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Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Von Industry 4.0 zu Society 5.0
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2019-12-10 2019-12-10 10 Dezember 2019 - Silvia Pagliuca
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Fraunhofer feiert zehnjähriges Jubiläum in Italien und stellt sich den Herausforderungen der nächsten Dekade.

Seit Langem ist von „Society 2.0“ die Rede, ein Begriff, mit dem man jenes Zeitalter bezeichnet, das sich durch eine starke Interaktion zwischen Mensch und Technik auszeichnet. Nun schlägt die Stunde von 5.0. Der Sprung von einer auf die andere Ära erfolgte nicht unmittelbar, aber doch so rasant, dass er als disruptiv, als durchschlagend bezeichnet werden kann. Aber was bringt die Society 5.0 mit sich? Fraunhofer Italia, das Partnerinstitut der Fraunhofer-Gesellschaft, der größten Organisation angewandter Forschung in Europa, untersucht die technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen. Dies wird im Rahmen der Veranstaltung „Fraunhofer Italia 10 Jahre Zukunft: Menschen und Technologien jenseits Industrie 4.0“ thematisiert. Die Feierlichkeiten zum Jubiläum finden am Donnerstag, 16. Jänner 2020 im NOI Techpark statt, Sitz und Partner der Forschungseinrichtung.

Fraunhofer Italia hat schon immer eng mit der Industrie zusammengearbeitet, um die Innovationskraft der Südtiroler, aber auch auswärtiger KMU zu fördern. Das Institut analysiert dafür die aufkommenden Herausforderungen, denen sich die Unternehmen mit Industrie 4.0 stellen müssen. Die Analysen werden von interdisziplinären Teams durchgeführt, die in den Bereichen „Automation and Mechatronics Engineering“, „Process Engineering in Construction“ und „Business Model Engineering“ tätig sind. Schon seit jeher ist Südtirol für seine Stärken in der Produktion bekannt. Diese Forschungsbereiche sind ein fester Bestandteil in verschiedenen strategisch wichtigen Wirtschaftsbereichen des Landes und damit auch in der gesamten Gesellschaft.

Dimension 5.0

„Unternehmen“, erklärt Riccardo Brozzi, Themenfeldleiter Digital Transformation bei Fraunhofer Italia, „distanzieren sich von ihrem anfänglichen Misstrauen gegenüber der Industrie 4.0 und haben begonnen – auch dank staatlicher Förderungsmittel – in neue Technologien zu investieren. Daher ist heutzutage oberste Priorität, ihnen das nötige Wissen zu übermitteln, um neue Geschäftsmodelle auf der Grundlage der Datenerhebung zu entwickeln, die durch Investitionen in Innovation ermöglicht wurde. Ebenso wichtig ist es, die Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen zu unterstützen, die den neuen Bedürfnissen der Kunden gerecht werden können. Die Kunden sind zunehmend auf digitale, personalisierte, flexible und umweltfreundliche Lösungen ausgerichtet.“

10 years of Fraunhofer Italia

Und hier kommt die sogenannte „Dimension 5.0“ ins Spiel, ein Begriff, der zuerst von der japanischen Regierung geprägt wurde. Bereits 2017 hatte die Keidanren (Japan Business Federation) das Konzept der Society 5.0 vorgestellt und es als „nationales Projekt für eine Zukunft, in der das Leben und das soziale Zusammenleben der Menschen durch den vollen Einsatz innovativer Technologien wie IoT, AI, Roboter und Big Data optimiert werden sollen“ bezeichnet. Dies bedeutet aber, dass nicht mehr die Innovation als solche, sondern die Vorteile, die dieses Zeitalter für den Menschen mit sich bringt, im Vordergrund stehen.

