit dem Aufruf zur Bewerbung. So müssen Sie Ihre Projekte nicht lange auf Eis legen. Wer in den Start-up Incubator aufgenommen ist, wird durch Workshops, Seminare, individuelle Trainings unterstützt im Prozess der Produktentwicklung und beim Aufbau zu einem wettbewerbsfähigen Unternehmen. Büroräume und der Zugang zu wissenschaftlichen und experimentellen Laboren sind garantiert, ebenso der Austausch mit Forschern, Studenten, Unternehmern und anderen Start-uppern. Derzeit läuft der 4. Call. Bis zum 18. November 2019 werden noch Ideen und Projekte angenommen. Es geht sich also noch aus!

Bestes Beispiel: alpitronic. Die alpitronic-Gründer Sigrid Zanon, Alessandro Cicceri, Andreas Oberrauch und Philipp Senoner haben ihre Geschäftsidee im Gründerzentrum reifen lassen und daraus ein international gefragtes Unternehmen für die Entwicklung von Leistungselektronik in der E-Mobilität aufgebaut. 

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