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Grüne Energie: Nun machen wir Strom aus heißer Luft
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2020-03-06 2020-03-05 5 März 2020 - Gabriele Crepaz
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Die Lücke im System: Veil Energy sammelt jene Energie, die wir verschwenden, und wandelt sie in Strom um. Ihr meint, das lohnt sich nicht? Wir rechnen es euch vor: 50 Prozent der eingesetzten Energie verpufft in Rauchgasen und Strahlungswärme. Das ist schlecht für die Umwelt und frisst Löcher ins Budget. Sagt Marianna Benetti, Maschinenbauingenieurin und Gründerin von Veil Energy im NOI Techpark in Bozen. Sie weiß, wie Energie optimal genutzt wird, damit man mit einer Idee abhebt, auch mit drei Kindern.

Im Herbst 2019 wurde Marianna Benetti besonders energieeffizient. Die Geschäftsführerin von Veil Energy war am Zug. Trenord, die regionale Eisenbahngesellschaft der Lombardei, musste pünktlich das Monitoringsystem für die Dieselloks bekommen. Alle im Team wussten, dieses Projekt würde Veil Energy nach vorne bringen. Beim Wettbewerb Open Italy des Netzwerks Elis hatten Veil Energy und Trenord damit sogar den Innovationspreis gewonnen. Im gleichen Tempo wuchs Mariannas Bauch. Unübersehbar. Sie schaffte es rechtzeitig, das Energieüberwachungssystem für die Dieselloks in die Hände ihres Teams zu legen. Dann brachte sie ihr drittes Kind zur Welt. Nach zwei Mädchen nun einen Buben.

Trenord, das Baby, Veil Energy. Was wie der Wahnsinn klingt, ist nur der Beweis dafür, dass die Welt überleben kann, weil wir uns selber immer wieder überraschen. Mit neuen Lebensmodellen und neuen Geschäftsideen. Flache Hierarchien, ein agiles Team und der Glaube an nutzbringende Systeme helfen. „Smart Working“, sagt Marianna lachend. Wenn dann Skype noch funktioniert, entstehen in der Ferne auch Artikel wie dieser.

Strom machen aus Wärme: Wie fängt man verschwendete Energie ein?

Bei Veil Energy, 2013 in Bozen als Start-up gegründet und nun ein Unternehmen mit zehn Mitarbeitern, sieht man viele Dinge anders als gewohnt. Das beginnt schon damit, dass Veil Energy im Bereich der sauberen Energieproduktion und der Energieeinsparung arbeitet, aber nicht unbedingt von erneuerbarer Energie spricht. Das Metier von Veil Energy ist jene Energie, die wir gar nicht wahrnehmen, weil wir sie einfach verschwenden. Heiße Luft in rauen Mengen. „Die größte Energiequelle heute ist nicht Erdöl oder Erdgas, sondern die verborgene Energie, die als Wärme oder Rauchgas verpufft“, sagt Marianna Benetti, Gründerin und Geschäftsführerin von Veil Energy, denn „50 Prozent der eingesetzten Energie gehen heute als Abwärme verloren.“

Der Maschinenbauingenieurin Marianna Benetti und ihrem Geschäftspartner Klaus Kress bescherte diese Erkenntnis ein Geschäftsmodell mit zwei Standbeinen. So entwickelt Veil Energy zum einen thermoelektrische Generatoren, sogenannte TEGs, die aus heißen Abgasen und Abwärme elektrischen Strom produzieren. Daneben spürt eine eigens programmierte Monitoring-Software namens E-Boost bei Stromerzeugungssystemen jene Nahtstellen auf, an denen Energie verloren geht und damit bares Geld durch die Ritzen verraucht.

Ein Schleier liegt also über unserem echten Energiegebrauch. Und über dem wahren Energieverlust. Englisch: veil. Wie Veil Energy. „Ja“, sagt Marianna Benetti, „wir wollten uns einen Namen geben, der aus dem Rahmen fällt. Für die Energiebranche kommen wir sehr weiblich daher, leicht und ein bisschen poetisch. Das hat uns gefallen.“

Warum wir darüber sprechen? Weil menschliche Regungen im Technologiesektor selten zur Sprache kommen. Anders bei Veil Energy, einem Unternehmen, dessen DNA aus technologischer Kompetenz und weiblichem Leistungsprofil geboren ist. Veil Energy entstand weder in einem Büro noch in einem Labor. Das Unternehmen entstand, weil ein Baby, diesmal ein Mädchen, nicht schlafen wollte.

Mariannas Säuglingseffekt: Oder wie man Probleme für Biogasmotoren löst.

