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20. Auflage der SFScon 2020 aus den Studios des NOI Techpark
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2020-11-23 2020-11-20 20 November 2020 - Domenico Nunziata
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Freie Software als Lösung für die Herausforderungen von Covid-19.

2001 organisierte die Linux User Group Bozen, eine Gruppe internationaler Verfechter der Freien Software, erstmals die South Tyrol Free Software Conference (SFScon). Heute, 20 Jahre später, ist die SFScon eine der wichtigsten Veranstaltungen zum Thema Freie Software in Europa und wird von Südtirols Innovationsviertel NOI Techpark gehostet. Dort fand erst kürzlich die letzte und wohl auch bisher ungewöhnlichste Auflage der SFScon statt. Die gesamte Konferenz wurde nämlich online abgehalten: Der Technologiepark verwandelte seine Räumlichkeiten für die Übertragung der Beiträge kurzerhand in professionelle Filmstudios. So konnten mehr als 1.000 Interessierte aus ganz Europa per Live-Streaming an der Veranstaltung teilnehmen und sich in die Diskussion einbringen. Da eine persönliche Teilnahme an der Konferenz nicht möglich war, richteten die Organisatoren spezielle virtuelle Räume für den Austausch und das Networking ein. Die Teilnehmer konnten die Beiträge kommentieren (und dadurch die Diskussion anregen) und online an B2B-Matchmaking-Meetings teilnehmen. Das traditionelle Networking-Event bietet Unternehmen, Start-ups und Forschern die Möglichkeit, neue Partner für zukünftige Projekte kennenzulernen. Um die wissenschaftliche Diskussion noch weiter anzuregen, nutzten die Organisatoren der SFScon auch St. Virtual, das virtuelle Dorf, das während des Lockdowns mithilfe von Freier Software erschaffen wurde. Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, sich in einem virtuellen „Kulturhaus“ zu treffen und sich über die Themen der Konferenz auszutauschen.

Open Source: eine Lösung für Europa

Patrick Ohnewein, Experte im Technologiefeld Digital des NOI Techpark, ist eines der Gründungsmitglieder der Linux User Group und seit Beginn an Organisator der SFScon. „Das war eine ganz besondere Ausgabe der SFScon. Man möchte meinen, nach 20 Jahren gibt es keine allzu großen Überraschungen mehr. Durch die Liveübertragung war die diesjährige Konferenz aber für uns alle ein ‚erstes Mal‘. Sie bot jedoch auch eine willkommene Gelegenheit, sich mit den Teilnehmern, Vortragenden und Sponsoren, die trotz der erschwerenden Umstände so zahlreich an der Konferenz teilnahmen, auf eine völlig neue Art auszutauschen. Außerdem konnten wir viel dazulernen. Die SFScon 2020 war eine spannende Erfahrung, aus der wir einige Ideen für die Zukunft mitnehmen werden“, berichtet Patrick Ohnewein.

Die SFScon wartet jedes Jahr mit hochkarätigen internationalen Experten auf. Die diesjährige Auflage war jedoch noch einen Hauch internationaler. Etwa dank Thomas Gageik, Direktor für Digitale Geschäftslösungen der Europäischen Kommission. Gageik ging auf den digitalen Wandel ein und präsentierte die neue Strategie für Open-Source-Software, die vergangenen Oktober von der EU-Kommission verabschiedet wurde. Open Data, künstliche Intelligenz, Supercomputer und Quantencomputer: Dies sind die Säulen für eine einheitliche digitale Infrastruktur in Europa.  „Das gesamte Netzwerk beruht auf Open Source“, erklärte Gageik, nachdem er daran erinnerte, dass 20 % des Aufbauinstruments ‚Next Generation EU‘ (in Italien besser als ‚Recovery Fund‘ bekannt) auf den digitalen Wandel abziele.

Heute treiben jedoch nicht nur historische Einrichtungen oder Unternehmen wie Red Hat die Entwicklung der Open-Source-Software voran. Auch große Player wie Google oder Microsoft treten vermehrt auf den Plan. Erst kürzlich gab Brad Smith, Präsident von Microsoft, in einem Interview zu: „Microsoft stand auf der falschen Seite der Geschichte, als Open Source zu Beginn des Jahrhunderts explodierte.“ Heute ist das Unternehmen einer der größten Unterstützer von Open Source und Linux. Auch der asiatische Technologieriese Huawei hat diesen Weg eingeschlagen. So nahm auch Davide Ricci, Leiter des europäischen Open Source Technology Center, an der SFScon teil und stellte eines der wichtigsten Projekte des Zentrums vor: OpenHarmony. Das Projekt ist Teil der neuen Open-Source-Strategie von Huawei und stützt sich auf drei Säulen: Interoperabilität, Datenaustausch und Datennutzung. In seinem Beitrag ging Ricci auf Fast Compliance, also die schnelle Angleichung der zahlreichen verschiedenen Open-Source-Lizenzen, sowie auf Transparenz und Open Governance ein. Das Open Source Technology Center von Huawei wird seit Beginn des OpenHarmony-Projekts an tatkräftig vom Free Software Lab des NOI Techpark unterstützt. „Bei der Entwicklung von OpenHarmony stellten wir, auch dank der Unterstützung durch NOI Techpark, von Anfang an die FOSS-Compliance-Prozesse in den Mittelpunkt. Dabei waren uns bestimmte Aspekte wie der Schutz des geistigen Eigentums besonders wichtig. Damit wollten wir eine offene Atmosphäre schaffen, die Transparenz und die Zusammenarbeit zwischen Entwicklern, Systemintegratoren, Unternehmen und allen Involvierten fördert“, erläuterte Ricci.