Der Mensch steht wieder im Mittelpunkt

Der Mensch steht also wieder im Mittelpunkt, wie schon damals in der Renaissance. „Mit dieser neuen Anschauung werden wir zahlreiche Dynamiken überdenken. Nicht nur in Bezug auf die Beziehung zwischen Produzent und Konsument, sondern auch hinsichtlich der Art und Weise, Lebensqualität zu bewerten, sich Wissen anzueignen und zum Wirtschaftswachstum beizutragen. Das alles wird in einer Gesellschaft vonstattengehen, in der die moralischen und wirtschaftlichen Werte der Digitalisierung stark verankert sind. Der Mensch wird zu einem aktiven Teil einer Art ‚Super-Smart Society‘, die über das Konzept der Smart-City hinausgeht. Der Einsatz neuer digitaler Technologien und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine werden zu weiteren, noch nicht definierten Denk-, Verhaltens- und Beziehungsmustern der Menschen in der Gemeinschaft und gegenüber Dingen führen“, bestätigt Brozzi. Infolgedessen wird sich eine neuen Form des Austauschs entwickeln: umfassender, auf die Lebensqualität der Menschen ausgerichtet und natürlich digitalisiert.

Und genau auf diese Komplexität bezieht sich die zweite Herausforderung, mit der sich Fraunhofer Italia zukünftig auseinandersetzen wird: Technologien für die Nachhaltigkeit. Mit anderen Worten: Inwiefern trägt – und in einigen Fällen bestimmt – die technologische Innovation zur Nachhaltigkeit von Unternehmen aus wirtschaftlicher, aber auch aus sozialer und ökologischer Sicht bei? Wie von Brozzi unterstrichen, haben Unternehmen Schwierigkeiten, den direkten Zusammenhang zwischen Produktion und Nachhaltigkeit zu verstehen. Dennoch muss diese Beziehung in Zukunft unter Berücksichtigung des wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Bereichs immer mehr in den Vordergrund rücken und weiter ausgebaut werden. Auch, um den Anforderungen der UNO und ihren Zielen für nachhaltige Entwicklung, den SDGs, gerecht zu werden. Beim B20 von 2018 (dem Business-Gipfel der G20-Länder) wurde ein Dokument unterzeichnet, das explizit die Rolle der Unternehmen bei der Erreichung einer "Gesellschaft 5.0 für SDGs" skizziert, einer Gesellschaft, die hochtechnologisch und zugleich umweltbewusst ist. Für die Umsetzung sind sieben Konzepte zentral: Nachhaltigkeit, Integration, langfristige Vision, Geschäftsorientierung, Transparenz, Kohärenz und Kooperation. Aspekte, denen sich Fraunhofer Italia selbst bereits widmet; mit dem Ziel, diese Konzepte auf weitere Unternehmen zu übertragen. „Unsere Aufgabe wird es auch in Zukunft sein, für Wirtschaft und Gesellschaft relevante, zukunftsorientierte Thematiken in konkrete Forschungsprojekte einzubringen. Somit tragen wir dazu bei, lokale Unternehmen und Institutionen auf Marktveränderungen vorzubereiten und den Nutzen neuer Technologien auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zu erweitern“, sagt Brozzi abschließend.

FACT SHEET

Fraunhofer Italia, Partnerforschungsinstitut von NOI Techpark, wird 10 Jahre alt. Zu diesem Anlass startet das Institut eine Reihe von Initiativen, darunter die Veranstaltung „Fraunhofer Italia 10 Jahre Zukunft: Menschen und Technologien jenseits Industrie 4.0“, die für Donnerstag, 16. Januar, um 16.30 Uhr im Seminarraum 2 geplant ist. An der Konferenz nehmen teil: Erwin Rauch, Juniorprofessor für Produktionssysteme und Fertigungstechnologien an der Freien Universität Bozen und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Fraunhofer Italia; Angelo Ciribini, Inhaber des Lehrstuhls für Bauproduktion an der Universität Brescia; Giuseppe Franco, EU Funding Coordinator im NOI Techpark; Michael Auer, Präsident des Verwaltungsrates der Erdbau GmbH und Luca Musner, Leiter des technischen Büros und der Abteilung Infrastruktur der Erdbau GmbH. Am Nachmittag werden die Forschungsaktivitäten und die laufenden Projekte des Instituts vorgestellt, wobei den Innovationsherausforderungen des nächsten Jahrzehnts, denen sich die Unternehmen stellen werden müssen, besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Mit den anwesenden Experten wird die Nachhaltigkeit von Produktionssystemen, die strategische Innovation von Geschäftsmodellen in KMU und die digitale Baustelle der Zukunft besprochen. Es werden auch Beispiele von Projekten aufgezeigt, die Fraunhofer Italia mit lokalen Unternehmen durchführt. Die Veranstaltung ist kostenlos. Einlass nur mit Anmeldung.

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