Es war im Juli 2012. Ein neues Energiedekret sorgte in Italien für Aufregung. Unter anderem sollten die Förderungen für Biogasmotoren drastisch eingeschränkt werden. Unterstützung gab es nur noch für Anlagen, die vorsahen, die bei der Energieproduktion entstandenen Treibhausgase bestmöglich zu nutzen. In Marianna Benettis Kopf rumorte es. Sie kannte sich aus mit Brennstoffzellen, sie war Expertin für Verbrennungsmotoren und moderne Energiesysteme, sie verkaufte damals Biogasmotoren und sie fragte sich: „Wie sollen meine Kunden weitermachen? Wer soll unsere kleinen Biogasmotoren nun kaufen?“

Fragen, die ein Baby kalt lassen, aber eine Frau wie Marianna beschäftigen, wenn sie sich die Nächte mit einem Säugling, ihrer zweiten Tochter, um die Ohren schlägt. Eines Nachts also kam Marianna der Seebeck-Effekt in den Sinn, der bereits 1821 vom deutschen Physiker Thomas Seebeck entdeckt worden war und bisher vor allem in der Weltraumtechnik angewandt wurde. „Eigentlich ein einfaches System. Ohne Motor. Auf unser Problem umgemünzt hieß das: Die Rauchgase werden durch eine Art Wärmeumwandler geschleust, dabei wird aus Wärmeenergie Strom produziert.“

Das kann funktionieren, dachte Marianna: „Bei der Photovoltaik ist das Licht der Treiber, und in diesem Fall ist es die Wärme.“ Zur Sicherheit meldete sie ihre Idee zum Patent an. Und stand vor dem Dilemma, was sie daraus machen sollte. „Selber eine Firma gründen? Anderen Firmen mein Patent anbieten?“, fragte Marianna sich, „irgendwie spürte ich, dass ich es selber machen wollte.“ Nur: Sie traute sich nicht. Bis sie von Vicenza, wo sie lebt, nach Bozen fuhr.

Als Beraterin hatte sie einen Termin im Gründerzentrum, damals TIS, heute NOI Techpark. Dort wurde sie in ihrem Plan bestärkt: „Du musst es selber machen.“ Auch Klaus Kress, mit dem sie seit Jahren für MAN zusammenarbeitete, sagte: „Tolle Idee.“

Nichts kaputtmachen: So wurde aus der Idee eines Sommers ein Energie-Start-up.

So riskierten sie es. Marianna Benetti und Klaus Kress. Sie in Vicenza, er in München. Mittendrin Bozen. Das schien ihnen der richtige Ort, um aus einer „sommerlichen Idee“, wie Marianna sagt, ein ernsthaftes Start-up zu machen. Mit allen öffentlichen Förderungen, die in Südtirol zur Verfügung stehen.

Die Kläranlage Lana war ihr erstes Projekt. Marco Palmitano, Direktor des Eco Center, das die Kläranlage betreibt, sagte nur: „Schaut halt, dass ihr nichts kaputt macht.“ Daran hielten sie sich. „2020 installieren wir hier den thermoelektrischen Generator der vierten Generation“, erklärt Marianna Benetti.

Noch immer ist Veil Energy technologisch vornedran, versichert die Maschinenbauingenieurin. Das zeige der Vergleich mit Mitbewerbern, die es inzwischen gibt, darunter auch große Unternehmen. Bei Veil Energy sieht man diese Entwicklung gelassen: „Es zeigt, dass hier ein Markt entsteht. Das ist gut für uns. Wir müssen nur zusehen, dass wir unseren Vorsprung nicht verlieren“, sagt Marianna.

Die Welt retten: Thermoelektrische Generatoren für die Abgasstränge von Motoren.

Veil Energy besinnt sich auf seine Stärke: anpassungsfähige Geräte, die in jede Art von Anlage integriert werden können. „Bis heute gibt es keine effizienteren Systeme als unsere, um Energie zu sparen und zu vermeiden, dass CO² und andere Treibhausgase das Klima weiter belasten“, sagt Marianna Benetti selbstbewusst. Die thermoelektrischen Generatoren von Veil Energy werden derzeit in Abgasstränge von Motoren eingebaut, die aus allen möglichen Energiequellen gespeist werden. Als Kunden vielversprechend sind zudem Stahl- und Aluminiumkonzerne, weil deren Industrieöfen viel Strahlungswärme produzieren. Bisher außer Acht gelassen hat Veil Energy die Automobilindustrie. „Das schien zu groß für uns. Aber darüber ändern wir gerade unsere Meinung“, gesteht Marianna Benetti.

Sie ist sehr klar, wenn sie spricht. Beschönigt nichts, macht sich jedoch auch nicht bescheidener, als sie ist: „Ich will die Welt retten. Natürlich schaffe ich das nicht. Trotzdem stehe ich dafür jeden Tag auf.“

Puppe oder Lego? Wie Marianna Benetti ihre Töchter für Technologie begeistert.