Erfahrungs- und Wissensaustausch

NOI Techpark und die SFScon haben eines gemeinsam: Sie beide fördern den Erfahrungs- und Wissensaustausch zwischen Forschung, Unternehmen und öffentlicher Verwaltung, wie die zwei folgenden Beispiele aus Südtirol zeigen. Jakob Schwienbacher arbeitet als NOC Engineer bei Telmekom in Lana, einem Anbieter von Telekommunikations- und Konnektivitätslösungen. In seinem Beitrag zeigte er auf, wie das Netzwerk einer Region mithilfe von Open Source ausgebaut und effizienter gestaltet werden kann – angesichts der aktuellen Herausforderungen in Bezug auf Homeoffice und Fernunterricht ein topaktuelles Thema. Ein zweites Beispiel ist das Projekt IDEE (Datenintegration für Energieeffizienz). Ziel ist die Entwicklung einer Open-Source-Plattform, auf der Daten gespeichert und geteilt werden können, um die Energieeffizienz des Landes zu verbessern. Diego Calvanese, Dozent an der Freien Universität Bozen und Verantwortlicher der Smart Data Factory im NOI Techpark, stellte das Gemeinschaftsprojekt des Unternehmens R3GIS mit Sitz im NOI, der Freien Universität Bozen und des Energieversorgungsunternehmens Alperia bei der SFScon vor. Die Pilotphase des durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanzierten Projekts wird in Meran durchgeführt. Das Projekt kann jedoch auch auf andere Städte ausgedehnt werden.

„Bei dieser Plattform handelt es sich um ein völlig neues Konzept: Sie bietet Kommunaltechnikern, Energiemanagern und politischen Entscheidungsträgern die Möglichkeit, unmittelbar nützliche Informationen abzurufen, um eine nachhaltige Energiepolitik umzusetzen und ihre Auswirkungen zu überwachen“, erläutert Calvanese.

SFS Award 2020

Auch dieses Jahr zeichnete die Linux User Group Bozen wieder einen Experten aus, der sich um die Förderung der Freien Software in Südtirol besonders verdient gemacht hat. Der SFS Award 2020 ging an Davide Montesin, Geschäftsführer und Inhaber des im NOI Techpark angesiedelten Start-ups Catch Solve sowie Vertreter der Programmiersprache Java der ersten Stunde. „Ich fühle mich geehrt, diesen Preis entgegennehmen zu dürfen. Meine Leidenschaft für Open Source geht auf meine Studienzeit zurück. Bis heute betrachte ich sie als wertvolles Instrument, da sie uns bei der Verwendung einer Software keine Grenzen setzt. Gleichzeitig gewährleistet sie Transparenz und Effizienz, um neue Projekte und Geschäftsideen voranzutreiben. Darüber hinaus trägt Open Source aktiv zur Digitalisierung bei, die heute vor allem in Schulen und Bildungseinrichtungen wichtiger denn je ist“, so Davide Montesin, der in jeder Hinsicht eine Koryphäe der Free-Software-Community in Südtirol ist.

„Die SFScon Community setzt sich aus Experten und Laien zusammen, die die Leidenschaft für digitale Technologien teilen und unsere Gesellschaft mithilfe der Digitalisierung weiterentwickeln wollen. Eine Community, die sich schnell an neue Situationen anpassen kann. Im vergangenen Jahr durften wir insgesamt 1.000 Interessierte zur SFScon im NOI Techpark willkommen heißen. Dieses Jahr knackten wir diese Besucherzahlen mit 1.000 Teilnehmern bereits am ersten Tag. Jetzt freuen wir uns auf die SFScon 2021 und hoffen, dass wir uns dann wieder persönlich im NOI Techpark treffen werden, dem Dreh- und Angelpunkt für Freie Software in Südtirol“, sagt Patrick Ohnewein abschließend.

FACT SHEET

Die SFScon feierte dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Sie fand am 13. und 14. November per Liveübertragung aus dem NOI Techpark statt und bot den mehr als 1.000 Teilnehmern spannende Beiträge von 100 Vortragenden. Die SFScon wurde 2001 von einer Gruppe ehemaliger Schüler der Technologischen Fachoberschule „Max Valier“ in Bozen ins Leben gerufen. Heute steht sie unter der Obhut von NOI Techpark, wird durch eine Reihe von Sponsoren ermöglicht und bringt jedes Jahr international führende Experten nach Südtirol.

 Die Sponsoren der diesjährigen Ausgabe der SFScon waren Huawei, Telmekom, Red Hat, Made in Cima, 1006.org, Chatch Solve, Endian, Gruppo FOS, peer, Qbus, R3GIS, SiMedia, Free Software Foundation Europe, Linux User Group Bozen und OW2.

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