Wir wissen nicht, welche Rolle das im Leben einer Frau spielt, aber: Marianna Benetti hat nie mit Puppen gespielt. Ihre Eltern sind Bauern, sie hat eine Schwester, und schon immer haben Maschinen sie interessiert. „Meine Eltern haben das nicht gefördert, aber mich auch nicht daran gehindert“, erzählt sie. Mit sieben hat Marianna sich dann in das Cover eines Schulbuchs verschaut; auf einem Berg war dort eine Stromzentrale abgebildet, und Verbindungslinien führten zu den Häusern im Tal: „Das ist noch immer meine Vision: menschlicher Fortschritt im Einklang mit der Natur.“

Ihre Töchter kriegen das mit. Neun und sieben sind sie. Beide führen ein Buch, in das sie persönliche Ideen für Erfindungen eintragen. „Noch träumen sie also nicht vom Prinzen“, sagt Marianna. Man merkt, das findet sie gut. Natürlich. Sie ist nicht die einzige. Mehr Frauen in der Technologie, immer lauter werden die Rufe aus unterschiedlichen Fachrichtungen.

„Wenn ich überlegen muss, ob Puppe oder Lego, schenke ich ihnen das Lego“, sagt Marianna. Auch der Zug, den sie sich als Kind immer gewünscht und nie bekommen hat, wird ihren Töchter früher oder später blühen. „Ich will, dass sie offen sind für diese Themen“, sagt sie, „wir brauchen Frauen in den so genannten MINT-Bereichen, wir brauchen beide Sichtweisen, die männliche und die weibliche.“

Der männliche Blick: Warum jeder wusste, ob Marianna Benetti die Vorlesung besuchte.

Marianna wollte nie Abstriche machen. Wahrscheinlich, weil sie keine Angst vor Schwierigkeiten hat. Sie wollte Kinder haben, aber keine Vollzeitmutter werden. Sie studierte in Padua Maschinenbau und nahm in Kauf, die einzige Frau im Jahrgang zu sein. „Der Professor wusste immer, ob ich in der Vorlesung war oder nicht“, erinnert sie sich. Noch heute kämpft sie gegen Vorurteile, wenn sie auf einer Tagung, so geschehen 2019, als „Frau Benetti vorgestellt wird, die uns durch ihre Anwesenheit erfreut“, während männliche Speaker ehrerbietig als „Ingenieur“ oder gar „Professor“ betitelt werden.

Mit Veil Energy lässt Marianna Benetti diese kleinmütigen Dinge hinter sich. Oft wollte sie alles hinschmeißen, hat es am Ende aber nie getan: „Nach einer Enttäuschung bin ich einen Tag lang niedergeschlagen, danach rapple ich mich wieder auf. Ich lerne aus meinen Fehlern und marschiere weiter.“

Trenord und Cameeno: Wie Veil Energy sich auf dem Markt behaupten will.

2020, so sehen es die Geschäftsführer Kress und Benetti voraus, wird Veil Energy abheben. „Wir erleben eine Wachstumsphase“, sagt Marianna. Das Projekt MainTrain mit Trenord wird heuer fortgesetzt, alle 48 Dieselloks sollen nun mit dem Managementsystem E-Boost ausgestattet werden. Ein großer Auftrag winkt in Deutschland. Und das Projekt Cameeno, das verborgene Energie aus privaten Stubenöfen sammeln und in Strom umwandeln wird, soll endlich Geld bekommen. Es wird Zeit, einen Investor zu suchen. „Wir haben immer Wert auf unsere Unabhängigkeit gelegt“, sagt Marianna Benetti. Aber für den großen Sprung braucht es großes Kapital: „Wir wollen nicht mehr das exotische Unternehmen sein, wir wollen uns auf dem Markt behaupten, wir wollen bekannt werden als ernstzunehmender Partner.“  

Man darf gespannt sein. Marianna hat ja wieder Zeit zu denken. Ihr Sohn ist knapp vier Monate alt. Und langsam muss sie entscheiden, ob sie ihm eine Puppe schenken wird. Oder doch einen Zug.

KASTEN

2013 gründeten Marianna Benetti und Klaus Kress das Start-up Veil Energy im Gründerzentrum TIS, heute NOI Techpark, in Bozen. 2020 ist Veil Energy ein Unternehmen mit zehn Mitarbeitern. Es arbeitet im Bereich der sauberen Energieproduktion und der Energieeffizienz. Innovativ ist Veil Energy in zwei Geschäftsfeldern: mit der Produktion von thermoelektrischen Generatoren TEG, mit denen industriell ausgeschiedene Rauchgase und Strahlungswärme in elektrische Energie umgewandelt werden, sowie mit dem Softwareprogramm E-Boost, einem Steuerungs- und Überwachungssystem zur Steigerung der Energieeffizienz von Stromerzeugungsanlagen. 2019 gewann Veil Energy gemeinsam mit der lombardischen Eisenbahngesellschaft Trenord im Elis-Wettbewerb Open Italy den Innovationspreis für das Projekt MainTrain: 48 Dieselloks werden bis Ende 2020 mit dem auf künstlicher Intelligenz basierenden Wartungsprogramm E-Boost ausgestattet. 2020 will Veil Energy ein Geschäftsfeld im B2C-Bereich eröffnen: Das System Cameeno will Strom aus Gas und Abwärme von privaten Holzöfen gewinnen. Veil Energy hat seinen Sitz im NOI Techpark in Bozen. Ein zweiter Unternehmenssitz entstand in Padua.

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